Die lange Durststrecke des Einzelhandels

Ein Blick in Läden der Neustadt

Das Stadtbild steht mit seinen Plakaten zu längst vergangenen Veranstaltungen an Wänden, Säulen und Tafeln, geschlossenen Läden und hochgestellten Sitzgelegenheiten in der Gastronomie still und befindet sich im andauernden Winterschlaf. Wer die letzten Wochen durch die Dresdner Straßen spaziert und in die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte schaut, dem blickt hier und da noch die Winterware und die Weihnachtsdekoration an, immer wieder tauchen aber auch vereinsamte Glasfronten auf mit Schildern über leer stehenden Gewerberäumen, die zu vermieten sind. Laut dem Statistischen Bundesamt brach beispielsweise der Umsatz im Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren sowie der Einzelhandel mit Waren verschiedener Art im Januar 2021 gegenüber deb Umsatzzahlen von Januar 2020 um 76,6 Prozent ein. Dafür profitierte der Internet- und Versandhandel mit einem Umsatzanstieg von real 31,7 Prozent. Konsumiert wird also noch, nur verlagert sich der Einkauf vermehrt in den Online-Bereich, zum Leidwesen der regionalen Läden. Natürlich laden auch diese mit zahlreichen Zetteln und Hinweisen an den Türen der vorüber geschlossenen Geschäfte und laden zum Online-Shopping oder Anrufen ein. Seit 15. Februar ist der click&collect-Service wieder möglich, mit dem Ware, die zuvor online oder telefonisch bestellt wurde, im oder vor dem Ladenraum abgeholt werden kann. Durchgehend zu regulären Öffnungszeiten geöffnet und verfügbar ist übrigens auch das Neustadt-Original »Eisenfeustel«. Das Traditionsunternehmen auf der Bautzner Straße musste nicht schließen, da diese als »einschlägige Ersatzteilverkaufstelle« gilt. Doch gerade die Kommunikation über die Öffnung trotz Lockdown gestaltet sich schwierig. Deshalb hat der Mini-Baumarkt seit März letzten Jahres ein gut gepflegtes Instagram-Profil, welches liebevoll die breite Produktpalette vorstellt.

Anfang März stellte die Bundesregierung den Fünf-Stufenplan zur Öffnung vor. Je nach Inzidenzwert kann eine schrittweise Lockerung erfolgen. Schritt 2 lässt die teilweise Öffnung des Einzelhandels zu, darunter zählen Buchhandlungen, Blumengeschäfte und Gartenmärkte, die inzwischen als systemrelevant eingestuft werden. Schritt 3 schließt dann auch den restlichen Einzelhandel in die Öffnungen mit ein, alles verbunden mit Personen- und Zeitregelungen und einer stabilen Inzidenz von 50. Ein ausgelassenes und spontanes Einkaufserlebnis lässt also weiterhin auf sich warten, und von den Einzelhändlern wird organisatorisch viel abverlangt. Man kann nicht oft genug betonen, dass es sich lohnt, die regional ansässigen kleinen Shops zu unterstützen, anstatt weltweit Waren über Online-Giganten zu ordern.

Wer bei der Kunden-Kommunikation helfen will, ist der Gewerbe- und Kulturverein Dresden Neustadt. Darunter versammelt sich ein Netzwerk aus Gewerbetreibenden, das Interessen von ansässigen inhabergeführten Läden und Bewohnern des Viertels wahrnimmt, bündelt und in Maßnahmen umsetzt. So entstand im letzten Jahr das Projekt »Neustadt bringt’s«. Auf der gleichnamigen Website, die durch den Gewerbe- und Kulturverein Dresden Neustadt mit Unterstützung von »Neustadt-Geflüster« entstanden ist, veranschaulicht eine interaktive Karte welche Einzelhändler, Initiativen und Gastronomie- und Unterhaltungsangebote rund um die Neustadt ansässig sind, und ob diese ein Liefer- oder Abholangebot anbieten. Neben den gebündelten Kontaktinformationen sind zudem noch eine Kalenderfunktion geplant, die über aktuelle Aktionen hinweisen soll. Zudem wird darüber nachgedacht, so Torsten Wiesener vom Gewerbe- und Kulturverein, ob es möglich ist über die Website eine Lieferfunktion anzubieten, die im nahen Dresdner Raum einen Shuttle für Händler über ein Logistikunternehmen anbietet. Diese Idee ist durch die Schließungen und Kontaktbeschränkungen entstanden, sie soll und darf jedoch auch über die Corona-Maßnahmen hinaus den Service zur Verfügung stellen, Ware schnell und direkt ins Haus zu liefern.

Blume Salomé (Copyright: Annett Zollfeldt Fotografie)

Aber wie ergeht es denn nun regionalen Händlern seit dem Lockdown, und wie schauen sie auf das Geschäftsjahr 2021? Dazu war DRESDNER-Autorin Jenny Mehlhorn im Gespräch mit Torsten Daae vom Catapult, Remo Dudek von art+form, Maria Bernhardt von Blume Salomé und Steve Kupke vom Unipolar, die stellvertretend für den Einzelhandel ein gegenwärtiges Stimmungsbild wiedergeben, das zeigt, wie viel Mühe und Herzblut in die einzelnen Ladenprojekte gerade gesteckt wird.

Was habt ihr während der Schließung gemacht, gestaltet, verbessert, verwirklicht?

Catapult: Zunächst ist durch die zwangsweise Schließung der normalerweise umsatzstärksten Wochen vor Weihnachten unser Ladenumsatz seit dem 14. Dezember 2020 komplett eingebrochen. Wie auch im Frühjahrs-Lockdown haben wir neben der Inventur im Januar weiter verstärkt an unserem Onlineshop-Angebot catapult.de gearbeitet und die erfolgreichen Corona-Care-Pakete durch weitere Geschenkboxen sowie den weiteren Aufbau des Gesamt-Onlinesortiments deutlich erweitert.

art+form: Tatsächlich waren wir auf den zweiten Lockdown besser vorbereitet als beim ersten Mal im März, wo es uns ziemlich unerwartet getroffen hatte. Nach kurzem Verschnaufen, so mitten im Weihnachtsgeschäft ausgebremst zu werden, haben wir viele Kapazitäten in unseren Onlineshop gesteckt. Viele Stammkunden und Dresdner haben die Chance genutzt, sich darüber mit letzten Weihnachtsgeschenken zu versorgen. Wir haben Anfang Januar unsere Inventur etwas verlängert, einmal alles gezählt und auf Hochglanz poliert. Wir haben die Zeit genutzt, neben einem neuen Kassensystem auch eine neue Warenwirtschaft für den Laden zu installieren – nun sind wir ganz gespannt auf die Feuertaufe zur Ladenöffnung. Wir haben gestrichen, gefliest, und nun bekommt noch unser Parkett einen neuen Schliff und eine neue Versiegelung – wird sind also rundum bestens vorbereitet auf den Neustart.

Blume Salomé: Ich habe Mitte November aufgemacht und hatte einen sehr guten Start. Die Umsätze sind dann mit dem Lockdown von heute auf morgen um ca. 60 Prozent eingebrochen. Zu Weihnachten kamen noch einige Bestellungen rein, das hat noch etwas Geld in die Kasse gebracht. Im Januar konnte ich mit den Einnahmen nicht mal ansatzweise die Fixkosten decken. Seit Februar geht es wieder etwas aufwärts. Ich bin angewiesen auf Laufkundschaft, wie fast jedes Geschäft in der Äußeren Neustadt. Da ich erst im November aufgemacht habe, habe ich leider kaum Stammkunden und es dauert auch ohne Lockdown lange, bis sich ein neuer Blumenladen herumgesprochen hat. Mit der Schließung habe ich erst mal Pause gemacht, geputzt, letzte Babykrankheiten des Online-Shops behoben, im Laden umgestellt. Ich verkaufe neben Blumen, Vasen und Töpfen auch Prints und Grußkarten von ausgesuchten Designern und Illustratoren. Hier hatte ich endlich mal Zeit, mich um neue Kooperationen zu kümmern.

Unipolar: Es war erst mal ein Schock, aber wir haben das Beste daraus gemacht. In der Weihnachtszeit waren es erfreulicherweise viele Onlineshop-Bestellungen, mit denen wir gut beschäftigt waren. Im Januar wurde es wie erwartet ruhiger. Wir haben im neuen Jahr mit der Inventur angefangen. Als klar wurde, dass die Wiederöffnung verschoben wird, haben wir uns Gedanken gemacht wie wir den Laden aufhübschen können. Dann haben wir mit der Renovierung begonnen. Parallel arbeiten wir an dem Ausbau unseres Onlineshops und möchten die Benutzerfreundlichkeit zum Beispiel durch Filtermöglichkeiten verbessern. Wir haben die Zeit auch genutzt, um unsere Arbeitsabläufe zu optimieren und ein Arbeitshandbuch für alle zu verfassen.

Catapult auf der Rothenburger/ Ecke Böhmische Straße

Was sind eure Erfahrungen mit click&collect, und welchen Service könnt ihr noch anbieten?

Catapult: Click&collect war in Sachsen seit dem Lockdown im Dezember behördlich untersagt, erst seit dem 15. Februar können wir es wieder unseren Kunden anbieten. Bislang wird diese Einkaufsmöglichkeit jedoch sehr zaghaft genutzt. Über unseren Onlineshop www.catapult.de versenden wir europaweit per DHL unsere beliebten Geschenkpakete.

art+form: Endlich ist es nun wieder möglich, vorab bestellte Waren direkt bei uns abzuholen. Bestellen kann man bequem im Onlineshop, aber auch telefonische Anfragen und Wünsche per E-Mail versuchen wir alle zu erfüllen. Natürlich ist es auch weiterhin möglich, sich die Waren einfach nach Hause liefern zu lassen – ab 40 Euro Bestellwert versenden wir deutschlandweit sogar ohne Versandkosten.

Blume Salomé: Ja klar, click&collect läuft. Leute bestellen Vasen, Pflanzen, Keramik, Prints und Grußkarten im Online-Shop und Schnittblumen via Google Maps (Chatfunktion), Telefon, Instagram und Mail. Es zieht sehr langsam an, aber es zieht.

Unipolar: Ja, man kann über unseren Onlineshop bestellen und die Bestellung täglich bei uns in der Neustadt abholen. Zusätzlich kann man sich per Telefon kompetent zu seinem Einkauf beraten lassen. Wir freuen uns durch die Abholung vor Ort über jedes freundliche Gesicht (hinter der Maske), das fühlt sich nach ein bisschen Normalität an, wenn man ansonsten nur Pakete packt. Wir merken definitiv einen Umsatzanstieg in unserem Onlineshop, der hauptsächlich von unseren Stammkunden genutzt wird.

Im Unipolar

Werdet ihr finanziell unterstützt, gibt es Hilfen vom Staat?

Catapult: Finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite haben wir bislang nicht erhalten. Einzige Hilfe ist die Beantragung des Kurzarbeitergeldes, welches jedoch erst nach zwei Monaten von der Bundesagentur an uns ausgezahlt wurde.

art+form: Das größte Problem ist die fehlende Planbarkeit. Entscheidungen zu Verlängerungen von Maßnahmen, neuen Vorschriften etc. werden immer sehr kurzfristig beschlossen, der Handel ist nicht einbezogen und es fehlt eine Perspektive, womit wann zu rechnen ist. Man kann da immer nur mutmaßen und das macht es schwierig, Warenbestände, Aktionen im Jahr aber auch Personal zu planen. Von allen vollmundig angepriesenen Unterstützungen von Land oder Bund ist bei uns nichts angekommen. Es deprimiert schon gewaltig, dass hier viel geredet und versprochen wird, aber real am Ende nichts ankommt. Da fühlen wir uns schon allein gelassen.

Blume Salomé: Natürlich ist Geld das größte Problem. Als Neugründerin sind für mich keinerlei Corona-Hilfen vorgesehen. Ich zehre von meinem Ersparten. Wenn ich nicht bald aufmachen darf, muss ich einen Kredit aufnehmen. Auch die Motivation leidet. Aber Aufgeben kommt momentan nicht in Frage.

Unipolar: Dadurch, dass unser Onlineshop einen gewissen Umsatz abwirft, sind wir für die Überbrückungshilfen nicht berechtigt. Trotzdem haben wir die monatliche Ladenmiete und weitere Fixkosten zu stemmen. Wir möchten gar keinen Ausgleich für den fehlenden Umsatz, aber eine Beteiligung an den Fixkosten wäre wünschenswert. Einiges an Winterware ist übrig geblieben, wobei wir hoffen, diese noch im nächsten Winter verkaufen zu können. In den kommenden Wochen erreicht uns die Frühlings- und Sommerkollektion, die wir stets vorfinanzieren müssen. Dadurch ergibt sich ein Liquiditätsengpass, welcher nur durch ein Darlehen gepuffert werden konnte. Bei regulärem Betrieb der Läden hätten wir es aus eigener Tasche stemmen können.

Wie plant ihr dieses Jahr?

Catapult: Die Planbarkeit ist tatsächlich sehr schwierig, da wir etwa für unser Oster-Sortiment einen Vorlauf von ca. einem halben Jahr haben, um Saisonware gezielt auf Messen einzukaufen. Die Messebesuche sind nun komplett weggefallen und eine Akquise neuer Artikel funktioniert nur über Online-Kanäle der vertrauten Lieferanten. Da derzeit noch unklar ist, ab wann unser Laden geöffnet werden kann, ist ein Einkauf an saisonaler Frühlingsware bislang im Vergleich zu den Vorjahren nur sehr zaghaft und vorsichtig erfolgt. Insgesamt sind wir jedoch optimistisch, dass mit Ladenöffnung wieder viele Kunden zu uns kommen werden.

art+form im Februar

art+form: Wir versuchen das Bestmögliche – mit Herz und Bauch und ordentlich Optimismus. Zum Start ins neue Jahr haben wir gesagt: »Es kann ja nur besser werden.«

Blume Salomé: Ich habe die wenigen Rücklagen, die ich für Investitionen hatte, aufgebraucht. Eigentlich wäre Anfang des Jahres der richtige Zeitpunkt, um Osterware zu bestellen. Hier werde ich einige Abstriche machen müssen, da ich nicht weiß, ob ich die Ware absetzen kann.

Unipolar:Wir haben gerade die Herbst/Winterkollektion bestellt, waren aber sehr zurückhaltend, da wir noch Lagerbestände haben und wir nicht wissen wie viele Monate im Jahr wir überhaupt öffnen können. Unseren Laden in Dresden-Mitte schließen wir zum 31. März dauerhaft. Wir wollten diesen eigentlich zum Abschluss noch gebührend mit Aktionen feiern, aber leider ist dies nicht möglich.

Vielen Dank!

Der Hunger auf Kultur

Wie Künstler, Kulturinstitutionen und die ganze Veranstaltungsbranche ums Überleben kämpft – von Heinz K.

»Ich könnte mir vorstellen«, hatte Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des Sächsischen Musikrates Ende Januar in einem Interview mit dem MDR geäußert, »dass der eine oder andere [Musiker] sich jetzt doch überlegt, sein Lebensmodell zu ändern und einen festen Job annimmt.« Der Landesmusikrat Berlin hatte zu dem Thema eine Umfrage gestartet und alarmierende Zahlen veröffentlicht, nach denen 29 Prozent aller freischaffenden Musikerinnen und Musiker keine Zukunft mehr in ihrem Beruf sehen und beabsichtigen, die Branche zu wechseln oder dies bereits getan haben. Für nicht eben wenige Soloselbständige blieb es anscheinend nicht bei der Überlegung, sondern wurde zu einer Notwendigkeit, um den eigenen Lebensunterhalt noch selbst bestreiten zu können. Die Alternative, die keine ist, lautet Hartz IV.

Das geht nicht nur Künstlern und Kreativen so, die seit zehn Monaten keine Auftritts- und somit auch kaum Verdienstmöglichkeiten haben und die noch immer auf die versprochene November- oder Dezemberhilfe des Bundes warten, sondern auch personell und finanziell gut aufgestellte Unternehmen der Veranstaltungsbranche stehen vor dem Aus. Denn die Kulturwirtschaft hatte es zuerst getroffen, damals beim ersten Lockdown im März 2020, und es wird wohl die letzte Branche sein, die sich wieder regen und frei entfalten kann, wenn wir das Corona-Virus und dessen Mutationen endgültig besiegt haben werden. Aber wann wird das sein?

Glaubt man führenden Virologen, die zum Beratergremium der Bundeskanzlerin zählen, dann sind vielleicht im Sommer 2021 erste Lockerungen möglich. Vorausgesetzt, der gelieferte Impfstoff reicht. Die Ende Dezember auch in Sachsen nur schleppend angelaufenen Impfungen machen jedenfalls wenig Hoffnung, dass wir im Juni oder Juli wieder unbeschwert Festivals und kulturelle Großereignisse ohne Sicherheitsabstand genießen werden. Digitale Angebote, so ambitioniert oder gut gemacht sie auch sein mögen, können das physische Erlebnis nicht ersetzen. Je länger das kulturelle Leben brachliegt, umso größer wird der Hilfsbedarf und die Sorge, dass danach, wenn alles wieder hochgefahren werden kann, einigen Kulturträgern – ob privatwirtschaftlich organisiert oder öffentlich gefördert – inzwischen die Puste ausgegangen ist.

Der Fördertopf ist leer

Was wird dagegen unternommen? Die Landeshauptstadt Dresden etwa hat insgesamt 225.000 Euro zur Förderung der freien Kulturszene in der Krisenzeit zur Verfügung gestellt. Unterstützt wird sie bei »Kunst trotzt Corona« vom Branchenverband »Wir gestalten Dresden«. Die Gelder wurden in mehreren Förderphasen in Form eines 1:1-Matching-Funds über Crowdfunding-Kampagnen auf startnext.de verteilt, was ein zeitgemäßer und kluger, weil verbindender und aktivierender Ansatz ist. Kulturbegeisterte Dresdner erhalten damit die Möglichkeit, selbst aktiv das kulturelle Leben der Stadt mitzugestalten, indem sie Projekte ihrer Wahl schon mit kleinen Beträgen fördern und damit zur Realisierung verhelfen können. Für jeden gespendeten Euro legt die Stadt einen Euro dazu, je Projekt maximal 2.500 Euro. Solche Matching-Funds sind grundsätzlich motivierend für alle Seiten, ideal auch für die Projektbeteiligten, weil sie so nur einen Teil des gesamten Finanzrahmens selbst beschaffen müssen. Wer als erstes entsprechend viele Unterstützer gefunden hat, wirbt die maximalen 2.500 Euro für sein Projekt ein.

Nun verhält es sich aber so, dass nicht alle Kampagnen gleichzeitig gestartet sind. Da bei jeder Crowdfunding-Kampagne die Möglichkeit des Scheiterns besteht, gibt es die Gefahr, dass Teile der Gelder nicht vergeben werden können. Kommt es dazu, dass ein Projekt nicht erfolgreich finanziert werden kann, werden die darin aktuell gebundenen Mittel innerhalb des Fonds wieder freigegeben. Bereits seit Anfang Dezember ist der Fördertopf leer. Für noch laufende Kampagnen bedeutet dies, dass die Stadt nichts mehr dazu gibt. Nicht allen ist dieses Vergabeprinzip, das auch als »Windhundrennen« bezeichnet wird, bekannt. So ist es dem Frei-Spieler-Kollektiv (in Kooperation mit der HfBK und dem projekttheater) gerade noch so gelungen, für die Crowdfunding-Kampagne ihrer neuesten Theater-Inszenierung, den SciFi-Western »Walks Looking«, den Matching-Fund der Stadt anzuzapfen, bevor er ausgeschöpft war. Der für den 4. Februar geplante Premierentermin war freilich nicht zu halten – das Infektionsgeschehen hat das nicht zugelassen. Die Frei-Spieler rechnen jetzt mit der Premiere im zweiten Halbjahr 2021. Andere Projekte gingen leer aus. Diese Konstellation ordnet Matthias Daberstiel, Experte für Crowdfunding und Spenden, als kontraproduktiv ein: »Eigentlich ist das eine tolle Idee. Hier wird gefördert, dass die Künstler auch jetzt kreativ sind und gleichzeitig, dass die Dresdner diese Projekte unterstützen. Am Ende wird allerdings deutlich, dass sich die Künstler bemüht und Arbeit in die Kampagne investiert haben, aber es kommt nicht so viel Geld dabei herum, wie ursprünglich erwartet. Sicherlich war es Ziel der Stadt, möglichst viele Projekte davon profitieren zu lassen, damit auch möglichst viele Dresdner spenden. Aber dass das Geld nicht reichen könnte, wurde nicht diskutiert. Clever und auch fair wäre es an dieser Stelle von Seiten der Stadt, hier nachzulegen. Aber angesichts des aktuellen Haushaltes geht das natürlich nicht.«

Initiative Kulturgesichter: Es geht um das Sichtbarmachen der Leidtragenden

Fotoshooting für Kulturgesichter, Copyright Foto: Uwe Stuhrberg

Weil das alles nicht ausreicht, regt sich in den letzten Monaten des Jahres in mehreren großen Städten die Initiative »Kulturgesichter«. In Hamburg ging es wohl los, Stuttgart zog mit. So berichtet es Martin Vejmelka, Geschäftsführer der Agentur Landstreicher Konzerte: »Mit den dortigen Akteuren arbeiten wir schon viele Jahre zusammen. Da hat es nicht lange gedauert, bis sie uns gefragt haben, ob wir das nicht für Dresden übernehmen wollen. Dann hab ich mich mit Stephan »Erich« Tautz von der GrooveStation zusammentelefoniert. Kurze Zeit später war dann auch Mirko Glaser vom Blue Note mit im Boot.«

Zweck der Aktion ist es, ein Ausrufezeichen aus der brachliegenden Kulturlandschaft zu senden. Oder besser: von deren Akteuren in der gesamten Bandbreite bis zu den technischen Gewerken und den Dienstleistern, die für ein gelungenes Event unentbehrlich sind. Weil diese im Wortsinn von der Bildfläche verschwunden scheinen und nach der mittlerweile katastrophal langen Durststrecke befürchten, die kulturaffinen Dresdner könnten sich an ein Leben ohne Party, Konzert oder Lesung gewöhnen, wollen sie sich selbst Sichtbarkeit verschaffen. Kern der Aufmerksamkeitskampagne, die zum Großteil über Social Media läuft, sind Plakate, die im öffentlichen Raum als klare, reduzierte Statements die Gesichter, die Macher, die Leidtragenden in den Mittelpunkt rücken. Seit Mitte Januar liefen dafür im Alten Schlachthof die Shootings.

»Die Lage ist existenziell. Es gibt Kollegen, die aus der Not heraus bereits den Beruf gewechselt haben«, mahnt Uwe Stuhrberg, seines Zeichens Konzertveranstalter, der für die hiesige Initiative die Pressearbeit übernommen hat. »Das Ganze ist aus der bundesweiten Aktion ‚Ohne uns ist’s still’ hervorgegangen. Wir arbeiten jetzt hier, ganz ähnlich wie schon die Kollegen in Leipzig und Chemnitz, auf regionaler Ebene, direkt in der Stadt«, so das Credo. Die Portraits fallen dabei bewusst schlicht aus, darunter steht lediglich der Vorname der abgebildeten Person. »Es geht nicht darum, Betroffenheit zu demonstrieren. Wir wollen auch keine Werbung für konkrete Firmen oder dergleichen«, erläutert Martin Vejmelka. Und dies ist auch gut und richtig so. Denn hier geht es schlicht und ergreifend um das Überleben einer ganzen Branche, die immerhin etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Menschen beschäftigt. Zum Jahrestag der Pandemie wollen sich die Bündnisse der drei großen sächsischen Städte zusammentun. Für Mitte März sind dann große Aktionen im öffentlichen Raum geplant. Weitergehende konkrete kulturpolitische Forderungen sind damit allerdings nicht verbunden. So weit will sich die Kulturgesichter-Initiative dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Es fehlt offensichtlich auch an einer Struktur, um Handlungsempfehlungen für öffentliche Veranstaltungen erarbeiten zu können.

Kultur ist unser aller täglich Brot

Erprobte Hygiene-Konzepte gibt es aber schon an anderer Stelle. Mit einem Brief an die Kulturverantwortlichen von Bund und Ländern haben sich die Leitungen 50 führender Häuser für eine Öffnung der Museen stark gemacht. »Unsere Sorge gilt der Eindämmung der Pandemie, zugleich aber auch einer dem jeweiligen Verlauf von Corona angepassten Wiedereröffnung der Museen«, heißt es in dem Schreiben an Kulturstaatsministerin Monika Grütters sowie ihre Länderkolleginnen und -kollegen. »Die Museen haben schon nach der Phase des ersten Lockdowns ihre Häuser mit großer Sorgfalt der neuen Situation angepasst«, schreiben die Verantwortlichen. Museen seien sichere Orte, in denen Hygienemaßnahmen strikt befolgt und »wie an keinem anderen öffentlichen Ort« überwacht würden. Die meisten Museen verfügten über eine ausgefeilte Klimatechnik und Raumkapazitäten, die Bewegungsabläufe nach Distanzgebot steuern und entzerren könnten. »Es ist Konsens, dass sie seit Beginn der Pandemie nicht als Orte eines Infektionsgeschehens aufgefallen sind.«, heißt es weiter. Die Schließung von Museen wurde auch mit der Verringerung von Kontakten begründet, etwa bei der An- und Abfahrt mit öffentlichem Nahverkehr. Aber dieses Argument ist fadenscheinig, denn gerade Museen könnten »für den Hunger auf Kultur ein Angebot machen, ohne die gesellschaftliche Solidarität in Frage zu stellen«, so die Verfasser des Briefs, zu denen auch Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gehört. In der Tat ist es schwer zu verstehen, weshalb gerade Museen, die ja der kulturellen Grundversorgung dienen, bei langsam sinkenden Inzidenz-Zahlen geschlossen bleiben müssen.

Die sächsischen Theater jedenfalls müssen mindestens bis Ende März ihre Türen geschlossen halten. An einen normalen Probenbetrieb ist unter den derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen ohnehin nicht zu denken. Daher werden geplante Premieren und Gastspiele ins Ungewisse verschoben oder gleich ganz gestrichen. An dieser wie auch an anderer Stelle mangelt es an Planbarkeit, ab wann wieder ein Kulturereignis unter welchen Voraussetzungen stattfinden kann. Eine verbindliche Antwort darauf ist die Politik in Bund und Ländern bislang schuldig geblieben. Gern wird im Zusammenhang mit dem Auf und Ab des Infektionsgeschehens, dessen zweite Welle wir gerade erleben und die offenbar von niemandem in verantwortlicher Position vorausgesehen wurde, mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere gezeigt. Aber das ist kontraproduktiv. Anhaltspunkte dafür, dass Museen, Theater, Kinos oder Konzertsäle stark zum Infektionsgeschehen beigetragen haben, gibt es nicht. Eintrittskarten wurden meist nur personalisiert ausgegeben. Die Rückverfolgung etwaiger Infektionsfälle ist gerade hier relativ leicht. Doch ist dies nicht die Zeit für Differenzierungen. Das Gegenargument lautet, kein Lebensbereich könne gegenwärtig von sich behaupten, die Ansteckung nicht zu begünstigen. Kultur aber ist unser aller täglich Brot.

Alle derzeit noch aktuellen Crowdfunding-Projekte finden sich unter startnext.com
Kulturgesichter Dresden: allmylinks.com/kulturgesichterdresden

Stilles Mahnmal zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“?

Zur Kunst-Installation „Broken“ des Künstlers Dennis Josef Meseg am 5. Dezember am Neumarkt

Puppe oder Püppchen? Oder vielleicht doch nur die Reproduktion eines Opfer-Klischees?

„Künstler wollen etwas erschaffen, das der Welt keinen Schaden zufügt, sondern Freude bereitet“. Oder sie wollen eine Botschaft transportieren, so wie es die Installation „Broken“ des Bonner Künstlers Dennis Josef Meseg am 5. Dezember von 10 bis 18 Uhr am Dresdner Neumarkt intendiert. Meseg will mit der Aktion ein Zeichen setzen gegen Gewalt an Frauen, so wie er es zuvor schon in Bonn, Aachen, Bamberg oder Hamburg gesetzt hat. Die Umsetzung seiner Gedanken mündet in eine Installation, die aus 222 Schaufensterpuppen besteht, ummantelt von organgefarbenem Flatterfarband. Flatterband etwa sei ein Zeichen für Abgrenzung, im positiven Sinne als Schutz vor Gefahren, aber auch als ein Hindernis auf dem Weg zueinander zu verstehen. Seine Aktion will der Bildhauer, Maler und Autor als Aufruf verstehen, die Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Dagegen regt sich nun Kritik. Künstler:innen, Aktivist:innen und studentische Vertreter:innen weisen darauf hin, dass der Künstler mit „Broken“ bewusst impliziert, dass er in seinem Projekt von vielen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten insbesondere in den Städten, in denen er gastiert, gefördert würde. Dies sei faktisch falsch, so hat sich das Gleichstellungsbüro Rhein-Sieg bereits von seiner Aktion distanziert. Auch weitere Gleichstellungsstellen geben an, nicht in die Planung der Ausstellung involviert gewesen zu sein.

„Er inszeniert sich selbst als Fürsprecher Betroffener, während er die Kritik dieser Betroffenen ins Lächerliche zieht. Dabei zeigt die nur oberflächliche und unzureichende Beschäftigung mit den Themen, die er behandelt, eine Kontinuität. In seinem vorherigen, vom Land NRW geförderten Kunstwerk zur Corona-Pandemie verteidigt er auch Kommentare von Nutzer:innen, die Versatzstücke von Verschwörungsdenken beinhalten, bspw. Aussagen über eine „inszenierte“ Pandemie oder Mediendiktatur. Auch dort äußert er sich bereits paternalistisch gegenüber weiblich gelesenen Personen.“, heißt es in der Mitteilung vom 3. Dezember.
H.K.

Online werden Aktionen gegen Mesegs Installlation unter dem Hashtag #StillNotBroken zu finden sein. Ein erklärendes Statement ist hier nachzulesen.

Der hölzerne Virologe

Oder: Wie ein Holzkünstler aus Seiffen einen viralen Hit landete – von Heinz K.

Der Virologe von Tino Günther

Nicht nur Kulturveranstalter und Gastronomen, auch die Holzkünstler im gesamten Erzgebirge haben mit dem zweiten Lockdown und vor allem mit der Absage zahlreicher Weihnachtsmärkte zu kämpfen, sind mit letzteren doch ihre wichtigsten Absatzmärkte zusammengebrochen. Der findige Männelmacher Tino Günther aus dem erzgebirgischen Schnitzer-Eldorado, dem Spielzeugdorf Seiffen, wehrt sich auf seine Weise, um auf die wirtschaftliche Schieflage, in die er, wie so viele seiner Kollegen, schuldlos geraten ist – mit einem rauchenden Virologen. Denn: »Noch nie war der Beruf des Virologen so augenscheinlich wie in diesem Jahr«, so Günther, der übrigens Mitglied der FDP ist, im MDR. Die Ähnlichkeit des Virologenmännels mit dem bekanntesten und markantesten Vertreter dieser Zunft, Dr. Christian Drosten, ist natürlich rein zufällig. Selbstverständlich qualmt ein Virologe nicht aus dem Mund, denn da trägt er ja seine Maske, sondern aus dem Kopf. Gewiss rauchte Drosten auch des öfteren der Kopf, wenn er daran dachte, wie langsam und zögerlich die von ihm und seinem renommierten Institut empfohlenen Maßnahmen von der Politik umgesetzt wurden.

Die Nullserie war nach viralem Bekanntwerden übrigens binnen einer Nacht ausverkauft. Wer den rauchenden Virologen bestellt, wird wohl von Tino Günther und seiner Werkstatt erst Anfang kommenden Jahres eine Lieferung bekommen, so groß ist die Nachfrage. Geduld ist also auch hier gefragt, denn Holzkunst aus dem Erzgebirge ist nun einmal keine Massenware.

Erhältlich ist der Virologe bei spielwarenmacher-guenther.de . Kostenpunkt: 80 Euro.

Déjà-vu

Der kulturelle Lockdown wäre vermeidbar gewesen – ein Kommentar von Heinz K.

Als ich neulich im Oktober eine Veranstaltung besuchte, da stand die Corona-Ampel noch auf Grün – mit Tendenz zu Gelb. Noch bevor ich das Stadtmuseum betrat, setzte ich (angesichts des gleich am Eingang präsenten Museumspersonals) automatisch den Mund-Nasen-Schutz auf und behielt diesen auch an, bis ich einen Platz gefunden hatte. Es war eine nicht sonderlich gut besuchte Literaturveranstaltung, die Erscheinung einer eben nicht gerade unbedeutenden Lyrik-Anthologie sollte gefeiert werden. Wirklich gefeiert wurde natürlich nicht. Das Museumscafé war aus Hygieneschutzgründen nicht zugänglich, also wurde die Lesung kurzerhand in einen großen Ausstellungsraum verlegt, in dem die überdimensionierte Lüftung unentwegt Störgeräusche produzierte, was der Konzentration auf das Eigentliche abträglich war. Nun steht die Ampel auf Rot. Sogar auf Dunkelrot, wie uns der altersgrüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretzschmann, warnend versicherte.

Lesung mit Abstand

Irgendwie hatte man sich ja schon gewöhnt ans Maske tragen und Abstand halten. Und ans hinsetzen auch bei Stehveranstaltungen. Ein erneuter Lockdown, so wie im März geschehen, wurde vollmundig und fast einhellig von der Politik ausgeschlossen (außer natürlich vom ewig um die Bevölkerungsgesundheit besorgten Gesundheitsexperten der SPD, Karl Lauterbach). Eigentlich.

Und nun ist er da, verharmlosend als Lockdown Light oder Teil-Lockdown bezeichnet. Was bedeutet das für die Kultur? Die Einschränkungen mögen vielleicht gar nicht so drastisch erscheinen, wenn man weder an Kunst noch an Kultur oder gar an Subkultur irgendein Interesse zeigt. Aber mal ehrlich, wer möchte sich zu solch einem kulturlosen Typus zählen? Offensichtlich sind die Repräsentanten der 16 Bundesländer und die Bundesregierung einer Meinung, dass Kultur nicht systemrelevant und daher am ehesten verzichtbar ist.

Anders ist es nicht zu erklären, dass eine ganze Branche, die immerhin 1,5 bis 1,7 Mio. Menschen beschäftigt (die Schätzungen gehen je nach Lesart auseinander) stigmatisiert, seit acht Monaten an der Arbeit gehindert und mit Almosen wie Hartz4 für Soloselbständige oder Krediten abgespeist wird. Zugegeben, die Kultur-Lobby ist bei weitem nicht so einflussreich auf die Politik wie die Auto-, Pharma- und Ärzte-Lobby oder die großen Wirtschaftsverbände, aber immerhin ein nicht zu unterschätzender Bereich, in dem personalintensiv gearbeitet wird, um Menschen Freude zu bereiten und geistige Anregungen zu bieten.

Nicht ganz zufällig ist dies auch der Bereich, der mir am meisten Freude bereitet, weswegen ich mich auch dazu entschlossen habe, meine Berufung darin zu sehen, kulturelles Erleben im lokalen und regionalen Umfeld zu begleiten und zu befördern. Die Geringschätzung, die derzeit Künstlerinnen und Künstlern entgegenschlägt, schlägt auch auf die Kulturvermittler zurück. Auf Medien, Agenturen, Management, technischen Support. Jeder und jede im künstlerischen Bereich Kreative muss sich davon wie vor den Kopf gestoßen fühlen, weder systemrelevant noch irgend relevant zu sein. Sind die Stimmen aus der Kunst- und Kulturszene nicht laut genug, um da ein Umdenken zu bewirken? Leider nein. Die Kunst erneuert sich ja bekanntlich irgendwie von selbst, sie stirbt bestimmt nicht aus wegen eines Virus. Um die großen Institutionen machen sich anscheinend die wenigsten Sorgen. Tenor: die werden schon nicht fallengelassen, so hofft man. Aber was ist mit den vielen anderen? Hat die angeschlagene Kulturwirtschaft nicht auch ein Recht darauf, die Krise zu überleben?

Ich will hier gar nicht aufrechnen, wie sinnlos oder sinnvoll eine Schließung beispielsweise von Museen oder Theatern ist, wenn zugleich unter zumeist schlechteren Hygiene-Bedingungen der Besuch eines Baumarktes, x-beliebigen Ladengeschäfts oder Friseurs möglich ist. Um mal vom Gedränge im öffentlichen Nahverkehr ganz zu schweigen. Ich habe noch keine Politikerin, keinen Politiker gehört, der dafür eine plausible Erklärung parat hätte. Die Kontaktvermeidung, die sich Bundesregierung und Länderchefs jetzt angesichts steigender Fallzahlen auf die Fahne geschrieben haben, ist bei einem Museums- oder Theaterbesuchs unter der peniblen Beachtung behördlich genehmigter Hygiene-Auflagen obligatorisch. Trotzdem müssen Theater und Museen im November schließen. Wer da nach Logik sucht, wird sie nicht finden.

Andererseits sieht sich die Politik außerstande, die beschlossenen Maßnahmen wirksam zu kontrollieren. Auf Dresden heruntergebrochen, spielte sich am sogenannten Assi-Eck in der Neustadt (und punktuell auch am Elbufer) aus infektiöser Sicht über den Sommer hin monatelang Unbeschreibliches ab. Die Behörden schritten allenfalls ein, wenn die Situation alkoholisierter Partygänger zu eskalieren drohte. In einem demokratisch verfassten Rechtsstaat wie der Bundesrepublik muss eigentlich niemand befürchten, dass seine Privatsphäre ohne triftigen Grund ausgespäht und sanktioniert wird. Und genau das erscheint nun in der Politik im Bereich des Möglichen zu sein. Stichwort: Infektionsketten verfolgen. Die Exekutive ist offenbar nicht in der Lage, öffentliche Plätze in deutschen Großstädten zu kontrollieren. Wie sollte sie denn dann in der Lage sein, die privaten Rückzugsräume zu kontrollieren? Also bleibt im Grunde nur der Appell an die Vernunft oder die Ermunterung zum Denunziantentum. Der Appell an die Vernunft erscheint irgendwie auch notwendig. Nicht notwendig sind jedoch die drastischen Einschränkungen des Kulturlebens, die die Bundesregierung und die Repräsentanten der Bundesländer unter Umgehung lästiger Debatten in Bundestag und Länderparlamenten am Mittwoch dieser Woche beschlossen haben.

Der Kultursommer in Dresden könnte spannend werden

Die Stadträte Torsten Schulze und Holger Hase im Gespräch zur kulturellen Belebung des Sommers

Es ist, als wäre endlich der Stock aus dem Getriebe des Kulturlebens gezogen worden. Für den Sommer haben sich unterschiedlichste Veranstalter vorgenommen, wieder Kultur in die Stadt und Freude ins Leben zu bringen. Bei vielen der neuen Formate steht die Verpflichtung und damit die Unterstützung der lokalen freien Künstlerinnen und Künstler im Vordergrund. Wie sich dieses Engagement auch für andere Wirtschaftsbereiche und auch in der Zukunft auswirken könnte, darüber hat sich DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher mit den Stadträten Holger Hase, dem kulturpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion und Torsten Schulze, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen im Stadtrat unterhalten

Torsten Schulze

Die Kunst- und Kulturstadt Dresden liegt halbwegs in Agonie. Welche Rolle könnte oder sollte die Kultur einnehmen, um dem entgegenzuwirken?

Torsten Schulze: Die Agonie kann ich nur im öffentlichen Raum und durch die geschlossenen Veranstaltungsstätten erleben. Bei vielen Kulturschaffenden erlebe ich ganz viel Kreativität, wie sie mit der derzeitigen Situation umgehen. Das hat angefangen mit den zahlreichen Online-Streamingveranstaltungen und setzt sich jetzt im öffentlichen Raum fort. Ich sehe die vielen Kulturschaffenden als gut vorbereit und als wesentlichen Part bei einer Wiederbelebung unserer Stadt.

Holger Hase: Meiner Meinung nach steht eine lebendige Kulturszene immer für eine lebendige Stadtgesellschaft. Von daher müssen wir alles tun, den Kultursektor, unter den gegebenen Bedingungen, wieder zu beleben. Wenn die Menschen wieder Konzerte, Theater, Ausstellungen etc. besuchen können, wird auch der Optimismus und die Lebensfreunde in unsere Stadt zurückkehren.

Holger Hase

Es sind ja in letzter Zeit eine Reihe von freien und privaten Kulturveranstaltern, zum Beispiel in der Jungen Garde, auf den Plan getreten, um dem Publikum über den Sommer Programm zu bieten. Gibt es über den »Bespaßungsfaktor« hinaus noch weiteren Nutzen für die Stadt?

Torsten Schulze: Es ist erst einmal hoch anzurechnen, dass trotz der Begrenzung der Gästezahlen die Betreiber wieder bereit sind, unter diesen wirtschaftlich schwierigen Bedingungen wieder Konzerte, Filmprogramme und weitere Veranstaltungen anzubieten. Die Synergieeffekte sehe ich für viele andere Bereiche im öffentlichen Leben. Die Menschen bekommen wieder Lust, nach draußen zu gehen, sich in Cafés und Restaurants zu treffen, den einen oder anderen Einkauf zu machen und Museen oder Veranstaltungen zu besuchen.

Holger Hase: Ohne Frage ja. Kultur ist für eine Stadt wie Dresden auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gerade vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr wahrscheinlich viele Deutsche im Inland Urlaub machen werden, sollten und müssen wir alles dafür tun, dass kulturelle Angebote die Attraktivität des Reiseziels Dresden steigern helfen.

Alle neuen Formate haben auch zum Ziel, die lokalen freien Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Was kann die Stadt Dresden zur Verbesserung der Lage beitragen?

Torsten Schulze: Neben direkten finanziellen Unterstützungen wäre unter anderem die Ermäßigung oder der Erlass von Gebühren für Veranstaltungen und andere Nutzungen des öffentlichen Raums geeignet. Mit dem Verzicht auf Gebühren für Gastronomie und Einzelhandel haben wir da schon einen ersten Schritt getan. Auch die Förderung von Projekten unabhängig von Antragsfristen und die Auszahlung von Projektgeldern trotz Haushaltssperre ist eine weitere Maßnahme.

Holger Hase: Wichtig wäre, und das trifft nicht nur in Corona-Zeiten zu, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die es der freien Szene ermöglichen, ihr künstlerisches Wirken umzusetzen. Ich denke da vor allem an die Bereitstellung von Infrastruktur, wie etwa Atelier- und Ausstellungsräume. Dies sollte mit einer entsprechenden Förderpolitik hinterlegt werden. Wir beraten im Kulturausschuss gerade über den Kulturentwicklungsplan, der noch dieses Jahr verabschiedet werden soll. Da haben wir jetzt die Möglichkeit, die richtigen kulturpolitischen Weichen für die nächsten Jahre zu stellen.

Die Verhandlungen für den neuen Doppelhaushalt beginnen. Sind die Akteure der Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft bislang ihrer Rolle adäquat berücksichtigt worden? Wie ist die Einschätzung für die Mittelverteilung unter einem mit ziemlicher Sicherheit schrumpfenden Haushalt?

Torsten Schulze: Ich glaube die Investitionen in Menschen ist aktuell wichtiger als in Beton. Da braucht es bei der Aufstellung des kommenden Haushaltes eine Umsteuerung. Das Wirken der Kultur- und Kreativschaffenden trägt entscheidend für die Lebensqualität in unserer Stadt und deren Außenwirkung bei. Allerdings hat sich das bei der Bereitstellung von öffentlichen Mitteln nicht bei allen Akteuren wiedergefunden. Insbesondere die Freie Szene ist damit konfrontiert, weit unter den Honoraruntergrenzen tätig zu sein. Hier braucht es ein Umdenken.

Holger Hase: Wir Kulturpolitiker im Stadtrat sind ständig im Gespräch mit den kulturellen Akteuren in unserer Stadt, um Meinungen und Wünsche abzuholen, die später in konkrete politische Anträge umgesetzt werden können. Uns ist allen klar, dass wir den Gürtel in den nächsten Jahren enger schnallen müssen und zur Sparsamkeit aufgerufen sind. Doch die Frage ist, wie und wo wird gespart? Es gibt da meines Erachtens parteiübergreifend eine große Einigkeit, dass wir trotz des finanziellen Drucks unbedingt verhindern müssen, dass im Kultursektor substanzielle Verluste eintreten.

Wo werden in den kommenden Haushaltsverhandlungen die übergeordneten Prioritäten liegen und wie sieht eine persönliche Liste aus jeweils drei Punkten aus?

Torsten Schulze: Die Erhöhung der Mittel für die institutionelle und Projektförderung in Kultur und Sport, die Förderung von Nachhaltigkeit und eine zukunftsfähige Stadtentwicklung, die an die Klimaveränderung angepasst ist, Radwege und nachhaltiger Tourismus in Dresden. Der Erwerb und die Sanierung der Robotronkantine kann verschoben werden, über den Einsatz von städtischen Mitteln für die Wiedereröffnung des Fernsehturms sollte noch mal grundsätzlich nachgedacht werden, eine Realisierung des neuen Verwaltungszentrums durch ein städtisches Tochterunternehmen ist ernsthaft zu prüfen

Holger Hase: Die Stadt muss zunächst ihre Pflichtaufgaben erfüllen, das ist ganz klar. Bei den freiwilligen Leistungen – und dazu gehört eben auch die Kultur – werden wir um eine Prioritätensetzung nicht herumkommen. Hier sollten Investitionen in Zukunft Vorrang vor kurzfristigen konsumptiven Ausgaben haben, wobei natürlich auch bei den Investitionen verschiedene Dinge auf den Prüfstand gestellt werden müssen und überlegt werden sollte, ob man nicht das eine oder andere Vorhaben über einen längeren Zeitraum strecken kann.

Es scheint sich ja ein wirklich spannender Kultursommer anzubahnen. Wird dies eine Eintagsfliege bleiben, oder wäre ein Sommerkultur-Festival im öffentlichen Raum (analog Greenwich Festival) begrüßenswert?

Torsten Schulze: Eine Belebung des Stadtgebiets, nicht nur der Innenstadt, ist perspektivisch gesehen ein gutes Angebot in den Sommermonaten, um Gäste in die Stadt zu holen und auch für die Dresdnerinnen und Dresdner. Wenn diese Angebote zeitlich nicht in Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen wie etwa zur Jungen Garde, dem Palais Sommer oder den Filmnächten stehen, fände ich das sehr überlegenswert. Eine Auswertung des diesjährigen Kultursommers, insbesondere der Kulturinseln, ist daher sehr wichtig, um über eine mögliche Fortsetzung sachlich debattieren zu können.

Holger Hase: Ich hoffe nicht, dass dies eine Eintagsfliege bleibt. Sollte das Format Erfolg haben, sollten wir zügig daran gehen, für eine Fortschreibung über das Jahr 2020 hinaus zu sorgen. Alles was unsere Innenstadt belebt, den Tourismus fördert und die Kulturszene belebt, findet politisch die Unterstützung der Liberalen.

Anmerkung

Das Gespräch mit Holger Hase und Torsten Schulze wurde vor dem Stadtratsbeschuss am 25. Juni zu den Dresdner Kulturinseln 2020 geführt.

Nachtrag

Zum Stadtratsbeschluss vom 25. Juni 2020, die ab 18. Juli stattfindenden Kulturinseln im Stadtgebiet zu erweitern und mit 1 Million Euro auszustatten, äußerte sich Torsten Schulze wie folgt:

»Mit der Aufstockung des Gesamtbudgets auf 1 Million Euro gibt es jetzt die Chance, mehr Veranstaltungsorte insbesondere auf der Neustädter Seite zu kreieren und mehr Kunst- und Kulturschaffenden Auftrittsmöglichkeiten und damit ein Einkommen zu sichern. Die Verantwortung für das Gelingen des Kulturinselsommers ist damit gestiegen und ich wünsche mir, dass alle Akteure zügig und professionell zusammenfinden, um gemeinsam unter einem Dach das Projekt zu einem Erfolg zu machen.«

Kultur ist kein Luxus

Ein Zwischenruf von Heinz K.

Hygiene-Regeln, Sicherheitsabstand, Homeoffice – Seit dem Lockdown am 13. März ist nichts mehr wie es war. Und an die neuen Begrifflichkeiten müssen wir uns wohl auch erst gewöhnen, die uns im Zuge der ergriffenen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus begleiten.

Aktion Stumme Künstler am 13.5.2020 am Dresdner Elbufer, Foto: meeco Communication Services

Seit nunmehr acht Wochen steht das gesellschaftliche Leben still, und auch nach den ersten Lockerungen vom 4. Mai ist nicht an eine unbeschwerte Neuauflage zu denken. Was bedeutet das für eine Kunst- und Kulturstadt? Mindestens bis 31. August sind Großveranstaltungen untersagt, die beiden Dresdner Staatstheater und weitere Theater wie jenes in Bautzen haben ihre Saison bereits vorfristig beenden müssen. Die Politik hangelt sich im zweiwöchigen Rhythmus von Verfügung zu Verfügung. Wirklich planbar ist so eigentlich nichts, denn solange es Kontaktbeschränkungen gibt, ist an normale Veranstaltungen, die ja auch immer ein Gemeinschaftserlebnis sind, nicht zu denken. Es ist kaum vorstellbar, eine Party oder ein Konzert im Clubrahmen mit Mundschutz im gebührenden Sicherheitsabstand zu feiern und für jedes Getränk vor die Tür gehen. Das würde so nicht funktionieren. Die Theater können zudem auch nicht von jetzt auf gleich hochgefahren werden. Sie brauchen Vorlaufzeit und einen neuen Spielplan. Vor allem fehlt die Planungssicherheit, die einen Zeithorizont eröffnet, in dem Veranstaltungen, unter welchen konkreten Bedingungen auch immer, wieder möglich sind. Das ist eine Notwendigkeit, die uns in den dutzenden Interviews, die wir in den letzten Tagen und Wochen geführt haben und weiterhin führen werden, bei allen Gesprächspartnern aus dem Kunst- und Kulturbereich begegnet ist.

Eines ist jetzt schon klar: Digitale Angebote, so gut sie auch sein mögen, können das physische Erlebnis nicht ersetzen. Je länger nun aber das kulturelle Leben brachliegt, umso größer wird der Hilfsbedarf und die Sorge, dass danach, wenn alles wieder hochgefahren werden kann, einigen Kulturträgern – ob privatwirtschaftlich orientiert oder öffentlich gefördert – die Puste ausgegangen ist. So fordern etwa die maßgeblichen Verbände der Musikwirtschaft ein bundesweites Soforthilfepaket von 582,17 Mio. Euro, um wenigstens 10 Prozent des riesigen Schadens, der in der Branche bislang entstanden ist, ersetzt zu bekommen und nicht Insolvenz anmelden zu müssen. Auch die freien Träger haben sich mit einem Hilferuf an die sächsische Landesregierung gewandt und fordern einen Schutzschirm für freie Kulturträger in allen Sparten und für deren Vermittlungspartner von 20 Mio Euro.

Immerhin haben Museen und Galerien wieder geöffnet, und die Not macht erfinderisch. Selbst totgeglaubte Formate wie das Autokino erleben derzeit eine Wiedergeburt. Kultur ist durchaus systemrelevant, »denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.« (Richard von Weizsäcker, 1991). Hoffen wir, dass der Ruf der Kultur nicht ungehört verhallt.

Unter Meinungskultur versammeln wir auf dieser Seite eine ganze Reihe an Stimmen aus der Kunst- und Kulturszene der Stadt. Die Interview-Reihe wird fortgesetzt.

»Wir fahren zurzeit alle nur auf Sicht«

Dresdens Kulturszene in Zeiten von Corona

von Jana Betscher

René S. hatte alles genau geplant und vorbereitet. Seine Anthologie war gerade aus der Druckerei gekommen, auf verschiedenen Lesebühnen der Stadt waren Termine bis zum Sommer vereinbart, das Programm dafür war bis ins Detail ausgefeilt – Es sollte sein großer Wurf als Autor und Herausgeber werden. Und nun: Alles abgesagt, zwei Jahre Arbeit perdu.


Vor ähnlichen Situationen stehen die Mehrzahl der freien Künstler und Kreativen in der Stadt und im Land. »Und die Lage trifft viele ins Mark« berichtet Nils Burchartz, Vorstand beim Branchenverband »Wir gestalten Dresden«: »Eine abgesagte Tour zum Beispiel bringt eine Band schnell in den wirtschaftlichen Totalausfall, denn eine Tour sichert gewöhnlich das finanzielle Auskommen für die Musiker über einen längeren Zeitraum.«

Bei den Akteuren geht zurzeit die Sorge vor einem Flächenbrand in der Kunst-, Kultur- und Kreativszene um. Denn Kultur und Kulturvermittlung gehören zu den arbeitskraftintensiven Produktionsfeldern, auf denen viel an Klein- und Kleinstunternehmer, auch in den technischen Gewerken, outgesourced ist, die mit Honorarverträgen, Einzelaufträgen und Projekten agieren. Dies betrifft nicht nur die einzelnen Künstler oder Künstlergruppen, sondern zieht seine Kreise auch zu den Konzert- und Tourveranstaltern, den Clubs, den privaten Theatern und schlussendlich auch zu den großen und kleinen Kulturinstitutionen.

Denn auch wenn die städtischen und staatlichen Kulturinstitutionen derzeit, zumindest was die Aufrechterhaltung des Betriebes und die Zahlung der Gehälter von den Förderstrukturen abgesichert sind, müssen auch sie in absehbarer Zeit wieder Einnahmen verzeichnen, so Torsten Schulze, Grünen-Stadtrat, der derzeit einen Eilantrag für den Stadtrat am 26. März vorbereitet: »Wir als Stadt sind auch sehr darauf angewiesen, dass wir in unseren Einrichtungen Einnahmen generieren. Und wenn die in Größenordnungen wegbrechen, dann haben wir als Kommune eine deutlich geringe Möglichkeit, dies zu kompensieren.«

Zu Beginn der Krise wurden in Berlin vollmundig große Hilfspakete angekündigt. Nur: Bislang blieb es weitestgehenst bei Ankündigungen, und diese beinhalten in erster Linie Stundungen bei den Finanzämtern, die Anmeldung von Kurzarbeit und erleichterter Zugang zu Krediten. So auch der von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig vorgebrachte Vorschlag, 650 Millionen Euro als sogenannte Nachrangdarlehen an Klein- und Kleinstbetriebe auszureichen.

Eine Herangehensweise, meint Nils Burchartz, die für die Betroffenen ein Danaer-Geschenk ist: »Denn für diese Akteure ist ein Kreditzugang traditionell extrem schwierig. Und die meisten von denen haben keine Rücklagen, und dann noch einen Kredit aufzunehmen, wird deren Lage auch langfristig nicht verbessern. Zumal wir ja auch gar nicht kalkulieren können, wie lange das Ganze andauert und wie dann das Publikum reagiert. Die musikalischen Künstlern, die ich kenne, sind jetzt schon panisch. Die sehen eine Show nach der anderen wird gecancelt, und der Zeitraum wird immer länger. Da ist kein Licht mehr am Horizont. Man darf nicht anehmen, dass die das schon schaffen werden, sie werden es im Zweifelsfall nicht schaffen.«

Einig sind sich Nils Burchartz und Torsten Schulze, dass, ohne den Freistaat und den Bund aus der Verantwortung zu entlassen, von Seiten der Stadtverwaltung die ersten Rettungsmaßnahmen sofort angegangen werden müssen. Torsten Schulze: »Als Stadt sind wir schon ganz gut aufgestellt. Für unsere eigenen Einrichtungen können laufende Kosten gedeckt und gesichert werden. Die Frage ist eben, ob auch Honorarkräfte von der Stadt abgefangen werden. Wir haben in den Museen, an der VHS, an der Musikschule und auch an den Theatern Honorarkräfte. Da wäre es gut, wenn die Stadt von den Honoraren zumindest anteilig etwas bezahlen könnte, um den kompletten Einkommensausfall abzumildern. Von 60 bis 70 Prozent zu sprechen, erscheint mir realistisch.« Und Nils Burchartz ergänzt: »Ich sehe die große Gefahr, dass in einigen Einrichtungen die Mentalität ist: Der Betrieb ist eingestellt, wir kümmern uns um unsere Angestellten, und die Freien können nach Hause gehen, denn die haben ja noch andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Das ist de facto Quatsch. Zum Beispiel sind bei der HSKD sind zwei Korepititoren angestellt und die restlichen elf sind Freie.«

Auch gibt es Überlegungen, wie das Fixkostenpaket für den Kreis der Kulturakteure und -wirtschaftsbetriebe gedeckelt werden könnte. Dazu Torsten Schulze: »Es wäre auch die Frage, ob städtische Versorgungsunternehmen, wie die Drewag, die monatlichen Abschläge reduziert oder stundet. Es gibt die Möglichkeit, die Zahlungen über längere Zeiträume zu strecken oder über die großen Hilfspakete des Bundes, die angekündigt sind, zu holen. Denn eine Rechtsabteilung eines Energieversorgers ist sicherlich effizienter in der Lage, Hilfsgelder einzuwerben als der einzelne Club, das Privattheater.«

Hilfreich wäre sicherlich ein Notfallfond, den man auch auf städtischer Ebene einrichten könnte, »aus zweckgebundenen Haushaltsmitteln, über die der Stadtrat schnell entscheiden könnte«, so Torsten Schulze. Und diese Wirtschaftshilfe sollte auch noch weiterführende Dimension eröffnen, zum Beispiel als Zuschüsse, mit denen privatwirtschaftlich Kulturbetriebe ertüchtigt werden, auch ihren Freien eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Nils Burchartz hält es demzufolge für wichtig: »Wenn es wieder losgeht, braucht es ein kulturelles Konjunkturpaket, um die vorhandenen Strukturen abzusichern und wieder zu beleben, da sind dann auch KSK und Gema in der Pflicht.«

Unklar ist derzeit noch, welche Ausmaße das derzeitige wirtschaftliche Wachkoma erreichen wird. Noch ist gar nicht im Kalkül, dass ja auch die Kulturbesucher, die in der Privatwirtschaft beschäftigt sind, zunehmend von Einnahmen abgeschnitten werden und die Verunsicherung steigt. Auch hier sieht Torsten Schulze die Politiker in der Pflicht: »Es wird nicht über den Virus informiert. Es braucht eine Deadline, damit die Leute wissen, müssen sie sich noch drei Wochen organisieren oder fünf Wochen, oder bis in den Herbst hinein: An der Stelle muss Klarheit geschaffen werden. Auf unabsehbar, damit kann kein Mensch klarkommen und die Panik wird noch zusätzlich geschürt. Die Gefahr einen großen Crashs steigt umso mehr, je länger Unklarheit besteht. Und Nils Burchartz ergänzt: »Wir fahren alle zurzeit nur auf Sicht und das im dichtesten Nebel.«

Aktuell entscheidet der Stadtrat in der Sitzung am 26. März über eine Soforthilfe zur Unterstützung von Kleinstunternehmen, Selbständigen und Freiberuflern als Zuschuss von jeweils 1.000 Euro. Mehr unter www.dresden.de/corona

Aktuell beschlossen wurde die Soforthilfe: www.dresden.de/de/wirtschaft/wirtschaftsservice/soforthilfe-corona.php Unterstützungsprogramme sollen auch von der Bundesregierung und dem Freistaat Sachsen auf den Weg gebracht werden.

Update 29.3.2020. Inzwischen ist auch das Soforthilfeprogramm des Bundes für Selbständige, kleine Unternehmen, Freiberufler und Landwirte durch die Länder angelaufen: bundesfinanzministerium.de

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