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DRESDNER Interviews / O-ton!
Die Frau quält nur ein Tier am meisten: sich selbst – Im Gespräch mit Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)
Im Gespräch mit Nora Gomringer (Foto: Judith Kinitz)
■ Die bekannte schweizerisch-deutsche Lyrikerin und Performerin Nora Gomringer wurde 2015 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet und ist sowohl auf Lesebühnen als auch im Literaturbetrieb zuhause. Anlässlich ihres Auftritts beim Literaturfestival »Literatur Jetzt!« hat sich DRESDNER-Autorin Marlen Hobrack mit ihr über Insprirationen, reisende Schreibende und den Vater der konkreten Poesie unterhalten.

Im Rahmen des Literatur Jetzt! Festivals geht es um den »Sieg über die Sonne«. Sie aber werden über Figuren der Unterwelt lesen. Entstand die Lesung fürs Festival?

Nora Gomringer: Ich wusste nichts vom Titel! Passt aber ganz gut. Daniela Hoferers »Puppen« gründen tief, sind aber aus Materialien der Natur und daher Sichtbarkeit. Auf all diese Findlinge schien schon viel Sonne. Ob sie sie allerdings besiegen, das können nie die berichten, die nicht Ikarus' Schicksal teilen.

Wie wurden die Arbeiten von Daniela Hoferer zur Inspiration für Ihre Texte?

Nora Gomringer: Daniela Hoferer schafft Puppen aus Materialien, die übrig bleiben, wenn sie an anderem im Atelier arbeitet oder aus Findlingsmaterial aus dem Wald oder etwa vom Strand. Ich bin mal einen Tag lang mit ihr an einem japanischen Strand entlanggewandert. Wir beide fanden einiges Wunderliches. Nur sie hat daraus etwas anderes gemacht. Ich habe den »Penoktopus«, den sie mir zum Abschied schenkte, noch heute.

Sie sind permanent unterwegs, zudem leiten Sie das Künstlerhaus Villa Concordia – wann kommen Sie eigentlich zum Schreiben? Ist Lyrik die perfekte Ausdrucksform für eine dauerreisende Schreibende?

Nora Gomringer: Permanent, hm. Ja. Ich reise jede Woche an mindestens zwei andere Orte, um einen Vortrag zu halten, aufzutreten. Und das als Autorin oder Direktorin, um das Werk eines anderen Künstlers vorzustellen oder zu diskutieren. Ich mag Auftragsarbeiten, also sage ich die zu oder ab je nachdem, welche Zugstrecken ich vor mir habe. Ich arbeite fast ausschließlich im Zug. Aber das ist auch phasisch. Ich empfinde es als köstlichen Luxus, dass meine lyrische Arbeit keinen festen Ort braucht, sprunghaft und auch mal schnell sein darf. Ich ziehe den Hut vor jedem, der langen Roman-Atem und eine Geschichte zu erzählen hat.

Über Monate war das Gedicht »Avenidas« Ihres Vaters Eugen Gomringer in den Schlagzeilen. Sie haben sich häufig dazu geäußert. Ist es ein gutes oder schlechtes Zeichen, dass Kunst in dieser Form irritiert?

Nora Gomringer: Es ist einfach ein Zeichen der Zeit. Ich habe eine Gastprofessur in den USA im nächsten Jahr. Das College hat schon einen Sprach-Katalog an mich geschickt. Ich fürchte, ich werde dort anecken; ich runde Sprachkugel, in der es sich dreht und die Political-Correctness-Bewegung in der Literatur als bedenklich empfindet.

Stehen Sie in künstlerischer Konkurrenz zum Vater? Schließlich ist er nicht nur Ihr Vater, sondern auch der Vater der konkreten Poesie ... ?

Nora Gomringer: Wie kann man in Konkurrenz treten wollen mit einem, der eine Erfindung getätigt hat, zu der man nie fähig wäre? Nein. Wir haben kein nahes Verhältnis, aber ich hab quasi als Schwester die konkrete Poesie abbekommen und sieben Brüder. Das sind große Geschenke. Ich bin ihm dankbar und bewundere meine Mutter, die alles zusammenhält.

Sie sind eine der bekanntesten deutschsprachigen Lyrikerinnen und sehr präsent in TV. Gibt es Neider?

Nora Gomringer: Ich werte dies als rein rhetorische Frage. Im Ernst: wie viel ausgesprochener Hass, wie viel Wut und Missgunst, zahllose gute Ratschläge und Gesten des »Kleinhaltens« auf eine Frau in der Öffentlichkeit kommen – und das schon in meinem Fall, denn ich bin ja Lyrikerin, nicht Politikerin oder TV-Anchor – macht staunen. Wie oft ich mir im Monat sagen muss: Die meinen das nicht persönlich, die hassen einfach Frauen; das bringt mich seit Jahren zu der Überzeugung, dass Frauen direkt neben Tierquälern rangieren. Das Irre dabei seit Jahrhunderten: die Frau quält nur ein Tier am meisten: sich selbst.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Figuren der Unterwelt«, Leseabend mit Nora Gomringer und Georg Klein am 6. November, 19 Uhr im Hygiene-Museum. Mehr zum Festival: www.literatur-jetzt.de

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