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Die Nacht als Hauptbühne – Sophie Hunger im Interview (Foto: Marikel Lahana)
Sophie Hunger im Interview (Foto: Marikel Lahana)
■ Berlin ist freier als London und Hippie-Musik aus den Bergen der Klang ihrer Kindheit. Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger präsentiert sich im Gespräch mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl in einem Kreuzberger Hinterhofbüro sympathisch gelöst. Spannend auch, warum ihr Sound neuerdings elektronisch klingt.

Welche Musik hat dich als Kind umgeben?

Sophie Hunger: Volkslieder auf Schweizerdeutsch von Walter Lietha – ein Hippie aus den Bergen, der auch den Akzent meiner Mutter hatte. Das haben wir die ganze Zeit gehört.

Was ist das für ein Akzent?

Sophie Hunger: Alemannisch, aber mit einem sehr starken romanischen Einschlag. Alle Vokale klingen ein wenig italienisch. Es gibt einen Teil in der Schweiz – Graubünden. Der besteht fast nur aus Gebirge und die Familie Hunger kommt da her. Die Römer siedelten hier von Süden und die Germanen von Norden. Zuerst waren die Römer viele Jahrhunderte lang abgeschieden. Daraus entstand diese komische Sprache Rätoromanisch – die vierte Landessprache. Gleichzeitig kamen auf der Hochebene germanische Stämme. Die Walser haben den Kanton von oben besiedelt und die lateinische Sprache etwas zurückgedrängt. Heute ist hier jedes Tal anders. Eins spricht Italienisch, eins Romanisch, eins Schweizerdeutsch – immer mit einer gewissen Einfärbung.

Deine neue Platte »Molecules« klingt elektronisch anders. Was ist seit der Veröffentlichung des Vorgängers »Supermoon« 2015 alles passiert?

Sophie Hunger: Um besser zu werden, habe ich in Amerika eine Schule für Aufnahmetechnik besucht. Für mich war klar, dass ich für die nächste Albumproduktion benutze, was ich da gelernt habe. Ich wollte am Computer programmieren. Gleichzeitig war ich viel in Berlin, habe mich, inspiriert durch die Stadt mehr für synthetische Klänge interessiert und angefangen Synthesizer zu kaufen, was immer der Anfang vom Ende ist.

Inwiefern?

Sophie Hunger: Wenn ich zu Hause Partys mache, lasse ich immer einen Synthesizer an. Schon nach ein paar Minuten setzt sich jemand davor. Es entsteht eine Isolation um die Person, die da sitzt und du kannst sie für den Rest des Abends vergessen. Das passiert jedes Mal.

Ein Konzeptalbum?

Sophie Hunger: Zumindest was das Formale angeht.

Wie schwer war es, die klassische Instrumentierung beiseite zu lassen, um sich auf die Arbeit mit analogen Synthesizern zu konzentrieren? Musstest du dich zwingen?

Sophie Hunger: Nein, überhaupt nicht. Es gibt so gut wie nichts Schöneres, als einen analogen Synthieklang. Fast wie eine Ur-Schwingung. Es ist ein ganz anderes Instrument und man muss lernen es zu beherrschen. Da bin ich noch ein blutiger Anfänger.

Klingt nicht danach ... ?

Sophie Hunger: Man kann zehn Jahre im Modular-Synthesizer-Reich verbringen und ist immer noch am Anfang. Hier bin ich wirklich noch ein Debütant.

»Zerschmettert in Moleküle, um sich wieder zu sammeln«: War das nach einer privaten Trennung der gefühlte Ausgangspunkt für die Arbeit an der Platte?

Sophie Hunger: Das war ein Bild, das ich hatte. Die Grundelemente. Und jetzt muss man daraus wieder etwas formen.

Die Texte der Platte sind fast ausschließlich in Englisch gehalten. Wie kam es dazu?

Sophie Hunger: Ich habe in London den Plattenvertrag unterschrieben und wollte mit Dan Carey an den Songs arbeiten. Das Lustige an den Engländern ist, dass die alle nur Englisch können und als Europäer da kulturell sehr limitiert sind. Schon interessant, dass eine Gesellschaft als ehemalige Imperialmacht an sich so monokulturell ist. Da macht es keinen Sinn, wenn ich mit deutschen, schweizer und französischen Liedern ankomme.

Hattest du Angst, das Album könnte Ablehnung erfahren?

Sophie Hunger: Ich weiß noch, dass ich versucht habe, mich innerlich darauf vorzubereiten, dass es die Leute nicht so interessiert und meine typischen Fans damit nichts anfangen können.

Es kam gegenteilig?

Sophie Hunger: Das ist mehr eine Verschiebung. Es gibt viele neue Fans, aber schon auch viele, denen das jetzt nichts gesagt hat und die nicht mitkommen. Aber das ist schon OK.

Im Stück »Electropolis« kommt eine deutschsprachige Zeile vor: »In deinen Sünden Trost zu finden / Berlin, du deutsches Zauberwort«. Ist Berlin per se sündig?

Sophie Hunger: Auf eine gute Art, weil es keine Strafe für die Sünde gibt. Alles ist so frei. In Paris und London gibt es die Sünde auch, aber man wird sofort dafür bestraft.

Ziehst du deine Inspiration generell aus der Nachtwelt?

Sophie Hunger: Es ist jetzt nicht so, dass ich rausgehe und mich inspirieren lasse. Wenn man so in Berlin lebt, wie ich lebe, dann findet sehr viel in der Nacht statt. Wäre die Stadt ein Festival, dann ist die Nacht eine der Hauptbühnen. Man erlebt vieles, aber auch vieles, was nichts bringt.

Arbeitest du dich an den Eindrücken Berlins ab?

Sophie Hunger: An Berlin gefällt mir das Widerständige. Von allen europäischen Metropolen ist Berlin ganz klar die einzige, die sich dem überkapitalistischen System noch nicht vollkommen unterworfen hat. Man sieht es auf den Straßen und überall. Es ist noch nicht wie in Paris und London, wo die Leute am Druck in der Gesellschaft ersticken. Auch mit Angeberei kommt man in Berlin nirgendwo hin. Das gefällt mir. Eine geistige Eigenständigkeit gegenüber diesem allen durchtränkenden Leistungsmotiv, das ich sonst in Europa erlebe.

Lebst du ein Nomadenleben?

Sophie Hunger: Ja, schon.

Würdest du dein Leben als ungeordnet bezeichnen?

Sophie Hunger: Ja, sehr ungeordnet.

Als Kontrast zu dem, was du auf Platte präsentierst?

Sophie Hunger: Ja.

Speist sich das Verlangen in der Kunst etwas strukturiert Ordnendes zu schaffen aus dieser gewissen Unordnung im Leben?

Sophie Hunger: Wow. Vielleicht stimmt das ja. Wenn überall Unordnung herrscht, dann ist das Wahnsinn und Raserei. Mein Beruf hält mich schon zusammen.

Die erste Singleauskopplung »She Makes President« wird durch die Entwicklungen in Amerika oft in Kontrast zu Trump gesehen. Das Stück hast du bereits vor der Wahl geschrieben … ?

Sophie Hunger: Das würde ich jetzt als journalistischen Zeitgeist anschauen. Auf dieser Welle zu reiten und alles als Kommentar auf Trump zu sehen.

Wie politisch ist deine neue Platte?

Sophie Hunger: Schon sehr. Alle Lieder lassen sich in zwei Lager einteilen oder sind Hybrid. Entweder romantisch-emotional oder politisch. Dann gibt es noch die, die irgendwie dazwischen liegen.

Du hast dir für deine Band eine Frauenquote verordnet?

Sophie Hunger: Für die ganze Crew.

Ein hoch feministischer Ansatz. Ist dir das auch als Statement nach außen wichtig?

Sophie Hunger: »Hoch feministisch« gibt es nicht. Es gibt nur feministisch oder nicht feministisch – und feministisch heißt nichts anderes, als die Gleichstellung von beiden Geschlechtern. Man kann entweder dafür oder dagegen sein. Es gibt keine Grauzone und ist ganz simpel: man muss bei sich selber anfangen. Ich habe kein riesiges Imperium mit großen Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene. In meiner kleinen Ecke aber, mit einer Crew von immerhin zehn Leuten, kann man schon mal anfangen. Das sind jetzt keine hohlen Worte: der Schlüssel zum Erfolg ist, einfach eine heterogene Gruppe zu sein.

Es läuft gerade gut bei Dir – gibt es trotzdem etwas, dass dich konstant beunruhigt?

Sophie Hunger: Mich beschäftigt ein Dilemma. Solokünstler sein bedeutet solo, bedeutet alleine arbeiten, bedeutet viel Zeit mit sich zu sein und immer alles aus dem eigenen Inneren herauszuziehen. Gleichzeitig weiß ich, dass Identität nur entsteht, wenn man Teil einer Gruppe ist. Deswegen sind Selbstfindungs-Versprechen wie bei Yoga Quatsch. Identität entsteht, wenn man im Zusammenhang mit Dingen und Menschen lebt. Um immer wieder Ideen zu haben und die Kreativität aufrecht halten zu können, muss ich eigentlich in so einem Zusammenhang sein. Gleichzeitig bin ich aber Solokünstlerin. Wie ich das zusammenbringen kann, ist mir manchmal ein Rätsel. Es hilft auch nicht, im Leben keinen festen Mittelpunkt zu haben, weil man dann innerlich verarmt. Und genau das darf ich auf keinen Fall.
Vielen Dank für das Gespräch!

Sophie Hunger ist am 9. & 10. Februar im Beatpol zu erleben; mehr zur Künstlerin: www.sophiehunger.com

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