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DRESDNER Interviews / O-ton!
Ein gewiefter Lügner – Danger Dan im Interview (Foto: Jaro Suffner)
Danger Dan im Interview (Foto: Jaro Suffner)
■ Sonst Rapper bei der Antilopen Gang, ist Danger Dan gerade als Mann am Klavier omnipräsent. Ein Gespräch, das DRESDNER-Autor Matthias Hunfagl zum Erscheinen des Soloalbums »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« geführt hat.

Wann war dir klar: »Ich mache jetzt noch ein Soloalbum«?

Danger Dan: Es gab keinen richtigen Zeitpunkt. Im Laufe des letzten Jahres habe ich viele Klavierstücke geschrieben, hatte also irgendwann einen Grundstock an Liedern. Ich bin nicht der begabteste Pianist und musste mir das erst erspielen – sehen, ob ich es überhaupt schaffe, elf verschiedene Stücke zu schreiben. Das war gar nicht so einfach. Wo ich seit Jahren eigentlich immer nur »Let It Be« spiele.

War das Stück »Nudeln und Klopapier« vom März 2020 eine Art Testlauf?

Danger Dan: Jedenfalls hat mich die positive Resonanz stark motiviert. Als Testlauf geplant hatte ich es aber nicht, das hat sich erst im Nachhinein herausgestellt.

Im Text zur ersten Single »Lauf davon« gibt es eine Stelle, in der du in Bordeaux von Flics, französischen Polizisten, verhauen wirst. Was war los?

Danger Dan: Ich bin in eine Polizeikontrolle geraten. Plötzlich kamen 15 Leute in Zivil aus dem Hauseingang. Ich dachte, ich werde von einer Gang überfallen. Mein Französisch war nicht gut genug, um zu verstehen was gerade passiert, aber meine Freunde stellten sich sofort freiwillig an die Wand. Uns wurden Portemonnaies und Ausweise abgenommen. Als wir die Sachen zurückbekamen, war das Bargeld weg. Richtig abgefahren.

Wurde schon Sekt getrunken – sprich, gab es eine Anzeige nach der Veröffentlichung des Stücks »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt«?

Danger Dan: Ich habe die Flasche Sekt jetzt geköpft, weil ich Durst hatte. Angezeigt worden aber bin ich nicht. Allerdings gab es im Bundestag von irgendeinem Otto, der wohl mal bei der AfD war und jetzt fraktionslos ist, eine kleine Anfrage, warum dieses Lied mit öffentlichen Geldern von der Initiative Musik gefördert wurde. Das sind rechte Strategien, und nicht verwunderlich, dass das passiert.

Im Song thematisiert du auch den Feuertod Oury Jallohs 2005 in einer Dessauer Polizeizelle. Hilft ein Charthit, um Fälle wie diesen wieder in die Öffentlichkeit zu tragen?

Danger Dan: Es wäre schlimm, wenn man das Schreckliche konsumierbar machen muss, damit überhaupt irgendwas passiert. Ich finde aber, dass dieser Name nicht oft genug gesagt werden kann und nie in Vergessenheit geraten darf. Da bedarf es noch viel mehr Aufmerksamkeit.

Wirst du viel auf die im Lied besungene Militanz angesprochen?

Danger Dan: Ja, das ist schon obskur, wenn man drei Zeilen vorher darüber spricht, was in der Dessauer Polizeizelle passiert sein muss. Die offizielle Version ist da wahrscheinlich nicht besonders nah an der Wahrheit. Davon abgesehen ist die Polizei ja de facto dazu da, die Staatsgewalt durchzusetzen – das fällt den Leuten, die mit mir jetzt immer über Gewalt sprechen wollen, aber irgendwie nicht auf. Das Wort Militanz steht generell nicht einfach so in meinem Text, sondern als letztes Mittel gegen die Gewalt einer rechten Ideologie, die immer in einem Vernichtungswunsch endet. Mit Lichterketten hält man das nicht auf. Das erkläre ich auch gerne noch die nächsten 50 Jahre.

In »Das schreckliche Buch« besingst du die Realität von Querdenkern & Co. Was ist deine Hauptsorge?

Danger Dan: Welche Kapitel da noch geschrieben werden. Vor fünf Jahren war es nicht vorstellbar, dass Nazis und Esoteriker mit Klangschalen zusammen mit anderen Quer- und Wirrköpfen in dem Glauben vor dem Bundestag stehen, man müsste die Reichstagstreppe stürmen, weil Donald Trump angereist ist und man endlich einen Friedensvertrag unterschreiben kann. Vollkommen bescheuert, aber beunruhigende Realität. Auf der anderen Seite war es auch für meinen Opa nie vorstellbar, dass sein Enkel irgendwann in Frankreich Reggae-Musik spielt und Jungs am Strand küsst. Auch in diese Richtung kann sich die Welt entwickeln, wenn wir nur hart genug draufhauen.

Wader, Wecker, Kreisler, Degenhardt – eine Riege, in die du dich jetzt einreihst?

Danger Dan: Diese alten Liedermacher haben sich in den 60er oder 70er Jahren an amerikanischen Vorbildern wie Bob Dylan orientiert. Das konnte man aber nicht ins Deutsche übertragen. Würde ich mich jetzt an denen orientieren, gäbe es ein ähnliches Phänomen. Ich kann nicht Konstantin Wecker oder Franz Josef Degenhardt sein. Es freut mich aber, mit ihnen assoziiert zu werden. Ich würde noch Herbert Grönemeyer als Wahnsinnskomponisten und Bernie Conrad von Bernies Autobahn Band in den Raum schmeißen. Letzteren kennt keine Sau, ist aber der geilste von allen.

Sind die Texte auf dem Album überwiegend biografisch?

Danger Dan: Nein, ich bin einfach ein gewiefter Lügner. Mein Bruder hat mal gesagt, Danger Dan ist wie das People Magazin: Vielleicht gibt es einen wahren Kern, die Geschichte an sich aber ist rein erfunden. Trotzdem verankern sich in den Liedern natürlich biografische Momente, von denen aus ich eine größere Geschichte erzähle oder gesellschaftspolitische Themen aufmache.

Warum sitzt da ein Mops auf dem Klavier?

Danger Dan: Der war einfach vor Ort. Jaro Suffner, der Fotograf hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Mein Klavier habe ich mitgebracht. Der Mops lief die ganze Zeit durchs Bild. Damit das nicht wahllos rüberkommt, haben wir ihn irgendwann aufs Klavier gesetzt. Aber keine Panik: Der Hund hatte Spaß und bekam immer wieder kleine Leckerli.
Vielen Dank für das Gespräch!

Danger Dan ist mit der Antilopen Gang am 25. Juni zum Picknick-Konzert in der Rinne im Ostragehege live zu erleben; die Tour zu seinem Soloalbum musste auf 2022 verschoben werden. Mehr zum Künstler unter www.facebook.com/dangerdan666 bzw. www.antilopengang.de

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