Finallesung der DRESDNER Miniaturen

Am 18. Juli entscheidet sich live im riesa efau, wer den Preis gewinnt

Der Sommer kommt und endlich gibt es wieder Literaturveranstaltungen – juhu! Nach der langen Dürre freue ich mich besonders, in diesem Jahr erstmalig eine sehr schöne Veranstaltung moderieren zu dürfen: Das Finale des Literaturwettbewerbs »DRESDNER Miniaturen« nebst Preisverleihung nämlich. Bereits zum viertem Mal wird der Preis für die beste Kurzgeschichte verliehen.

Mit dem Ziel, Dresdner Autoren untereinander zu vernetzen, anzuspornen und gleichzeitig stärker ins Stadtgespräch zu bringen, hat der Verein arts up e.V. im Herbst 2019 die vierte Ausschreibung des Kurzgeschichtenwettbewerbs gestartet. Aus allen Einsendungen wurden 13 Texte ausgewählt, die seither fortlaufend hier im Heft abgedruckt wurden. Aus allen veröffentlichten Miniaturen der aktuellen Wettbewerbsrunde hat unsere Jury, bestehend aus der freien Journalistin Annett Groh, Autorin Josefine Gottwald, DRESDNER-Chefredakteur Heinz K., Buchhändler Jörg Stübing und dem Vorsitzenden des Vereins Literarische Arena und Mitherausgeber der Zeitschrift »Ostragehege« Aron Koban ihre sechs Favoriten ausgewählt. Am 18. Juli, treten diese live und vor Publikum mit ihren Texten gegeneinander an – Wer sich am Ende die Miniaturenkrone auf’s vor Freude strahlende Haupt setzen darf, entscheidet das Publikum sowie die schon genannte Jury, die um den Vorjahressieger Hans-Haiko Seifert ergänzt wird.

Es lesen: Manuela Bibrach, Katharina Goetze, Elke Egger, Xaver Grimplini, Willi Hetze und Patrick Wilden. Alle Autoren haben einen Bezug zu Dresden und bereits Texte veröffentlicht. In der Finallesung präsentieren sie zunächst ihren eingereichten Text sowie neue Texte. Neben der Jury gibt das Publikum via Stimmzettel sein Votum ab. Der Preis in Höhe von 600 Euro wird gestiftet vom DRESDNER Kulturmagazin, vergeben werden außerdem Sachpreise.
Kaddi Cutz

Die Autoren der Final-Lesung:

Katharina Goetze (* 1984 in Dresden). Nach Stationen in England, Ägypten, Laos, lebt sie seit 2015 zwischen Dresden und Wien. Studium der Journalistik, Soziologie und der Modernen Nahostwissenschaften in London, Kairo, Oxford. Preisträgerin beim Bundeswettbewerb Treffen junger Autoren, Lyrik in Fahrt und zeilen.lauf-Wettbewerb 2017. Finalistin des Open Mike 2018 und unter den Top20 beim FM4-Wortlaut 2017. Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien (darunter Der Maulkorb, Lichtungen, Karussell). Schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke. Ihr Dramolett I heart Gorbitz wurde im Juni 2019 als Teil von PPNews: Gerüchte in Kooperation mit Armada of Arts und dem Europäischen Zentrum für Künste Hellerau in Dresden-Gorbitz aufgeführt. Sie arbeitet derzeit an ihrem ersten Roman, dessen Arbeitstitel jeden Montag wechselt.

Elke Egger wurde in Geislingen an der Steige (Baden-Württemberg) geboren und zog nach dem Abitur Ende der 80er Jahre nach West-Berlin, wo sie Publizistik, Romanistik und Geschichte studierte. Persönliche, aber auch mediale Erlebnisse, die schwerer wiegen als andere, werden in ihren Geschichten verarbeitet, so auch in der vorliegenden der Amoklauf in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009. Ganz in der Nähe hatte sie als Schülerin ihr erstes Praktikum bei einer Tageszeitung absolviert. Seit 1994 lebt und arbeitet sie als Journalistin und Malerin in Dresden.

Willi Hetze, geboren 1985 in Dresden, studierte Soziologie und Psychologie und promovierte an der Universität Erfurt. Er arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Schriftstellervereins Dresdner Literaturner e.V. Literarisch befasst er sich mit der Digitalisierung und modernen Lebensentwürfen. 2015 erschien sein Erzählband Das Unbegreifliche der Katzenwege und er erhielt den Jury-Preis bei den Dresdner Miniaturen. 2018 folgte sein Roman Die Schwärmer, mit dem er für den SERAPH-Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert war.

Xaver Grimplini, 1987 geboren, wuchs in Görlitz auf. Zog nach Abitur und einer Ausbildung zum Krankenpfleger hundert Kilometer westwärts. Heute lebt er mit seiner kleinen Familie in Dresden, arbeitet seit ein paar Jahren auf einer Palliativstation und studierte nebenher Philosophie und Geschichte. Dadurch verband er Broterwerb und brotlose Kunst miteinander und weiß seither noch weniger, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Mit dieser Ungewissheit begibt sich der Autor schreibend auf die Reise, versucht gedanklichen Neben- und Lebensgeräuschen aus Beruf und Alltag eine textliche Form zu geben.

Manuela Bibrach, geboren 1971 in Dresden, ist Diplomingenieurin für Umweltbildbildung und -psychologie. Sie hat Gedichte und Prosatexte in diversen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht(u.a. in Der Maulkorb, entwürfe, Krautgarten, Dreischneuß, die Novelle, Versnetze, Ostragehege, Am Erker, Dichtungsring, Ort der Augen). 2012 war sie 1. Preisträgerin des 14. Irseer Pegasus, 2018 2. Preisträgerin des Feldkircher Lyrikpreises, 2019 3. Preisträgerin der Dresdner Miniaturen, und 2020 2. Preisträgerin des Prosawettbewerbs Antho?-Logisch! 2018 erhielt sie ein Auslandsstipendium (Breslau) der Sächsischen Kulturstiftung. Sie ist Mitglied der Oberlausitzer Autorenrunde sowie Mitglied im Dresdner Literaturforum.

Patrick Wilden, geboren 1973 in Paderborn, aufgewachsen in der Region Kassel. Nach einem Studium in Tübingen und einem Verlagsvoluntariat in Stuttgart arbeitete er viele Jahre in einem Antiquariat in Dresden und ist dort heute für eine Bibliothek und ein Archiv sowie als Redakteur in einer Literaturzeitschrift tätig. Im November 2019 erschien als Raniser Debüt sein Gedichtband Alte Karten von Flandern, woraus er seitdem auch auf Lesereisen vorträgt.

Die Finallesung der DRESDNER Miniaturen findet am 18. Juli um 17.30 Uhr im riesa efau statt, bei schönem Wetter als Open Air im Hof; Schlechtwettervariante: Runde Ecke. Moderation: Kaddi Cutz, Musik: DJ Cramér. Karten können zum Preis von 8 Euro / ermäßigt 6 Euro via E-Mail an arts.up@gmx.de vorbestellt oder an der Abendkasse erworben werden.

Im Wandel beständig

Die Verbrauchergemeinschaft feiert 30. Geburtstag

Mit drei Mitgliedern fing alles an: Die Idee, gesunde Lebensmittel aus der Region anzubieten und damit auch in den wilden Zeiten nach der Wende so manchem Erzeuger Preiskontinuität oder einfach eine (Über-)Lebensperspektive zu bieten. Nun hat sich die Verbrauchergemeinschaft (VG) seit 2005 zu einer Genossenschaft mit 11.000 Mitgliedern und bislang sechs Märkten plus einem Naturwarenladen hingearbeitet, und das Interesse ist ungebrochen.

Copyright Foto: Verbrauchergemeinschaft

Denn das Geschäftsprinzip ist ebenso schlicht wie bestechend. Die Genossenschaftsmitglieder erwerben mit der Zahlung einer monatlichen (familienfreundlichen) Pauschale das Recht, zu vergünstigten Preisen einzukaufen. Dies sichert der Verbrauchergemeinschaft ein Stück Liquidität und macht sich für die Kundschaft bei häufigem Einkauf im Geldbeutel bemerkbar, weil sich die Preise im Vergleich zum Einkauf konventioneller Produkte relativieren. Und wer sich für regionale Produkte entscheidet, sorgt auch dafür, dass das erwirtschaftete Geld im Lande bleibt. Die Entwicklung von einem Verein mit 25 Enthusiasten im ersten »Wohnzimmer«-Laden in der Schützengasse zu mehr als 200 sicheren eigenen Arbeitsplätzen und einer Vielzahl davon bei den Erzeugern ist auch eine mittelständische Erfolgsgeschichte.

Die Regionalität ist nicht nur der Ur-, sondern auch der Markenkern der VG. Mit einigem Stolz verweist Barbara Rische, eine der Genossenschafts-Vorstände, auf etwa 90 Lieferanten in einem selbstgesteckten Umkreis von 150 Kilometern, der inzwischen auch nach Tschechien und Polen hineinreicht. »Um dies zu zeigen, entwickelten wir bereits vor 15 Jahren eine Kennzeichnung für Regionalprodukte, auch um klarzumachen, dass mit dem Kauf dieser Waren die Wirtschaftskreisläufe in der Region gestützt werden«, so Barbara Rische. Dieses Anliegen ist seit diesem Jahr auch im Stadtraum sichtbar, gemeinsam mit 31 regionalen und überregionalen Erzeugern finanziert, fährt eine Straßenbahn im Dienste der Sache.

»Natürlich müssen wir auch bei Großhändlern international hinzukaufen, um bedarfsorientiert wirtschaften zu können. Aber auch da kennen wir die meisten Erzeuger. Wir versuchen mit unserer Informationsangeboten unter dem Titel »Bio in aller Munde« die Verbraucher zu ermuntern, saisonal einzukaufen«, sagt Barbara Rische und verweist darauf, dass auch bei der veganen Ernährung weniger auf Fertigprodukte und kleine Abpackungen zurückgegriffen werden kann. Denn auch Müllvermeidung ist ein wichtiger Aspekt für die VG. So wurden in mehreren Läden »Unverpackt-Strecken« aufgestellt, wo es möglich ist, sich Linsen Erbsen, Gummibärchen etc. in Pfandgläser abzufüllen. Auch in den angeschlossenen Bistros, die zur Zeit im »To-Go«-Modus laufen, ist es möglich, sich eigene Behälter füllen zu lassen oder sich welche auszuleihen.

Die Festivitäten zu 30 Jahre Verbrauchergemeinschaft werden schwerpunktmäßig im Herbst stattfinden. Geplant sind die bewährten Regionalmärkte mit Spiel, Spaß und Musik, ebenso die beliebten Busfahrten auf die Erzeugerhöfe. Um regionale Musiker zu unterstützen, werden in einigen Märkten in den nächsten Wochen CD-Regale aufgestellt. Reizvoll wäre es auch, dieses Engagement mit Konzerten zu komplettieren, schildert Barbara Rische die derzeitigen Überlegungen. Und noch weiteres ist in Planung: »Durch die Mehrwertsteuersenkung im letzten Jahr konnten wir etwa 4.000 Euro erwirtschaften, mit denen wir gerne ein Projekt, eine Initiative unterstützen möchten. Es sollte natürlich mit ökologischem Landbau und Ernährung zu tun haben. Eine Ausschreibung ist derzeit in Vorbereitung«, so Barbara Rische. Sich regional und nachhaltig zu engagieren muss sich also nicht nur auf den Handel mit Lebensmitteln beschränken.
JB

Man muss nicht zwangsläufig Genossenschaftsmitglied sein, um in den VG-Märkten einkaufen zu können; in den meisten gibt es ein Zwei-Preis-System. Viele weitere Informationen und in Bälde auch das Festprogramm gibt es unter: vg-dresden.de

Studieren in der Warteschleife

Studies berichten zum Start des neuen Online-Semesters wie es ihnen bisher im Home Office ergangen ist

Wie schon im Wintersemester 2020/21 wurde auch im Sommersemester 2021 die Präsenzlehre an den Universitäten in Dresden begrenzt. Faktisch bedeutet dies, das so gut wie alle Seminare und Vorlesungen ins Digitale verlagert wurden, zumindest solange die Corona-Ampel auf rot steht. Da sich die Lage zu bessern beginnt, steht eine Umschaltung auf Präsenzbetrieb in HTW und TUD im Raum. Mindestens solange heißt es also noch Bude, statt Audimax und Heimküche statt Mensa.

Anton, Anglistik
Als bereits »fortgeschrittener« Bachelor-Student (9 Semester!) habe ich durch das Online-Semester glücklicherweise keine sozialen Probleme – ich kenne bereits Leute und vereinsame nicht komplett. Das stelle ich mir als Neuankömmling deutlich schwieriger vor. Natürlich würde aber auch ich mich über einen baldigen Präsenzunterricht freuen, sofern das möglich ist. Die Konzentration fällt zuhause dann doch manchmal schwer. Für lineare Vorlesungen empfinde ich die Option der Audioaufzeichnung jedoch durchaus auch als hilfreich: bei enorm schläfrigen Dozierenden die Geschwindigkeit zu verdoppeln spart zum Beispiel jede Menge Zeit.

Anton

Gregor, Philosophie
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass im Online-Semester vor allem die Seminare, die vom Diskurs mit Lernenden und Lehrenden leben, leiden. Man weiß immer nie so genau, ob der andere entweder schon fertig mit dem ist, was er sagen wollte, oder überhaupt noch etwas sagen will, oder es reden zwei Leute gleichzeitig, oder es gibt eine große Stille und irgendwann im Semester geben einfach alle auf und niemand sagt mehr irgendwas. Schauderös! Das zweite große Problem das ich hatte, war es, von zu Hause zu arbeiten, während die Bibliothek nicht oder nur halb offen hatte. Zwar war es gut, dass die SLUB schnell wieder den Ausleihservice anbot, aber ich glaube, dass ich wesentlich produktiver hätte arbeiten können, wenn ich einen Arbeitsplatz außerhalb meines eigenen Zimmers gehabt hätte. Zuhause verschmilzt die Arbeitszeit mit Prokrastinationszeit und eigentlich auch jeder anderen Zeit.

Gregor

Clara, Lehramt Kunst und Anglistik
Was sich zunächst nach einer wunderbaren Möglichkeit anhörte, Uni für ein paar Wochen vom Bett aus zu machen, entpuppte sich schnell als enorme mentale Belastung. Ich habe mich oft überfordert und allein gelassen gefühlt, vor allem auf organisatorischer Ebene und beim Erschließen der Seminarinhalte. Denn auch die meisten Dozenten schienen trotz aller Bemühungen äußerst unsicher, wie ein Alternativprogramm anzugehen wäre. So langsam mag sich das einpendeln, hat aber auch mir, die ich glaubte, das System Uni nach einigen Semestern weitestgehend durchblickt zu haben, einiges an Kraft und Nerven abgefordert.

Clara

Philipp, Germanistik
Eigentlich wurde ja schon alles gesagt: Schön isses nicht! Klar ist aber auch, dass die »Corona-Konstellation« nicht jeden gleich trifft. Ich für meinen Teil war schon vor dem Super-GAU kein Organisationstalent, aber seitdem ich mein Seminar mit auf Toilette nehmen kann, ist mir erst so richtig klar geworden, wie schwer es ist, ohne wirklichen Druck von außen den Tag zu bewältigen. Dass es Leute gibt, die das schaffen, macht die Sache nicht unbedingt besser. Und auch, wenn einem zwei Semester von offizieller Seite »geschenkt« wurden, ist das Jahr, das immer als das »sich ewig hinziehende« bezeichnet wird, verschluckt worden in der ganzen Warterei auf das Ende. Zumindest habe ich persönlich noch nie das Gefühl gehabt, so wenig in zwölf Monaten erlebt und geschafft zu haben. Aber ich will mich nicht beschweren, wozu auch?

Philipp

Jonas, Bauingenieurwesen
Meine Online-Semester liefen bisher überraschend gut. Die digitale Form der Lehre eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sofern sie umfänglich angeboten wird. Meist ist das auch der Fall. Wenn dem jedoch nicht so ist, ist es natürlich ein Reinfall, und ich fange an, die betreffenden Module zu verschieben. Dass das eine sehr kurzsichtige Strategie ist, ist mir bewusst, besser als live gefilmte Tafelbilder abzuschreiben, ist sie allemal. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit der Umsetzung, was sicher auch an meinem naturwissenschaftlichen Studiengang liegt. Am schwersten fällt mir komischerweise nicht die Selbstmotivation, sondern die Organisation. Drei verschiedene Programme, Links zu den virtuellen Räumen finden, wann ist welche Abgabe, wie wird sie geregelt, wann sind Einschreibungen und so weiter. All diese Dinge fehlerfrei im Blick zu haben scheint unmöglich, zumindest für mich.

Jonas

Bleiben Sie gesund!

#allesdichtmachen und die Reaktionen auf die konzertierte Aktion – Ein Zwischenruf zur kritischen Vernunft von Heinz K.

Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger gewählt sein können: Am Abend jenes Tages, an dem die Bundesnotbremse der Regierung nach dem Bundestag auch den Bundesrat passierte und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Unterschrift drunter setzte, damit die Notbremse bundesweit in Kraft treten konnte, wurde die mediale Bombe unter dem Hashtag #allesdichtmachen gezündet. Hinter der konzertierten Aktion standen ursprünglich 54 prominente deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit kurzen Videos auf den sozialen Kanälen und auf YouTube zeitgleich in Erscheinung traten. Gemeinsamer Tenor: Kritik an der staatlichen Lockdown-Politik durch ironisch verfremdete Rollenprosa. Die Videos zeigen schauspielerische Etüden oder auch kleine kabarettistische Szenen, mal mehr, mal weniger gelungen, in denen eine von den Corona-Maßnahmen hart getroffene Berufsgruppe aufbegehrt und den Protest zugleich ironisch rahmt. Viele der Beiträge karikieren die politische Rhetorik dieser Tage und schließen mit der euphemistischen Botschaft: »Bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen.«

Bei Heike Makatsch etwa, die inzwischen ihr Video löschte und sich von der Aktion distanzierte, klingelt‘s an der Tür, aber sie macht nicht auf, »weil ich Verantwortung übernehme. Für dieses Land.« Sie mache sich Sorgen, »dass es da draußen egoistische Leute gibt, die aufmachen wollen«. Ulrich Tukur empfahl schwarzhumorig der Bundesregierung, doch gleich noch alle Lebensmittelläden und Märkte zu schließen. Denn: »Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.« Jan Josef Liefers übte sich in Medienkritik und bedankte sich in seinem Clip ironisch »bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben«. Nachdem es dafür auch reichlich Lob aus der rechten Ecke gab, teilte Liefers per Twitter mit, dass er »eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä.« glasklar von sich weise. »Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD.«, so Liefers.

Wenn man einmal davon absieht, dass seine Pauschalkritik »an den Medien« doch reichlich überzeichnet ist, so steckt darin natürlich auch ein Körnchen Wahrheit: Die Versuchung, Ereignisse dramatischer zu schildern als sie eigentlich sind, oder gar aus der Mücke einer beiläufigen Twitternachricht eine elephantöse Empörungswelle zu machen, ist bei Medien, die auf Click-Bites schielen, groß.

Das mediale Echo auf die Aktion ist jedenfalls gewaltig. Alle großen Tageszeitungen von Bild über FAZ bis Tagesspiegel, Zeitschriften wie Spiegel und Focus sowie natürlich auch die elektronischen Medien berichteten darüber. Was hierbei erstaunt, ist jedoch die Heftigkeit der Reaktionen. Vernichtende Kommentare wurden verfasst, Unterstellungen und Vorwürfe wurden geäußert. Pianist Igor Levit etwa twitterte die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei »schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztlich bloß fader Zynismus ist, der niemandem helfe und bloß spalte.« Jan Böhmermann – als Komiker selbst nicht gerade zimperlich im Austeilen von zynischen Tiraden – startete gar unter dem Hashtag #AlleNichtGanzDicht eine Gegenkampagne und stellte unter seinen Tweet ein Video aus der Intensivstation der Berliner Charité. Stefan Niggemeier vom Online-Magazin uebermedien.de verstieg sich zu der Aussage, dass dies ein »Dammbruch und zugleich der größte Erfolg der Querdenker-Szene bisher« sei. Schauspieler Ulrich Matthes, der sich erst im Februar bei der Kampagne ActOut als was auch immer outete, schlägt in die gleiche Kerbe. Schauspiel-Kollege Elyas M’Barek twitterte »Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.«. Das ist sicherlich richtig, aber ist die ganze Kampagne denn wirklich zynisch? Ist sie wirklich eine Verhöhnung der Opfer der Pandemie oder nicht vielleicht doch eine durchaus berechtigte Kritik an den als wenig wirksam wahrgenommenen Maßnahmen einer Regierung, die sich seit März 2020 vom Lockdown über den Lockdown light zur Bundesnotbremse gehangelt hat?

Um maximale Aufmerksamkeit ging es sicherlich. Die wurde durch Prominenz und die Aktion #allesdichtmachen erreicht. Eines nämlich haben all die Kunst- und Kultur-Verbände mit ihren Anliegen, Aktionen, Petitionen, offenen Briefen und dergleichen mehr nicht erreicht: dass die Kunst und Kultur von den politischen Entscheidern als systemrelevant wahrgenommen und in den Maßnahmen entsprechend berücksichtigt wurde. Von Kultur ermöglichen ist jedenfalls in der Bundesnotbremse keine Rede. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn unterbreitete immerhin den Initiatoren der gestrigen Kampagne ein Gesprächsangebot.  »Kritik sei normal«. so Jens Spahn,  »Ich wäre eher besorgt, wenn es keine gäbe.«

Zustimmung bekommt die konzertierte Aktion übrigens auch von der ehemaligen Linken-Vorsitzenden Sahra Wagenknecht, die twitterte, dass dies eine »klasse Playlist« sei, »in der bekannte Schauspieler/innen ihre Empörung über die aktuelle Corona-Politik wunderbar ironisch zum Ausdruck bringen«. Aber da gab es auch Beifall aus der falschen Ecke. Ist die Botschaft kontaminiert, wenn man in rechten Zirkeln und Parteien oder in Verschwörungskreisen die Video-Statements feiert und für eigene Zwecke benutzen will? Nein. Dies lag gewiss nicht in der Absicht der Initiatoren und es wäre auch eine bewusst in Kauf genommene Falschinterpretation der Aussagen. Denn, obwohl es bislang kein wirklich erklärendes Statement dazu gab, ist doch die Botschaft erkennbar: Allein die verbrauchten Phrasen (seid solidarisch, bleibt zuhause … ) und missglückten Erklärungsversuche der für die Corona-Maßnahmen politisch Verantwortlichen sprechen eine eigene Sprache. Dazu gibt es Gesprächsbedarf. Vor allem dann, wenn auch die Notbremse nicht greifen sollte.

Die lange Durststrecke des Einzelhandels

Ein Blick in Läden der Neustadt

Das Stadtbild steht mit seinen Plakaten zu längst vergangenen Veranstaltungen an Wänden, Säulen und Tafeln, geschlossenen Läden und hochgestellten Sitzgelegenheiten in der Gastronomie still und befindet sich im andauernden Winterschlaf. Wer die letzten Wochen durch die Dresdner Straßen spaziert und in die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte schaut, dem blickt hier und da noch die Winterware und die Weihnachtsdekoration an, immer wieder tauchen aber auch vereinsamte Glasfronten auf mit Schildern über leer stehenden Gewerberäumen, die zu vermieten sind. Laut dem Statistischen Bundesamt brach beispielsweise der Umsatz im Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren sowie der Einzelhandel mit Waren verschiedener Art im Januar 2021 gegenüber deb Umsatzzahlen von Januar 2020 um 76,6 Prozent ein. Dafür profitierte der Internet- und Versandhandel mit einem Umsatzanstieg von real 31,7 Prozent. Konsumiert wird also noch, nur verlagert sich der Einkauf vermehrt in den Online-Bereich, zum Leidwesen der regionalen Läden. Natürlich laden auch diese mit zahlreichen Zetteln und Hinweisen an den Türen der vorüber geschlossenen Geschäfte und laden zum Online-Shopping oder Anrufen ein. Seit 15. Februar ist der click&collect-Service wieder möglich, mit dem Ware, die zuvor online oder telefonisch bestellt wurde, im oder vor dem Ladenraum abgeholt werden kann. Durchgehend zu regulären Öffnungszeiten geöffnet und verfügbar ist übrigens auch das Neustadt-Original »Eisenfeustel«. Das Traditionsunternehmen auf der Bautzner Straße musste nicht schließen, da diese als »einschlägige Ersatzteilverkaufstelle« gilt. Doch gerade die Kommunikation über die Öffnung trotz Lockdown gestaltet sich schwierig. Deshalb hat der Mini-Baumarkt seit März letzten Jahres ein gut gepflegtes Instagram-Profil, welches liebevoll die breite Produktpalette vorstellt.

Anfang März stellte die Bundesregierung den Fünf-Stufenplan zur Öffnung vor. Je nach Inzidenzwert kann eine schrittweise Lockerung erfolgen. Schritt 2 lässt die teilweise Öffnung des Einzelhandels zu, darunter zählen Buchhandlungen, Blumengeschäfte und Gartenmärkte, die inzwischen als systemrelevant eingestuft werden. Schritt 3 schließt dann auch den restlichen Einzelhandel in die Öffnungen mit ein, alles verbunden mit Personen- und Zeitregelungen und einer stabilen Inzidenz von 50. Ein ausgelassenes und spontanes Einkaufserlebnis lässt also weiterhin auf sich warten, und von den Einzelhändlern wird organisatorisch viel abverlangt. Man kann nicht oft genug betonen, dass es sich lohnt, die regional ansässigen kleinen Shops zu unterstützen, anstatt weltweit Waren über Online-Giganten zu ordern.

Wer bei der Kunden-Kommunikation helfen will, ist der Gewerbe- und Kulturverein Dresden Neustadt. Darunter versammelt sich ein Netzwerk aus Gewerbetreibenden, das Interessen von ansässigen inhabergeführten Läden und Bewohnern des Viertels wahrnimmt, bündelt und in Maßnahmen umsetzt. So entstand im letzten Jahr das Projekt »Neustadt bringt’s«. Auf der gleichnamigen Website, die durch den Gewerbe- und Kulturverein Dresden Neustadt mit Unterstützung von »Neustadt-Geflüster« entstanden ist, veranschaulicht eine interaktive Karte welche Einzelhändler, Initiativen und Gastronomie- und Unterhaltungsangebote rund um die Neustadt ansässig sind, und ob diese ein Liefer- oder Abholangebot anbieten. Neben den gebündelten Kontaktinformationen sind zudem noch eine Kalenderfunktion geplant, die über aktuelle Aktionen hinweisen soll. Zudem wird darüber nachgedacht, so Torsten Wiesener vom Gewerbe- und Kulturverein, ob es möglich ist über die Website eine Lieferfunktion anzubieten, die im nahen Dresdner Raum einen Shuttle für Händler über ein Logistikunternehmen anbietet. Diese Idee ist durch die Schließungen und Kontaktbeschränkungen entstanden, sie soll und darf jedoch auch über die Corona-Maßnahmen hinaus den Service zur Verfügung stellen, Ware schnell und direkt ins Haus zu liefern.

Blume Salomé (Copyright: Annett Zollfeldt Fotografie)

Aber wie ergeht es denn nun regionalen Händlern seit dem Lockdown, und wie schauen sie auf das Geschäftsjahr 2021? Dazu war DRESDNER-Autorin Jenny Mehlhorn im Gespräch mit Torsten Daae vom Catapult, Remo Dudek von art+form, Maria Bernhardt von Blume Salomé und Steve Kupke vom Unipolar, die stellvertretend für den Einzelhandel ein gegenwärtiges Stimmungsbild wiedergeben, das zeigt, wie viel Mühe und Herzblut in die einzelnen Ladenprojekte gerade gesteckt wird.

Was habt ihr während der Schließung gemacht, gestaltet, verbessert, verwirklicht?

Catapult: Zunächst ist durch die zwangsweise Schließung der normalerweise umsatzstärksten Wochen vor Weihnachten unser Ladenumsatz seit dem 14. Dezember 2020 komplett eingebrochen. Wie auch im Frühjahrs-Lockdown haben wir neben der Inventur im Januar weiter verstärkt an unserem Onlineshop-Angebot catapult.de gearbeitet und die erfolgreichen Corona-Care-Pakete durch weitere Geschenkboxen sowie den weiteren Aufbau des Gesamt-Onlinesortiments deutlich erweitert.

art+form: Tatsächlich waren wir auf den zweiten Lockdown besser vorbereitet als beim ersten Mal im März, wo es uns ziemlich unerwartet getroffen hatte. Nach kurzem Verschnaufen, so mitten im Weihnachtsgeschäft ausgebremst zu werden, haben wir viele Kapazitäten in unseren Onlineshop gesteckt. Viele Stammkunden und Dresdner haben die Chance genutzt, sich darüber mit letzten Weihnachtsgeschenken zu versorgen. Wir haben Anfang Januar unsere Inventur etwas verlängert, einmal alles gezählt und auf Hochglanz poliert. Wir haben die Zeit genutzt, neben einem neuen Kassensystem auch eine neue Warenwirtschaft für den Laden zu installieren – nun sind wir ganz gespannt auf die Feuertaufe zur Ladenöffnung. Wir haben gestrichen, gefliest, und nun bekommt noch unser Parkett einen neuen Schliff und eine neue Versiegelung – wird sind also rundum bestens vorbereitet auf den Neustart.

Blume Salomé: Ich habe Mitte November aufgemacht und hatte einen sehr guten Start. Die Umsätze sind dann mit dem Lockdown von heute auf morgen um ca. 60 Prozent eingebrochen. Zu Weihnachten kamen noch einige Bestellungen rein, das hat noch etwas Geld in die Kasse gebracht. Im Januar konnte ich mit den Einnahmen nicht mal ansatzweise die Fixkosten decken. Seit Februar geht es wieder etwas aufwärts. Ich bin angewiesen auf Laufkundschaft, wie fast jedes Geschäft in der Äußeren Neustadt. Da ich erst im November aufgemacht habe, habe ich leider kaum Stammkunden und es dauert auch ohne Lockdown lange, bis sich ein neuer Blumenladen herumgesprochen hat. Mit der Schließung habe ich erst mal Pause gemacht, geputzt, letzte Babykrankheiten des Online-Shops behoben, im Laden umgestellt. Ich verkaufe neben Blumen, Vasen und Töpfen auch Prints und Grußkarten von ausgesuchten Designern und Illustratoren. Hier hatte ich endlich mal Zeit, mich um neue Kooperationen zu kümmern.

Unipolar: Es war erst mal ein Schock, aber wir haben das Beste daraus gemacht. In der Weihnachtszeit waren es erfreulicherweise viele Onlineshop-Bestellungen, mit denen wir gut beschäftigt waren. Im Januar wurde es wie erwartet ruhiger. Wir haben im neuen Jahr mit der Inventur angefangen. Als klar wurde, dass die Wiederöffnung verschoben wird, haben wir uns Gedanken gemacht wie wir den Laden aufhübschen können. Dann haben wir mit der Renovierung begonnen. Parallel arbeiten wir an dem Ausbau unseres Onlineshops und möchten die Benutzerfreundlichkeit zum Beispiel durch Filtermöglichkeiten verbessern. Wir haben die Zeit auch genutzt, um unsere Arbeitsabläufe zu optimieren und ein Arbeitshandbuch für alle zu verfassen.

Catapult auf der Rothenburger/ Ecke Böhmische Straße

Was sind eure Erfahrungen mit click&collect, und welchen Service könnt ihr noch anbieten?

Catapult: Click&collect war in Sachsen seit dem Lockdown im Dezember behördlich untersagt, erst seit dem 15. Februar können wir es wieder unseren Kunden anbieten. Bislang wird diese Einkaufsmöglichkeit jedoch sehr zaghaft genutzt. Über unseren Onlineshop www.catapult.de versenden wir europaweit per DHL unsere beliebten Geschenkpakete.

art+form: Endlich ist es nun wieder möglich, vorab bestellte Waren direkt bei uns abzuholen. Bestellen kann man bequem im Onlineshop, aber auch telefonische Anfragen und Wünsche per E-Mail versuchen wir alle zu erfüllen. Natürlich ist es auch weiterhin möglich, sich die Waren einfach nach Hause liefern zu lassen – ab 40 Euro Bestellwert versenden wir deutschlandweit sogar ohne Versandkosten.

Blume Salomé: Ja klar, click&collect läuft. Leute bestellen Vasen, Pflanzen, Keramik, Prints und Grußkarten im Online-Shop und Schnittblumen via Google Maps (Chatfunktion), Telefon, Instagram und Mail. Es zieht sehr langsam an, aber es zieht.

Unipolar: Ja, man kann über unseren Onlineshop bestellen und die Bestellung täglich bei uns in der Neustadt abholen. Zusätzlich kann man sich per Telefon kompetent zu seinem Einkauf beraten lassen. Wir freuen uns durch die Abholung vor Ort über jedes freundliche Gesicht (hinter der Maske), das fühlt sich nach ein bisschen Normalität an, wenn man ansonsten nur Pakete packt. Wir merken definitiv einen Umsatzanstieg in unserem Onlineshop, der hauptsächlich von unseren Stammkunden genutzt wird.

Im Unipolar

Werdet ihr finanziell unterstützt, gibt es Hilfen vom Staat?

Catapult: Finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite haben wir bislang nicht erhalten. Einzige Hilfe ist die Beantragung des Kurzarbeitergeldes, welches jedoch erst nach zwei Monaten von der Bundesagentur an uns ausgezahlt wurde.

art+form: Das größte Problem ist die fehlende Planbarkeit. Entscheidungen zu Verlängerungen von Maßnahmen, neuen Vorschriften etc. werden immer sehr kurzfristig beschlossen, der Handel ist nicht einbezogen und es fehlt eine Perspektive, womit wann zu rechnen ist. Man kann da immer nur mutmaßen und das macht es schwierig, Warenbestände, Aktionen im Jahr aber auch Personal zu planen. Von allen vollmundig angepriesenen Unterstützungen von Land oder Bund ist bei uns nichts angekommen. Es deprimiert schon gewaltig, dass hier viel geredet und versprochen wird, aber real am Ende nichts ankommt. Da fühlen wir uns schon allein gelassen.

Blume Salomé: Natürlich ist Geld das größte Problem. Als Neugründerin sind für mich keinerlei Corona-Hilfen vorgesehen. Ich zehre von meinem Ersparten. Wenn ich nicht bald aufmachen darf, muss ich einen Kredit aufnehmen. Auch die Motivation leidet. Aber Aufgeben kommt momentan nicht in Frage.

Unipolar: Dadurch, dass unser Onlineshop einen gewissen Umsatz abwirft, sind wir für die Überbrückungshilfen nicht berechtigt. Trotzdem haben wir die monatliche Ladenmiete und weitere Fixkosten zu stemmen. Wir möchten gar keinen Ausgleich für den fehlenden Umsatz, aber eine Beteiligung an den Fixkosten wäre wünschenswert. Einiges an Winterware ist übrig geblieben, wobei wir hoffen, diese noch im nächsten Winter verkaufen zu können. In den kommenden Wochen erreicht uns die Frühlings- und Sommerkollektion, die wir stets vorfinanzieren müssen. Dadurch ergibt sich ein Liquiditätsengpass, welcher nur durch ein Darlehen gepuffert werden konnte. Bei regulärem Betrieb der Läden hätten wir es aus eigener Tasche stemmen können.

Wie plant ihr dieses Jahr?

Catapult: Die Planbarkeit ist tatsächlich sehr schwierig, da wir etwa für unser Oster-Sortiment einen Vorlauf von ca. einem halben Jahr haben, um Saisonware gezielt auf Messen einzukaufen. Die Messebesuche sind nun komplett weggefallen und eine Akquise neuer Artikel funktioniert nur über Online-Kanäle der vertrauten Lieferanten. Da derzeit noch unklar ist, ab wann unser Laden geöffnet werden kann, ist ein Einkauf an saisonaler Frühlingsware bislang im Vergleich zu den Vorjahren nur sehr zaghaft und vorsichtig erfolgt. Insgesamt sind wir jedoch optimistisch, dass mit Ladenöffnung wieder viele Kunden zu uns kommen werden.

art+form im Februar

art+form: Wir versuchen das Bestmögliche – mit Herz und Bauch und ordentlich Optimismus. Zum Start ins neue Jahr haben wir gesagt: »Es kann ja nur besser werden.«

Blume Salomé: Ich habe die wenigen Rücklagen, die ich für Investitionen hatte, aufgebraucht. Eigentlich wäre Anfang des Jahres der richtige Zeitpunkt, um Osterware zu bestellen. Hier werde ich einige Abstriche machen müssen, da ich nicht weiß, ob ich die Ware absetzen kann.

Unipolar:Wir haben gerade die Herbst/Winterkollektion bestellt, waren aber sehr zurückhaltend, da wir noch Lagerbestände haben und wir nicht wissen wie viele Monate im Jahr wir überhaupt öffnen können. Unseren Laden in Dresden-Mitte schließen wir zum 31. März dauerhaft. Wir wollten diesen eigentlich zum Abschluss noch gebührend mit Aktionen feiern, aber leider ist dies nicht möglich.

Vielen Dank!

Der Hunger auf Kultur

Wie Künstler, Kulturinstitutionen und die ganze Veranstaltungsbranche ums Überleben kämpft – von Heinz K.

»Ich könnte mir vorstellen«, hatte Torsten Tannenberg, Geschäftsführer des Sächsischen Musikrates Ende Januar in einem Interview mit dem MDR geäußert, »dass der eine oder andere [Musiker] sich jetzt doch überlegt, sein Lebensmodell zu ändern und einen festen Job annimmt.« Der Landesmusikrat Berlin hatte zu dem Thema eine Umfrage gestartet und alarmierende Zahlen veröffentlicht, nach denen 29 Prozent aller freischaffenden Musikerinnen und Musiker keine Zukunft mehr in ihrem Beruf sehen und beabsichtigen, die Branche zu wechseln oder dies bereits getan haben. Für nicht eben wenige Soloselbständige blieb es anscheinend nicht bei der Überlegung, sondern wurde zu einer Notwendigkeit, um den eigenen Lebensunterhalt noch selbst bestreiten zu können. Die Alternative, die keine ist, lautet Hartz IV.

Das geht nicht nur Künstlern und Kreativen so, die seit zehn Monaten keine Auftritts- und somit auch kaum Verdienstmöglichkeiten haben und die noch immer auf die versprochene November- oder Dezemberhilfe des Bundes warten, sondern auch personell und finanziell gut aufgestellte Unternehmen der Veranstaltungsbranche stehen vor dem Aus. Denn die Kulturwirtschaft hatte es zuerst getroffen, damals beim ersten Lockdown im März 2020, und es wird wohl die letzte Branche sein, die sich wieder regen und frei entfalten kann, wenn wir das Corona-Virus und dessen Mutationen endgültig besiegt haben werden. Aber wann wird das sein?

Glaubt man führenden Virologen, die zum Beratergremium der Bundeskanzlerin zählen, dann sind vielleicht im Sommer 2021 erste Lockerungen möglich. Vorausgesetzt, der gelieferte Impfstoff reicht. Die Ende Dezember auch in Sachsen nur schleppend angelaufenen Impfungen machen jedenfalls wenig Hoffnung, dass wir im Juni oder Juli wieder unbeschwert Festivals und kulturelle Großereignisse ohne Sicherheitsabstand genießen werden. Digitale Angebote, so ambitioniert oder gut gemacht sie auch sein mögen, können das physische Erlebnis nicht ersetzen. Je länger das kulturelle Leben brachliegt, umso größer wird der Hilfsbedarf und die Sorge, dass danach, wenn alles wieder hochgefahren werden kann, einigen Kulturträgern – ob privatwirtschaftlich organisiert oder öffentlich gefördert – inzwischen die Puste ausgegangen ist.

Der Fördertopf ist leer

Was wird dagegen unternommen? Die Landeshauptstadt Dresden etwa hat insgesamt 225.000 Euro zur Förderung der freien Kulturszene in der Krisenzeit zur Verfügung gestellt. Unterstützt wird sie bei »Kunst trotzt Corona« vom Branchenverband »Wir gestalten Dresden«. Die Gelder wurden in mehreren Förderphasen in Form eines 1:1-Matching-Funds über Crowdfunding-Kampagnen auf startnext.de verteilt, was ein zeitgemäßer und kluger, weil verbindender und aktivierender Ansatz ist. Kulturbegeisterte Dresdner erhalten damit die Möglichkeit, selbst aktiv das kulturelle Leben der Stadt mitzugestalten, indem sie Projekte ihrer Wahl schon mit kleinen Beträgen fördern und damit zur Realisierung verhelfen können. Für jeden gespendeten Euro legt die Stadt einen Euro dazu, je Projekt maximal 2.500 Euro. Solche Matching-Funds sind grundsätzlich motivierend für alle Seiten, ideal auch für die Projektbeteiligten, weil sie so nur einen Teil des gesamten Finanzrahmens selbst beschaffen müssen. Wer als erstes entsprechend viele Unterstützer gefunden hat, wirbt die maximalen 2.500 Euro für sein Projekt ein.

Nun verhält es sich aber so, dass nicht alle Kampagnen gleichzeitig gestartet sind. Da bei jeder Crowdfunding-Kampagne die Möglichkeit des Scheiterns besteht, gibt es die Gefahr, dass Teile der Gelder nicht vergeben werden können. Kommt es dazu, dass ein Projekt nicht erfolgreich finanziert werden kann, werden die darin aktuell gebundenen Mittel innerhalb des Fonds wieder freigegeben. Bereits seit Anfang Dezember ist der Fördertopf leer. Für noch laufende Kampagnen bedeutet dies, dass die Stadt nichts mehr dazu gibt. Nicht allen ist dieses Vergabeprinzip, das auch als »Windhundrennen« bezeichnet wird, bekannt. So ist es dem Frei-Spieler-Kollektiv (in Kooperation mit der HfBK und dem projekttheater) gerade noch so gelungen, für die Crowdfunding-Kampagne ihrer neuesten Theater-Inszenierung, den SciFi-Western »Walks Looking«, den Matching-Fund der Stadt anzuzapfen, bevor er ausgeschöpft war. Der für den 4. Februar geplante Premierentermin war freilich nicht zu halten – das Infektionsgeschehen hat das nicht zugelassen. Die Frei-Spieler rechnen jetzt mit der Premiere im zweiten Halbjahr 2021. Andere Projekte gingen leer aus. Diese Konstellation ordnet Matthias Daberstiel, Experte für Crowdfunding und Spenden, als kontraproduktiv ein: »Eigentlich ist das eine tolle Idee. Hier wird gefördert, dass die Künstler auch jetzt kreativ sind und gleichzeitig, dass die Dresdner diese Projekte unterstützen. Am Ende wird allerdings deutlich, dass sich die Künstler bemüht und Arbeit in die Kampagne investiert haben, aber es kommt nicht so viel Geld dabei herum, wie ursprünglich erwartet. Sicherlich war es Ziel der Stadt, möglichst viele Projekte davon profitieren zu lassen, damit auch möglichst viele Dresdner spenden. Aber dass das Geld nicht reichen könnte, wurde nicht diskutiert. Clever und auch fair wäre es an dieser Stelle von Seiten der Stadt, hier nachzulegen. Aber angesichts des aktuellen Haushaltes geht das natürlich nicht.«

Initiative Kulturgesichter: Es geht um das Sichtbarmachen der Leidtragenden

Fotoshooting für Kulturgesichter, Copyright Foto: Uwe Stuhrberg

Weil das alles nicht ausreicht, regt sich in den letzten Monaten des Jahres in mehreren großen Städten die Initiative »Kulturgesichter«. In Hamburg ging es wohl los, Stuttgart zog mit. So berichtet es Martin Vejmelka, Geschäftsführer der Agentur Landstreicher Konzerte: »Mit den dortigen Akteuren arbeiten wir schon viele Jahre zusammen. Da hat es nicht lange gedauert, bis sie uns gefragt haben, ob wir das nicht für Dresden übernehmen wollen. Dann hab ich mich mit Stephan »Erich« Tautz von der GrooveStation zusammentelefoniert. Kurze Zeit später war dann auch Mirko Glaser vom Blue Note mit im Boot.«

Zweck der Aktion ist es, ein Ausrufezeichen aus der brachliegenden Kulturlandschaft zu senden. Oder besser: von deren Akteuren in der gesamten Bandbreite bis zu den technischen Gewerken und den Dienstleistern, die für ein gelungenes Event unentbehrlich sind. Weil diese im Wortsinn von der Bildfläche verschwunden scheinen und nach der mittlerweile katastrophal langen Durststrecke befürchten, die kulturaffinen Dresdner könnten sich an ein Leben ohne Party, Konzert oder Lesung gewöhnen, wollen sie sich selbst Sichtbarkeit verschaffen. Kern der Aufmerksamkeitskampagne, die zum Großteil über Social Media läuft, sind Plakate, die im öffentlichen Raum als klare, reduzierte Statements die Gesichter, die Macher, die Leidtragenden in den Mittelpunkt rücken. Seit Mitte Januar liefen dafür im Alten Schlachthof die Shootings.

»Die Lage ist existenziell. Es gibt Kollegen, die aus der Not heraus bereits den Beruf gewechselt haben«, mahnt Uwe Stuhrberg, seines Zeichens Konzertveranstalter, der für die hiesige Initiative die Pressearbeit übernommen hat. »Das Ganze ist aus der bundesweiten Aktion ‚Ohne uns ist’s still’ hervorgegangen. Wir arbeiten jetzt hier, ganz ähnlich wie schon die Kollegen in Leipzig und Chemnitz, auf regionaler Ebene, direkt in der Stadt«, so das Credo. Die Portraits fallen dabei bewusst schlicht aus, darunter steht lediglich der Vorname der abgebildeten Person. »Es geht nicht darum, Betroffenheit zu demonstrieren. Wir wollen auch keine Werbung für konkrete Firmen oder dergleichen«, erläutert Martin Vejmelka. Und dies ist auch gut und richtig so. Denn hier geht es schlicht und ergreifend um das Überleben einer ganzen Branche, die immerhin etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Menschen beschäftigt. Zum Jahrestag der Pandemie wollen sich die Bündnisse der drei großen sächsischen Städte zusammentun. Für Mitte März sind dann große Aktionen im öffentlichen Raum geplant. Weitergehende konkrete kulturpolitische Forderungen sind damit allerdings nicht verbunden. So weit will sich die Kulturgesichter-Initiative dann doch nicht aus dem Fenster lehnen. Es fehlt offensichtlich auch an einer Struktur, um Handlungsempfehlungen für öffentliche Veranstaltungen erarbeiten zu können.

Kultur ist unser aller täglich Brot

Erprobte Hygiene-Konzepte gibt es aber schon an anderer Stelle. Mit einem Brief an die Kulturverantwortlichen von Bund und Ländern haben sich die Leitungen 50 führender Häuser für eine Öffnung der Museen stark gemacht. »Unsere Sorge gilt der Eindämmung der Pandemie, zugleich aber auch einer dem jeweiligen Verlauf von Corona angepassten Wiedereröffnung der Museen«, heißt es in dem Schreiben an Kulturstaatsministerin Monika Grütters sowie ihre Länderkolleginnen und -kollegen. »Die Museen haben schon nach der Phase des ersten Lockdowns ihre Häuser mit großer Sorgfalt der neuen Situation angepasst«, schreiben die Verantwortlichen. Museen seien sichere Orte, in denen Hygienemaßnahmen strikt befolgt und »wie an keinem anderen öffentlichen Ort« überwacht würden. Die meisten Museen verfügten über eine ausgefeilte Klimatechnik und Raumkapazitäten, die Bewegungsabläufe nach Distanzgebot steuern und entzerren könnten. »Es ist Konsens, dass sie seit Beginn der Pandemie nicht als Orte eines Infektionsgeschehens aufgefallen sind.«, heißt es weiter. Die Schließung von Museen wurde auch mit der Verringerung von Kontakten begründet, etwa bei der An- und Abfahrt mit öffentlichem Nahverkehr. Aber dieses Argument ist fadenscheinig, denn gerade Museen könnten »für den Hunger auf Kultur ein Angebot machen, ohne die gesellschaftliche Solidarität in Frage zu stellen«, so die Verfasser des Briefs, zu denen auch Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gehört. In der Tat ist es schwer zu verstehen, weshalb gerade Museen, die ja der kulturellen Grundversorgung dienen, bei langsam sinkenden Inzidenz-Zahlen geschlossen bleiben müssen.

Die sächsischen Theater jedenfalls müssen mindestens bis Ende März ihre Türen geschlossen halten. An einen normalen Probenbetrieb ist unter den derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen ohnehin nicht zu denken. Daher werden geplante Premieren und Gastspiele ins Ungewisse verschoben oder gleich ganz gestrichen. An dieser wie auch an anderer Stelle mangelt es an Planbarkeit, ab wann wieder ein Kulturereignis unter welchen Voraussetzungen stattfinden kann. Eine verbindliche Antwort darauf ist die Politik in Bund und Ländern bislang schuldig geblieben. Gern wird im Zusammenhang mit dem Auf und Ab des Infektionsgeschehens, dessen zweite Welle wir gerade erleben und die offenbar von niemandem in verantwortlicher Position vorausgesehen wurde, mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere gezeigt. Aber das ist kontraproduktiv. Anhaltspunkte dafür, dass Museen, Theater, Kinos oder Konzertsäle stark zum Infektionsgeschehen beigetragen haben, gibt es nicht. Eintrittskarten wurden meist nur personalisiert ausgegeben. Die Rückverfolgung etwaiger Infektionsfälle ist gerade hier relativ leicht. Doch ist dies nicht die Zeit für Differenzierungen. Das Gegenargument lautet, kein Lebensbereich könne gegenwärtig von sich behaupten, die Ansteckung nicht zu begünstigen. Kultur aber ist unser aller täglich Brot.

Alle derzeit noch aktuellen Crowdfunding-Projekte finden sich unter startnext.com
Kulturgesichter Dresden: allmylinks.com/kulturgesichterdresden

Stilles Mahnmal zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“?

Zur Kunst-Installation „Broken“ des Künstlers Dennis Josef Meseg am 5. Dezember am Neumarkt

Puppe oder Püppchen? Oder vielleicht doch nur die Reproduktion eines Opfer-Klischees?

„Künstler wollen etwas erschaffen, das der Welt keinen Schaden zufügt, sondern Freude bereitet“. Oder sie wollen eine Botschaft transportieren, so wie es die Installation „Broken“ des Bonner Künstlers Dennis Josef Meseg am 5. Dezember von 10 bis 18 Uhr am Dresdner Neumarkt intendiert. Meseg will mit der Aktion ein Zeichen setzen gegen Gewalt an Frauen, so wie er es zuvor schon in Bonn, Aachen, Bamberg oder Hamburg gesetzt hat. Die Umsetzung seiner Gedanken mündet in eine Installation, die aus 222 Schaufensterpuppen besteht, ummantelt von organgefarbenem Flatterfarband. Flatterband etwa sei ein Zeichen für Abgrenzung, im positiven Sinne als Schutz vor Gefahren, aber auch als ein Hindernis auf dem Weg zueinander zu verstehen. Seine Aktion will der Bildhauer, Maler und Autor als Aufruf verstehen, die Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Dagegen regt sich nun Kritik. Künstler:innen, Aktivist:innen und studentische Vertreter:innen weisen darauf hin, dass der Künstler mit „Broken“ bewusst impliziert, dass er in seinem Projekt von vielen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten insbesondere in den Städten, in denen er gastiert, gefördert würde. Dies sei faktisch falsch, so hat sich das Gleichstellungsbüro Rhein-Sieg bereits von seiner Aktion distanziert. Auch weitere Gleichstellungsstellen geben an, nicht in die Planung der Ausstellung involviert gewesen zu sein.

„Er inszeniert sich selbst als Fürsprecher Betroffener, während er die Kritik dieser Betroffenen ins Lächerliche zieht. Dabei zeigt die nur oberflächliche und unzureichende Beschäftigung mit den Themen, die er behandelt, eine Kontinuität. In seinem vorherigen, vom Land NRW geförderten Kunstwerk zur Corona-Pandemie verteidigt er auch Kommentare von Nutzer:innen, die Versatzstücke von Verschwörungsdenken beinhalten, bspw. Aussagen über eine „inszenierte“ Pandemie oder Mediendiktatur. Auch dort äußert er sich bereits paternalistisch gegenüber weiblich gelesenen Personen.“, heißt es in der Mitteilung vom 3. Dezember.
H.K.

Online werden Aktionen gegen Mesegs Installlation unter dem Hashtag #StillNotBroken zu finden sein. Ein erklärendes Statement ist hier nachzulesen.

Der hölzerne Virologe

Oder: Wie ein Holzkünstler aus Seiffen einen viralen Hit landete – von Heinz K.

Der Virologe von Tino Günther

Nicht nur Kulturveranstalter und Gastronomen, auch die Holzkünstler im gesamten Erzgebirge haben mit dem zweiten Lockdown und vor allem mit der Absage zahlreicher Weihnachtsmärkte zu kämpfen, sind mit letzteren doch ihre wichtigsten Absatzmärkte zusammengebrochen. Der findige Männelmacher Tino Günther aus dem erzgebirgischen Schnitzer-Eldorado, dem Spielzeugdorf Seiffen, wehrt sich auf seine Weise, um auf die wirtschaftliche Schieflage, in die er, wie so viele seiner Kollegen, schuldlos geraten ist – mit einem rauchenden Virologen. Denn: »Noch nie war der Beruf des Virologen so augenscheinlich wie in diesem Jahr«, so Günther, der übrigens Mitglied der FDP ist, im MDR. Die Ähnlichkeit des Virologenmännels mit dem bekanntesten und markantesten Vertreter dieser Zunft, Dr. Christian Drosten, ist natürlich rein zufällig. Selbstverständlich qualmt ein Virologe nicht aus dem Mund, denn da trägt er ja seine Maske, sondern aus dem Kopf. Gewiss rauchte Drosten auch des öfteren der Kopf, wenn er daran dachte, wie langsam und zögerlich die von ihm und seinem renommierten Institut empfohlenen Maßnahmen von der Politik umgesetzt wurden.

Die Nullserie war nach viralem Bekanntwerden übrigens binnen einer Nacht ausverkauft. Wer den rauchenden Virologen bestellt, wird wohl von Tino Günther und seiner Werkstatt erst Anfang kommenden Jahres eine Lieferung bekommen, so groß ist die Nachfrage. Geduld ist also auch hier gefragt, denn Holzkunst aus dem Erzgebirge ist nun einmal keine Massenware.

Erhältlich ist der Virologe bei spielwarenmacher-guenther.de . Kostenpunkt: 80 Euro.

Déjà-vu

Der kulturelle Lockdown wäre vermeidbar gewesen – ein Kommentar von Heinz K.

Als ich neulich im Oktober eine Veranstaltung besuchte, da stand die Corona-Ampel noch auf Grün – mit Tendenz zu Gelb. Noch bevor ich das Stadtmuseum betrat, setzte ich (angesichts des gleich am Eingang präsenten Museumspersonals) automatisch den Mund-Nasen-Schutz auf und behielt diesen auch an, bis ich einen Platz gefunden hatte. Es war eine nicht sonderlich gut besuchte Literaturveranstaltung, die Erscheinung einer eben nicht gerade unbedeutenden Lyrik-Anthologie sollte gefeiert werden. Wirklich gefeiert wurde natürlich nicht. Das Museumscafé war aus Hygieneschutzgründen nicht zugänglich, also wurde die Lesung kurzerhand in einen großen Ausstellungsraum verlegt, in dem die überdimensionierte Lüftung unentwegt Störgeräusche produzierte, was der Konzentration auf das Eigentliche abträglich war. Nun steht die Ampel auf Rot. Sogar auf Dunkelrot, wie uns der altersgrüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretzschmann, warnend versicherte.

Lesung mit Abstand

Irgendwie hatte man sich ja schon gewöhnt ans Maske tragen und Abstand halten. Und ans hinsetzen auch bei Stehveranstaltungen. Ein erneuter Lockdown, so wie im März geschehen, wurde vollmundig und fast einhellig von der Politik ausgeschlossen (außer natürlich vom ewig um die Bevölkerungsgesundheit besorgten Gesundheitsexperten der SPD, Karl Lauterbach). Eigentlich.

Und nun ist er da, verharmlosend als Lockdown Light oder Teil-Lockdown bezeichnet. Was bedeutet das für die Kultur? Die Einschränkungen mögen vielleicht gar nicht so drastisch erscheinen, wenn man weder an Kunst noch an Kultur oder gar an Subkultur irgendein Interesse zeigt. Aber mal ehrlich, wer möchte sich zu solch einem kulturlosen Typus zählen? Offensichtlich sind die Repräsentanten der 16 Bundesländer und die Bundesregierung einer Meinung, dass Kultur nicht systemrelevant und daher am ehesten verzichtbar ist.

Anders ist es nicht zu erklären, dass eine ganze Branche, die immerhin 1,5 bis 1,7 Mio. Menschen beschäftigt (die Schätzungen gehen je nach Lesart auseinander) stigmatisiert, seit acht Monaten an der Arbeit gehindert und mit Almosen wie Hartz4 für Soloselbständige oder Krediten abgespeist wird. Zugegeben, die Kultur-Lobby ist bei weitem nicht so einflussreich auf die Politik wie die Auto-, Pharma- und Ärzte-Lobby oder die großen Wirtschaftsverbände, aber immerhin ein nicht zu unterschätzender Bereich, in dem personalintensiv gearbeitet wird, um Menschen Freude zu bereiten und geistige Anregungen zu bieten.

Nicht ganz zufällig ist dies auch der Bereich, der mir am meisten Freude bereitet, weswegen ich mich auch dazu entschlossen habe, meine Berufung darin zu sehen, kulturelles Erleben im lokalen und regionalen Umfeld zu begleiten und zu befördern. Die Geringschätzung, die derzeit Künstlerinnen und Künstlern entgegenschlägt, schlägt auch auf die Kulturvermittler zurück. Auf Medien, Agenturen, Management, technischen Support. Jeder und jede im künstlerischen Bereich Kreative muss sich davon wie vor den Kopf gestoßen fühlen, weder systemrelevant noch irgend relevant zu sein. Sind die Stimmen aus der Kunst- und Kulturszene nicht laut genug, um da ein Umdenken zu bewirken? Leider nein. Die Kunst erneuert sich ja bekanntlich irgendwie von selbst, sie stirbt bestimmt nicht aus wegen eines Virus. Um die großen Institutionen machen sich anscheinend die wenigsten Sorgen. Tenor: die werden schon nicht fallengelassen, so hofft man. Aber was ist mit den vielen anderen? Hat die angeschlagene Kulturwirtschaft nicht auch ein Recht darauf, die Krise zu überleben?

Ich will hier gar nicht aufrechnen, wie sinnlos oder sinnvoll eine Schließung beispielsweise von Museen oder Theatern ist, wenn zugleich unter zumeist schlechteren Hygiene-Bedingungen der Besuch eines Baumarktes, x-beliebigen Ladengeschäfts oder Friseurs möglich ist. Um mal vom Gedränge im öffentlichen Nahverkehr ganz zu schweigen. Ich habe noch keine Politikerin, keinen Politiker gehört, der dafür eine plausible Erklärung parat hätte. Die Kontaktvermeidung, die sich Bundesregierung und Länderchefs jetzt angesichts steigender Fallzahlen auf die Fahne geschrieben haben, ist bei einem Museums- oder Theaterbesuchs unter der peniblen Beachtung behördlich genehmigter Hygiene-Auflagen obligatorisch. Trotzdem müssen Theater und Museen im November schließen. Wer da nach Logik sucht, wird sie nicht finden.

Andererseits sieht sich die Politik außerstande, die beschlossenen Maßnahmen wirksam zu kontrollieren. Auf Dresden heruntergebrochen, spielte sich am sogenannten Assi-Eck in der Neustadt (und punktuell auch am Elbufer) aus infektiöser Sicht über den Sommer hin monatelang Unbeschreibliches ab. Die Behörden schritten allenfalls ein, wenn die Situation alkoholisierter Partygänger zu eskalieren drohte. In einem demokratisch verfassten Rechtsstaat wie der Bundesrepublik muss eigentlich niemand befürchten, dass seine Privatsphäre ohne triftigen Grund ausgespäht und sanktioniert wird. Und genau das erscheint nun in der Politik im Bereich des Möglichen zu sein. Stichwort: Infektionsketten verfolgen. Die Exekutive ist offenbar nicht in der Lage, öffentliche Plätze in deutschen Großstädten zu kontrollieren. Wie sollte sie denn dann in der Lage sein, die privaten Rückzugsräume zu kontrollieren? Also bleibt im Grunde nur der Appell an die Vernunft oder die Ermunterung zum Denunziantentum. Der Appell an die Vernunft erscheint irgendwie auch notwendig. Nicht notwendig sind jedoch die drastischen Einschränkungen des Kulturlebens, die die Bundesregierung und die Repräsentanten der Bundesländer unter Umgehung lästiger Debatten in Bundestag und Länderparlamenten am Mittwoch dieser Woche beschlossen haben.

Der Kultursommer in Dresden könnte spannend werden

Die Stadträte Torsten Schulze und Holger Hase im Gespräch zur kulturellen Belebung des Sommers

Es ist, als wäre endlich der Stock aus dem Getriebe des Kulturlebens gezogen worden. Für den Sommer haben sich unterschiedlichste Veranstalter vorgenommen, wieder Kultur in die Stadt und Freude ins Leben zu bringen. Bei vielen der neuen Formate steht die Verpflichtung und damit die Unterstützung der lokalen freien Künstlerinnen und Künstler im Vordergrund. Wie sich dieses Engagement auch für andere Wirtschaftsbereiche und auch in der Zukunft auswirken könnte, darüber hat sich DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher mit den Stadträten Holger Hase, dem kulturpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion und Torsten Schulze, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen im Stadtrat unterhalten

Torsten Schulze

Die Kunst- und Kulturstadt Dresden liegt halbwegs in Agonie. Welche Rolle könnte oder sollte die Kultur einnehmen, um dem entgegenzuwirken?

Torsten Schulze: Die Agonie kann ich nur im öffentlichen Raum und durch die geschlossenen Veranstaltungsstätten erleben. Bei vielen Kulturschaffenden erlebe ich ganz viel Kreativität, wie sie mit der derzeitigen Situation umgehen. Das hat angefangen mit den zahlreichen Online-Streamingveranstaltungen und setzt sich jetzt im öffentlichen Raum fort. Ich sehe die vielen Kulturschaffenden als gut vorbereit und als wesentlichen Part bei einer Wiederbelebung unserer Stadt.

Holger Hase: Meiner Meinung nach steht eine lebendige Kulturszene immer für eine lebendige Stadtgesellschaft. Von daher müssen wir alles tun, den Kultursektor, unter den gegebenen Bedingungen, wieder zu beleben. Wenn die Menschen wieder Konzerte, Theater, Ausstellungen etc. besuchen können, wird auch der Optimismus und die Lebensfreunde in unsere Stadt zurückkehren.

Holger Hase

Es sind ja in letzter Zeit eine Reihe von freien und privaten Kulturveranstaltern, zum Beispiel in der Jungen Garde, auf den Plan getreten, um dem Publikum über den Sommer Programm zu bieten. Gibt es über den »Bespaßungsfaktor« hinaus noch weiteren Nutzen für die Stadt?

Torsten Schulze: Es ist erst einmal hoch anzurechnen, dass trotz der Begrenzung der Gästezahlen die Betreiber wieder bereit sind, unter diesen wirtschaftlich schwierigen Bedingungen wieder Konzerte, Filmprogramme und weitere Veranstaltungen anzubieten. Die Synergieeffekte sehe ich für viele andere Bereiche im öffentlichen Leben. Die Menschen bekommen wieder Lust, nach draußen zu gehen, sich in Cafés und Restaurants zu treffen, den einen oder anderen Einkauf zu machen und Museen oder Veranstaltungen zu besuchen.

Holger Hase: Ohne Frage ja. Kultur ist für eine Stadt wie Dresden auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gerade vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr wahrscheinlich viele Deutsche im Inland Urlaub machen werden, sollten und müssen wir alles dafür tun, dass kulturelle Angebote die Attraktivität des Reiseziels Dresden steigern helfen.

Alle neuen Formate haben auch zum Ziel, die lokalen freien Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Was kann die Stadt Dresden zur Verbesserung der Lage beitragen?

Torsten Schulze: Neben direkten finanziellen Unterstützungen wäre unter anderem die Ermäßigung oder der Erlass von Gebühren für Veranstaltungen und andere Nutzungen des öffentlichen Raums geeignet. Mit dem Verzicht auf Gebühren für Gastronomie und Einzelhandel haben wir da schon einen ersten Schritt getan. Auch die Förderung von Projekten unabhängig von Antragsfristen und die Auszahlung von Projektgeldern trotz Haushaltssperre ist eine weitere Maßnahme.

Holger Hase: Wichtig wäre, und das trifft nicht nur in Corona-Zeiten zu, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die es der freien Szene ermöglichen, ihr künstlerisches Wirken umzusetzen. Ich denke da vor allem an die Bereitstellung von Infrastruktur, wie etwa Atelier- und Ausstellungsräume. Dies sollte mit einer entsprechenden Förderpolitik hinterlegt werden. Wir beraten im Kulturausschuss gerade über den Kulturentwicklungsplan, der noch dieses Jahr verabschiedet werden soll. Da haben wir jetzt die Möglichkeit, die richtigen kulturpolitischen Weichen für die nächsten Jahre zu stellen.

Die Verhandlungen für den neuen Doppelhaushalt beginnen. Sind die Akteure der Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft bislang ihrer Rolle adäquat berücksichtigt worden? Wie ist die Einschätzung für die Mittelverteilung unter einem mit ziemlicher Sicherheit schrumpfenden Haushalt?

Torsten Schulze: Ich glaube die Investitionen in Menschen ist aktuell wichtiger als in Beton. Da braucht es bei der Aufstellung des kommenden Haushaltes eine Umsteuerung. Das Wirken der Kultur- und Kreativschaffenden trägt entscheidend für die Lebensqualität in unserer Stadt und deren Außenwirkung bei. Allerdings hat sich das bei der Bereitstellung von öffentlichen Mitteln nicht bei allen Akteuren wiedergefunden. Insbesondere die Freie Szene ist damit konfrontiert, weit unter den Honoraruntergrenzen tätig zu sein. Hier braucht es ein Umdenken.

Holger Hase: Wir Kulturpolitiker im Stadtrat sind ständig im Gespräch mit den kulturellen Akteuren in unserer Stadt, um Meinungen und Wünsche abzuholen, die später in konkrete politische Anträge umgesetzt werden können. Uns ist allen klar, dass wir den Gürtel in den nächsten Jahren enger schnallen müssen und zur Sparsamkeit aufgerufen sind. Doch die Frage ist, wie und wo wird gespart? Es gibt da meines Erachtens parteiübergreifend eine große Einigkeit, dass wir trotz des finanziellen Drucks unbedingt verhindern müssen, dass im Kultursektor substanzielle Verluste eintreten.

Wo werden in den kommenden Haushaltsverhandlungen die übergeordneten Prioritäten liegen und wie sieht eine persönliche Liste aus jeweils drei Punkten aus?

Torsten Schulze: Die Erhöhung der Mittel für die institutionelle und Projektförderung in Kultur und Sport, die Förderung von Nachhaltigkeit und eine zukunftsfähige Stadtentwicklung, die an die Klimaveränderung angepasst ist, Radwege und nachhaltiger Tourismus in Dresden. Der Erwerb und die Sanierung der Robotronkantine kann verschoben werden, über den Einsatz von städtischen Mitteln für die Wiedereröffnung des Fernsehturms sollte noch mal grundsätzlich nachgedacht werden, eine Realisierung des neuen Verwaltungszentrums durch ein städtisches Tochterunternehmen ist ernsthaft zu prüfen

Holger Hase: Die Stadt muss zunächst ihre Pflichtaufgaben erfüllen, das ist ganz klar. Bei den freiwilligen Leistungen – und dazu gehört eben auch die Kultur – werden wir um eine Prioritätensetzung nicht herumkommen. Hier sollten Investitionen in Zukunft Vorrang vor kurzfristigen konsumptiven Ausgaben haben, wobei natürlich auch bei den Investitionen verschiedene Dinge auf den Prüfstand gestellt werden müssen und überlegt werden sollte, ob man nicht das eine oder andere Vorhaben über einen längeren Zeitraum strecken kann.

Es scheint sich ja ein wirklich spannender Kultursommer anzubahnen. Wird dies eine Eintagsfliege bleiben, oder wäre ein Sommerkultur-Festival im öffentlichen Raum (analog Greenwich Festival) begrüßenswert?

Torsten Schulze: Eine Belebung des Stadtgebiets, nicht nur der Innenstadt, ist perspektivisch gesehen ein gutes Angebot in den Sommermonaten, um Gäste in die Stadt zu holen und auch für die Dresdnerinnen und Dresdner. Wenn diese Angebote zeitlich nicht in Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen wie etwa zur Jungen Garde, dem Palais Sommer oder den Filmnächten stehen, fände ich das sehr überlegenswert. Eine Auswertung des diesjährigen Kultursommers, insbesondere der Kulturinseln, ist daher sehr wichtig, um über eine mögliche Fortsetzung sachlich debattieren zu können.

Holger Hase: Ich hoffe nicht, dass dies eine Eintagsfliege bleibt. Sollte das Format Erfolg haben, sollten wir zügig daran gehen, für eine Fortschreibung über das Jahr 2020 hinaus zu sorgen. Alles was unsere Innenstadt belebt, den Tourismus fördert und die Kulturszene belebt, findet politisch die Unterstützung der Liberalen.

Anmerkung

Das Gespräch mit Holger Hase und Torsten Schulze wurde vor dem Stadtratsbeschuss am 25. Juni zu den Dresdner Kulturinseln 2020 geführt.

Nachtrag

Zum Stadtratsbeschluss vom 25. Juni 2020, die ab 18. Juli stattfindenden Kulturinseln im Stadtgebiet zu erweitern und mit 1 Million Euro auszustatten, äußerte sich Torsten Schulze wie folgt:

»Mit der Aufstockung des Gesamtbudgets auf 1 Million Euro gibt es jetzt die Chance, mehr Veranstaltungsorte insbesondere auf der Neustädter Seite zu kreieren und mehr Kunst- und Kulturschaffenden Auftrittsmöglichkeiten und damit ein Einkommen zu sichern. Die Verantwortung für das Gelingen des Kulturinselsommers ist damit gestiegen und ich wünsche mir, dass alle Akteure zügig und professionell zusammenfinden, um gemeinsam unter einem Dach das Projekt zu einem Erfolg zu machen.«