»Wer wenig Geld zur Verfügung hat, nutzt immer alle Möglichkeiten aus«

Fragen an Jens Besser – freischaffender Künstler und LackStreicheKleber – Urban Art Festival Dresden

Wie hast du persönlich die vergangenen Wochen erlebt?

Meine künstlerische Arbeit war vor allem von Absagen und massivem Verdienstausfall geprägt. Mir fehlt schon jetzt die Hälfte des diesjährigen Einkommens und ich lebe von hart Erspartem. Da ich eine Art »Erwerbsverbot« habe, kann ich schlicht nicht offiziell meiner Arbeit als freiberuflich tätiger Kunstschaffender und Kunstvermittler nachkommen. Aus der Not habe ich mit Freunden während des Lockdowns eine illegale Ausstellung auf einer Industriebrache organisiert – ich hatte die Isolation einfach satt. Auf der Industriebrache war auch genügend Platz für die Besucher, um Abstand zu halten. Alle Besucher waren sehr dankbar, was sich auch in den Spenden wieder spiegelte.

Die langjährigen Aktivitäten im öffentlichen Raum haben sich auf jeden Fall ausgezahlt. Während andere Kunstsparten nur eingeschränkt wahrgenommen werden konnten, hatte Urban Art großen Zuspruch. Werke im öffentlichen Raum haben einfach keine Problem mit Mindestabstand zwischen Betrachtern und es gibt keine Hygieneprobleme oder gar mit den Aerosolen.

Jens Besser

Was sind die größten Herausforderungen, die ihr bei LackStreicheKleber e.V. zu meistern habt?

Meine größte Herausforderung ist mit dem andauernden Ungewissheit klar zu kommen. Es ist einfach grauenhaft nicht zu wissen, was kommt und was überhaupt möglich ist. Deshalb wird es wohl noch weitere eigene inoffizielle Projekte geben, um mit dem Publikum in Verbindung zu bleiben. Meine Kunst lässt sich nur sehr schwer digitalisieren und verliert vor allem extrem an Tiefe bei einer Digitalisierung. Ob und wann es wieder offizielle Workshops gibt, hängt von den Einschränkungen ab. Aus finanzieller Sicht hoffe ich, dass es bald wieder los gehen kann.

Der Verein hat gerade weniger große Herausforderungen – die Ankündigung des Festivals wurde positiv aufgenommen und das Team hat viel Lust daran, das diesjährige Festival mit den vielen kleinen Veranstaltungen umzusetzen. Dank der Kleingliedrigkeit des Festivals ist es auch keine große Herausforderung, den Anforderungen bezüglich Mindestabstand und Hygienevorschriften nachzukommen. Unter den aktuellen Bedingungen war es im übrigen eine gute Entscheidung, nicht riesig zu wachsen, sondern lieber eine kleineres überschaubares Festival mit vielen kleinen Aktionen zu bleiben.

Wir haben auch im letzten Dezember bereits entschieden etwas von den Touristen weg, hin zu den lokalen Interessierten zu gehen – deshalb wurde das 6. LackStreicheKleber Festival in den September verschoben.

Ein weiterer Zufall ist, dass wir viele Absagen von Ausstellungsorten bekamen und wir deshalb schon von Anfang an eine Ausstellung unter freiem Himmel gedacht hatten. Dieses Konzept wird nun realisiert und ist irgendwie auch die konsequentere Lösung für ein Urban Art Festival.

Während der Corona-Krise haben sich viele digitale Kulturangebote herausgebildet. Wie siehst du diese Digitalisierung?

Ich sehe die Digitalisierung kritisch. Ohne eine entsprechende Qualität lässt sich kein gutes Angebot vermitteln. Die andauerne DIY-Praxis ist visuell oft grässlich und tut der Kultur nicht gut. Wenn diese Videos dann noch lange im Netz umherschwirren, wird man sich selber fragen: »Was habe ich da nur getan?«.

Außerdem halte ich vom Streamen nur in Ausnahmefällen etwas. Falls ein wirklich interessanter Vortrag aus Kapstadt gestreamt würde, und mich dieses Thema brennend interessiert, nehme ich in Kauf, vor dem digitalen Endgerät zu sitzen. Dagegen finde ich die DJ-Streams leider sehr uneinladend zum Tanzen, Feiern, Abhängen – eine Party lebt einfach von der Atmosphäre, den Menschen drumherum, dem Getränk in der Hand usw.

Zudem empfinde ich die zunehmende Arbeit an digitalen Endgeräten als eine Belastung. Es macht mir einfach keinen Spaß, viele Stunden auf einen Bildschirm zu schauen. Es ist total einengend. Ein genügend großer Projektionsraum mit entsprechender Technik ist leider viel zu teuer. Außerdem empfinde ich es total uninspirierend, immer in den eigenen vier Wänden zu sitzen. Wie soll man bitte in diesem Umfeld ein anspruchsvolles Kulturangebot entwickeln?

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?
Ich hoffe, dass außerhalb der Kultur mehr digitale Streamingdienste genutzt werden – zum Beispiel von Politikern. Auch die Digitaliserung von Förderinstitutionen geht hoffentlich mehr voran. Wir als Urban-Artists haben in unserem Kontext schon seit über 20 Jahren viel mit Skype, E-Mails, digitalen Nachrichtendiensten, Websites und anderen digitalen Hilfsmitteln gearbeitet, um internationale Projekte zu organisieren. Eine der ersten Dresdner Graffiti-Websites aus unserem Umfeld gab es bereits 1996. Diese Seite findet man sogar auf Graffiti.org verlinkt. Digitalisierung ist also nichts Neues. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, nutzt immer alle Möglichkeiten aus.

Kunst und Kultur haben einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, wenngleich sich dies bisher selten finanziell in den Taschen der Kulturschaffenden zeigte. Ich hoffe, dass in Zukunft Künstler fairer bezahlt werden. Kulturschaffende und Kulturprojekte müssen Rücklagen bilden können. Das geht nur, wenn sie endlich entsprechend ihrer Leistung bezahlt werden und faire Stundenlöhne erhalten.

Was wird sich verändern? Wie ist dein persönlicher Blick in die Zukunft?
Wir hoffen, dass in Zukunft neben der Digitalisierung auch ernstzunehmende Nachhaltigkeitsprinzipien in die Kulturszene und Kulturverwaltung kommen. Unter Nachhaltigkeit verstehen wir unter anderem resourcenschonend handeln, klimafreundliche An- und Abreise von Künstlern, weniger Masse, dafür Klasse.

Innerhalb wie außerhalb der Dresdner Urban Art gibt es da viel Nachholbedarf. Es kann nicht sein, dass Urban Art nur im Kontext von »Kriminalprävention« im Hauptteil des aktuell zu erarbeitenden Kulturentwicklungsplan steht. Da täuscht auch das Zusatzpapier im Anhang nicht darüber hinweg, dass man sich jahrelang eine Urban-Art-Kennen-Wir-Nicht-Brille aufgesetzt hat. Die wenigen geförderten Aktionen wie das LackStreicheKleber-Festival sind leider der Szene und der Stadt gegenüber vollkommen inadäquat.

Das 6. LackStreicheKleber Festival findet vom 12. bis 20. September unter dem Titel »Of true Colors on Bi Cycle« in Dresden statt und will Verknüpfungen zwischen Urban Art und dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel aufzeigen.

»Insgesamt sehen wir derzeit einen außergewöhnlichen Zusammenhalt«

Andrea Bielmeier, Romy Jaehnig und Frank Schöne vom Scheune-Team – befragt von Jenny Mehlhorn

Wie arbeitet ihr derzeit?

Das Scheune-Team arbeitet seit dem 1. April in Kurzarbeit und überwiegend im Homeoffice, aufgelockert durch vereinzelte Teamsitzungen – natürlich unter Einhaltung aller notwendigen Abstands- und Hygiene-Regelungen. Zum Glück haben wir einen großen Hinterhof und den Saal. Die Sommerpause haben wir uns dennoch anders vorgestellt. Zwischen dem 13. März bis 30. April waren allein 44 Scheune-Veranstaltungen von Verlegungen oder Komplettabsagen betroffen. Auch im Mai wird nichts stattfinden. In den ersten Wochen hatte man noch gut damit zu tun, das ganze Programm neu zu organisieren. Dann hat sich das Team engagiert weiterhin dem Großprojekt Sanierung der Scheune gewidmet. Mitte April lief beispielsweise eine Bürger*innenbeteiligung zur Fassade. Und die Arbeit an Konzepten für die Zeit während und nach der Sanierung des Hauses sichert zumindest den Blick in die weiter entfernte Zukunft ab Ende 2021.

Kulturzentrum Scheune: Dienstberatung in Corona-Zeiten

Wie geht ihr mit dieser Ungewissheit um?

Das aktuell praktizierte »Fahren auf Sicht« macht wirkliches Planen beinahe unmöglich. Eine offiziell legitimierte Definition wäre also schon hilfreich. Allerdings steht dann die Frage im Raum: Traut man sich tatsächlich auch die Umsetzung einer »kleinen Großveranstaltung« zu? Und kommen dann auch Besucher?

Was stellt sich als das größte Problem für euch heraus? Wie finanziert ihr euch bei ruhendem Veranstaltungsbetrieb? Greifen die Förderungen und Hilfen?

Der Mai ist ohnehin schon auslaufende Hauptsaison. Der Wegfall der Gastronomie, der Bunten Republik Neustadt und die Unwägbarkeiten für den Schaubudensommer (wurde nach dem Interview inzwischen abgesagt) tun ihr übriges. Die drohenden Einnahmeeinbußen über mehrere Monate hinweg lassen sich irgendwann nicht mehr so einfach kompensieren. Soforthilfen und alle getroffenen solidarischen Maßnahmen sind eine dankbare kurzfristige Hilfe, könnten womöglich aber nicht reichen. Für Kulturbetriebe mit einem internationalen Programm sind die Folgen, auch bei gelockerten Maßnahmen vor Ort nachhaltiger – nicht nur finanziell, sondern auch hinsichtlich eines allgemein vielfältig verfügbaren Angebots mit all seinen Nischen. Die neue Saison wird derzeit stark mit Nachholterminen verbucht, aber sind die Menschen dann wirklich kulturell so ausgezehrt, dass sie über Monate hinweg auf drei Konzerte pro Woche gehen? Insgesamt sehen wir derzeit aber einen außergewöhnlichen Zusammenhalt, auch dank der sehr engagierten Arbeit des Dresdner Klubnetzwerkes.

Kreativ aus der Not heraus zu werden, etwa durch neue Veranstaltungsformen. Welche Möglichkeiten habt ihr?

Wir haben uns über mehrere Tage an den Klubnetz Streaming Sessions beteiligt, die in der aktuellen Lage sicher eine gute Lösung sind, das Live-Erlebnis aber nicht ersetzen können. Zudem stehen wir im Austausch mit einigen lokalen Künstler*innen und Partnern und erarbeiten verantwortungsvolle Formen der Umsetzung. So lange in unseren Räumlichkeiten keine Konzerte und Partys möglich sind, kann man diese beispielsweise auch für Weiterbildungsformate oder andere »ruhige« Konzepte nutzen. Platz genug haben wir jedenfalls. Es wäre aus finanzieller Sicht, aber auch für die Motivation der Kolleg*innen, sehr hilfreich, die geplanten Sommer Open Airs durchführen oder zumindest die Bespielung des Vorplatzes wieder aufnehmen zu können.

Was wird dir/euch 2020 wahrscheinlich am meisten im Dresdner Kulturleben fehlen?

Die Abwechslung, das direkte Feedback und der Applaus des Publikums.

»Was wir brauchen, ist eine Ansage und zwar eine einheitliche, bundesweit«

Bernhard Reuther, Geschäftsführer des ehemaligen Kino im Dach und künftigen »Zentralkino« im Kraftwerk Mitte – befragt von Martin Krönert

Bernhardt Reuther

Hallo Bernhard, wie ist es dir in den letzten Wochen und Monaten so ergangen?

Alles ganz okay. Bis auf die Coronageschichte. Die war so nicht vorgesehen (lacht). Im Groben läuft bei uns alles nach Plan weiter. Der Umzug vom Kino im Dach zum Zentralkino war ja schon weit vorher festgelegt. Es gibt ein paar Verzögerungen baubedingt, die auf Corona zurückzuführen sind und so nicht geplant waren. Aber wir sind insgesamt gut voran gekommen.

Also darf man hoffen, dass gleich nach Corona das Zentralkino angesagt ist?

Jein. Wir haben aktuell die Situation, dass Sachsen ab 15. Mai die Kinos wieder öffnen lässt. Wir haben jedoch bis heute noch keine Infos (Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews war dies noch nicht klar), wie die Auflagen dazu sind. Ganz allgemein macht es auch für Kinos keinen Sinn zu öffnen, da schlichtweg keine aktuellen Filme zur Verfügung stehen. Alle Werbemaßnahmen sind schon lange verpufft. Und ich sehe auch noch nicht, dass im angehenden Sommer so großer Bedarf besteht, sich gleich nach der Öffnung wieder in geschlossene Räume zu setzen und Filme zu gucken. Ich kann keine Termine nennen. Grob gesagt wird das Zentralkino zwischen Juli und September wohl aufmachen. Keine ideale Zeit für eine Kinoeröffnung …

Es wurde ja auch sehr kurzfristig gedacht mit der Lockerung Mitte Mai …

Von der Kinobranche ist überall hin zur Politik kommuniziert worden: Schön und gut, dass wir wieder öffnen dürfen, aber wir brauchen Vorlaufzeit. Was wir brauchen, ist eine Ansage und zwar eine einheitliche, bundesweit. Die Filmverleihe und Lizenzgeber werden jetzt nicht nur für zwei oder drei Bundesländer ihre Filmstarts durchführen. Es würde mich überraschen, wenn jetzt in der Stadt alle Kinos plötzlich erwachen und zum Normalgeschäft übergehen.

Der Einschnitt in die Kinokultur ist durch Corona sicherlich enorm. Ist für dich das Kinojahr jetzt generell gelaufen?

Am liebsten möchte ich das Jahr 2020 einfach aus dem Gedächtnis streichen. Aufholen ist einfach nicht mehr drin. Das betrifft nicht nur Kino, sondern alle Branchen. Niemand wird jetzt zweimal am Abend essen gehen oder sich eben nun doppelt so oft Filme anschauen, wie er sonst getan hätte. Das wird eines der, ach was, das allerschlechteste Kinojahr aller Zeiten werden. Das ist ganz klar. Ich gehe aber weiterhin davon aus, dass es noch einen Bedarf gibt. Sonst würde ich das alles gar nicht mehr machen.

»Was wir vor allem brauchen ist Geduld, viel Geduld«

Prof. Klaus Vogel, Direktor Deutsches Hygiene-Museum – befragt von Annett Groh

Wie haben Sie persönlich die vergangenen Wochen erlebt?

Als eine Zeit großer Heterogenität, zwischen sonnigem Vorfrühling und geordneten Zuständen hierzulande auf der einen Seite, wo gerade maximal ein Hefewürfel fehlt, und der Verzweiflung in unseren Nachbarländern, in die wir so gerne in den Urlaub fahren, auf der anderen. Haben wir eigentlich genügend geholfen?

DHMD Team; Copyright Foto: Oliver Killig

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie und Ihr Haus zu meistern haben?

Herunterfahren war keine Kunst, jetzt geht es darum, unsere Besucher*innen wieder für unsere Angebote zu interessieren. Darüber hinaus brauchen wir Fantasie, Durchhaltevermögen, hohe Qualität und leider auch erhebliche Mittel, um die notwendigen Hygienekonzepte umzusetzen. Besonders schmerzlich ist, dass wir viele unserer interaktiven Elemente nur eingeschränkt zugänglich machen können – und das Kinder-Museum muss vorerst ganz geschlossen bleiben. Was wir vor allem brauchen ist Geduld, viel Geduld.

Während der Corona-Krise haben sich viele digitale Kulturangebote herausgebildet. Wie sehen Sie diese Digitalisierung?

So richtig neue Entwicklungen sehe ich eigentlich nicht, aber eine größere Verbreitung und eine aufmerksamere Rezeption. Wir müssen aber auch selbstkritisch auf die derzeitigen Klick-Zahlen sehen, denn wir machen diese coolen Angebote ja nicht für uns. Die Kern-Qualität der Museen ist immer noch, und jetzt umso mehr, die gemeinsame und sinnliche Wahrnehmung von Kunst und Kultur, selbstbestimmt in Zeit und Raum.

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?

Viele Menschen müssen ihren Alltag derzeit unter schwierigen Bedingungen organisieren, das kostet Kraft und Konzentration. Bleibt da genügend Aufmerksamkeit für Kunst und Kultur? In vielen Kulturbereichen gibt es eklatante Flurschäden, da braucht es nicht nur Verständnis und schöne Worte, sondern signifikante, materielle Unterstützung. Die kulturellen Supertanker sind systemrelevant, die werden die Corona-Zeit vermutlich glimpflich überstehen, aber für viele Künstler*innen, für viele kleinere Initiativen sieht es schwieriger aus. Ermutigend finde ich, dass Parlament, Politik und Verwaltung wirklich bemüht sind, schnell und umfassend zu helfen. Es braucht aber auch Selbstbewusstsein auf Seiten von Kunst und Kultur, sich im Rennen um Förderung und Unterstützung zu behaupten.

Was wird sich verändern? Wie ist Ihr persönlicher Blick in die Zukunft aus?

Ich hoffe nicht, dass sich unser Land als Kulturnation grundsätzlich ändert. Krisen bringen ungeahnte Kräfte hervor, aber auch Unverdautes und Risse werden sichtbar. Ich bin bestürzt, wie viel Antisemitismus, Antiamerikanismus und krude Verschwörungstheorien ans Licht kommen, befeuert von russischen Staatsmedien, die einige unserer Mitbürger offenbar verlässlicher finden als die Tagesschau. Eigentlich ist in einer solchen Lage die Selbstverständigungsleistung von Kunst und Kultur für unsere Gesellschaft gefragt – Aber Kunst und Kultur brauchen gerade selbst Unterstützung und es wird wohl einige Zeit brauchen, bis sie diese Aufgabe wieder erfüllen können. Unsere Museen sehe ich in Zukunft nicht nur als wichtige Bildungsinstitutionen, sondern mehr und mehr als sozialer Ort, als Ort der Verständigung über das, was wichtig ist beim Zusammenleben. Das müssen wir nachjustieren und weiterentwickeln, und das wird sicher ziemlich spannend, sowohl für unser Team als auch für unsere Gäste.

»Kunst und Kultur sollte allen etwas wert sein. Nur so kann sie erhalten werden.«

Steffen Wilde, Geschäftsführer des Jazzclub Tonne e. V. – befragt von Heinz K

Steffen Wilde

Wie hast du persönlich die letzten Wochen seit Einstellung des Veranstaltungsbetriebs verbracht?

Zunächst einmal für einige Tage relativ konsterniert und gelähmt. Die neue Situation, die von heute auf morgen über uns hereingebrochen ist, galt es erst einmal zu verarbeiten. Dann kam eine große Solidaritätswelle. Sowohl uns gegenüber als auch von uns als Veranstalter unseren Partnern gegenüber. Leute fragten per E-Mail, per Telefon, wie es uns geht, wie sie helfen können. Wir wiederum haben bei vielen nachgefragt, wie die Situation ist. Das war sehr berührend, tröstlich, erfreulich, gab und gibt weiterhin Zuversicht und Kraft.

Im Büro eines Veranstaltungshauses kommt man meist nicht wirklich zum konzentrierten Nachdenken. Da fragen Bands und Agenturen nach Terminen, da kommt die Bierlieferung, da muss der Club für das Abendkonzert hergerichtet werden – Telefon oder Türklingel rasseln gefühlt immer. Das gehört natürlich alles zu unserer Arbeit dazu. Doch kreativ werde ich eher im Homeoffice, in der Abgeschiedenheit. Andererseits dann aber auch bei Veranstaltungen, im direkten Austausch mit dem Publikum und durch Gespräche mit den Besuchern. Genau das fehlt ja nun gerade und wir alle vermissen es schmerzlich.

Lockerungen sind beschlossen, aber es fehlt noch immer ein klarer, gesetzlicher Rahmen, nach dem Veranstaltungen im Clubrahmen wieder möglich sind. Unter welchen Voraussetzungen wäre es denn in der Tonne wieder möglich (und sinnvoll) Konzerte zu veranstalten?

Das ist wegen der fehlenden Vorgaben tatsächlich noch sehr schwer zu beantworten. Wollen wir Konzerte, bei denen Menschen weit voneinander im Zuschauerraum sitzen, vielleicht sogar Masken tragen müssen, vielleicht nicht ihr Glas Wein oder Bier oder Limonade zur Musik genießen können, nicht davor, dazwischen, danach in lockerer Runde und miteinander, mit den Musikern, mit uns Gespräche führen dürfen, ohne penibel auf den Abstand zu achten? Wollen wir veranstalten ohne die Atmosphäre, die Live-Veranstaltungen bis dato so attraktiv machten? Das wollen wir natürlich nicht, denn genau wegen dieser unvergleichlichen, einmaligen Atmosphäre sind Musiker Musiker und sind wir Live-Veranstalter geworden. Aber: Sicherlich werden wir uns in absehbarer Zeit mit dieser Situation zwar nicht anfreunden können, aber arrangieren müssen. Denn eine Rückkehr der bekannten und geliebten Konzertatmosphäre wird mit Sicherheit noch lange auf sich warten lassen (müssen).

Wäre für dich Streaming mit Künstlern eine Alternative, um die veranstaltungsfreie Zeit zu überbrücken?

Streaming ist für mich nur eine Notlösung, keine wirkliche Alternative. Es gibt darunter schöne Ideen und einige Beispiele für gelungene Streaming-Konzerte, die mir beim Anschauen auch Freude bereitet haben. Auch aus der Tonne wird es Streaming-Konzerte geben (das erste vierstündige im Rahmen der Klubnetz Sessions am 13. Juni). Aber in größerem Maße ausweiten möchten wir das nicht, da wir Live-Veranstalter sind und das auch bleiben wollen.

Was mich vor allem an den Konzertstreamings stört, ist neben der absolut unersetzlichen Live-Atmosphäre, dass Musik hier meist kostenlos und damit unter Wert angeboten wird. Es ist eben nicht nur Spaß, der Musiker zum Instrument greifen lässt, sondern sie möchten und müssen auch davon leben können. Das sollte sich auch in – meinetwegen geringen – Eintrittsgeldern für Online-Angebote niederschlagen. Kunst und Kultur sollte allen etwas wert sein. Nur so kann sie erhalten werden.

Woran mangelt es deiner Meinung nach in der Krisenbewältigung und an Unterstützung und ab wann wird es für den Jazzclub Tonne kritisch?

Es mangelt vor allem an Angeboten, die über kurzfristige Hilfen hinausgehen. Die Tonne hat bisher keines der angebotenen Rettungspakete nutzen können, da für alle eine Finanzmisere innerhalb von drei Monaten nach Beginn des Shutdowns Voraussetzung war. Die haben wir nicht. Kritisch wird es für die Tonne in der zweiten Jahreshälfte, wenn Veranstaltungen mit einer größeren Zahl an Besuchern dann immer noch nicht möglich sein sollten. Es müssen deshalb angepasste Rettungspakete an den Start gebracht werden, die Einnahmeausfälle für diese Zeit, auf lange Sicht absichern. Wir sind es als Kulturarbeiter im Unterhaltungssektor zwar gewöhnt, am Limit zu arbeiten, aber daran üben wir seit langem Kritik. Nun ist die Situation noch einmal wesentlich verschärfter und der Zeitpunkt für entsprechende Maßnahmen inzwischen überschritten.

Woran es aktuell nicht mangelt, ist die Unterstützung seitens unseres Publikums. Da ist die Sorge um uns und die Kultur im Allgemeinen nach wie vor groß, da sind die Spendenbereitschaft und Unterstützungsangebote nach wie vor da. Ebenso erfahren wir permanent Unterstützung von Musikerinnen und Musikern und Künstleragenturen, die sich nicht nur um sich selbst sorgen, sondern gemeinsam mit uns Lösungen suchen, die jetzt ausgefallenen und noch abzusagenden Konzerte für beide Seiten möglichst unproblematisch zu verlegen und nachzuholen.

Was wäre dein Wunsch an Politik und Verwaltung und wo steht dann die (Club-)Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?

Generell kam Kunst und Kultur in den politischen Diskussionen und in den Nachrichten der vergangenen Wochen viel zu wenig vor. Welch hohes Gut wir mit Kunst jeglicher Form haben, wurde damit nicht nur nicht gewürdigt, sondern man fühlt sich dadurch fast schon abgewertet. Hier wünsche ich mir viel mehr Beachtung. Wir wollen doch ein kulturvolles Leben leben und nicht nur arbeiten, essen und schlafen. Vor diesem Hintergrund ist die Sorge der Kulturschaffenden ebenso wie die der Kulturgenießer berechtigt sehr groß, dass viele kleine und große Zahnräder der Kultur jetzt durch die Krise vernichtet werden. Welche Ausmaße das letzten Endes annehmen wird, ist noch gar nicht absehbar. Der ganz große Wunsch an Politik und Verwaltung deshalb: jetzt handeln, bevor es zu spät ist!

»Mir ist wichtig, Künstler zu ermutigen und Programme zu entwickeln, damit sie eben auch durch diese Zeit kommen«

Björn Reinemer, Veranstalter im Musik- und Literaturbereich (Dynamite Konzerte, Voland und Quist, XJAZZ Edition Radebeul) – befragt von Heinz K.

Wie gehen denn nach deiner Erfahrung die Künstler mit der Krise um?

Ziemlich unterschiedlich. Bei Dynamite ist es so, dass wir viel mit internationalen Acts zusammenarbeiten, etwa aus Kanada, Polen oder Mexiko. Jedes Land reagiert anders auf die Krise und steht auch unterschiedlich zu seinen Künstlern. Gerade in Kanada gibt es viel positives Feedback und Programme vom Staat. Bei den Künstlern aus der Region ist es so, dass viele ohnehin schon nebenher Einzelunterricht gegeben haben. Da geht jetzt viel online. Manche haben, je nach Bundesland, Hilfen bekommen, einzelne Länder wie Berlin haben auch wirksame Soforthilfen für die Künstler eingestellt; da kenne ich einige, die es relativ schnell bekommen haben und erst einmal abgesichert sind bis zum Herbst. Ansonsten gibt es bei uns auch Künstler, die Rücklagen gebildet haben und nun daraus schöpfen. Im Literaturbereich ist es so, dass ja weiterhin Bücher gekauft werden und so der Absatz erhalten bleibt. Der von der Lesebühne herkommende Ahne zum Beispiel, den ich seit vielen Jahren betreue, war vor der Krise digital kaum präsent. Ahne hat bis heute kein Handy und ausgerechnet in dieser Zeit ist er derjenige, der mit zu den Aktivsten bei social media und Streaming zählt.

Björn Reinemer, Copyright Foto: Felix Weiß

Was ist dein Plan B für die veranstaltungsfreie Zeit?

Ich denke da an ein Open Air, bei dem man sich auch körperlich betätigen darf, indem man mit dem Fahrrad fährt oder wandert. Die Teilnehmenden wissen nicht, wo es hingeht und was genau sie dort erwartet. Mit der »Fahrradkultour« (Anm. d. Redaktion: die erste Fahrradkultour findet am 3. Juni statt) wollen wir in Picknickatmosphäre (mit gebührendem Abstand) ein solches Kulturerlebnis bieten.

Was Indoor-Konzerte anbelangt, da ist erst einmal nichts angedacht. Da muss man sehen, ob man dann Akzente in den jeweiligen Clubs durch gezielte und nachhaltige Streaming-Formate setzt, bei denen sowohl die Clubs als auch die Künstler etwas davon haben. Ich denke jetzt nicht über den September hinaus und wenn es so kommt, dass danach weiterhin nur sehr eingeschränkt Veranstaltungen möglich sind, muss man eben auch Wege finden. Als positiven Effekt sehe ich die Vernetzung, dass wir zusammenstehen und Konzepte entwickeln, wie man auch in der Breite überlebt. Es hängen ja alle an einer Kette – bis hin zu euch. Also, den Mut nicht verlieren und kreativ bleiben!

Was wäre jetzt aus deiner Sicht am dringendsten notwendig?

Kurzfristig wäre wichtig, eine konkrete Vorgabe und Anzahl von Besuchern für Außenveranstaltungen zu bekommen, sodass man nicht für jede Veranstaltung einen Antrag stellen muss – sofern man denn die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten kann. Also ein zeitlicher Rahmen bis Ende August und klare Vorgaben wären schon sehr hilfreich. Perspektivisch wäre mir noch wichtig zu erfahren, ob wieder etwas für Kinder möglich ist und welche Angebote man hier machen kann.

Hast du da konkret etwas vor Augen?

Im Kulturbahnhof Radebeul-Ost gibt es in der letzten Woche der Sommerferien eine Workshopwoche mit Musikern, Bildenden Künstlern, Tänzern, und die Kinder können dann innerhalb von zwei Stunden diese künstlerischen Positionen erleben. Wir möchten da nun auch etwas beisteuern, open air mit Puppenspiel und dem Reggaehasen Boooo, und es wäre toll, wenn das dieses Jahr stattfinden könnte.

Wie ist denn deine persönliche Perspektive als Booker und Veranstalter im Musik- und Literaturbereich? Schaust du dich nun nach neuen Feldern um?

Prinzipiell bin ich offen, aber bei mir ist glücklicherweise noch nicht der Punkt erreicht, wo ich wechseln oder mich komplett zurückziehen muss. Es entstehen ja gerade viele neue Vernetzungen, die vielleicht vorher nicht so schnell möglich gewesen wären. Die Künstler, mit denen ich arbeite, sind auch alle bereit, neue Wege zu gehen. Es gibt da eine gewisse positive Spannung, was da noch kommen mag. Was gibt es für Neuheiten, für die man vorher nie Zeit hatte, die man jetzt aber umsetzen kann, sodass auch die Künstler davon profitieren können.

Es ist natürlich sehr schwer für viele freie Künstler, Soloselbständige, wie man so schön sagt, durch die Krise zu kommen. Man muss ja auch irgendwoher Kraft schöpfen und diese Kraft bekommt ein Künstler ja durch Auftritte und Feedback des Publikums. Wenn das alles wegfällt, finde ich es auch schwierig, sich hinzustellen und zu sagen, ihr könnt doch jetzt kreativ werden. Mir ist es wichtig, Künstler zu ermutigen und Programme zu entwickeln, damit sie eben auch durch diese Zeit kommen.

»Wir warten alle auf grünes Licht«

Jörg vom Team des Ostpol – befragt von Jenny Mehlhorn

Wie organisiert und arbeitet ihr gerade in Zeiten des Shutdowns? Großkonzerte sind bis 31. August untersagt, Clubkonzerte können aber auch noch nicht stattfinden. Wie geht man mit dieser Ungewissheit um?

Bei unserer Konzertplanung sind wir relativ machtlos, da fast täglich neue Tourabsagen bei uns eingehen. Gerade internationale Touren werden oft auch weit über den 31. August abgesagt. Vieles konnte bisher verschoben werden, allerdings wird es zum Jahresende hin bereits eng in unserem Kalender, da dieser auch schon vor der Corona-Krise gut gefüllt war.

Kurzfristig wird in der ersten Zeit nach Corona die große Stunde der lokalen Bands schlagen. Nachdem Sankt Pieschen & Co. auch weggebrochen sind, warten wir nun alle auf grünes Licht, wenigstens im kleinen Rahmen wieder Livemusik anbieten zu können.

Wie finanziert ihr euch bei ruhendem Veranstaltungsbetrieb? Greifen die bereitgestellten Förderungen und Hilfen?

Wir haben in den letzten Jahren immer nur mit dem gewirtschaftet, was wir auch da hatten. Dadurch haben wir jetzt in der Krise keine großen, auflaufenden Forderungen und konnten unsere Fixkosten verhältnismäßig weit herunterfahren. Deshalb hat uns der Soforthilfezuschuss des Bundes auch geholfen, unsere finanzielle Perspektive um etliche Wochen zu verlängern. Außerdem sind wir von der Spendenbereitschaft für das Dresdner Klubleben wirklich beeindruckt.

Wir als Inhaber sind zudem wie die meisten in unserer Branche konditioniert, mit wenig gut auszukommen. Neben Homeschooling und -kindergartening sowie Homeoffice halten wir uns mit kleinen Jobs über Wasser und nehmen teilweise auch Grundsicherung in Anspruch.

Kreativ aus der Not werden, etwa durch neue Veranstaltungsformate. Gibt es für euch dafür eine Möglichkeit?

Das Klubnetz Dresden, in dem wir als Ostpol auch Mitglied sind, hat sich hier richtig ins Zeug gelegt. Seit Ende April wird wechselnd aus den Mitgliederclubs ein vollwertiges Abendprogramm gestreamt. Wir sind vom 22. bis 24. Mai an der Reihe: Am 22. mit dem Releasekonzert von Triggerkid & The Ending Man und Rumpelkopf , am 23. Mai mit Oxo Oho live und der WHY NOT sowie am 24. Mai mit der DAVE-Plattenversteigerung. Außerdem stellen zwei unserer Barjungs regelmäßig Bands und Platten vor und bereichern das Ganze mit Musiker-Nerdwissen. Zu guter Letzt nutzt unsere Haus- und Hofagentur Dynamite Konzerte auch unsere Kanäle, um Livekonzerte unter Radebeuler Kultur Live zu streamen.

Was wird dir 2020 wahrscheinlich am meisten im Dresdner Kulturleben fehlen?

Eigentlich würden wir gerade unseren Schankwagen fit für die Außensaison machen und die restliche Orga für das Sankt Pieschen erledigen. Die sommerlichen Ausflüge mit „Ostpol muss raus“ auf diverse Feste und Festivals waren für alle Beteiligten immer trotz des großen Aufwandes ein erfüllendes Erlebnis, bei dem die Grenzen zwischen Maloche und Kulturgenuss fließend waren. Und das beziehe ich nicht nur auf das eiskalte Frischgezapte vom Hahn 😉

»Da wird kein kulturelles, gemeinschaftliches Erlebnis zugelassen und wirtschaftlich betrachtet ist das Unsinn.«

Rodney Aust, Geschäftsführer Aust Konzerte – befragt von Heinz K.

Rodney Aust

Wie fühlt es sich denn für dich an als Veranstalter, der nicht veranstalten kann?

Flexibles Arbeiten, schnelle Reaktionen und Ideen entwickeln – das alles ist im Moment schwer. Du kannst ja nichts planen, weil du keinen Zeitplan hast, wann wieder etwas passieren könnte. Das fühlt sich momentan etwas pomadig und steif an.

Großveranstaltungen ab tausend Besuchern sind bis 31. August ausgesetzt. Das ist ja nun aber gerade dein Brotjob – Ob im Alten Schlachthof, im Kulturpalast, in der Jungen Garde oder beim Stadtfest. Wie kommst du denn mit Aust Konzerte über den Sommer?

Die Einnahmen sind weggebrochen, seit Mitte März gleich null. Wir versuchen gemeinsam mit den Tournee-Produktionen alle Konzerte stattfinden zu lassen – ob es nun im Herbst oder im nächsten Jahr passiert, das fügt sich jetzt gerade. Mit jedem neuen Beschluss, muss man neu reagieren. Am Anfang haben wir gedacht, vielleicht können wir den Sommer ja noch retten, aber das bleibt uns nun verwehrt. Die Künstler wollen natürlich spielen und alle stehen bereit und scharren mit den Hufen. Eine Ausnahmesituation, wie man es sich hätte nicht vorstellen können. Es bleibt uns nichts anderes übrig als zu überlegen, wie schaffen wir es, durch die Krise zu kommen mit unserer Struktur. Uns ist schon wichtig, genauso weitermachen zu können wie vorher.

Wie viele Leute sind denn an einer großen Konzertproduktion beteiligt – etwa bei Udo Lindenberg, der ja am 6. Juni im Rudolf-Harbig-Stadion aufgetreten wäre?

Im Büro bereiten wir das zu sechst vor und dann brauchen wir eine Anzahl von Helfern und Dienstleistern. Im Stadion kommt eine Crew von drei bis vier Technikern dazu und vor Ort sind es 80 bis 100 Aufbauhelfer für Produktion und Bühne. Für Security und Einlass werden etwa 250 bis 300 Personen benötigt. An solch einer Produktion arbeiten also in Summe schon etwa 500 Leute mit.

Habt ihr für den Sommer einen Plan B entwickelt oder lasst ihr es dann lieber ganz sein?

Aktuell ist nichts planbar. Da muss man abwarten, was die nächste Verordnung besagt. Ein Mensch auf vier Quadratmetern, in anderen Bundesländern ist von einer Person auf zehn Quadratmetern die Rede – das sind für mich Regelungen, die an den Haaren herbeigezogen sind. Da wird kein kulturelles, gemeinschaftliches Erlebnis zugelassen und wirtschaftlich betrachtet ist das Unsinn. Wir können ja nicht für eine Udo-Lindenberg-Karte 700 Euro verlangen und nur 5.000 Leute ins Stadion lassen. Ich glaube, da braucht es noch Zeit, um Konzepte zu entwickeln, die tragfähig sind. Die Situation muss man akzeptieren, aber man sollte sie auch nicht schön reden, indem man die Besucherzahlen drittelt. Denn dann werden Erlebnisse in dieser Form nicht mehr stattfinden können. Aus jeder Krise sollte man gestärkt hervorgehen. Sicherlich auch mit Dingen, die sich erst entwickeln müssen wie ein Hygiene-Konzept (für mich jetzt schon das Wort des Jahres).

Ein Konzerterlebnis mit Sicherheitsabstand ist schwer vorstellbar …

Vielleicht müssen wir das ja auch erst lernen. Die Leute müssten lernen, mehr Geld für ein Ticket auszugeben. Alle anderen Beteiligten, Künstler wie Dienstleister, müssten lernen, mit geringerer finanzieller Beteiligung auszukommen. Viele Dienstleister wiederum haben finanzielle Verpflichtungen, etwa gegenüber ihren PA- und Lichtverleihern. Das kann man nicht einfach innerhalb von drei Monaten zurückdrehen. Die Erträge, die erwirtschaftet würden, wären dann trotz höherer Eintrittspreise geringer. Fans, die sich die Karten dann nicht mehr leisten können, würden ausgeschlossen und dass die Leute in der Dienstleistungsbranche dann nur noch für die Hälfte des Geldes arbeiten, geht allein schon vom Mindestlohn her nicht. Das wird ein schwieriger Prozess. Deshalb scheue ich mich, ganz schnell etwas zu entwickeln.

Wie könnte es denn weitergehen?

Es wäre natürlich schön, wenn eine Planbarkeit möglich ist. Den 31. August nehmen wir als gesetzt. Das heißt, wir konzentrieren uns auf den Herbst, das nächste Frühjahr und den nächsten Sommer zuerst einmal mit sinnvollen Verlegungen. Also, dass man möglichst in der gleichen Spielstätte bleibt und den Leuten das Gefühl gibt – egal welche Entscheidungen noch getroffen werden – dass ihre Karten nicht an Wert verlieren. Die meisten Leute zeigen ja auch Verständnis und bestehen nicht auf Rückzahlung. Wer eine Karte gekauft hat, will den Künstler in der Regel ja nun auch sehen. Ich würde mir etwas mehr Rücksichtnahme wünschen, in dem Sinne, dass man sich nicht krank auf ein Konzert quält, sondern aus Rücksicht auf die anderen Besucher verantwortlich zeigt und dann lieber darauf verzichtet.

Ich glaube, es ist überall angekommen, dass man den kleineren und mittleren Unternehmen unter die Arme greifen muss. Das hat man auch getan. Ich denke aber, dass es für die Kultur- und Musikwirtschaft weitere Hilfsmaßnahmen geben muss, weil die Umsatz-Einbrüche riesig sind. Bereits Ende April haben die maßgeblichen Verbände und Verwertungsgesellschaften der Musikwirtschaft den Hilfsbedarf mit über einer halben Milliarde Euro beziffert.

»Gerade jetzt würden Mikroprojekte helfen, die Kultur- und Kunstszene wieder in Gang zu bringen.«

Conny Köckritz, Kuratorin Künstlervereinigung Blaue Fabrik – befragt von Karsten Hoffmann

Wie sieht denn aktuell die Situation in der Galerie parablau der Künstlervereinigung Blaue Fabrik aus?

Von der letzten regulären Doppeleröffnungs-Ausstellung am 28. Februar., der Satellitausstellung des Portraits Hellerau Photography Award »#naked« und »Akt 2020«, die bis Ende März geplant war, hängen die Bilder immer noch an den Wänden. Die darauf folgende »Wundertüte« von Philipp Hille, der von Kunstschaffenden Laien bis Profis samt musikalischen Newcomern und Geheimtipps die freie Kunstszene zusammenführt und eine Bühne bietet, sollte im April starten. Diese vielfältigen informellen Möglichkeiten der Kunst- und Kulturszene sind mit einem Schlag weggefallen und zwangen uns aktive Ausstellungsmacher zum Nichtstun.

Welche Probleme gehen damit nun für euch einher und was wäre euer Wunsch in dieser Ausnahmesituation?

Im Zuge der Haushaltssperre der Stadt Dresden, sind die Gelder für sogenannte Mikroprojekte weggefallen, die vor allem Projekte mit Stadtteilbezug förderten und von den Ortsbeiräten in Eigenverantwortung beschlossen werden konnten. Gerade jetzt würden solche Mikroprojekte helfen, die Kultur – und Kunstszene wieder in Gang zu bringen. Ich wünsche mir die Bereitstellung solcher Finanzen, die direkt durch den Ortsbeirat an die lokale stadtteilbezogene Kunst – und Kulturszene vergeben werden können. So können Arbeits – und Erwerbsmöglichkeiten geschaffen werden, die letztlich allen Stadtteilbewohnern zu Gute kommen.

Welche Ideen habt ihr im Kopf?

Gar nichts tun konnten wir natürlich nicht. Um den sonst so zahlreichen Teilnehmern trotzdem die Möglichkeit der Präsentation ihrer Kunstwerke zu bieten, nutzen wir die Möglichkeiten des Internets und führen seit 10. April online die Ausstellungseröffnungen der Wundertüte mit Livechat, Live-Dj und gemeinsamem digitalen Malen auf art.efakt.net durch, wobei unsere Räume von Georg Knobloch 1:1 in ein 3D Modell gebracht wurden und wir seitdem die Kunst eben virtuell aufhängen, die man uns per Mail oder über die Facebookgruppe Krisengalerie einreichen kann. Unter https://consultbuero.de/wundertuete sieht man dann immer den aktuellen Stand der Ausstellung.

Wie sieht denn dein Blick in die Zukunft aus?

Neben der Online-Alternative, die natürlich kein Ersatz für echte menschliche Begegnungen sein kann, haben wir angefangen unseren Garten zu kultivieren. Das heißt wir haben die Wiese beräumt, gemäht, Hochbeete angelegt und aus privaten Spendenmitteln sieben Kubikmeter Muttererde anliefern lassen, um alles bepflanzen zu können. Diese Initiative ist getragen von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern des Vereins und Nichtvereinsmitgliedern, die es vor allem während der Ausgangssperre genossen, sich in einem Garten betätigen zu können. Mit der neuen Allgemeinverfügung im Mai ist es uns möglich, wieder reguläre Öffnungszeiten, von 15 bis 18 Uhr anzubieten. Zu sehen sind dann noch die Fotografien der oben genannten Ausstellung. Bis Ende Mai wird dann die Metamorphose der digitalen zur analogen Wundertüte vollzogen sein. Die Details und aktuellen Termine werden von uns immer kurzfristig veröffentlicht.

»Der wirkliche Besuch im Museum kann durch nichts ersetzt werden«

Dr. Gisbert Porstmann, Generaldirektor der Städtischen Museen Dresden – befragt von Annett Groh

Wie haben Sie persönlich die vergangenen Wochen erlebt?

Ein Ereignis in diesem Umfang haben wir noch nie erlebt – nicht umsonst wird davon ja in Superlativen – von einer Pandemie – gesprochen. Es war eine zweigeteilte Erfahrung. Zum einen eine gewisse Anspannung und die Herausforderung, auch mit den eigenen Ängsten umgehen zu müssen. Zum anderen aber auch die Erfahrung, wie kollegial und engagiert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Museen auf die Situation reagiert haben.

Zuerst haben wir um den 13./14. März mit den notwendigen Hygienemaßnahmen noch versucht, die Veranstaltungen durchzuführen. Als dann klar war, dass die Komplettschließung der Museen der nächste Schritt ist, war die Hauptaufgabe, alle Mitarbeiter mit den wichtigsten Aufgaben für das Homeoffice zu versorgen. Nicht zu vergessen auch das private Leben, das organisiert werden musste: Meine Frau ist im medizinischen Dienst, und wir haben ein schulpflichtiges Mädchen und ein Mädchen in der Kita – das war schon anspruchsvoll. Die gesamte Familienlogistik musste neu organisiert werden. Und dann begann schon der neue Alltag mit unseren wirklich tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die fast aus dem Stand digitale Angebote für unser Publikum erarbeiteten. Das Echo, was ich da bekommen habe, war ermutigend und motivierend.

Dr. Gisbert Porstmann, Foto: Hans-Ludwig Böhme

Wie genau sah denn die Arbeit während dieser Zeit aus?

Wir haben versucht, in einem ersten Schritt die Vermittlungsangebote, also das Sprechen über Kunst, das Sprechen über Exponate ins digitale Medium zu überführen. Da hat uns das Dresden Fernsehen sehr geholfen. In einem zweiten Schritt haben wir auch die Ausstellungen der kleineren Häuser komplett digitalisiert, so dass man dort jetzt virtuelle Rundgänge machen kann und zu den Exponaten dann die wichtigsten Informationen findet. Die Arbeit daran hat auch verschiedene Analyseprozesse befördert, denn wir haben gemerkt, dass eine 1:1-Übertragung dessen, was man sonst analog macht, im Digitalen nicht auf so große Gegenliebe stößt. Es war eine interessante und wichtige Erfahrung. Der wirkliche Besuch im Museum kann durch nichts ersetzt werden. Das Digitale hat einen großen zusätzlichen Wert, und wir wollen jetzt herausfinden, was dieses Extra genau ist, um dann dort mit unserer digitalen Strategie anzusetzen. Aber das unmittelbare Erlebnis vor Ort, das Gespräch und der Austausch darüber, das Diskutieren, das Laufen im Raum wird immer zentral bleiben, da bin ich mir jetzt zu hundert Prozent sicher.

Nun haben die Museen wieder geöffnet. Wie geht das Laufen durch den Raum unter Corona vonstatten?

Wir haben die ganze Zeit auf die Wiedereröffnung hingearbeitet, denn die Arbeit im geschlossenen Museum fühlt sich wie Fahren mit angezogener Handbremse an: ohne Besucherinnen und Besucher ist es eigentlich unerträglich. Wir haben also die behördlichen Anforderungen umgesetzt und ein Hygienekonzept erarbeitet, wie es auch andernorts gemacht wird. Die Menschen sind ja sehr diszipliniert, es wird überall darauf geachtet, dass man die Abstände einhält. Und so machen wir es auch. Wir haben entsprechend der Quadratmeterzahl unserer Häuser Richtwerte für die Besucherdichte ermittelt, und das wird von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DWSI, also unserem Wachschutzunternehmen, gezählt. Zusätzlich gibt es Desinfektionsmöglichkeiten, Hinweise über die Hygienevorschriften, Händewaschen – man fühlt sich an die Kinderzeit erinnert, wo man das schon einmal alles beigebracht bekommen hat. Vielleicht war das ja ein bisschen in Vergessenheit geraten, aber jetzt kommen diese wunderbaren alten Praktiken wieder ins Bewusstsein (lacht). Sämtliche interaktiven taktilen Medienstationen sind abgeschaltet. Von dieser Seite gibt es also einen Rollback hin zum analogen Museum. Parallel arbeiten wir an verschiedenen Umrüstungen, damit wir die Angebote der Medienstationen bald wieder zur Verfügung haben. Diese Umrüstungen sind aber nicht provisorisch gedacht, sondern wir möchten einen neuen Standard erreichen. Zum Beispiel können die Besucher bald an den einzelnen Stationen ihre eigenen Kopfhörer benutzen. Die Mitmachbereiche für Kinder und Jugendliche, also etwa das Erlebnisland Mathematik und der Wellenreiter, sind jetzt noch geschlossen. Hier sind wir im Austausch mit dem Hygienemuseum und arbeiten unter Hochdruck daran, dass diese Bereiche auch bald wieder geöffnet werden können.

Wie sieht es mit dem Ferienprogramm für Kinder im Sommer aus? Wird das ausfallen?

Das Ferienprogramm darf nicht ausfallen! Wir setzen alles daran, dass wir die Kinder und Jugendlichen nicht alleine mit ihren Eltern zuhause lassen. Es war ja jetzt anstrengend genug für alle Familien, zuhause zu sitzen und nicht raus zu können. Im Moment sind wir dabei, die Angebote so zu verändern, dass die Ferienveranstaltungen stattfinden können.

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?

Es gibt viele Töne in diesem großen Orchester der Gesellschaft. Ich denke, dass Kunst und Kultur nicht das Sahnehäubchen sind, das obendrauf kommt, wenn alles andere einigermaßen gut läuft. Sondern dass Kunst und Kultur (wenn auch etwas pauschal formuliert) tatsächlich zu einer Daseinsfürsorge dazugehören. Denn das sind die Bereiche, in denen wirklich die Auseinandersetzung mit der Gegenwart in unterschiedlichen Formen geschieht. In Kunst und Kultur wird in ganz verschiedenen Prozessen über die Gegenwart verhandelt, da wird die Zukunft ausgetestet, da werden Rezepte entwickelt und Wege geöffnet, die vorher noch nicht gedacht wurden. Für mich ist das ein zentraler Punkt, wenn wir die Aufgaben in kommenden Situationen bewältigen wollen. Derzeit ist das natürlich kein leichtes Fahrwasser, in dem wir uns bewegen. Die wirtschaftlichen Erwägungen sind das eine, aber die Reaktionen der Menschen haben mich auch gelehrt, dass Menschen gerade in der Krise auch den erweiterten Denkraum von Kunst und Kultur brauchen: die Besinnung und die Kontemplation, die aus Musik kommen, aus Poesie, aus Kunstwerken. Und dafür kämpfe ich. Mit der anstehenden Haushaltskonsolidierung wird das jetzt nicht einfach werden. Die Reflexe sind so, dass man automatisch zuerst an Kunst und Kultur denkt, wenn es um Kürzungen geht.

Welche Auswirkungen wird denn die Haushaltssperre auf die Museen haben?

Wir haben ja einen zweijährigen Vorlauf, und wir müssen schauen und kämpfen, dass wir die Verträge, die wir bisher geschlossen haben, auch einhalten können. Für 2021/22 rechnen wir mit drastischen Kürzungen. Wir müssen dann sehen, wo es dann tatsächlich zu Leistungsbeschneidungen und Leistungsbegrenzungen kommen wird, oder ob wir es anders kompensieren können.