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Es braucht radikalere Ideen – Danger Dan (Foto Jaro Suffner) im Interview
Danger Dan (Foto Jaro Suffner) im Interview
■ Im Hauptberuf am Mikro bei der Antilopen Gang, kommt Danger Dan dieser Tage mit einem breit gefeierten Soloalbum um die Ecke. Mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl hat sich der Rapper in einem Kreuzberger Café getroffen, um über Hip-Hop-Klischees, Sexismus, die Bedeutung von Linksradikalität und eine inhaltliche Nähe zu Adorno zu sprechen.

Dein erstes Instrument war ein Akkordeon?

Danger Dan: Das habe ich damals auf dem Dachboden gefunden und es mir im Laufe eines Tages so gut beigebracht, dass ich abends meinen Eltern schon ein Konzert geben konnte.

Der Titel deines neuen Albums lautet: »Reflexionen aus dem beschönigten Leben«, angelehnt an Adornos Schrift »Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben«. Wie kommt’s?

Danger Dan: Man kann es als Hommage verstehen. Was er gut findet, benennt Adorno als Negation. Er gibt keine Handlungsanweisungen und er sagt auch nicht, was ihm gefällt. Stattdessen artikuliert Adorno, was er alles scheiße findet. Anschließend gibt es den Umkehrschluss, dass es auch etwas Besseres geben müsse. Das gefällt mir. Ich orientiere mich immer wieder daran, ziehe es aber nie so konsequent durch.

Glaubst du, Adorno hätte deine Musik gemocht?

Danger Dan: Ich weiß nicht. Sein Musikgeschmack war jedenfalls unter aller Kanone.

Inhaltlich basiert die neue Platte auf Erfahrungen, die du während einer Psychotherapie gemacht hast. Ausschlaggebend hierfür soll der Suizid deines Freundes und langjährigen Weggefährten NMZS gewesen sein?

Danger Dan: In Ratgebern von Angehörigen depressiver Menschen habe ich gelesen, dass wenn man nicht klar kommt, sich auch selbst Hilfe holen kann. Das habe ich gemacht. In der Therapie war das aber eher sekundär. Ich hatte so zwar einen Anlass hinzugehen, plötzlich ging es aber mehr darum, sein eigenes Leben aufzurollen: zu sehen, wo man gerade steht, was man gerade macht, warum man etwas tut, ob man das überhaupt will und inwieweit man etwas daran verändern kann und verändern will. In diesem Zusammenhang habe ich mich mit meiner Biografie auseinandergesetzt und schließlich einzelne Aspekte daraus in diesem Album beleuchtet.

Welcher war der erste Text für das Album, indem du das alles verarbeitest?

Danger Dan: Es fing an mit dem Stück »Private Altersvorsorge 2« – eine Fortsetzung oder eine Antwort auf ein Lied, dass ich vor exakt zehn Jahren an mich selber in zehn Jahren geschrieben habe. Damals habe ich mir Tipps gegeben und erklärt, warum ich mache, was ich mache und dass es sein kann, dass alles schief läuft. Als Absicherung habe ich mir dieses Lied geschrieben, damit ich mich zehn Jahre später noch daran erinnern kann, warum ich das mache. Am Anfang der Therapie kam ich mit der Aufgabe nach Hause, Eckpunkte meines Lebens aufzuschreiben, um der Therapeutin erklären zu können, wer ich eigentlich bin und was ich mache. In einer Erinnerungskiste mit alten Sachen habe ich dann die EP mit dem Lied gefunden. Ich hatte das schon vergessen, war beim Hören total gerührt und habe dann die Fortsetzung geschrieben. Damit fing der kreative Prozess und eigentlich auch meine therapeutische Auseinandersetzung mit mir selber an.

Der Track »Sand in die Augen« bearbeitet als Thema Vater einer kleinen Tochter zu sein. Ein Anlass in punkto Sexismus in der Reflexion noch ein Stück tiefer zu gehen?

Danger Dan: Feministische Väter sehe ich erstmal sehr kritisch. Da handelt es sich manchmal einfach um einen väterlichen Schutzreflex. Das hat viel mehr sexistische Obertöne, als man sich eingestehen will. Wenn ich mit Betroffenen einer Diskriminierung nur Identifikation herstellen kann, weil ich zum Beispiel deren Vater bin, dann ist das irgendwie bescheuert. Das sage ich immer gerne dazu, bevor ich feststelle, was nicht von der Hand zu weisen ist. Es ist für mich jetzt das erste Mal, dass ich die Biografie eines so jungen Mädchens begleiten kann und sehe, wie früh dieser ganze Sexismus-Scheiß losgeht und vor was für Aufgaben ich dadurch gestellt bin.

Statt einer Armlänge Abstand, empfiehlst du hier die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga?

Danger Dan: Das Lied ist nur eine Aufzählung von Dingen, die scheiße laufen. Es zählt Problematiken auf und hat keine Antworten parat. Die Krav Maga-Kante ist da ein Konzept. Eine aus der Not heraus entstandene und emotional aufgeladene Idee, dass man Grabscher einfach mal k.o. schlagen sollte. Würde die Polizei das auf Gerichtsbeschluss machen, wäre ich vollkommen dagegen. Ich bin froh, dass es so etwas wie Prügelstrafe hier nicht gibt. In einer Notwehrsituation halte ich es hingegen für die allerbeste Möglichkeit – ein zu Ende gedachter Plan ist es aber nicht.

Es scheint so, als ob von der Antilopen Gang und dir als Danger Dan oftmals verlangt wird, Dinge zu Ende zu denken, ganz einfach, weil ihr als die bessere Seite des deutschen Hip-Hop wahrgenommen werdet ...?

Danger Dan: Man unterstellt uns eine Expertise, die wir nicht haben. Das ist schade. Ich halte den ständigen Wunsch nach konstruktiver Kritik ohnehin für total bürgerlich, da er impliziert, dass ich nichts verändern kann. Ich finde es aber vollkommen in Ordnung einfach zu sagen, wenn etwas scheiße ist, ohne gleich eine Alternative anzubieten. Das reicht vollkommen aus. Man muss kein Schuster sein, um zu erkennen, dass der Schuh nicht passt. Mir persönlich reicht es, alles Mögliche scheiße zu finden, ohne zu wissen, wie es besser geht. Da gibt es wohl doch ein paar Parallelen zu Adorno.

Du hast einmal gesagt, Rap sei ein Spiegel der Gesellschaft. Was siehst du in ihm?

Danger Dan: Das Feuilleton und ein paar Hip-Hop-Romantiker denken, Rap sei progressiv. Es gibt sogar eine Partei, die angibt, sie würde ihr Parteiprogramm nach Hip-Hop-Werten schreiben. Wahrscheinlich meinen die aber nicht das, was Hip-Hop tatsächlich an Werten vermittelt, sondern vielmehr das, was sie sich wünschen, was Hip-Hop einmal gewesen sein soll. Das finde ich schon interessanter. Aber eine Partei, die sich nach HipHop-Werten orientiert gibt es bereits und die heißt AfD – komplett rassistisch und misogyn durchzogen. Da geht es nur noch um Neoliberalismus und Selbstoptimierung.

Du gehst soweit zu sagen, Hip-Hop war niemals subversiv?

Danger Dan: Es gibt die Idee, dass er aus einer bestimmten politischen Klasse kommt, die sich selbst ermächtigen will und darin eine Ausdrucksform findet. Das ist grundsätzlich nicht unpolitisch. Es ist aber nicht subversiv, wenn man sagt, wir wollen auch ein dickes Auto, wir wollen auch eine Goldkette, wir wollen auch Unterdrücker sein. Subversiv wäre es in dem Moment zu sagen, wir wollen eine klassenlose Gesellschaft und keinen sozialen Aufstieg innerhalb des Systems.

Begreifst du dich als Teil der Hip-Hop-Szene?

Danger Dan: Auf jeden Fall, gleichzeitig gibt es aber auch keine richtige Hip-Hop-Szene mehr. Wenn ich mir die Bandshirts in unserem Publikum ansehe, dann finde ich viel Feine Sahne Fischfilet und kein einziges Shirt von Kollegah oder Farid Bang. Szenen formieren sich nicht nur durch eine bestimmte Musikrichtung. Eine bestimmte Haltung gehört dazu. Es gibt ein paar Bands, die man miteinander assoziiert: Sookee, Zugezogen Maskulin und eben genrefremde Bands wie Feine Sahne Fischfilet. Da bestehen Freundschaften und Kontakte. Eine Szene, in der ich mich eher verorten würde, als nur im Hip-Hop.

Du bezeichnest dich schon mal als linksradikal. Was bedeutet das konkret?

Danger Dan: Man sollte linke Thematiken in ihren Wurzeln erkennen und angehen und nicht da, wo man am Ende nur die Symptome bekämpft. Unsere Welt braucht eine radikale Umwälzung. Ich glaube nicht, dass so etwas wie Kapitalismus reformierbar ist. Es braucht radikalere, größere Ideen, um tatsächlich zu bekämpfen, was alle Linken bekämpfen wollen: Armut, Krieg und so weiter.

Das Wort »Gutmensch« – Schimpfwort oder Auszeichnung?

Danger Dan: Es kommt immer darauf an, wer das sagt.
Danke für das Gespräch!

Danger Dan ist am 22. September live in der Groove Station zu erleben. Mehr zum Künstler: www.facebook.com/dangerdan666/

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