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Den Augenblick groß machen – Betterov im Interview
Betterov im Interview
■ Hut ab. Schon mit »Viertel vor Irgendwas«, seiner ersten Veröffentlichung konnte Manuel Bittorf, wie Betterov mit bürgerlichem Namen heißt, Fans und Kritiker begeistern. Sechs Songs, erschienen im März 2020. Zweieinhalb Jahre später legt er mit »Olympia« sein Debütalbum vor und wieder sind alle aus dem Häuschen. Mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl sprach der sympathische Thüringer über mentale Gesundheit, die Kraft von Sprache und das Theater als Wegweiser.

Das Stück »Die Leute und Ich« erinnert an ein Sartre-Zitat: »Die Hölle, das sind die anderen«. Provinz als Inspiration?

Betterov: Nicht ganz. Das ist eher ein humoristisches Gedankenexperiment. Die Leute an sich gibt es so ja nicht. Es geht um eine diffuse Masse von Menschen, unter denen man lebt, nebeneinander aufwächst, sich aber scheinbar nicht ganz so gut versteht. Das hat keinen autobiografischen Bezug.

Du kommst aus einem 900-Seelen-Dorf in der Nähe von Eisenach. Ab wann war klar, dass du da weg musst?

Betterov: Während meiner Ausbildung zum Industriemechaniker habe ich gemerkt, dass ich da nicht machen kann, worauf ich Bock habe und was mich interessiert. Die habe ich dann auch abgebrochen. Das war nicht so mein Ding.

Was war das Problem?

Betterov: Dass ich versucht habe, einem gesellschaftlichen Bild zu entsprechen. Ich bin felsenfest davon ausgegangen, dass man als Mann einen handwerklichen Beruf lernt. Das sagt schon extrem viel aus. Nachdem ich die Ausbildung abgebrochen hatte, betrat ich bald darauf eine Welt, die ich nicht kannte.

Das freie Theater in Eisenach, an das du mit 17 gegangen bist?

Betterov: Ein glücklicher Zufall. Da konnte ich mich mit Texten, Musik, Licht, Bühnenbild und Kostümen umgeben. All diesen Dingen, wie sie am Theater stattfinden. Ein total spannender Ort und ein Wegweiser, wie man sein Leben auch verbringen kann. In meinem Dorf gab es sowas nicht.

Nächste Station war Berlin und ein Schauspielstudium an der UdK. Wann war klar, dass es die Musik und nicht das Schauspiel wird?

Betterov: Ich habe immer Musik gemacht, auch während des Studiums viel gespielt und dort, an der Uni auch eine EP aufnehmen können. Irgendwann habe ich mich dann für ein Förderprogramm an der Popakademie in Mannheim beworben und das tatsächlich auch bekommen. Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, das Ganze professionell zu machen. Das war es, worauf ich immer hingearbeitet hatte.

Lass uns über dein Album »Olympia« sprechen: Die Sprache auf der Platte besticht durch einen literarisch-poetischen Stil. Wie hat sich das entwickelt?

Betterov: Schon in meinem Studium, aber auch der Zeit davor, habe ich mich intensiv mit Sprache auseinandergesetzt. Dabei war es sehr wertvoll, nicht nur zu schreiben, sondern mit Sprache auch etwas zu machen: sie in etwas umzuwandeln, was auf einer Bühne stattfindet. Zu fragen, wann ich Texte gut finde und wie sie mich berühren. Das sind die wichtigsten Grundbausteine.

Worum geht es dir in deinen Stücken?

Betterov: Ich versuche, den Alltag in Songs zu verwandeln, um so den Augenblick wahrzunehmen. Ihn so groß zu machen, wie er es verdient.

Wie im Titeltrack zum neuen Album?

Betterov: Bei »Olympia« geht es darum, dass man völlig aktionslos in einer YouTube-Bubble gefangen ist, während auf dem Bildschirm Leute in 47 Sekunden ihr komplettes Leben verändern, Geschichte schreiben und einen Rekord aufstellen. Man selbst aber macht seit Stunden gar nichts. Diese Diskrepanz finde ich super spannend, das wollte ich unbedingt einfangen. Auch »Bring mich nach Hause« ist so entstanden. Damals bin ich von einer Bar mit dem Taxi nach Hause gefahren. Da war ich noch im Studium und hatte absolut kein Geld. Im Vergleich zum Nachtbus zahlt man im Taxi das Vierfache, wird aber bis vor die Haustür gefahren. Ich sitze also hinten in einer E-Klasse, komplett pleite, richtig fertig, werde aber am Ende des Abends in einer Limousine chauffiert. Kleine Alltagsbeobachtungen, auf die ich gerne mit der Lupe gehe.

Im Video hat Drangsal einen Gastauftritt. Ihr kennt euch schon länger?

Betterov: Noch gar nicht so lange. Er ist aber definitiv jemand, den ich schon eine Weile beobachtet habe und für alles schätze, was er macht. Ein riesiges Gesamtkunstwerk, was man nicht von vielen Leuten behaupten kann.

Warum gibt es auf der Platte sowohl ein Intro, als auch ein Outro?

Betterov: Mir war es wichtig, ein Album zu machen. In Zeiten von Streaming ist das eine sehr bewusste Entscheidung. Dann finde ich es total schön, wenn musikalisch in die Platte und ihren Kosmos hinein und auch wieder hinausgeführt wird.

Ein Thema des Albums ist psychische Gesundheit. Hoffnung als ein wichtiges Leitmotiv?

Betterov: Es geht vor allem darum zu zeigen, dass es nicht nur die dunkle, sondern auch eine helle Seite gibt. Das Leben ist so vielfältig. Nimm die erste Strophe von »Dussmann«. Die ist wahnsinnig düster. Deswegen war es mir im zweiten Teil wichtig, das aufzubrechen. Humor kann da eine schöne Bewältigungsstrategie sein. Es ist nicht alles furchtbar.

Warum glaubst du, wird das Thema »Mental Health« gerade in letzter Zeit künstlerisch aus der Tabuisierung geholt?

Betterov: Unsere Welt verändert sich extrem und mit ihr gesellschaftliche Konstruktionen. Ich finde, es entsteht langsam ein Bewusstsein dafür, wo wir uns gesamtgesellschaftlich befinden. Ich habe schon den Eindruck, dass gerade viele Strukturen offengelegt werden, darüber gesprochen und daran gearbeitet wird, die Lebensbedingungen für viele Menschen zu verbessern. Da ist in den letzten zehn Jahren viel passiert. Vorher war es tabu, darüber zu sprechen. Die Angst, stigmatisiert zu werden und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Das hat sich auch durch die sozialen Medien positiv verändert.

Inwieweit?

Betterov: Durch das Internet hat ein Händereichen stattgefunden. Man sieht, dass es auch andere Menschen betrifft und es ein riesiges Problem ist, dass man so lange nicht darüber gesprochen hat.
Vielen Dank für das Gespräch!

Betterov ist am 15. Februar live im Beatpol zu erleben. Mehr zum K√ľnstler unter www.betterov.de

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