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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Engeln« – Noa im Interview
Noa im Interview
■ Die israelische Sängerin Achinoam Nini, besser bekannt als Noa, kennt das »Leben zwischen den Welten«. Aufgewachsen in New York, hat sie zwei Muttersprachen – Englisch und Hebräisch. Ihr Projekt »Letters to Bach«, mit dem sie am 19. November im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele zu Gast ist, zeigt, dass sie auch zwischen den musikalischen Welten pendeln kann. DRESDNER-Autorin Annett Groh sprach mit ihr im Vorfeld des Konzerts.

In Deiner Musik verflüssigen sich Grenzen, es scheint ein Spiel zwischen Pop, Jazz, Folk, Klassik zu sein. Wie viele Kompromisse gehst Du bei Deiner Arbeit ein – oder machst Du immer, was Du willst?

Noa: Ich habe während meiner gesamten Karriere versucht, mir selbst treu zu bleiben und nur das zu singen, was ich liebe. Schon sehr früh habe ich begonnen Lieder zu schreiben. Als Kind in New York wurde ich mit einem sehr breiten Spektrum von Musikrichtungen konfrontiert – und von ihnen inspiriert: von Folk und Jazz über Klassik und Rock bis hin zu Musiktheater und Avantgarde. Außerdem lernte ich alte jemenitische Volkslieder von meiner Großmutter, die bei uns lebte, und hebräische Lieder von meinen Eltern. Ich bin auch ein großer Fan der Literatur und Poesie. Diese Leidenschaft ist mir über die Jahre geblieben. Vieles von dem, was ich als Kind aufgesogen habe, zeigt sich in der Musik und den Texten, die ich schreibe, und in den Stilen und Klängen, in die ich sie einbinde. Ich singe nie etwas, zu dem ich nichts selbst beitragen kann. Musik ist für mich kein Vehikel, um mir selbst zu huldigen. Im Gegenteil: ich möchte die Musik verherrlichen. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Engeln, möchte verborgene Winkel der Seele erhellen, unbeantwortete Fragen ansprechen, Brücken bauen. Musik ist mein Leben, ich liebe sie aus tiefstem Herzen und würde nicht im Traum daran denken, diese Liebe für Geld oder Ruhm zu opfern. Und ich arbeite nur mit Menschen, die ich liebe, und bleibe ihnen treu. Ich bevorzuge Teamarbeit: meine Karriere ist für mich quasi eine Familienangelegenheit. Auf diesen Weg, den ich seit 31 Jahren gemeinsam mit meinem wunderbaren musikalischen Partner Gil Dor gehe, bin ich sehr stolz.

Hier in Deutschland gehört Bach zu den großen musikalischen Heiligtümern. Texte zu den Instrumentalstücken zu singen, kann zu Irritationen führen – und insbesondere Dresden hat ein etwas konservatives Publikum. Wie war das Echo auf dieses Projekt bisher? Gibt es Gegenden, wo es mehr geliebt wurde als anderswo?

Noa: Oh! Jetzt bin ich etwas nervös! Ich hoffe wirklich, dass das Publikum in Dresden den großen Respekt sieht und versteht, mit dem wir an dieses Projekt herangegangen sind – und auch unsere Mühe, um diese komplizierten und anspruchsvollen Stücke auf höchstem musikalischem Niveau aufzuführen. Die von mir hinzugefügten Texte geben den Stücken eine neue Perspektive und stellen eine Verbindung zu unserer heutigen Welt her. Sie setzen sich zum einen mit den wichtigsten Themen unserer Zeit auseinander: globale Erwärmung, militärische Konflikte, Technologie, soziale Medien usw.; zum anderen aber mit Gedanken und Vorstellungen, die die Zeit überdauern, wie Tod, Freude, Mut und Liebe. Wir haben überwältigende Komplimente für dieses Album bekommen, und zwar von allen Seiten, auch einige sehr herzliche Worte von klassischen Musikern wie Zubin Mehta, dem großartigen Pianisten David Fray und so wunderbaren Menschen wie Quincy Jones, David Grossman, Joaquin Sabina, Mira Awad und Dee Dee Bridgewater.

Deine frühen Lieder waren voller Fragen, Ängste, Traumata – eine dezidiert weibliche Perspektive, die das thematisierte, was jetzt unter intersektionalem Feminismus verhandelt wird: wie es ist, als dunkelhäutiges Mädchen in einer weißen Umgebung aufzuwachsen und wie sich Gewalt und Krieg in Denken, Handeln und Fühlen einprägen. Wenn Du zurückblickst: Was hat sich geändert – in den Verhältnissen oder einfach in der öffentlichen Wahrnehmung?

Noa: Ich sehe das alles nicht als Feminismus, sondern als Humanismus. Die menschliche Existenz, die conditio humana im Allgemeinen fasziniert mich zutiefst. Ich glaube, sie hat Künstler immer fasziniert – von denen sind die meisten selbst komplizierte menschliche Wesen. Mein Songwriting war meine eigene Art und Weise, mit Traumata, Verwirrung, Depressionen und Krisen umzugehen – aber auch eine Art der Heilung, der Freude und Inspiration, um Brücken zu bauen. Was hat sich verändert? Ich bin älter und vielleicht etwas weiser geworden. Wirklich, ich schaue mit großer Liebe und Verwunderung auf viele der Lieder, die ich geschrieben habe. Oft verbinden sich meine Lieder erst Jahre, nachdem sie geschrieben wurden, mit meinem Leben und der Welt um mich herum. Das deckt sich auch mit meinem Gefühl, dass Kunst sich selbst schreibt. Sie wird durch ein begnadetes Individuum in ihre Bahnen gelenkt, das mit der Fähigkeit geboren wurde, sie den Menschen zu zugänglich zu machen. Ich rechne meinem eigenen »Ich« niemals die Schönheit zu, die es hervorgebracht hat. Meistens bin ich dankbar, dass ich auserwählt worden bin, ein solches »Gefäß« zu sein.

»Afterallogy« ist ein Jazz-Album mit zeitlosen Titeln wie »My Funny Valentine« und Neuaufnahmen von eigenen Liedern, und ich habe gehört, Du arbeitest an einem zweiten Teil. Was kannst Du darüber verraten?

Noa: Ich arbeite an einem neuen Projekt, aber es wird keine direkte Fortsetzung von »Afterallogy« sein, obwohl ich das ursprünglich dachte. Du weißt ja, was man sagt: Die Frau macht Pläne, und Gott lacht. Im Moment bin ich also im »Forschungslabor«. Wir werden sehen, was dabei herauskommt!

Also wird es ein Album mit eigenen, neuen Liedern geben?

Noa: Ja, genau das wird es sein.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Noa, Letters to Bach, Frauenkirche, 19. November 2021, 20 Uhr. Mehr zur Künstlerin: www.noasmusic.com/

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