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DRESDNER Interviews / O-ton!
Der Welt etwas von Wert geben – Benno Fürmann (Foto: Pascal Buenning) im Interview zu seinem Auftritt mit dem Moka Efti Orchestra
Benno Fürmann (Foto: Pascal Buenning) im Interview zu seinem Auftritt mit dem Moka Efti Orchestra
■ Im Interview mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl sprach der bekannte Schauspieler über kaputte Küchentüren, die »Brandmauer« nach rechts und die anstehende Tour mit dem Moka Efti Orchestra.

Seit der ersten Staffel spielst du in der Serie »Babylon Berlin« den skrupellosen Regierungsrat Günter Wendt. Wie bereitet man sich auf eine solche Rolle vor?

Benno Fürmann: Letztendlich ist jede Vorbereitung eine spannende Detektivarbeit. Es geht darum, sich als Schauspieler einem anderen Menschen zu nähern, um die Grundfrage zu klären, was diese Person antreibt – worüber Wendt mitunter ganz interessant Aufschluss gibt. Es gibt eine Szene, wo Gereon Rath versucht, ihn auf der Rennbahn abzuhören. Da sagt Wendt sinngemäß, dass er Dinge zu verantworten haben wird, die sich Rath in seinem kleinen Beamtenhirn überhaupt nicht vorstellen kann und es ihm, Wendt, gar nicht um sich selber, sondern darum gehe, sein Land in eine Zukunft zu führen, die Raths Horizont sprengt. Ein Getriebener, der keine Skrupel hat, krasseste Mittel zum Erreichen seiner Ziele einzusetzen, weil der Zweck diese heiligt. Eine extrem dynamische, bei aller Vielschichtigkeit aber auch sehr geradlinige Figur. Das hat mich von Anfang an gereizt.

»Babylon Berlin« spielt zur Zeit der Weimarer Republik. Erzeugt der Abgleich mit der Realität beim Aufschlagen der Tageszeitung auch schon mal schlechte Laune?

Benno Fürmann: Ich brauche nicht »Babylon Berlin«, um beim Zeitungslesen schlechte Laune zu kriegen. Beim Spielen denke ich nicht ans Hier und Jetzt, sondern bin voll und ganz in der Szene. Es gibt aber den großen Satz: »Wehret den Anfängen!«. Der steht wie eine Eins. Mir wird angst und bange, wenn ich an die kommenden Wahlen in Thüringen, Sachsen oder Brandenburg denke und wie die Komplexität der Welt hier durch klare Feindbilder auf eine Minimalfläche heruntergebrochen wird. Ich wünsche der sogenannten Brandmauer nach rechts sehr, dass sie hält.

Wie kam es zur Idee, gemeinsam mit dem Moka Efti Orchestra auf Tour zu gehen?

Benno Fürmann: In Göttingen gibt es den wunderbaren Literaturherbst. Da wurden wir vor einem Jahr zusammengewürfelt. Wir wurden gefragt, ob wir nicht Lust hätten, einen gemeinsamen Abend auszurichten, bei dem Musik aus der Serie und »Der nasse Fisch« als Volker Kutschers literarische Vorlage so ineinander greifen, dass es musikalisch, literarisch und visuell eine runde Sache wird. Wir waren dann zweimal ausverkauft, hatten Standing Ovations und ordentlich Adrenalin und Freude in der Blutbahn. Es war schnell klar, dass wir das nochmal machen müssen. Ich kenne die Musiker aus der Moka Efti Band ja teilweise noch aus alten Westberliner Zeiten. Die Idee wurde also beim Kaffee vertieft und jetzt freue ich mich, dass Wind unter die Flügel kommt.

Lass uns einen Sprung hin zu deiner Biografie machen: Geboren in West-Berlin sind Kindheit und Jugend, der frühe Tod der Eltern sowie ein Unfall beim S-Bahn-Surfen hinlänglich beschrieben. Mich interessiert, inwiefern dich diese wilde Lebensschule in Kreuzberg noch heute durchs Leben trägt?

Benno Fürmann: Wenn ich nach ein Uhr nachts noch nicht im Bett bin, kannst du davon ausgehen, dass ich mir in den nächsten Stunden irgendwo einen Döner Kebab besorge – egal in welchem Zustand. Eine Sozialisierung, die tief in mir drin ist. Ansonsten hat mir Kreuzberg einen weiten Horizont geschenkt. An diesem Ort lebt ein breit gefächerter Mix an Leuten, die alle miteinander klarkommen müssen. Eine Verengung des Blickfelds kenne ich also gar nicht, höchstens aus Gesprächen mit Dritten. Und was die Wildheit angeht: Ich habe lieber meine Ruhe, höre viel weniger Musik als früher und die Klänge sind weicher geworden. Trotzdem musste ich letztes Jahr zweimal das Glas meiner Küchentür austauschen lassen, weil ich sie beim Tanzen mit Freunden aus Versehen eingeschlagen habe. Das letzte Mal lief Punkrock. Kurz mal heftig nach vorne genickt und meine Stirn war blutig.

2023 erschien dein Buch mit dem Titel »Unter Bäumen: Die Natur, mein Leben und der ganze Rest«. Neben der Liebe zur Natur und vielen Fragezeichen, wie wir unseren Planeten erhalten können, ist es eine für dich ungewohnte Offenheit im Privaten, die den Text prägt. Wie kommt es?

Benno Fürmann: Ich kann doch nicht aus dem Elfenbeinturm des Schauspielers heraus über das echte Leben schreiben. Schließlich geht es um die Natur und um Öffnung. Meine Presseagentin hat dazu den epochalen Satz gesagt: »Ich bin fassungslos – alles, was wir 25 Jahre von der Presse ferngehalten haben, schreibst du jetzt detailliert Seite für Seite nieder.« Mich langweilt es mittlerweile einfach, dass alle die Hose oben lassen. Wir müssen uns mehr zeigen. Es sind anstrengende Zeiten und ich fühle mich jedem Menschen sofort ein Stück näher, der sich traut, Ängste und Sensibilitäten zu zeigen. Das gilt auch und gerade für Männer.

Dein Schauspielkollege Leonard Lansink hat vor kurzem in einem Interview die Altersarmut im Schauspielmetier angeprangert und spricht von einem Leben in oftmals prekären Lagen. Ein Thema, das dich auch schon beschäftigt hat?

Benno Fürmann: Ja, klar. Ich kenne diese Jahre, in denen viel wegbricht. Wer Sicherheit im Leben möchte, der ist als Schauspieler außerhalb von Stadttheatern und festem Engagement schlecht beraten. Jobs die Sicherheit versprechen, wie z. B. ein Tatort Kommissar wollte ich in der Vergangenheit aus unterschiedlichen Gründen nicht machen. Aber je älter ich werde, desto mehr weiß ich mittlerweile ein Mindestmaß an Struktur zu schätzen. Für mich ist Wendt bei »Babylon Berlin« die erste wiederkehrende Figur, die mir über die Jahre so eine Grundstruktur verschafft hat. Natürlich reicht das aber nicht für die Miete. Ich weiß, dass ich großes Glück hatte, mir seit 30 Jahren als freischaffender Schauspieler meine Projekte immer wieder aussuchen zu können. An einem guten Tag finde ich diese Freiheit immer noch toll, manchmal wird mir aber auch mulmig. Niemand von uns hat irgendeine Sonderstellung gepachtet. Irgendwann war es einfach der letzte Film.

Haben sich die Rollenangebote seit der 50 schon merklich verändert?

Benno Fürmann: Auf jeden Fall. Ich habe jetzt viel häufiger Kinder. In der letzten Produktion war ich der Vater der Hauptfigur, früher wäre ich die Hauptfigur gewesen und hätte einen Vater gehabt. Damit habe ich auch gar kein Problem, solange ich weiter geile Rollen spielen kann. Mein Ego leidet nicht darunter, nicht die Hauptfigur auf dem roten Teppich zu sein. Schlimm wäre es, wenn mich keiner mehr will, weil mich keiner mehr interessant findet. Ich wünsche mir einfach noch viele schöne Rollen, bei denen ich das Gefühl habe, der Welt etwas von Wert zu geben.
Vielen Dank für das Gespräch!

Benno Fürmann ist mit dem Moka Efti Orchestra mit der musikalischen Lesung »Der nasse Fisch« am 25. Februar im Kulturpalast zu erleben. Mehr zur anstehenden Tour: www.facebook.com/mokaeftiorchestra/?locale=de_DE

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