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DRESDNER Interviews / O-ton!
Ein Heimatfilm mit bärtigen und dicken Kerlen – Im Gespräch mit Johannes Kürschner über seinen Ergebirgsreport »Winter und harter Winter«
Im Gespräch mit Johannes Kürschner über seinen Ergebirgsreport »Winter und harter Winter«
■ Aus einer Laune heraus hat der Dresdner Künstler Paul Stephani (im Bild rechts) Aufnahmen vom Schlachtfest in einem Gasthof bei Olbernhau an seinen Filmgefährten Johannes Kürschner (im Bild links) gesendet. Der für die sächsischen Comedy-Kurzfilme mit »Günther & Hindrich« bekannte Indie-Filmer war begeistert und so hielten sie in drei Wintern und mit letztlich 50 Stunden Rohmaterial die Lebensart im Erzgebirge fest. DRESDNER-Autor Martin Krönert hat sich mit Johannes Kürschner über die im Endergebnis ungewöhnliche Heimatfilm-Produktion unterhalten.

»Winter und harter Winter« wirkt, auch durch die für euch typisch-humorige Übersetzungshilfe, wie eine Mockumentary im »Günther und Hindrich«-Universum. War das unvermeidbar oder eure volle Absicht?

Johannes Kürschner: Das hat sich einfach so ergeben. Ich wollte eigentlich eine Dokumentation drehen, um aus diesem Kreis mal raus zu kommen. Paul ist ja auch nicht Hindrich, sondern ein anderer Gefährte, mit dem ich aus Spaß schon Filme gedreht habe. Irgendwann habe ich aber gemerkt: »Mensch, wir brauchen Untertitel, sonst versteht das kein Mensch«. Und das ist dann eben wieder das Element, was zu »Günther und Hindrich« zurück führt.

Wie hast du als (Orts-)Fremder das alles wahrgenommen?

Johannes Kürschner: Für mich war es eine Zeitreise. Diese Leute und ihre Geschichten existieren in der Stadt kaum noch. Dieses Können, sich hinzusetzen und abendfüllend zu erzählen. Das war für mich das große Erlebnis. Auch, wie schnell man von den Leuten aufgenommen wird. Ich will nicht sagen, dass es für mich heimatlich war, aber dieser Lebensabschnitt hat doch einiges bei mir hinterlassen.

Wann und warum ist aus der anfänglich geplanten Doku ein Heimatfilm geworden?

Johannes Kürschner: Eigentlich war es schon am ersten Drehtag klar, als wir gemerkt haben, dass unser erster Ansatz, Fragen über Heimat und Tradition zu stellen, nicht aufging. Das hat der MDR schon tausendmal gemacht und dabei vielleicht auch noch sinnlos einen Nussknacker ins Bild gerückt. Stattdessen haben wir die Leute reden und machen lassen. Im Schnitt ist uns dann klar geworden, dass es mit einer Dokumentation nichts mehr zu tun hat. Eher mit einer schmucken Heimatreportage. Aber es war auch einfach ein bisschen Blindflug dabei.

Wie authentisch muss ein Heimatfilm für dich sein?

Johannes Kürschner: Da wir ohne Plan rangegangen sind, mussten wir auch nicht nachhelfen. Aber ich fände das auch peinlich, wenn es anders gekommen wäre. Klar hatten wir einen Themenzettel mit, aber wir mussten in der Situation auch nicht mehr mit Fragen aushelfen. Irgendwie war immer ganz zufällig Besuch da, sodass sich die geselligen Olbernhauer selbst unterhalten haben über thematische Großschwerpunkte, wie die nach Katzenkot riechenden Abgaswolken aus Tschechien, die regelmäßig die Luft versauen. Dass wir authentisch gearbeitet haben, zeigt sich auch an dem Umstand, dass fast nur Männer handelnd oder erzählend beim Holzhacken, Skatspielen oder Schlachten vorkommen. Die Frauen haben kollektiv abgewunken und wollten sich nicht so extrovertiert vor die Kamera begeben. Das konnte ich nicht ändern und deshalb ist es vorwiegend ein Heimatfilm mit bärtigen und dicken Kerlen geworden.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Winter und harter Winter«, D 2018, Regie: Johannes Kürschner, Paul Stephani. Der Film geht erst einmal in die Festival-Saison. Die DVD mit Bonus-Material ist unter www.shopsimply.de käuflich zu erwerben.

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