Das Ungewöhnliche in gewöhnlichen Situationen finden

Gustav Sonntag im Gespräch zu seiner dreiteiligen Ausstellung »Kult zu Rausch«

Gustav Sonntag, ehemals Feliks Stift, schloss im Sommer diesen Jahres sein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB) Leipzig ab und ist Jahrgang 1993. Der gebürtige Berliner studierte seit 2015 in der Klasse von Christoph Ruckhäberle. Zur Abschlusspräsentation kam der Dresdner Galerist Holger John vorbei, der den Absolventen nach Dresden einlud. Die dreiteilige Ausstellung »Kult zu Rausch – Überwindung der Neuen Leipziger Schule« beeindruckt unter anderem durch die Fülle an Werken, die in kurzer Zeit entstanden sind. Wie schafft es der Maler, solch eine Menge an Arbeiten zu produzieren? Welche Inhalte dienen ihm als Bildgegenstand und liegen dem aktuellen Werkzyklus zugrunde? DRESDNER-Autorin Jenny Mehlhorn hat Gustav Sonntag exklusiv im Zuge seiner großen Solo-Ausstellung dazu befragt.

Gustav Sonntag

Deine Bilder entstehen aus Vorlagen von Analogfotos. Gibt es Szenen, die du besonders gerne abbildest? Welche sind das – oder darauf aufbauend: Welche Motive interessieren dich nicht?

Gustav Sonntag: Ich hab ein großes Archiv, wo ich aussiebe und die Motive, die ich kompositorisch spannend finde, heraussuche, etwas was mich meist emotional berührt; seien es Menschen die ums Überleben kämpfen, Obdachlose, Flaschensammler und das im Kontrast zu Fotos, die ich zu Partys, im Club oder in meinen Alltag mache. Und die stelle ich dann manchmal nebeneinander, um die Kluft von lockeren Partys, Leichtsinn, Konsum gegen die Abgründe, die sich im Rausch auftun, aufzuzeigen und um den Blick zu schärfen – auch für Leute, die in der Feier- und Sprüherszene sind, zu alarmieren und vor Gefahren zu warnen. Auch um Empathie zu generieren, und dass Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, eine Bühne bekommen. Mit dem Thema Sozialvoyeurismus habe ich mich auch in meiner Diplomarbeit beschäftigt, was es bedeutet, Obdachlose in der Kunst abzubilden. Ich finde dadurch kann Empathie geschaffen werden, indem die Leute darüber sprechen und Fragen aufgeworfen werden.

Ich habe beschlossen, 5 Prozent des Erlöses von jedem verkauften Bild an die Bahnhofsmission in Leipzig und Berlin zu spenden, damit die Kunst direkt eine Wirkung hat und bedürftige Menschen dort direkt versorgt werden.

Natur oder Landschaften zu malen – das hat für mich keinen Reiz. Mich interessieren eher ungewöhnliche Situationen, das Ungewöhnliche in vermeintlich gewöhnlichen Situationen. Situationen, die simpel und unscheinbar erscheinen, wo aber die Brücke zum Bildtitel eine ganz andere Ebene öffnet, indem sich Verbindungen zeigen und neue Dinge erschließen oder in eine ganz andere Richtung gehen.

Plakatmotiv »Kult zu Rausch – Überwindung der Neuen Leipziger Schule«

Wie lange malst du an den großformatigen Arbeiten? Im Ausstellungskatalog ist erwähnt, dass du im Studium an die 30 Stück im Monat gemalt hast. Wie gestaltet sich das jetzt nach dem Studium, produzierst du gerade immer noch so viel?

Gustav Sonntag: Wenn ich anfange zu malen, also wenn ich in meiner produktiven Phase bin, dann power ich mich extrem aus. An einem Tag fange ich etwa mit drei Bildern an und am nächsten Tag entstehen noch einmal zwei Bilder. Ich arbeite dann nicht die ganze Zeit an einem, sondern an mehreren gleichzeitig. Und da ich auf unaufgespannter Leinwand male, die Leinwand so wie sie ist an meine Wand tackere und davon drei habe, verschiebe ich diese dann hin und her, lege sie auf den Boden oder spanne sie zum Trocknen auf Seile. Und während eins trocknet, arbeite ich an einem anderen weiter. Jetzt, nach der Ausstellung habe ich eine Woche gar nicht gemalt, da ich mich davor extrem ausgepowert habe und eigentlich Tag und Nacht gearbeitet habe.

Den Scheuklappen-Opus (Anm. d. Red. im Alcatraz im Kraftwerk-Mitte zu sehen) habe ich nach dem Studium angefangen, in den letzten zwei Monaten vor der Ausstellung, das waren ca. 60 Stück, die ich gemalt habe. Da habe ich jeden Tag sechs Bilder angefangen, bis ich irgendwann 60 Stück zusammen hatte. Danach habe ich mir alle nochmal vorgenommen und sie überarbeitet. Da ich an vielen Bildern gleichzeitig arbeite, muss nicht jedes kleine Detail stimmen, sondern mir ist wichtig, dass ich erst einmal eine Atmosphäre schaffe. Dass ich schaue, was für Farben erfrischend sind, welche farblichen Flächen wirken wie auf kleine Strukturen. Durch das kleine Format habe ich auch wieder Neues ausprobiert, weil ich davor lange groß gemalt habe. Der Opus war etwas zum Ausprobieren, indem ich auf vorgrundierter Leinwand male und schaue, wie dort die Farben wirken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Gustav Sonntags »Kult zu Rausch – Überwindung der Neuen Leipziger Schule« ist noch bis zum 4. Dezember in drei Ausstellungsorten in Dresden zu sehen: im Penck-Hotel (Sa + So, 12-22 Uhr), im Alcatraz im Kraftwerk Mitte (Fr + Sa, 14-19 Uhr) und in der Galerie Holger John (Di-So, 14-19 Uhr).

Ein Set wie ein Sekt

Das DAVE-Festival für Clubkultur erforscht 2022 »New Realities«

Die neunte Ausgabe des Festivals wird an zehn Tagen im Oktober stattfinden und elektronische Musik in all ihren Facetten erlebbar machen. DAVE versteht sich als eine Plattform, die regionale Debatten aufgreift, fokussiert Austausch anbietet und aktuelle Projekte beleuchtet. Unter dem Schwerpunkt »New Realities« bedient das Festival Online- und Offline-Formate, die u. a. hybrid funktionieren. Zudem werden in verschiedenen Talk-Formaten wie »8×8« und »DAVE CON«Themen wie Genderdiskurse und Vergütungsmechanismen im Kulturbereich zur Diskussion stehen – und das in Dresden zurzeit immer wieder relevante Thema Abwanderung, da in anderen Städten wie etwa Berlin oder Leipzig Frei- und Kreativräume für die (Sub)Kultur attraktiver erscheinen und anscheinend mehr Potential bieten.

Da Clubkultur soviel mehr ist als elektronische Musik, versammelt das DAVE-Festival zudem Medien, Technologie und andere Kunstformen und kreiert darum innovative Formate. Dementsprechend bestehen die Veranstaltungen im Festival-Zeitraum neben der klassischen Party aus Austausch und Talks, Probieren und Experimentieren, Ausstellung und Entertainment in Clubs und anderen Orten sowie online. Diese auf Dialog basierende Struktur bringt DJs, Musizierende, Produzenten, Crews, Labels, Booker oder Clubbetreiber zusammen und öffnet bestehende Netzwerke für Interessierte.

DAVE 2021: Jam-VJ-Session im Sektor Evolution; Foto: Erik Riedel

In diesem Jahr wird neben etablierten Clubs wie GrooveStation, Koralle oder Sektor Evolution mit »Beyond the Club« erstmals die Gedenkstätte Bautzner Straße einbezogen. In dem ehemaligen Stasi-Knast finden Künstler und Künstlerinnen Raum, um mit ihren experimentellen Produktionen den passenden Auftrittsrahmen zu finden. Zu dieser Abschlussveranstaltung treffen elektronische Klangskulpturen und fesselnde Visuals mit beängstigender Architektur aufeinander. Ein Setting wie gemacht für die Kombination von Sounds und Visuals, u.a. vom französischen Produzenten Umwelt und dem audiovisuellen Künstler Efren mit »Subversive Territory« aus Lyon und Berlin, die eine dystopische Vision im Geiste von »Blade Runner« zeichnen.

Experimentell und virtuell wird es außerdem auch beim »Virtual Choir«, welcher von der Trans-Media-Akademie Hellerau und dem Kollektiv »neue raeume« aus Dresden entwickelt wurde. Sounds und Grafiken entstehen durch Körperbewegungen in einer VR-Installation. Mit diesem Projekt wird die Fragestellung aufgeworfen, »wie eine soziale Technologie der Zugehörigkeit ortsunabhängig im Medium der Virtual Reality (VR) entwickelt werden kann«. Das medienkünstlerische Werk kann an drei Tagen im objekt klein a ausgetestet und erlebt werden.

DAVE-Festivalbar im Plan B; Foto: Authentik Basti

Jedes Jahr steht obendrein eine lokale Gruppe oder ein Act im Fokus. In der aktuellen Ausgabe wird es das Kollektiv »Syn.thie.Verrückt« sein, das sich auf verschiedenen Veranstaltungen präsentieren und diese mitgestalten wird. So laden sie unter anderem zum »Syn.thie.Dinner« am Donnerstagabend in den Sektor ein und gestalten in der Tonne eine Diskussion. Seit sieben Jahren trifft man die Crew zum Beispiel auf der Tolerade und in diversen Clubs und Festivals in und um Dresden an. Stets zwischen Downtempo, Techno/House und Disco unterwegs, sind sonnige Festivaltage und bunte, flirrende Partynächte vorprogrammiert – oder wie es unter dem letzten Set von flaave so passend beschrieben wird: »Ein Set wie ein Sekt. Elegant, feinherb, schimmernd.«

Jenny Mehlhorn

Das DAVE-Festival findet vom 7. bis 16. Oktober in diversen Locations statt; parallel zum Festival gibt es wieder DAVE-TV, das DAVE-Radio und die DAVE-Festival-Bar (Plan B); alle Programmpunkte sind auf www.dave-festival.de einzusehen.

Die Mauer fällt im Kulturpalast

Die Dresdner Sinfoniker führen »Drüben. Eine deutsche Zeitreise« am 3. Oktober auf

Schon beim Einlass kann das Publikum mit- oder nachempfinden, was es heißt, getrennt zu sein. Das Schicksal (beziehungsweise der Zufall in Form eines Loses) entscheidet – so wie man sich seine Herkunft im echten Leben ja nun auch nicht aussuchen kann – wer auf der östlichen und wer auf der westlichen Seite des Konzertsaals Platz nehmen darf. Dazwischen eine Schneise, die den einst schwer bewachten Grenzstreifen nebst Mauer zwischen den beiden Systemblöcken symbolisiert. Auf einem Wachturm über der Mauer bezieht der Dirigent (Jonathan Stockhammer) Position, um von dort aus das geteilte Orchester zu leiten. Und während man noch seinen Platz in der Reihe sucht, beginnt auf der Bühne bereits das Programm. Projizierte, schnell geschnittene Fernsehbilder, Werbeclips der 1960er bis 80er Jahre, zeigen auf zwei großen Screens das Leben, die Träume und Versprechungen auf beiden Seiten der Mauer. Eine große Selbstbau-Antenne, so wie sie einst im Osten gang und gäbe war, um Westempfang zu haben, komplettiert das Bühnenbild auf der Ostseite. Während das Publikum noch in die Röhre schaut, nimmt ein Trupp Schauspielerinnen und Schauspieler Aufstellung. Auf beiden Seiten der Trennlinie, aber mitten im Publikum, präsentieren sie in einer Art Liederwettstreit bekannte Popsongs aus Ost und West, von Silly oder Lindenberg, Gundermann oder Grönemeyer in einer reduziert-deklamierten Fassung und jeweils begleitet vom West- oder Ostorchester.

Während der Feierlichkeiten zum 40. Gründungstag der DDR haben die Grenztruppen der DDR den Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie mit Absperrgittern abgeriegelt. Foto: Ein DDR-Grenzposten hinter der Absperrung; Copyright: Christoph Püschner.

Für Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, ist die in Kooperation mit der Dresdner Philharmonie mit Mitteln der Musik und des Theaters von Tom Quaas inszenierte Zeitreise eine Herzensangelegenheit, gehörte er doch schließlich zu jenen DDR-Flüchtlingen, die am 4. Oktober 1989 als »zweite Welle« aus der bundesdeutschen Botschaft in Prag über das Gebiet der DDR per Zug in die BRD »ausgewiesen« und so zum Auslöser für die Massenproteste gegen das SED-Regime wurden. Für »Drüben«, 33 Jahre nach dem historischen Ereignis, haben die Dresdner Sinfoniker nun unter anderem ein Werk in Auftrag gegeben, das der Münchner Komponist Markus Lehmann-Horn »Utopian Melodies (yelling at me!)« nennt und worüber er sagt: »Dieses Werk wurde komponiert in Gedenken an gefallene (oder doch noch nicht gefallene) Mauern – zwischen uns als Einzelpersonen, innerhalb der deutschen Bevölkerung oder zwischen Nationalstaaten.« Dementsprechend werden diverse Hymnen und bekannte Lieder zitiert oder als Allusion benutzt, so wie auch Nationalhymnen tradierte Musik benutzen, um Identität oder Ideologie zum Ausdruck zu bringen. Und gegen Ende des Werkes für geteiltes Orchester fällt die Mauer …

Von jubelnden Menschenmassen werden knapp 800 DDR-Übersiedler auf dem Bahnhof im bayerischen Hof empfangen. Mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn trafen sie am 5. Oktober 1989 aus Prag kommend, wo sie teilweise wochenlang auf dem Gelände der Bundesdeutschen Botschaft auf eine Einreisemöglichkeit in die Bundesrepublik gewartet hatten, ein. Viele fuhren noch am gleichen Tag in die Aufnahmelager weiter. Unter den Ausgereisten: Markus Rindt, der heutige Intendant der Dresdner Sinfoniker.

Nach der Pause geht es im nunmehr wieder vereinten Konzertsaal mit einer Uraufführung der britischen Komponistin Charlotte Bray (*1982) weiter. Sie weitet in ihrer Komposition »Landmark« die Perspektive über die deutsche Sicht hinaus, transportiert darin auch eigene biografische Momente und sucht den Bezug zur beängstigend unsicher gewordenen geopolitischen Situation der Gegenwart hörbar zu machen. Am Schluss steht die Frage im Raum: »Was haben wir gelernt?«

Zum Finale erklingt nicht etwa die Nationalhymne oder die Ode an die Freude, sondern das Konzert für Klavier und Bläser von Igor Strawinsky. Das 1923/24 in Paris entstandene Werk ist im Ergebnis ein farbiges Meisterwerk von virtuoser Leichtigkeit, das Pianist Andreas Boyde spielen wird. Ob es dann wohl spontan zu Verbrüderungen und Verschwesterungen kommen wird, so wie beim unverhofften Fall der Mauer am 9. November 1989, bleibt offen.

Heinz K.

»Drüben. Eine deutsche Zeitreise« ist am 3. Oktober, 18 Uhr, im Kulturpalast zu erleben.

Die Gas-Trilogie von Georg Kaiser im Schauspielhaus

In drei Teilen erzählt die Tragödie die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Im Mittelpunkt und verantwortlich für den Reichtum, die Arbeit und die Konflikte: der Rohstoff Gas. Im Schauspielhaus inszeniert Sebastian Hartmann das expressionistische Werk von Kaiser, danach komplettiert nach einer kurzen Pause ein Podiumsgespräch die Geschichte ums Gas. Die Diskussion um den aktuellen Zustand der Gasversorgung gliedert sich so wie ein vierter, gegenwärtiger Teil in die Aufführung ein – Applaus wird erst danach eingefordert.

Gas-Trilogie von Georg Kaiser, Spielfassung von Jörg Bochow und Sebastian Baumgarten, Regie: Sebastian Baumgarten; im Bild: Yassin Trabelsi, Franziskus Claus; Copyright Foto: Sebastian Hoppe

Das Publikum wird an diesem Abend in den Bühnenraum des Schauspielhauses geführt – auf diesem rahmen die Plätze das Bühnenbild aus grauem, dunklen Formationen, alles zusammen ist in graue Wolken, Neonröhren und dunkles Nichts gehüllt. Die expressionistische Reise beginnt mit dem schizophrenen Kapitalisten, der durch Ausbeutung seiner Arbeiter und der industriellen Produktion zum Milliardär aufgestiegen ist. Die nächste Generation bringt einen Systemwechsel mit sich. Ein sozialistisches Paradies herrscht in der Fabrik, Arbeitszeiten und -einsatz sind frei wählbar und es gilt eine Gewinnbeteiligung, so laufen die Maschinen auf Hochtouren. Bis eine Explosion den geordneten Zustand zerstört. Während der Fabrikbetreiber neue utopische Visionen anpreist, wollen die Arbeiter den schnellen Wiederaufbau des Werkes – Gas ist ein wirtschaftlicher Garant, es bringt Profit. Neue Ideen abseits des Gewohnten bringen keine ökonomischen Sicherheiten mit sich und deshalb lebt auch die dritte Generation von der verstaatlichten Gasproduktion als Teil der Rüstungswirtschaft, indem sie Kriegsgas erzeugen.

Systeme streben physikalisch in eine immer größer werdende Unordnung, die Entropie. Die im Universum wachsende Unordnung versucht der Mensch durch Prozesse und Dinge zu kultivieren und durch Strukturen handhabbar zu gestalten. Politische und wirtschaftliche Systeme nehmen sich diesen Ordnungsprozessen an, drei misslungene Versuche anhand der Ressource Gas erleben wir im Stück mit. Diese Zerstörungsprozesse sind mit einer dunklen und dystopischen Kulisse hinterlegt, auf ihnen die hetzenden Gestalten, hinter ihr die nachdenklichen Schatten, umrahmt von Maschinen, Technik und Explosion. Die Inszenierung lebt von der stark verdichteten Handlung im Zusammenspiel mit projizierten Grafiken und collagiertem Bildmaterial sowie dem trockenen Rauch aus der Nebelmaschine, der durch die Konzentration aller auf den Bühnenraum bis in die hintersten Reihen des Publikums zieht. Wir sitzen nicht nur metaphorisch unter einer Kuppel, zum Aufführungsabend befinden sich Publikum und Darstellende tatsächlich unter dieser – gefüllt mit dem aktuell problematischsten Rohstoff. Das Stück gestaltet sich als ein Gang von der Fiktion in die Realität. Die Aufnahme dieses Diskurses und aktueller politischer Positionen, das Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten zum aufgeladenen Thema im Nachgang – diese Kombination aus Theater und Politik stellt das innovative der Vorstellung dar.

Jenny Mehlhorn

Die Gas-Trilogie feierte am 17. September seine Premiere. Nächste Vorstellungen: 19./ 20./ 21. Oktober 2022 im Schauspielhaus

»Eine fremde Welt, direkt vor meiner Haustür«

Felix Räuber im Gespräch zu seinem Langzeitprojekt »Wie klingt Heimat?«

Drei Jahre lang war der Musiker Felix Räuber in seinem Heimatland Sachsen unterwegs, um Antworten zu finden auf die Frage: »Wie klingt Heimat?« Neben einer zehnteiligen Doku ist auch ein einzigartiges Live-Konzept aus dem Projekt gewachsen, das als »Sinfonie der Kulturen« mit 42 Künstlern auf der Bühne am 7. Juni im Kulturpalast uraufgeführt wurde. Dies hat DRESDNER-Autorin Kaddi Cutz zum Anlass genommen, um mit Felix über das Projekt und seine weiteren Pläne zu sprechen.

Du pendelst zwischen Dresden und Berlin – was ist Heimat für dich?

Felix: Meine Ur-Heimat habe ich durch das Pendeln ja nie ganz verlassen. Gleichzeitig kann ich sagen, dass Berlin für mich auch nie ganz neue Heimat sein wird. Das liegt zum einen daran, dass ich meine Wurzeln in Dresden habe, meine Familie hier lebt und ich selbst auch über zwei Jahrzehnte hier gelebt habe.

Heimat ist kein Begriff, der etwas ausschließt, sondern einer, der ganz viel einschließt. Für mich selber gibt es eine ganz klare, einfache Antwort: In dem Moment, wo ich 1997 mit der Gründung von Polarkreis18 meine erste Bassgitarre bekommen habe, war meine Heimat die Musik. Das Schreiben von Songs hat mir immer ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens gegeben, ein Gefühl, das ich auch mit Heimat assoziiere. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Hundertprozentig und allumfassend beantworten kann ich die Frage aber noch nicht, obgleich die Produktion für mich eine Art Heimreise ist, die mich der Antwort etwas näher bringt.

Wie klingt Heimat? Felix Räuber im Tagebau (Foto: Siegfried Michael Wagner)

Was hat dich an der Produktion oder in ihrem Entstehungsprozess besonders berührt?

Felix: Es ist vor allem eine musikalische Begegnung völlig unterschiedlicher Kulturen und Menschen. Ich durchreise zehn Kulturkreise meines Heimatlandes Sachsen und treffe dort Menschen und ihre Kulturen, lerne Eigenheiten und Traditionen kennen, mit denen ich vorher noch nie etwas zu tun hatte. Eine fremde Welt direkt vor meiner Haustür. Was mich da so sehr berührt hat und auch aktuell noch berührt – denn wir sind ja noch mitten in der Produktion – ist, dass ich vielleicht entgegen meiner eigenen Vorurteile, die ich natürlich auch hatte, gar keine Verschlossenheit erlebt habe. Vor allem die Musik war immer ein Türöffner, um Menschen mit ganz eigenen Werten offen gegenüberzutreten. Das ist das, was mich am meisten beeindruckt hat. Zum Beispiel in der Ferienwohnung des Kantors der sorbischen Ostersänger und -reiter Daniel Wessela, dort habe ich drei Tage und zwei Nächte mit der Familie in einem Mehrgenerationenhaus verbracht und wurde da unglaublich herzlich aufgenommen. Das war was ganz ganz Tolles.

Wie hast du selbst die Uraufführung am 7. Juni im Kulturpalast erlebt?

Felix: Das war eine musikalische Zusammenkunft auf der einen Seite und zum anderen das große Finale unserer zehnteiligen Doku-Serie »Wie klingt Heimat?«. Hier begegnen sich alle Protagonisten aus allen Episoden zum allerersten Mal. Es war schön zu erleben, wie auch da eine Verbindung entsteht und im Umkehrschluss zu sehen, dass Musik wirklich in der Lage ist, verschiedene Kulturen zu verbinden und über Kulturen hinweg zu kommunizieren. Das habe ich zum einen auf der Bühne gemerkt, wo vom professionellen Muster bis zum Laien sich alle gut miteinander verstanden haben und mit Leidenschaft und Hingabe dabei waren. Zum anderen konnte ich das auch hinterher in Gesprächen mit dem Publikum erleben; aus allen Kulturkreisen überall in Sachsen sind Leute angereist, die auch den Abend zu einem Gemeinschaftsmoment haben werden lassen. Das war ein Publikum, das es so in seiner Vielseitigkeit und Zusammensetzung im Kulturpalast wohl noch nie gegeben hat.

Der Heimatbegriff wird von vermeintlichen Patrioten etwas anders interpretiert, als es im Zusammenspiel der Kulturen in deinem Projekt auf der Bühne geschieht. Wie stehst du dazu?

Felix: Es ist ja kein Geheimnis, dass der Heimatbegriff eine Bombe ist. Genau deswegen haben wir uns dem auch angenommen, um ihn kreativ zu entschärfen, ihn mit Diversität, Offenheit und Vielseitigkeit aufzuladen und ihn auch nicht den anderen zu überlassen. Ihn künstlerisch, musikalisch zu füllen und als vielseitiges Panorama abzubilden.

Was steht die nächste Zeit an?

Felix: Erstmal geht es jetzt darum, die restlichen Teile fertig zu drehen, das wird sich noch ein bisschen ziehen, die Serie soll ja 2023 rauskommen. Wir wollen das Live-Format auf Tour bringen und um noch mehr Künstler erweitern. Dazu gehe ich parallel als Solokünstler auf Tour. Am 29. Oktober bin ich im Beatpol, da ist das Mondëna Quartet aus Leipzig dabei, das auch bei der Sinfonie der Kulturen aufgetreten ist. Ansonsten bin ich auf vielen Baustellen musikalisch aktiv, mache viel Filmmusik. Zuletzt habe ich für zwei große amerikanische Serien den Soundtrack beigesteuert, zum einen für die Netflix-Produktion »How to get away with a murderer« und die miterfolgreichste amerikanische Serie aller Zeiten, »Grey’s Anatomy«. Das war‘s erst mal für den Moment – ich glaub, das ist auch genug (lacht).

Vielen Dank!

Mehr zum Projekt und zum Künstler unter heimatlieder.net bzw. felixraeuber.com

OB-Wahlbingo online

Wir haben mit unserer Juniausgabe die OB-Wahl zum Thema gemacht und möchten es euch überlassen, die 27 Statements, die wir den Programmen der neun Bewerber entnommen haben, dem jeweiligen Kandidaten beziehungsweise der Kandidatin (denn es tritt leider nur eine Frau an) zuzuordnen. Die Auflösung des Rätsels gibt es dann am 12. Juni, also am Tag der Oberbürgermeisterwahl in Dresden unter dresdner.nu/obwahl.

Welt-Offen Gedenken

Plakataktion Dresdner Kunst- und Kulturinstitutionen rund um den 13. Februar

Aus Anlass des Gedenkens an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg lädt #WOD – Weltoffenes Dresden vom 9. bis 20. Februar zu einer großen gemeinsamen Plakataktion im öffentlichen Raum und verschiedenen weiteren Formaten der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 13. Februar 1945 ein. Die Sächsische Ministerin für Kultur und Tourismus Barbara Klepsch, die Dresdner Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch und Vertreterinnen und Vertreter der 19 beteiligten Kulturinstitutionen begleiteten die Eröffnung.

Auch TanzNetzDresden, Klubnetz Dresden und der Dresdner Illustrator und Grafiker Lars P. Krause beteiligen sich an der Plakataktion, Copyright Foto: Stephan Böhlig

19 Kulturinstitutionen präsentieren mit einer Plakatkunst-Aktion an 10 zentralen Orten im Stadtraum (Altmarkt, Neumarkt, Theaterplatz, Postplatz, Schlesischer Platz, Prager Str., Schlossstraße, Jorge-Gomondai-Platz, Terrassenufer) sowie in Radebeul (Landesbühnen Sachsen) individuell ausgewählte, großformatige Bildmotive mit zum Teil eigens für die Aktion von Künstlerinnen und Künstlern entworfenen Werken, mit Fotografien und mit Zitaten, die zum Innehalten und Nachdenken auffordern. Die Plakatkunst-Aktion wird durch das Zentrum für internationale Kulturelle Bildung des Goethe-Instituts Dresden und die Landeshauptstadt Dresden unterstützt.
HK

Drinnen & Draußen

Ein neuer Raum zur freien Gestaltung in nächster Nähe zum Alaunpark

Anne Schmutzler ist zuvorderst als Sängerin und Kinderbuchautorin Enna Miau bekannt. Doch in der Zeit, in der coronabedingt die künstlerischen Flügel eher gestutzt als ausgefahren werden, entwickelten sich bei der Dresdner Künstlerin gleich eine Handvoll neuer Talente: »Als Sängerin kann man ja im Moment eher mit Merchandise als mit Auftritten Geld verdienen«, sagt sie mehr heiter denn bitter, als sie am Abend ihrer ersten Ausstellungseröffnung – »Kunst und Blüten« von Ulrike Woschni – selbst entworfenen Schmuck auf dem Tisch in ihrem neu eröffneten Laden zurechtrückt. Die vielseitig talentierte Künstlerin wächst nun auch gleich noch in gänzlich neue Geschäftsfelder hinein. Denn durch die gemeinsame Ladeneröffnung mit ihrem Mann, dem Film- und Musikproduzenten Ludwig Schmutzler, ist sie nun auch Galeristin, Ladenbetreiberin und Vermieterin.

Ulrike Woschni und Enna Miau (Foto: René Seim)

So kann man im »Drinnen & Draußen«, das sich gleich neben dem Restaurant Maharadscha befindet, und bis zum Einzug der Familie Schmutzler auch als Lager für das Restaurant fungierte, nicht nur Kunst erwerben. Der Raum kann auch für kleinere Feste und Seminare angemietet werden. Inspiriert von der eigenen Erfahrung als Teilnehmerin eines musikalischen Babykurses, gibt sie, so wie es Corona natürlich zulässt, eigene musikalische Babykurse. »Es können sich aber auch Interessierte melden, die hier bei uns selber Kurse geben wollen. Auch Bewerbungen für zukünftige Ausstellungen nehmen wir gerne an. Sie sollten nur nicht zu düster sein, wir wollen den Raum ja auch für Kindergeburtstage vermieten.«

Die Ausstellung »Kunst aus Blüten« zeigt ebensolche Werke von Ulrike Woschni. Die Künstlerin aus Dresden, die seit 2019 jeden Dienstag über coloRadio mit ihrer Sendung »Abendschule« zur thematisch diversen Weiterbildung anstiftet, gab zur Ladenöffnung ihr Ausstellungsdebüt. Zu sehen gibt es geduldig arrangierte Werke, denen gemeinsam ist, dass sie allesamt mit getrockneten Blüten- und Pflanzenteilen gestaltet worden sind. Wer jetzt allerdings natur-naives Easy Watching erwartet, wird überrascht, denn durch die grafische Verbindung ornamentaler Hintergründe (in den Reihen »Blumen« und »Vögel«), die mittels digitaler Fotokopie entstehen und den malerischen Aquarellbuntstiftzeichnungen, mit denen die Blüten- und Pflanzenarrangements erst zum Gesamtkunstwerk werden, blättert sich eine rätselhafte, zwischen Kühle und Wärme balancierende Ästhetik auf, die an einen Retro-Futurismus denken lässt, wie man ihn auch vom Steampunk her kennt. Die Bilder sind oft rätselhaft, skurril, surreal und traumwandlerisch, aber verstören nicht und tragen häufig Wärme in sich. Manch Pflanzenkundler wird wohl sofort wissen, wie der Großteil der Bilder heißt, aber nicht jedes Bild gibt seinen Namen auf dem Tablett preis. Was mit dem Basteln für die eigenen Kinder und Familienmitglieder begann, entwickelte sich zu Kalendern, die ebenfalls Blütenkunstmotive enthalten und stets das Motto tragen: »Wie kann ich bildnerisch ein Wort wiedergeben?«

Wer also gerne um die Ecke denkt (und schaut) und sich auch für schöne Grafiken interessiert, der sollte einen Abstecher in den neuen, breit aufgestellten Laden am Alaunpark wagen.
René Seim

Drinnen & Draußen, Kamenzer Str. 62, Mo-Fr 10-12.30 Uhr und 13.30-16.30 Uhr, die Ausstellung »Kunst und Blüten« ist noch bis Ende März zu sehen; mehr unter: drinnen-draussen-dresden.de bzw. ulrike-woschni.com

Kunstfreiheit versus Auftragskunst

Lisa Maria Baier gibt im Streit um ihr Kunstwerk „Kulisse“ nicht auf

Lisa Maria Baier, freischaffende Künstlerin aus Dresden, befindet sich seit Sommer 2021 im Rechtsstreit um ihr Kunstwerk – die für die Görlitzer Art geschaffene Installation „Kulisse“. Die Stadt hat den Entwurf prämiert, lehnte das fertige Kunstwerk mit dem Plädoyer „Abortion without Boarders / aborcja bez granic“ und „Womensrights / Prava Kobiet“ für das Recht auf Abtreibung aber ab. Laut der Stadt Görlitz widerspricht ihr Kunstwerk dem von der Jury ausgewählten Konzept. Prämiert worden sei eine Arbeit zum Thema Filmstadt. Baier, gebürtige Görlitzerin und Alumni-Meisterschülerin der HfBK Dresden, wehrte sich auch juristisch gegen die Kündigung des Vertrages und den angedrohten Abbau. Das Sächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Bautzen wies ihre Beschwerde jedoch zurück. „Die Kündigung des Vertrages durch die Stadt“ sei „auch unter Berücksichtigung der Kunstfreiheit wirksam, der ausgeführte entspreche nicht dem prämierten Beitrag, befanden die Richter.“ – dpa berichtet am 28. September darüber.  

Abbau der „Kulisse“ in Görlitz; Copyright: Lisa Maria Baier

Lisa Maria Baier versteht dies als Zensur. „Das Ansprechen von Frauen*rechten in Verbindung mit einer Filmstadt an der Grenze zu Polen führten zur Zensur meines Werkes.“, vermutet sie. Kunst im öffentlichen Raum müsse nicht gefallen, aber zur Auseinandersetzung anregen. Unterstützung bekam die Künstlerin u. a. von der Leiterin des Kunsthaus Dresden, Christiane Mennicke-Schwarz. Diese hält die Entscheidung der Stadt Görlitz für das falsche Signal. Baiers „Kulisse“ wurde inzwischen abgeholt und ins Depot nach Dresden verbracht. Nun soll die Künstlerin, die es bislang schaffte, die Gerichts- und Anwaltskosten selbst zu stemmen, noch 9.000 € für den Abtransport des Kunstwerks an die Stadt Görlitz zahlen. Um das Geld aufbringen zu können, hat sie eine Spendenkampagne gestartet. Auf der Webseite rekapituliert die Künstlerin noch einmal das Geschehen und erklärt die Intention ihrer Installation „Kulisse“. Wer Lisa Maria Baier unterstützen möchte, kann dies hier gerne tun.
HK

Bilder und Erinnerungen aus 70 Jahren Scheune gesucht

Im Dezember wird die Scheune 70 Jahre alt. Das ist ein Grund zum Feiern. Das Team des Neustädter Kulturzentrums hat zwar aufgrund der anstehenden Sanierung derzeit kein Haus und wegen Corona keine Veranstaltungen, aber das ist kein Grund Trübsal zu blasen. Die Scheune ruft dazu auf, Bilder und Erinnerungen aus 70 Jahren Scheune zu
schicken. „Wir hoffen, in den nächsten Wochen zahlreiche Zuschriften an info@scheune.org zu bekommen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Beiträge auch direkt in unsere Facebook-Gruppe scheune Dresden – History zu posten“, heißt es in der Pressemitteilung.

Scheune Blechschloss und Teststation


Im Rahmen des Jubiläums wird außerdem ein Film veröffentlicht, der während des
großen Scheune-Abriss im September entstanden ist. Die Filmemacher David
Campesino und Maks Pallas haben während der letzten Veranstaltung im alten Gebäude
zahlreiche Eindrücke gesammelt und Interviews geführt. Javier Sobremazas hat den
Schnitt übernommen. Der Film wird vermutlich punktgenau zum Scheune-Geburtstag am
21. Dezember 2021 vorgestellt. Auf dem Gelände steht übrigens auch wieder eine Corona-Teststation von „Corona Freepass“. Öffnungszeiten und weitere Informationen hier.