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DRESDNER Interviews / O-ton!
Bei der Qualität darf es keine Kompromisse geben – Kent Nagano im Interview (Foto: Antoine Saito)
Kent Nagano im Interview (Foto: Antoine Saito)
■ Der Stardirigent verrät DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl bei einem Tee am Potsdamer Platz, wie man junge Leute für klassische Musik begeistert, was das Publikum zu den Dresdner Musikfestspielen erwarten kann und ob Adrenalin in seinem Beruf eine wichtige Rolle spielt.

Herr Nagano, Sie sind passionierter Surfer. Ist das Einssein mit der Natur vergleichbar mit dem Verschmelzen von Dirigent und Musik?

Kent Nagano: Es ist unmöglich, die Natur von der Gesellschaft und somit auch von der Kunst zu trennen. In meiner Kindheit in Kalifornien war die Surfkultur noch ganz anders als heute, der Kontakt mit der Natur einfacher. Ohne Lärm, Marketing und Konsumgesellschaft. Für uns als Kinder war der Pazifik ein wunderbarer und absolut kostenloser Ort, um Spaß zu haben. Damals kostete ein gebrauchtes Surfbrett gerade einmal drei Euro. Tanzende Wellen und das Drama der vier Jahreszeiten! Eine interessante Konfrontation mit allen Aspekten der Natur. Als Künstler bekommt man früh eine Idee von Drama und Emotionsausdruck. Die Kraft einer Welle wird man nie vergessen.

Welche Musik haben Sie damals gehört? Stand ein Album von den Beach Boys mit im Plattenregal oder galt Ihr Interesse mehr der klassischen Musik als Rock und Pop?

Kent Nagano: In den späten 60er und 70er Jahren war das medial omnipräsent, nicht nur in Kalifornien, sondern überall auf der Welt. Es war fast unmöglich, nicht damit in Berührung zu kommen. Kontakt und Interesse aber sind zwei verschiedene Dinge. Über meine Eltern lag der Fokus bei uns zu Hause klar auf klassischer Musik. Unser Klavierlehrer war gleichzeitig auch der Orchesterleiter. Ein tolles Umfeld mit einem großen Repertoire. Das hat uns schon damals begeistert. Auf die sogenannte Popkultur waren wir weniger fokussiert. Aber klar, den Beach Boys oder Beatles konnte man nicht entkommen. Schon damals haben wir gemerkt, dass wir nicht cool waren. Das machte aber nichts, weil Mozart und Beethoven ewig sind. Coolness dauert nur ein paar Jahre.

Coolness ist ein gutes Stichwort: Haben Sie ein Rezept, wie man heutzutage wieder mehr junge Leute für die klassische Musik begeistern kann?

Kent Nagano: Die Frage wird oft gestellt. Für mich reflektiert sie eine Sorge um die Relevanz klassischer Musik. In Hamburg oder auch Montreal habe ich die schöne Erfahrung gemacht, nicht nur ein erfahrenes, treues, sondern immer auch ein junges Publikum zu haben. Beim Blick von der Bühne sieht man einen Querschnitt der Gesellschaft: Junge, Ältere, Leute mit verschiedenen Backgrounds, Erfahrungen und Kulturen.

Wie kommt man da hin?

Kent Nagano: Wichtig ist die Qualität. Hier darf es keine Kompromisse geben. Als Kind habe ich es gehasst, wenn meine Eltern etwas mit dem Satz »Das war schon immer so« rechtfertigten. Erwachsene wollen einem immer weismachen, dass man Kompromisse machen muss. Das sehe ich anders. Man darf nie die Intelligenz und Sensibilität junger Menschen unterschätzen. Die Jugend braucht kein einfacheres Programm. Stattdessen sollten wir ihr volles Potenzial ausschöpfen. Keine Routine, kein Status quo, sondern immer das Beste geben. Das ist sicher einer der Gründe, warum wir das Privileg haben, so viele junge Leute zu begeistern.

Zum Konzert in Dresden steht sowohl Beethovens 8. Symphonie als auch Brahms’ Schicksalslied und ein aktuelles Werk des Komponisten Sean Shepherd nach einem Gedichtzyklus von Ulla Hahn auf dem Programm. Letzteres für Chöre, Orchester und Violoncello, an dem ihr Mitstreiter Jan Vogler zu hören sein wird. Ist Ihnen diese historische Bandbreite wichtig?

Kent Nagano: Nicht vorrangig. Ziel ist es, mit unserem Publikum die höchste Qualität zu teilen. Das ist die Regel, egal ob das Stück 100, 300 Jahre, oder vielleicht nur drei Tage alt ist. Sean Shepherd und sein Repertoire werden uns im 21. Jahrhundert sicher noch weiter begleiten. Ulla Hahn ist längst als Ikone etabliert. Ihre Gedichte kennt man überall, sie sprechen eine universelle Sprache. Dresden und Hamburg sind zudem Schwesterstädte, historisch verbunden durch die Elbe. Eine Geschichte von Migration, Handel und Kultur. Viel Energie, die sich mit diesem Konzertprojekt über den Atlantik bis nach New York spannt. Knabenchöre wie der Dresdner Kreuzchor oder auch die Alsterspatzen aus Hamburg repräsentieren dabei die qualitative Spitze, von dem, was wir erwarten. Die Idee: Junge Menschen singen Texte von Ulla Hahn zur Musik von Sean Shepherd, um so der Unsicherheit einer fragilen Zeit zu trotzen. Brahms, Beethoven, Sean Shepherd, Ulla Hahn, Jan Vogler und die Stimmen der Jugend: Sie alle sind hier die Basis für dramaturgische Qualität.

Welche Rolle spielt Adrenalin bei Ihrem Tun, im Spannungsfeld von Bühne und Publikum?

Kent Nagano: Es ist essenziell. Adrenalin kommt von Nervosität, basierend auf Angst. Die Unsicherheit, ob man das Beste geben kann. Auf der Bühne aber muss man über sich hinauswachsen. Fühlt man sich dabei zu hundert Prozent sicher, fehlt die Angst und das Adrenalin. Dann verliert man den Respekt vor dem Publikum und für den Komponisten. Vor dem Tag ohne Adrenalin sollte man sich hüten.

Im Juni wird mit der Premiere des »Rheingold« das Dresdner Festspielorchester zusammen mit Concerto Köln Richard Wagners Werk nach historisch recherchierter Sicht aufführen. Ein erster Höhepunkt dieses wissenschaftlich-künstlerischen Projektes. Was reizt Sie daran?

Kent Nagano: Für alle Künstler kommt der Moment, in dem man zurück zur Quelle geht. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob man der Interpret oder Komponist ist. Der Komponist ist der Kreator, wir sind die Re-Kreatoren. Ich selbst war Student von Olivier Messiaen. Seine Inspiration war der katholische Glaube. Muss man also christlich sein, um seine Musik zu verstehen? Absolut nicht. Aber man muss darum wissen, um den Ursprung seines Werkes zu verstehen. Das gilt für alle Komponisten. Unsere eigene Interpretation hängt davon ab, was wir beim Hören emotional und körperlich fühlen und wie wir die gegebenen Informationen intellektuell verarbeiten. Mit den Wagner-Lesarten gehen wir zurück zum Ursprung, tauchen tief ein in die Musik dieses Komponisten. Dabei hat jede Interpretation ihre Rechtfertigung, wir aber gehen den Weg der historischen Aufführungspraxis. Rheingold ist der vorläufige Höhepunkt und gleichzeitig der Beginn einer langen, gemeinsamen Reise mit den Wagner-Lesarten als fester Bestandteil der Dresdner Musikfestspiele. Lassen Sie uns in fünf Jahren wieder sprechen und sehen, wie weit wir gekommen sind.
Vielen Dank für das Gespräch!

Kent Nagano dirigiert zur Einstimmung auf die diesjährigen Dresdner Musikfestspiele am 5. Mai das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit Beethovens Sinfonie Nr. 8 u.a. Werken, sowie am 14. Juni Wagners »Rheingold« im Kulturpalast. Mehr Infos zu den Musikfestspielen und Tickets: www.musikfestspiele.com/de/

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