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Auf unterschiedliche Wahrnehmungen einlassen – Im Interview mit der neuen Indendantin Carena Schlewitt zu ihrer ersten Spielzeit in Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste
Im Interview mit der neuen Indendantin Carena Schlewitt zu ihrer ersten Spielzeit in Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste
■ Das Festspielhaus Hellerau wird von vielen Dresdnern noch immer als ein Solitär auf dem Hügel über der Stadt wahrgenommen. Dabei hat sich Hellerau unter der Ägide des Intendanten Dieter Jaenicke als eine wichtige Spielstätte für zeitgenössischen Tanz, Musiktheater und genreübergreifende Kunst-Produktionen profiliert, die auch international Maßstäbe setzt. Im September tritt nun die neue Intendantin Carena Schlewitt ihr Amt im Europäischen Zentrum der Künste an – für DRESDNER-Redakteur Heinz K. und DRESDNER-Autor Rico Stehfest ein willkommener Anlass, um sich mit ihr über ihre Pläne, die Vergangenheit und die Zukunft von Hellerau zu unterhalten.

Dresden ist Ihnen aus der Vergangenheit ja nicht fremd. Haben Sie sich bereits eingelebt?

Carena Schlewitt: Nachdem ich bei Leipzig aufgewachsen bin, habe ich in Berlin Theaterwissenschaften studiert. Als Studenten sind wir aber lieber nach Dresden ans Staatsschauspiel gefahren, als nach Leipzig. Als es in den 90ern dann hier mit Hellerau los ging, war ich auch ab und zu hier und habe zum Beispiel im Podewil Berlin mit Norton Commander Productions und Carsten Ludwig zusammengearbeitet. Hellerau ist mir auch vom Festival »Theater der Welt« 1996 in bester Erinnerung. Mit Dieter Jaenicke habe ich von Basel aus beim EU-Projekt »Second Cities – Performing Cities« zwischen 2012 und 2014 zusammengearbeitet. Es gab also immer wieder Berührungspunkte.
Ich bin gut in Dresden angekommen, aber jetzt merke ich erst, wen ich alles noch treffen und kennenlernen will. Das Ankommen wird also wohl noch zwei, drei Jahre oder sogar noch länger dauern.

Was hat Sie daran gereizt, die Leitung des Europäischen Zentrums der Künste zu übernehmen?

Carena Schlewitt: Zum einen möchte ich meine Arbeit der letzten Jahre fortsetzen: Das ist die Arbeit mit der freien Szene, mit der ich fast unmittelbar nach der Wende begonnen habe und mit internationalen Companys, Gastspielhäusern und Festivals. Ich habe das Forum Freies Theater in Düsseldorf und das Berliner Hebbel am Ufer mit aufgebaut sowie die Kaserne Basel geleitet. In dem Bereich der Produktions- und Gastspielhäuser arbeiten wir heute in einer Theaterstruktur mit internationaler Vernetzung, die es so in den 90ern noch gar nicht gab. Und diese Art von Theaterarbeit ist es, die mich interessiert. Hellerau ist ein solches Haus: Es ist international vernetzt und interdisziplinär aufgestellt. Zudem hat es eine wechselvolle und spannende Geschichte. Zum anderen ist es auch die geografische Situation, die mich reizt; Dresden als Drehkreuz zwischen Ost und West.

Eine ihrer ersten Aussagen war, Hellerau als Institution weiter zur Stadt hin zu öffnen. Wie kann das aussehen?

Carena Schlewitt: Ein so aufgestelltes Haus wie Hellerau lebt auch von einer starken Anbindung an die Stadt und braucht die Verbindung zur lokalen Kunstszene. Aktuell befinden wir uns in der Phase, in der wir ausloten, welche Kooperationen wir in den nächsten Jahren realisieren wollen und können. Uns als Team ist es wichtig, die Bereitschaft zu signalisieren, dass wir mit der freien Szene zusammenarbeiten wollen. Sehr konkret wird es beispielsweise, wenn es um ein Förderprogramm wie den »Tanzpakt Stadt-Land-Bund« geht, eine Initiative zur Stärkung des zeitgenössischen Tanzes, bei der wir unter anderem ein Residenzprogramm mit Dresdner Künstlern entwickeln und beantragen wollen. Hier möchten wir auch mit Institutionen zusammenarbeiten, die sich nicht vordergründig mit Kunst oder Kultur beschäftigen, etwa mit dem Fraunhofer-Institut für Verkehrsforschung. Zur Zeit sind wir im Gespräch mit Akteuren von Villa Wigman e.V. und mit der Tanzszene, um gemeinsame Ziele für den Antrag Tanzpakt zu formulieren. Ein anderes Beispiel ist »Fast Forward«, das Europäische Festival für Junge Regie des Staatsschauspiels.
Ein weiterer Punkt betrifft die Bespielung des Stadtraums mit künstlerischen Aktionen. Das haben wir in Basel recht erfolgreich gemacht und ich kann mir einige Projekte sehr gut auch für die Kulturstadt Dresden vorstellen. Die Planung und Umsetzung sind nicht immer einfach, aber das Ergebnis lohnt sich: Kunst im öffentlichen Raum erfährt andere Diskussionen als in den Kunstinstitutionen. Das Bus-Monument in Dresden hat gezeigt, dass dieses Projekt immens wichtig war für die Diskussionskultur in der Stadt.

Hellerau wurde ja in der Vergangenheit wiederholt vorgeworfen, elitär zu sein ... ?

Carena Schlewitt: Bei meinen Besuchen in der Vergangenheit habe ich das Publikum hier in Hellerau als sehr heterogen wahrgenommen. Deshalb habe ich den Vorwurf bisher nicht nachvollziehen können. In Gesprächen versuche ich zu verstehen, was mit dem Begriff »elitär« jeweils gemeint ist. Ich frage mich, ob etwas bereits als elitär wahrgenommen wird, wenn man eine künstlerische Form oder Sprache nicht versteht oder wenn wir ein Stück zeigen, das in einer anderen Sprache stattfindet und wir es mit deutschen Übertiteln zeigen wie etwa in unserer Eröffnungsproduktion »Krieg und Terpentin«. Hier würde ich immer auf die Entdeckung setzen, was kann ich persönlich aus der Kunst gewinnen. Insgesamt bin ich überzeugt, dass es in den zeitgenössischen Performing-Arts sehr viele verschiedene Ästhetiken und Profile gibt und damit auch sehr verschiedene Publikumsschichten angesprochen werden. Für mich stellt sich die Frage, wie kriegen wir unser potenzielles, vielseitiges Publikum ins Haus und wie können wir es halten. Es geht auch darum, wie nahbar wir selbst für Gespräche sind. Die Arbeit am Dialog ist nicht nur Vermittlung, sondern die Bereitschaft, sich zu öffnen. Wir wollen uns einlassen auf unterschiedliche Wahrnehmungen.

Wo möchten Sie sich mit Hellerau in einem Jahr sehen?

Carena Schlewitt: Ich würde mich freuen, wenn wir zusammen mit den Künstlern und dem Publikum angekommen sind. Es gibt wie immer Dynamiken – es wird Hochs und auch Tiefs geben. Ich wünsche mir, dass wir uns angenommen fühlen. Wir reden jetzt schon über Schwerpunkte für die zweite Spielzeit, haben Ideen für die dritte Spielzeit und denken unsere Arbeit längerfristig. Und wenn ich jetzt noch einmal auf die freie Szene zurückkomme, wünsche ich mir sehr, dass für den nächsten Doppelhaushalt mehr Fördermittel für diesen wichtigen Bereich der Dresdner Kunst- und Kulturlandschaft zur Verfügung stehen. Dieses Anliegen muss groß vertreten werden. Ansonsten habe ich die Befürchtung, dass die Dresdner Szene in der aktuellen Förderlandschaft professionell nicht wachsen kann und abwandert. Das wäre ein großer Verlust.
Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Carena Schlewitt, geboren 1961 in Leipzig, war von 2008 bis 2018 künstlerische Leiterin der Kaserne Basel sowie (seit 2012) des internationalen Theaterfestivals Basel. Sie studierte Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität Berlin und arbeitete von 1985 bis 1993 an der Akademie der Künste in (Ost-)Berlin. Sie wirkte als Dramaturgin und Kuratorin an verschiedenen freien Produktionshäusern (Podewil Berlin; FFT Düsseldorf; Hau Berlin) und bei internationalen Festivals (Theater der Welt; HAU Berlin). Schwerpunkte ihrer Arbeit waren u.a. die Transformationsprozesse in Ostdeutschland, Osteuropa und China. Im Juli 2018 trat sie die Intendanz von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste an. Die neue Saison in Hellerau startet am 9. September mit einen Spielzeitfest; mehr Infos, Tickets und Programm unter www.hellerau.org

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