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Der Elon Musk der Renaissance – Im Gespräch mit Regisseurin Barbora Horáková (Foto: Prisca Netterer) zur Inszenierung von »Benvenuto Cellini« an der Semperoper
Im Gespräch mit Regisseurin Barbora Horáková (Foto: Prisca Netterer) zur Inszenierung von »Benvenuto Cellini« an der Semperoper
■ Der scheidende Intendant Peter Theiler hat für das Ende seiner Zeit an der Semperoper ein Herzensprojekt auf den Spielplan gesetzt: die Opéra-comique »Benvenuto Cellini« von Hector Berlioz, die er selbst schon in Gelsenkirchen und Nürnberg inszeniert hat. Die Werkgeschichte dieser Oper über den Florentiner Bildhauer ist kompliziert. Bei der Uraufführung 1838 an der Pariser Oper durchgefallen, wurde sie mehrfach umgearbeitet, so auch von Franz Liszt. Schließlich geriet »Benvenuto Cellini« lange in Vergessenheit und kam erst 1966 in London wieder auf die Bühne. Zuletzt brachte der Monty-Python-Mastermind Terry Gilliam sie mit einer spektakulären Produktion an der English National Opera wieder ins Gespräch. DRESDNER-Redakteurin Annett Groh hat mit der Regisseurin Barbora Horáková über ihre Arbeit an diesem Stück gesprochen.

Der »Benvenuto Cellini« ist eine krude Geschichte. Wie sind Sie an den Stoff herangegangen?

Barbora Horáková: Ich war von dem Stück auch überwältigt. Die Musik von Berlioz ist extrem romantisch und sehr dicht besetzt, und ich muss zugeben: es war wohl das erste Mal, dass ich an einem Stück arbeite, das sich mir in Musik und Handlung nicht gleich so ohne weiteres erschließt.
Der historische Benvenuto Cellini war eine sehr kontroverse Persönlichkeit. Für die Opernfigur hat sich Berlioz sehr viel Freiheit genommen und alles sehr romantisiert. Und hier kommen nun sehr viele Geschichten zusammen. Da gibt es eine Liebesgeschichte, und da ist die Geschichte vom verrückten Künstler und wie er sein größtes Werk erschafft. Und alles geschieht während des Karnevals, also in der Zeit der Maskerade: man versteckt sein Gesicht und kann Grenzen überschreiten, sich ein bisschen gehenlassen.

Der Librettist Henri-Auguste Barbier war ein Satiriker, spiegelt sich das in der Oper auch wieder?

Barbora Horáková: Absolut. Ich würde sagen, das ist sogar der Schlüssel zu dem Stück. Eigentlich ist es ja alles eine einzige große Übertreibung. Jeder der Charaktere ist auf die Spitze getrieben, die Liebesgeschichte zwischen Theresa und Cellini ist so süß und überzuckert, dass man sie nur als Ironisierung zeigen kann. Und wir dürfen alles übertreiben: Die Gegensätze zwischen den gesellschaftlichen Schichten, der visionäre Künstler und eine gewisse bürgerliche Angst neuer Kunst gegenüber.
Es hat auch etwas Interessantes, wenn der Papst als personifizierter »Maßstab für Moral« für ein Kunstwerk sogar einen Mord fallenlässt.

Im Theater geht man solche Fragen ja gern erzieherisch an: man soll möglichst immer irgendeine Lehre mitnehmen, wie gutes Handeln aussieht. Das gibt es hier ja gar nicht ... !?

Barbora Horáková: Ich finde es unnötig, das Publikum immer mit dem Zeigefinger darauf hinzuweisen, worin die große Moral liegt – und am besten gleich noch das Licht im Zuschauerraum anzuschalten, damit sich alle schuldig fühlen. Davon halte ich nichts. Ich glaube, man versteht die Geschichte durch die Komödie hindurch. Das Nachdenken kommt hinterher von ganz allein, nach dem Lachen.

Was für eine Persönlichkeit ist Ihr Cellini?

Barbora Horáková: Der historische Cellini war ein absoluter Megalomane. Er war ein genialer Renaissance-Künstler: Bildhauer, Goldschmied, Schriftsteller und Musiker in einer Person. Und er wollte sich in seiner Selbstverwirklichung nicht von Konventionen einengen lassen. Er hat wirklich Konflikte gesucht, wurde mehrfach ins Gefängnis geschickt, auch wegen physischer Übergriffe. In seiner Autobiografie hat er geschrieben, dass er drei Menschen getötet hat. Man kann schwer entscheiden, wieviel davon Prahlerei ist. Er hat halt jegliche Grenzen überschritten.
Wir haben versucht, für diesen Künstler eine Übersetzung zu finden in etwas, das die Leute heutzutage wirklich herausfordert. Aber keiner der heutigen Künstler erschien uns provokant genug und nichts so schockierend wie die Diskussion um Künstliche Intelligenz und ihre Hervorbringungen. Was bedeutet es, wenn Künstliche Intelligenz Kunstpreise gewinnt? Darum ist unser Cellini ein bisschen wie Elon Musk: Er ist ein ehrgeiziger Visionär und erschafft intelligente Skulpturen.

Können Sie auch schon etwas über das Bühnenbild und die Kostüme verraten?

Barbora Horáková: Ein großer Teil des Bühnenbilds ist ein überdimensionaler Kopf, der verschiedene Funktionen erfüllt. Er ist die Perseus-Statue, er ist Werkstatt, er ist Theater. Und für den Kostümbildner ist diese Oper wirklich ein Fest, denn durch den Karneval gibt es unendlich viele Möglichkeiten für verrückte, lustige Kostüme.

Wie ist die Musik von Berlioz? Nimmt sie den satirischen Charakter des Textes auf?

Barbora Horáková: Auf jeden Fall. Berlioz hat hier sehr satirische Musik geschrieben. Da gibt es zum Beispiel einen Wettstreit zwischen zwei Personen, der sich darum dreht, wer der bessere Tänzer ist. Bei dem einen spielt eine ganz tiefe Tuba mit einer großen Schwere, und bei dem anderen gibt es dann eine so süße Musik, dass der Wettstreit eigentlich schon im Vorhinein entschieden ist. Und dann gibt es diese romantischen Arien, die einfach kein Ende nehmen wollen. Die große Liebe, das große Leid des einsamen Künstlers – das ist alles auch in der Musik zu finden.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

»Benvenuto Cellini« von Hector Berlioz feiert am 29. Juni in der Semperoper Premiere. In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln, Inszenierung von Barbora Horáková, musikalische Leitung Giampaolo Bisanti. Mehr dazu unter www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/benvenuto-cellini/62282.html#a_30508

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