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Es ist möglich, Heimat zu gestalten – Im Gespräch mit dem Volkskundler Sönke Friedreich über den Heimatbegriff
Im Gespräch mit dem Volkskundler Sönke Friedreich über den Heimatbegriff
■ Wie wird »Heimat« diskutiert, und warum ist der Begriff so umstritten? DRESDNER-Autorin Annett Groh im Gespräch mit Dr. Sönke Friedreich vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V.

Ist der Begriff »Heimat« ideologiefrei nutzbar?

Sönke Friedreich: Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Im Zuge der Heimatschutzbewegung um die Wende zum 20. Jahrhundert ist der Begriff sehr stark popularisiert worden, was seine Verwendung durch uns mitbestimmt: »Heimat« hat nie etwas Faktisches beschrieben oder wurde in einem analytischen Sinne gebraucht. Der Begriff umfasste immer bestimmte ideologische Vorstellungen und Programme, so zum Beispiel, dass man mit dem Begriff gegen die moderne Gesellschaft und ihre Probleme argumentierte und damit versuchte, eine Lösung für Probleme und gesellschaftliche Verwerfungen zu finden. Immer verbunden waren damit bestimmte ideologische Sichtweisen auf den Menschen. Dieses Gepäck tragen wir bis heute mit uns herum, wenn wir den Begriff verwenden.

Was sind die Argumente der Gegner und der Befürworter des Begriffes »Heimat«?

Sönke Friedreich: Die Leute, die heute den Heimatbegriff wieder verwenden und die auch wollen, dass er zum politischen Konzept dazugehört, haben bestimmte Vorstellungen, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln soll. Sie glauben, dass wir so gewisse gesellschaftliche Probleme lösen könnten – zum Beispiel durch eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Gemeinschaft. Die Verbundenheit mit einer Region wird als Lösungsansatz verstanden, um offensichtliche politische Probleme zu lösen.
Die Gegner des Heimatbegriffes argumentieren, dass dies ein Konzept ist, das nur funktionieren kann, indem man bestimmte Menschen oder Gruppen ausschließt, weil man sie als nicht der Heimat zugehörig versteht – eine absichtliche Schaffung von Differenzen und Trennungen. Dem steht, zu Recht, das Argument entgegen, dass es kein Lösungsansatz sein kann, sich in seine heimatliche Burg zurückzuziehen, um irritierende und störende Einflüsse auszuschalten.

Da muss man wohl unterscheiden, wer den Begriff Heimat wie benutzt?

Sönke Friedreich: Auf jeden Fall. Individuell von seiner Heimat zu sprechen ist nicht problematisch. Es wird erst dann schwierig, wenn es ausschließende Kriterien gibt wie die Aussage: Ich gehöre hierher, das ist meine Heimat – und da hat der andere nichts verloren.
Heimat ist für mich, aber für viele andere Menschen sicher auch, ganz stark verbunden mit dem Zuhause, dem Ort, an dem sich das familiäre Leben abspielt. Das sind ganz elementare Dinge, die auch das bedienen, was mit Heimat verbunden wird: Sicherheit, Vertrautheit, auch eine gewisse Art von Wiedererkennung und: sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Wie ich in meinen eigenen vier Wänden oder in sozialen Beziehungen agiere, darauf habe ich Einfluss, da kann ich mitbestimmen. Diese Art von Mitbestimmung muss es bei Heimat auch geben. Das betrifft auch den Heimatort. Wenn man hier in Dresden lebt, kann und sollte man sich vielleicht auch überlegen, wie kann ich mein Umfeld in dieser Stadt so mitgestalten, dass es für mich eine Heimat ist, aber für andere eben auch.

Ist es möglich, Heimat zu gestalten?

Ja, das denke ich schon. Ob man es unter diesem Begriff machen muss, ist eine andere Frage. Aber es ist wichtig, aktiv am städtischen Leben teilzunehmen und sich einzubringen. Das kann im politischen Leben sein, bei Diskussionsforen, im kulturellen Bereich, bei öffentlichen Veranstaltungen, Straßenfesten – da gibt es viele Möglichkeiten. Ob die Leute das immer unter »Heimat gestalten« verstehen, ist dann vielleicht auch gar nicht so wichtig. Aber es trägt im Einzelfall dazu bei, dass man eine Verbundenheit mit der Stadt entwickelt und sich selbst als gestaltungsfähig wahrnimmt.
Vielen Dank für das Gespräch!

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