Lasst euch überraschen!

Swutscher freuen sich auf eine volle GrooveStation

Der kaputt hymnische und deutschsprachige Indie-Rock der Hamburger Swutscher vermengt sich mit Einflüssen aus den Sixties und weirdo Psychedelic-Countrypunk. DRESDNER-Autor DJ Cramér nahm sich die Zeit, um bei Trommler Martin und Sänger und Texter Sascha nachzufragen, in welcher Stimmung sie sich denn auf den Weg nach Dresden machen.

Swutscher

Wie steht es denn um eure Stimmung, wenn ihr in dieser Zeit auf Tour geht? Ist es momentan eine Flucht aus der Welt und dem Wahnsinn, oder doch eher eine Therapie mit Gleichgesinnten?

Martin: Auf Tour gehen ist immer eine Art Flucht vor dem Alltag, doch den Wahnsinn der Welt behalten wir stets im Auge und vergessen wir ganz bestimmt nicht. Als eine Art Gruppentherapie kann man die Konzerte bestimmt betiteln, da wir und hoffentlich alle, die mit uns im Raum sind, für diese Zeit mal ein bisschen den Kopf ausschalten können und zusammen die Texte, Klänge und Stimmung genießen können.

Man hört bei euch so diverse Einflüsse und Verweise wie Brecht und Eisler (»Alle Guten Dinge sind Drei«), Rio Reiser, Messer, Ty Segall, Gunter Gabriel, Black Lips und Sid Vicious heraus. Wie entstehen bei euch die teils sehr verschiedenen Songs?

Martin: Die Songs entstehen meistens sehr natürlich, ohne große Uneinigkeit. Sascha kommt mit einem Text und der Rest findet den passenden Sound, oder die Band kommt mit ner Songidee und Sascha hat den passenden Text. Da wir alle verschiedene musikalische Backgrounds haben, aber auch viele Schnittstellen, was uns gefällt, kommen diese schon zum Teil verschiedenen Songs zustande.

Sascha, als Sänger deckst du vom müden Tresenphilosophen bis zum theatralisch wachen Politdichter (»Im Westen«) ein markantes wie interessantes Spektrum ab. Sind das Früchte einer Gesangsausbildung oder doch eher gelebtes Naturtalent?

Sascha: Vielen Dank für die Blumen, aber eine klassische Gesangsausbildung habe ich nie genossen, also dann doch eher das gelebte Naturtalent.

Ihr habt zusammen mit dem Material der neuen, selbst betitelten Platte doch genügend Songs beisammen, um live ein komplettes und weit gefasstes Rockbrett zu spielen. Bleibt da trotzdem Platz für atmosphärische Songs wie »Im Suhlenkamp« oder »Bodo«?

Sascha: Lasst euch überraschen und kommt zu unseren Shows! Am 20. Mai sehen wir uns in der GrooveStation!

Wie ist denn die Sicht von draußen auf die (Sub-)Kultur Dresdens? Oft wird Dresden ja lediglich politisch zweifelhaft in der überregionalen Öffentlichkeit abgebildet. Zudem nörgelt der Dresdner auch noch gern selbst an sich und der Stadt herum. Was ist euer Eindruck?

Sascha: Ich glaube, ich kann hier für uns alle sprechen: Wir stehen auf Dresden! Alle Gigs, die wir bisher gespielt haben waren wunderbar. Unser letztes Konzert im Ostpol war pure Freude, und die Neustadt im Sommer hat viel für uns zu bieten. Dies sollten sich die Dresdner von diesen verdammten rechten Idioten nicht kaputt machen lassen.

Vielen Dank für das Interview!

Swutscher spielen am 20. Mai, 20 Uhr, live in der GrooveStation.

World-Wide-Schaufenster für Dresdner Bands der Subkultur

Im Gespräch: Proberaum Sessions

Not macht sichtbar. Vor circa sieben Monaten ploppte auf YouTube ein neuer Kanal aus Dresden auf, der es in stabil hoher Qualität schafft, Dresdner Bands aus deren Proberäumen hinaus in die weite Welt der digitalen Umlaufbahn zu schießen. Wie zum Beispiel Heliod, mit denen die »Probraum Sessions« Premiere feierten, aber auch Bands wie Bahnhof Motte, The Roaring 420s, Tinted House, No Waves und viele andere mehr. Da es auch 2022 mit dem Produzieren von hochqualitativen und frischen Livevideos weitergehen soll, wurde es für DRESDNER-Autor René Seim Zeit, Armin Riedel stellvertretend für das ganze Team ein paar Fragen zu stellen.

Das Team der Proberaum Sessions: Armin Riedel (Regie Produktion Kamera Schnitt), Tom Schneppat (Audio Recording, Mixing & Mastering Mitglied Band Heliod), Robert Rutsch (Orga, Video-Schnitt)

Hallo Armin! Nach Massengrab Records, eurem Label für »schön schlimme Projekte, spontane Ideen und originelle Bands« hast du Anfang 2021 ein weiteres Projekt gestartet, um subkulturellen Bands zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Wie fing es mit den »Proberaum Sessions« an und wer gehört zum Produzententeam?

2020 haben Robert und ich viel Zeit in Proberäumen verbracht. Es blieb einem ja auch nicht viel anderes übrig. Wir hatten verschiedene Jam-Abende bei Heliod im Proberaum. Die Jungs hatten gerade ihre neue EP »Preaching to the Converted«fertig und wir kamen auf die Idee, das ganze zum Release als Live-Performance im Proberaum mit Video und Ton aufzunehmen. Dabei wurde uns klar, dass wir einen wirklich besonderen, direkten und intimen Blick auf die Band geschaffen hatten. Das war also ein gutes Konzept für weitere Videos dieser Art. Es gibt eine Vielzahl an wirklich guten Bands in Dresden und irgendwie ist es immer etwas ganz besonders in ihren Proberäumen dabei sein zu dürfen. Das macht uns extrem viel Spaß und wir wollen mit den Sessions versuchen dieses Gefühl zu teilen. Das technische Kernteam besteht aus Tom Schneppat von Heliod, der Mikrofonierung, Tonaufnahme, Mixing und Mastering macht, André Neske, mit dem ich seit meinem Studium verschiedene Filme und Musikvideos mache, Robert Rutsch und mir, die Ideen entwickeln, das Ganze organisieren und meist auch zusammen die Videos schneiden.

Von Video- bis Soundqualität pflegt ihr ein qualitativ sehr hohes Niveau abzuliefern. Habt ihr euch das nötige Know-How durch probieren und Selbststudium angeeignet, oder seid ihr darin »professionell« ausgebildet?

Schön, dass das auffällt! Die herausragende Tonqualität ist ausschließlich Tom Schneppats Verdienst, bis auf Tinted House, die ihren Ton selbst gemacht haben. Die Symbiose mit Tom ist ein wirklicher Glücksfall, ich freue mich jedes Mal über die entspannte Zusammenarbeit und die echt tollen Ergebnisse. Tom hat sich das nötige Know-How wohl als Autodidakt beim Aufnehmen seiner Band Heliod angeeignet. André und ich haben zusammen Filmkram in Berlin studiert und arbeiten beide als Film-Fuzzis. Daher haben wir in dem Bereich die nötigen Erfahrungen.

Die bisherigen Video-Acts entstammen zumeist der Punkrock-, Sixties-, Metal- oder Noise-Subkultur. Könnt ihr euch euer Projekt auch für andere Stilrichtungen vorstellen?

Wir versuchen so offen wie möglich an Musik ranzugehen und wollen auch ein möglichst diverses Spektrum abbilden. Die meisten von uns sind von früh an mit Punk oder Rockmusik sozialisiert. So ergibt sich dann wahrscheinlich die Erklärung der Auswahl der Bands. Wir sind jedoch für alles offen und wollen möglichst viel Spaß haben.
Mir liegt viel daran, dass jede Session richtig gut wird, und dazu braucht´s irgendwie eine ehrliche Begeisterung für die Musik. Das schließt zum Beispiel eine Hip-Hop-Session nicht aus. Das kann aber meiner Meinung nach nur von jemandem aus der Community anstoßen werden, der das wirklich fühlt.

Mit der permanenten Verfügbarkeit von Sound- und Videofiles im Internet verfliegt schon mal die Wertschätzung dafür, wie viel Arbeitsaufwand nötig ist, um Musik und entsprechende Videos zu produzieren. Wie viele Arbeitsstunden braucht es denn, um beispielsweise ein 32-Minuten-Video wie das für Wucan zu produzieren?

Ich würde sagen, wir können eine Proberaum Sessions Produktion in einer Woche schaffen. Der größte Zeitfresser ist der eigene Anspruch, aber das macht es am Ende vielleicht auch aus.

Da man die Videos ganz ohne Bezahlschranken anschauen kann, stellt sich natürlich die Frage, wie das Projekt finanziert wird?

Wir konnten eine Kultur-Förderung vom Freistaat Sachsen (So Geht Sächsisch) sowie eine Kultur-Förderung der Bundes (Neustart Kultur) für unser Projekt gewinnen. Ohne diese Förderungen wäre das ganze in diesem Umfang und dieser Qualität nicht möglich gewesen.

Habt ihr schon Ideen und Konzepte, was wir 2022 von euch zu sehen bekommen werden?

Wir wollen unbedingt weiter machen. Wir wollen auch über die Stadtgrenzen von Dresden hinaus und mit Bands aus anderen Regionen in Sachsen oder in ganz Deutschland zusammenarbeiten. »Proberaum Sessions« soll zu einer Plattform werden, auf der man viele tolle Bands entdecken kann. Wir arbeiten an Konzepten, wie wir das finanziell organisieren können und sind froh über jeden Tipp und jede Hilfe. Meldet euch bei uns, wenn ihr Ideen habt!

Vielen Dank!

Die Proberaum Sessions sind zu finden unter: youtube.com/c/ProberaumSessions

Studieren in der Warteschleife

Studies berichten zum Start des neuen Online-Semesters wie es ihnen bisher im Home Office ergangen ist

Wie schon im Wintersemester 2020/21 wurde auch im Sommersemester 2021 die Präsenzlehre an den Universitäten in Dresden begrenzt. Faktisch bedeutet dies, das so gut wie alle Seminare und Vorlesungen ins Digitale verlagert wurden, zumindest solange die Corona-Ampel auf rot steht. Da sich die Lage zu bessern beginnt, steht eine Umschaltung auf Präsenzbetrieb in HTW und TUD im Raum. Mindestens solange heißt es also noch Bude, statt Audimax und Heimküche statt Mensa.

Anton, Anglistik
Als bereits »fortgeschrittener« Bachelor-Student (9 Semester!) habe ich durch das Online-Semester glücklicherweise keine sozialen Probleme – ich kenne bereits Leute und vereinsame nicht komplett. Das stelle ich mir als Neuankömmling deutlich schwieriger vor. Natürlich würde aber auch ich mich über einen baldigen Präsenzunterricht freuen, sofern das möglich ist. Die Konzentration fällt zuhause dann doch manchmal schwer. Für lineare Vorlesungen empfinde ich die Option der Audioaufzeichnung jedoch durchaus auch als hilfreich: bei enorm schläfrigen Dozierenden die Geschwindigkeit zu verdoppeln spart zum Beispiel jede Menge Zeit.

Anton

Gregor, Philosophie
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass im Online-Semester vor allem die Seminare, die vom Diskurs mit Lernenden und Lehrenden leben, leiden. Man weiß immer nie so genau, ob der andere entweder schon fertig mit dem ist, was er sagen wollte, oder überhaupt noch etwas sagen will, oder es reden zwei Leute gleichzeitig, oder es gibt eine große Stille und irgendwann im Semester geben einfach alle auf und niemand sagt mehr irgendwas. Schauderös! Das zweite große Problem das ich hatte, war es, von zu Hause zu arbeiten, während die Bibliothek nicht oder nur halb offen hatte. Zwar war es gut, dass die SLUB schnell wieder den Ausleihservice anbot, aber ich glaube, dass ich wesentlich produktiver hätte arbeiten können, wenn ich einen Arbeitsplatz außerhalb meines eigenen Zimmers gehabt hätte. Zuhause verschmilzt die Arbeitszeit mit Prokrastinationszeit und eigentlich auch jeder anderen Zeit.

Gregor

Clara, Lehramt Kunst und Anglistik
Was sich zunächst nach einer wunderbaren Möglichkeit anhörte, Uni für ein paar Wochen vom Bett aus zu machen, entpuppte sich schnell als enorme mentale Belastung. Ich habe mich oft überfordert und allein gelassen gefühlt, vor allem auf organisatorischer Ebene und beim Erschließen der Seminarinhalte. Denn auch die meisten Dozenten schienen trotz aller Bemühungen äußerst unsicher, wie ein Alternativprogramm anzugehen wäre. So langsam mag sich das einpendeln, hat aber auch mir, die ich glaubte, das System Uni nach einigen Semestern weitestgehend durchblickt zu haben, einiges an Kraft und Nerven abgefordert.

Clara

Philipp, Germanistik
Eigentlich wurde ja schon alles gesagt: Schön isses nicht! Klar ist aber auch, dass die »Corona-Konstellation« nicht jeden gleich trifft. Ich für meinen Teil war schon vor dem Super-GAU kein Organisationstalent, aber seitdem ich mein Seminar mit auf Toilette nehmen kann, ist mir erst so richtig klar geworden, wie schwer es ist, ohne wirklichen Druck von außen den Tag zu bewältigen. Dass es Leute gibt, die das schaffen, macht die Sache nicht unbedingt besser. Und auch, wenn einem zwei Semester von offizieller Seite »geschenkt« wurden, ist das Jahr, das immer als das »sich ewig hinziehende« bezeichnet wird, verschluckt worden in der ganzen Warterei auf das Ende. Zumindest habe ich persönlich noch nie das Gefühl gehabt, so wenig in zwölf Monaten erlebt und geschafft zu haben. Aber ich will mich nicht beschweren, wozu auch?

Philipp

Jonas, Bauingenieurwesen
Meine Online-Semester liefen bisher überraschend gut. Die digitale Form der Lehre eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sofern sie umfänglich angeboten wird. Meist ist das auch der Fall. Wenn dem jedoch nicht so ist, ist es natürlich ein Reinfall, und ich fange an, die betreffenden Module zu verschieben. Dass das eine sehr kurzsichtige Strategie ist, ist mir bewusst, besser als live gefilmte Tafelbilder abzuschreiben, ist sie allemal. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit der Umsetzung, was sicher auch an meinem naturwissenschaftlichen Studiengang liegt. Am schwersten fällt mir komischerweise nicht die Selbstmotivation, sondern die Organisation. Drei verschiedene Programme, Links zu den virtuellen Räumen finden, wann ist welche Abgabe, wie wird sie geregelt, wann sind Einschreibungen und so weiter. All diese Dinge fehlerfrei im Blick zu haben scheint unmöglich, zumindest für mich.

Jonas

»Wir lassen uns nicht entmutigen«

Die Tanzwoche Dresden steckt in ihrem 30. Jubiläumsjahr in finanziellen Schwierigkeiten

Postherioca von der Compagnie Tanzwerke Vanek Preuß, Copyright: Günter Krämmer

Die Tanzwoche begeht im April ihr 30. Jubiläum. Eigentlich, muss man sagen. Noch steht in den Sternen, wann die Türen der Theater wieder geöffnet werden dürfen. Was bedeutet das für die Planung des Festivals? René Rothe, freier Regisseur und seit einigen Jahren Künstlerischer Leiter der Tanzwoche, hat dazu die Fakten. Das Interview für DRESDNER Kulturmagazin führte Rico Stehfest.

Wie plant man unter den aktuellen Umständen ein Festival, das eigentlich einen enormen organisatorischen Vorlauf benötigt, den man jetzt aber nicht hat?

Wir haben momentan tatsächlich ein ganz anderes Problem. Uns ist die institutionelle Förderung durch die Stadt gestrichen worden, was mir, gelinde gesagt, unverständlich ist. Die Tanzwoche Dresden ist das größte Projekt des Vereins zur Förderung der Tanzbühne Dresden e.V. und eins des größten beständigen Tanzfestivals für zeitgenössischen Tanz in Europa mit nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Das ist schon ein Schlag ins Gesicht aller Beteiligten.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Die Entscheidung erscheint uns widersprüchlich. Die Facharbeitsgruppe Darstellende Kunst kritisiert in ihrer Erklärung das Ausbleiben eines Generationswechsels innerhalb der künstlerischen Weiterentwicklung der Tanzwoche. Dieser Generationswechsel in der Projektleitung ist aber in den laufenden Vorbereitungen des Festivals 2019 durch mich vollzogen worden. Auch ist dieser Wechsel langfristig vorbereitet, da ich über mehrere Jahre durch die mir übertragenen Aufgaben in das Festival hineingewachsen bin. Im Bereich der Pressearbeit haben wir Jelena Ivanovic seit 2019 mit im Team und mit Daniela Backhaus eine Tanzpädagogin für den Bereich der Inklusion. Durch dieses Team entstand das neue Konzept für das Festival 2020. Auch mit Blick auf die künstlerischen Inhalte sind in diesen Jahren neue Compagnien und Künstlerinnen und Künstler dabei, die frische, zeitgenössische Konzepte verfolgen. Die offizielle Begründung ist für uns also nicht nachvollziehbar.

Wie wurde denn das Konzept bewertet?

Auch hier ist für uns einiges unklar. Für 2020 war unser neues Konzept angenommen worden, mit dem wir ja den Generationswechsel vollzogen hatten. Wir hatten entsprechend eine institutionelle Förderung zugesagt bekommen. Nachdem letztes Jahr die Tanzwoche situationsbedingt ausfallen musste, haben wir das bestehende Konzept modifiziert. Wir haben also ganz selbstverständlich auf dem bestätigten Konzept aufgebaut und die weitere Entwicklung vorangetrieben. Auf Anraten der Stadt haben wir eine Projektförderung beantragt, weil sich abzuzeichnen begann, dass eine institutionelle Förderung nicht gewährt werden würde, wobei die Gründe dafür offenblieben. Aber diese Projektförderung haben wir auch nicht erhalten. Das wirkt auf uns zwangsläufig etwas intransparent.

Was bedeutet das für die nächsten Pläne?

Wir lassen uns auf jeden Fall nicht entmutigen. Wir sind in Widerspruch gegangen; allerdings ist das Procedere hier sehr langwierig. Wir wollen natürlich das Gespräch mit der Stadt suchen, sehen aber hier Mühlen malen, deren Arbeit wir weder mitgestalten noch beschleunigen können. Dank der Gastspielförderung der Kulturstiftung des Freistaates haben wir jetzt erstmal den Plan, ein kleines Festival im projekttheater und im öffentlichen Raum stattfinden zu lassen, sofern es die Umstände ermöglichen. Wir haben neben anderen die Compagnie »Tanzwerke Vanek Preuß« aus Bonn eingeladen. Sie zeigen ihre Performance »Postheroica – Abschied vom Heldenmythos Beethoven«. Das wird hoffentlich die Eröffnung des Festivals am 21. und 22. April werden.

Vielen Dank!

Update 19. April: Ursprünglich sollte die Tanzwoche Dresden verkürzt vom 21. bis 29. April im projekttheater sowie im Alaunpark stattfinden, aufgrund der Corona-Situation sind jedoch Präsenzveranstaltungen nicht möglich.

Auf der Suche nach dem, was uns glücklich macht

Im Gespräch mit No King. No Crown.

Die drei Dresdner Musiker von No King. No Crown. haben Mitte Februar ihre neue Single auf den Markt geworfen und offenbar einen Nerv inmitten des Lockdowns getroffen. »Shelter« wurde eine Woche nach Erscheinen bereits über 10.000 Mal bei Spotify und Youtube geklickt und in den sozialen Netzwerken fleißig geteilt. DRESDNER-Autorin Kaddi Cutz hat mit Frontmann René über die Idee hinter dem Song und Inspiration in Pandemiezeiten gesprochen.

No King. No Crown. Foto: Aline Burkhardt

Wie bist du denn durchs letzte Jahr gekommen?

Ich habe das große Glück, dass ich als Grafikdesigner noch eine Festanstellung habe, wenn auch zwischenzeitlich in Kurzarbeit, sonst wäre ganz schön Ebbe. Ole ist Lehrer und Martin ist Sozialarbeiter, insofern kommen wir gut zurecht trotz Pandemie. Mit Musik läuft es natürlich gerade nicht so, aber so richtig schlecht ist es auch nicht. »Shelter« hat ganz gute Resonanz im Streaming, wir sind in vielen großen Spotify-Listen drin. Digital geht also schon ein bisschen was, aber das Bandleben an sich ist schon sehr auf Eis gelegt. Immerhin 15 Konzerte haben wir gespielt trotz des schwierigen Jahrs, ein paar Festivals gab es ja trotzdem und das Weinfest in Radebeul. Drei Online-Konzerte haben wir gespielt, wo wir dann einen großen Teil der Einnahmen gespendet haben, ans Klubnetz, die Chemo und einige gemeinnützige Organisationen.

Was aber ja kein richtiger Ersatz für Live-Konzerte ist …

Nee, das ist eher wie im Proberaum. Es fehlt die Reaktion, Kommentare sind zwar schön, aber ersetzen natürlich keinen Applaus (lacht). Es ist schon irgendwie eigenartig. Zudem haben wir dann auch alle Stücke als Akustik-Version gespielt, die richtig krasse Technik hatten wir dann auch nicht am Start.

Wieso habt ihr mitten in der Pandemie trotzdem eine Single veröffentlicht?

Letzten Sommer hatten wir fünf Songs fertig und haben uns gedacht, was sollen wir jetzt ewig weiter schreiben, wenn wir eh nicht wissen, wann wir überhaupt was rausbringen können in der Pandemie. Also sind wir mit dem, was wir hatten, ins Studio gegangen, waren auch immer wieder bei Phil Makolies von Woods of Birnam, mit dem wir schon die Vorgängerplatten gemacht haben und haben dann über den Sommer die Songs aufgenommen. Die Single sollte eigentlich schon im Oktober kommen, das hat sich dann alles verschoben und nun haben wir sie einfach rausgehauen.

Worum geht es in »Shelter«?

Um die lebenslange Suche, nach dem, was uns glücklich macht. Am Ende findet das jede*r für sich und das kann im Ergebnis ganz unterschiedlich sein.

Woher nimmst du im eher reizarmen Lockdown die Inspiration für neue Songs?

Ich habe zum Beispiel einen Song darüber geschrieben, wir schwer es mir fällt, im Lockdown neue Songs zu schreiben – der Klassiker quasi (lacht). Und ich habe tatsächlich geträumt, dass ich einen Song schreibe, habe das alles vor mir gesehen, wie ich die Akkorde gegriffen habe, als hätte ich die Gitarre in der Hand. Als ich aufgewacht bin, habe ich sofort versucht, das genau so zu spielen, wie ich es geträumt habe.

Und, hat’s geklappt?

Ja, aber das klang total scheiße (lacht). Daraus ist dann aber trotzdem ein Song geworden. Und es ist ein Corona-Song entstanden, darüber, wie man Dinge doch nochmal anders wertschätzen lernt, wenn man so auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Vielen Dank!

»Wir hatten großes Glück, vor dem Lockdown-Light zum Ende zu kommen«

Rückblick und Ausblick zum DAVE

DAVE-Opening 2020 im Kleinen Haus, copyright photo: Robby Klee

Seit 2014 gibt das DAVE-Festival Künstlerinnen und Künstlern aus der elektronischen Musikszene eine Plattform und macht die vielfältige Clublandschaft in Dresden einem größeren Publikum zugänglich. In diesem Jahr war es etwas anders: Die verkürzte Ausgabe kam als Hybrid daher und musste ohne Partys auskommen. Für die Oktober-Ausgabe hatten wir dazu Philipp Demankowski vom Organisations-Team des DAVE befragt. Jetzt, wo auch Live-Konzerte nicht mehr möglich sind, hat Karsten Hoffmann für DRESDNER Kulturmagazin noch einmal bei Philipp nachgehakt, und um Rückblick und Ausblick gebeten.

Wie wurde denn in diesem Jahr die hybride Ausgabe des DAVE angenommen? Welche Formate werden bleiben?

Wir haben uns im Frühsommer nach langer Überlegung dazu entschieden, ein Hybrid-Festival zu veranstalten, also eine Mischung aus klassischen Präsenzveranstaltungen – minus der Partys aus nachvollziehbaren Gründen – und digitalen Inhalten, die wir unter dem Schlagwort DAVE TV subsummierten und die wie ein eigener Fernsehsender mit vorher aufgenommen redaktionellen Inhalten sowie Livestreams von Veranstaltungen und Behind-The-Scenes-Material funktionierten. Das kam ganz gut an, wobei die genaue Auswertung noch aussteht. Im Chat war immer gut was los, so dass trotz allgemeiner Live-Stream-Müdigkeit das Ganze durchaus als Erfolg verbucht werden kann.

Was waren die Highlights und wird es im nächsten Jahr wieder ein DAVE geben?

Ich denke schon, dass wir das im nächsten Jahr wiederholen werden, definitive Schussfolgerungen aus dem Blick in die Kristallkugel kann ich aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht machen.

Zentrale Highlights waren sicher die drei Beyond The Club-Konzerte, das Opening im Kleinen Haus sowie die DAVE Con im objekt klein a. Soweit ich das beurteilen kann, liefen die Veranstaltungen sowohl inhaltlich als auch besuchertechnisch super. Man hat gemerkt, dass die Leute nach der Veranstaltungsarmut in den Vormonaten nach Kultur gieren. Natürlich hatten wir großes Glück, dass DAVE punktgenau gerade vor dem Lockdown-Light im November zum Ende kam. Wir haben aber auch extrem viel Gehirnschmalz in ein stimmiges und sicheres Hygienekonzept gesteckt, an das sich sowohl Besucherinnen und Besucher als auch Team vorbildlich gehalten haben.

Vielen Dank!

Eindrücke vom Festival sind hier zu finden: dave-festival.de/dave-tv/

Weihnachten neu denken

Im Gespräch mit Familientherapeutin Sylvia Betscher-Ott

Es gibt kaum ein Thema, das in vielen Familien mit weniger Emotionen beladen ist als Weihnachten. In unserem Kulturkreis gilt es als das Familienerlebnis, das der Selbstvergewisserung als Gemeinschaft dienen soll. Also machen sich jedes Jahr Heerscharen von Studenten, Singles und auch Paaren kreuz und quer durch die Republik auf den Weg, um unter dem Weihnachtsbaum die immer gleichen Rituale abzuhalten – gemeinsames Essen, gemeinsames Singen, Erzählen oder Gottesdienstbesuch, dann Geschenke auspacken, sich mehr oder weniger freuen, am nächsten Tag das Gleiche bei Oma und Opa. Und Erleichterung darüber, das Ganze einigermaßen ohne Streit überstanden zu haben. Nun scheint das Fest der Liebe ziemlich unsinnig, wenn allerorten »Kontakte reduzieren« das Diktum der Zeit lautet, und Familien unter dem Brennglas von Corona als »viraler Hotspot« definiert werden. Wie also dieses Weihnachten über die Bühne bringen? Darüber sprach DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher mit ihrer Schwester Sylvia Betscher-Ott, Gründerin des Würzburger Institus für systemisches Denken und Handeln und seit Jahrzehnten als Paar- und Familientherapeutin tätig.

Sylvia Betscher-Ott

Verunsicherung allerorten. Darf die Oma an Heiligabend nun dabei sein, sollte sie? Kann ich mich mit meinen Freunden treffen? Kurzum: Ist das Fest der Liebe in Gefahr?

Sylvia Betscher-Ott: Ja, auf alle Fälle! (lacht). Sicherlich stellen uns diese Weihnachtsfeiertage vor interessante Herausforderungen. Das wohl durchgeplanteste Familienereignis des Jahres lässt sich unter den derzeitigen Bedingungen schlecht planen. Und dies schafft weitere Unsicherheiten in den von vielen als sehr unsicher wahrgenommenen Zeiten. Aber zu sagen ist: Das Feiern in der Kernfamilie ist ja auf alle Fälle möglich. Wer sich unsicher ist, wie älteren oder kranken Familienmitgliedern zu begegnen ist, kann sich mit einem Test ein wenig Zuversicht verschaffen. Aber das Risiko, sich oder andere anzustecken, ist natürlich trotzdem da.

Schafft diese Unsicherheit nicht noch mehr Konflikte, denn an Weihnachten werden ja häufig nicht nur die Gemeinsamkeit betont, sondern auch immer wieder gerne Unterschiede in Charakter und Auffassung thematisiert?

Sylvia Betscher-Ott: Und da hat das Thema, wie die Coronamaßnahmen zu bewerten seien, mit Sicherheit erhebliches Streitpotential. Nimmt man dann noch Auseinandersetzungen, zum Beispiel über veganes Essen dazu, und kombiniert das Ganze mit den Animositäten und alten Wunden, die zu Weihnachten gerne aufgerissen werden, dann mag es in mancher Familie in der Stillen Nacht zu Konflikten kommen. Deshalb würde ich an dieser Stelle den Spieß gerne umdrehen: Statt darüber zu sinnieren, wie schrecklich dieses Weihnachten werden könnte, ist es lohnenswert, über Weihnachten neu nachzudenken.

Die Krise als vielbeschworene Chance?

Sylvia Betscher-Ott: Das hört sich im ersten Moment tatsächlich ein wenig sarkastisch an. Dennoch, wir alle kennen Menschen oder wir gehören vielleicht auch selbst dazu, für die Weihnachten in erster Linie mit viel Aufwand und wenig vergnüglichen Stunden verbunden ist. Und sich aus dieser als Pflichtübung empfundenen Situation zu lösen, dafür bietet Corona einen recht eleganten Ausweg. Vielleicht mag man wirklich lieber Weihnachten zu Hause verbringen, statt für ein paar Stunden Familienfest durch die ganze Republik zu fahren. Vielleicht möchte man sich in diesen Tagen wirklich lieber mit seinen Freunden umgeben und sich nicht die immergleichen Geschichten von Onkel Erwin anhören? Die derzeitige Situation kann die Gelegenheit sein, mit den Eltern und Großeltern zu besprechen, ob man nicht dieses oder jenes bleiben lassen oder anders machen könnte und möchte. Zusammengefasst: Die Chance liegt tatsächlich darin, Rituale zu überprüfen und neue Rituale zu entwickeln.

Aber die Vorstellung, Weihnachten alleine zu verbringen, selbst wenn man sich nach etwas Ruhe sehnt, ist das nicht auch gruselig?

Sylvia Betscher-Ott: Das muss nicht sein. Denn wenn wir uns klarmachen, dass es dieses Jahr vielen so ergeht, fühlen wir uns weniger einsam. Das ist ein tröstlicher Reflex unserer Seele. Vielleicht sollte man für sich überlegen, warum Weihnachten derartig mit Bedeutung aufgeladen ist. Denn objektiv gesehen ist es kein Weltuntergang, wenn Weihnachten einmal nicht so stattfindet, wie es immer stattgefunden hat. Natürlich gibt es Umstände, die einen wenig froh machen. Mein Mann und ich zum Beispiel verbringen Weihnachten mit vielen Freunden. Die großen Festrunden fallen nun aus. Dann ist eben Kreativität gefragt, zu überlegen, wie man trotzdem eine schöne Zeit miteinander verbringen kann, zum Beispiel beim Spazierengehen. Mein Mann und ich werden also dieses Jahr um Weihnachten herum viel an der frischen Luft sein. Und einmal nicht für 15 oder 20 Leute einkaufen zu müssen, hat ja schließlich auch etwas für sich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sylvia Betscher-Ott, Dipl.Soz.Päd., Lehrtherapeutin für System- und Familientherapie (DGSF) Supervisorin (DGSv), Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Weiterbildung in Gesprächspsychotherapie, Eheberatung und Mediation; langjährige Mitarbeit an einer Erziehungs- und Eheberatungsstelle; in freier Praxis tätig mit den Schwerpunkten Therapie, Supervision und Fortbildung; wuerzburger-institut.de

»Entweder gehen wir gestärkt aus der Krise, oder die Vielfalt der Branche wird sterben«

Kilian Forster, Leiter der Jazztage Dresden, Musiker und Manager – befragt von Heinz K.

Kilian, du bist ja nun als Musiker und als Intendant der Jazztage Dresden in doppelter Hinsicht vom Lockdown betroffen …

Sogar in dreifacher Hinsicht, da ich ja nicht nur die Jazztage leite und mit den Klazz Brothers spiele, sondern meine eigenen und andere Projekte – zusammen mit meiner Frau – auch noch manage. Also ein breit aufgefächertes Spektrum, damit wir, wenn ich mir mal in den Finger schneide oder Jazz nicht mehr so läuft oder die Klazz Brothers auseinander gehen, noch ein Standbein haben, um weiterzumachen. Alles ist jetzt auf Null.

Kilian Forster: Ich nehme meinen Vollbart erst ab, wenn wir wieder ein Konzert ohne Beschränkungen geben können.

Das wäre auch meine Frage gewesen, wie du mit der Situation umgehst, in der du nicht arbeiten kannst?

Also zuerst einmal war ich sehr beschäftigt mit Absagen und Umverlegungen der Umverlegungen, mit Ticketumbuchungen und dem Versuch, etwas Neues zu kreieren. Ich habe dann aber gemerkt, dass das alles keinen Sinn macht. Und bevor man die Branche wechselt (das waren tatsächlich die Überlegungen), ist die einzige Möglichkeit, zu protestieren – Um uns selber mit den Jazztagen zu outen und auch generell auf den Exodus der Veranstaltungswirtschaft und auf die Vielfalt der Kultur, die jetzt in Gefahr ist, hinzuweisen. Denn dafür haben wir ja studiert, davon leben wir und das brauchen wir einfach für unsere psychische Gesundung.

Du bist Initiator der Aktion Stumme Künstler. Was ist das Hauptanliegen der Aktion?

Als Initiator kann man auch noch ein bisschen mehr machen, also organisieren wir das auch noch zu fast hundert Prozent. Es soll und wird jetzt leider größer werden und die Aktion geht auch in andere Städte, wie etwa Berlin, Würzburg und Augsburg.

Das Hauptanliegen gilt sowohl den Künstlern als auch für die Veranstalter und die Soloselbständigen. Wir sind von Gerhard Schröder ermuntert worden, Ich-AGs zu gründen. Die jungen Leute sind damals sehr kreativ damit umgegangen, und die fallen jetzt komplett durchs Raster. Es gibt im Vergleich zu anderen europäischen Staaten keinerlei Hilfe als den Verweis auf die Grundsicherung. Also Leute, die Kredite aufgenommen haben, die Versicherungen zu zahlen haben und ihr Schulgeld zahlen, haben nicht die Möglichkeit, ihre Lebenshaltungskosten in der Soforthilfe anzugeben. Und es gibt Länder wie Norwegen oder Großbritannien, die 80 Prozent des Verdienstausfalls des letzten Jahres für die drei Monate und weitere Monate übernehmen. Oder die Niederlande, die wenigstens zwischen 1.000 und 1.500 Euro geben. Angesichts dessen ist es eine Sauerei, was hier bei uns passiert.

Das ist das eine Anliegen. Das andere ist, dass wir vom Kulturamt der Stadt Dresden zu hören bekommen haben, dass es keine Hilfe zur Rettung der Jazztage geben wird – und das geht anderen Institutionen auch so. Das kann nicht sein. Wir haben 19 Jahre der Stadt etwas gegeben und dabei nichts verdient, sogar selber noch etwas drauf gezahlt, und dann noch in Aussicht gestellt zu bekommen, dass man froh sein solle, wenn es im nächsten Jahr genauso wenig Förderung gibt wie im letzten Jahr, (die Jazztage haben von Stadt und Land 5 Prozent des Umsatzes als Förderung bekommen und 95 Prozent selber erwirtschaftet, wo andere Festivals bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes gefördert bekommen). Das war der Auslöser. Ein zweiter Auslöser war, dass es nicht einmal 100.000 Euro Kredit gibt, weil die Jazztage eine gemeinnützige Gesellschaft ist. Wir bekommen – und das geht vielen Institutionen so – keinen KfW-Kredit, weil wir als Gemeinnützige keinen Gewinn machen dürfen. Wir brauchen auch nicht unbedingt einen Kredit, sondern direkte Zuschüsse, aber mit einem Kredit wären wir wenigstens über die Runden gekommen und müssten auch nicht im September Insolvenz anmelden. Also vielleicht kann man ja als Zombie-Unternehmen noch ein wenig länger dahinvegetieren …

Nun hat die Bundesregierung die Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen bis 31. Oktober beschlossen. Was bedeutet das jetzt für die Jazztage? Planst du jetzt für 2021?

Ohne Hilfe wird es die Jazztage weder 2020 noch 2021 geben. Entweder ist es der Stadt und dem Staat etwas wert – und das fordere ich auch für andere Institutionen – oder eben nicht.

Bei den Stummen Künstlern hast du ja nun auch schon teils hochrangige Politiker auf die Bühne gebeten. Hat das etwas bewirkt, schiebt es etwas an?

Es schiebt definitiv etwas an und es fördert das Verständnis für die Freien und Selbständigen. So ist es in dem neuen Paket der Landesregierung immerhin ein Fortschritt, dass von 68 Millionen für die Kultur 30 Millionen an die Freien gehen, nur ist das eben wieder begrenzt und nicht einmal im Ansatz ausreichend, um viele Unternehmen in Sachsen vor dem Ruin zu bewahren. Wie brisant es wirklich für die Freien im Verhältnis zu den Hochsubventionierten ist, das merkt man in den Gesprächen mit den Kulturpolitikern, dass das bei ihnen noch nicht angekommen ist. Trotzdem ist bei den Politikern die Bereitschaft da zuzuhören, und das hat sicherlich bewirkt, dass wir nun etwas mehr Hilfe bekommen.

Ich erwarte eigentlich von einer Kulturministerin, egal ob auf Land- oder Bundesebene, dass sie klar formuliert, was die Hilfe sein muss, und nicht, dass man uns noch erklärt, warum wir von 6 Milliarden für die Kultur und den Tourismus nur 68 Millionen kriegen. Das kann nicht sein. Es kommt mir manchmal so vor, dass ein jeder in Verantwortung stehender Politiker betont, wie sehr ihm oder ihr die Kultur am Herzen liegt, und das nehme ich auch jeder und jedem ab, aber das klingt am Ende für mich wie eine anteilnehmende Beileidsbekundung zum Tod der Branche.

Was müsste die Politik deiner Meinung nach reagieren, um dieses offensichtliche Defizit zu beheben?

Die Politik müsste individuelle Maßnahmen abfragen, welches Unternehmen wie viel Geld benötigt, um zu überleben. Das muss nachprüfbar sein, ganz klar dargelegt, mit allen Einsparpotenzialen, die man selbst noch hat, um einfach die Kulturinstitutionen über diese Zeit zu retten. Sodass man bis dahin überleben und frohen Mutes daran arbeiten kann, fürs nächste Jahr Konzerte und Veranstaltungen zu planen.

Was ist denn mit dem Projekt Kulturinseln beabsichtigt?

Das sind 12 Bühnen in der Innenstadt, vom Goldenen Reiter bis zum Hauptbahnhof, die donnerstags bis samstags im Stundentakt mit Kurzkonzerten, Performances und Tanz von Dresdner Künstlern für Touristen und Einheimische bespielt werden. Damit sollen zusätzlich auch Tages- und Wochenendtouristen angezogen werden, indem ihnen hervorragende Darbietungen von Dresdner Künstlern und Institutionen und der freien Szene geboten werden.

Nun sind ja die 500.000 Euro für die »Kulturinseln, die du mit ins Leben gerufen hast, um weitere 500.000 Euro für das Projekt »Kunst trotzt Corona« auf 1 Million aufgestockt worden. Wie bewertest du diese Entscheidung des Dresdner Stadtrates?

Eine gute Sache. Vielleicht konnte ich mit all den Interviews, auf den Stumme Künstler-Demos, im Kulturausschuss und in den persönlichen Gesprächen mit den Politikern, wo ich die eine symbolische Million vor der Sommerpause gefordert hatte, mithelfen. Wenn es einen Teil dazu beigetragen hat, dann bin ich glücklich. Ab 1. Juli kann man sich für die Kulturinseln bewerben.

Wo steht dann die Kultur, wenn die Krise vorbei ist?

Das ist die große Frage: Wollen wir den Amazon- und Netflix-Effekt und es wird nur noch auf ein paar Große verteilt sein? Wollen wir Streamingdienste nutzen und nur noch auf ein paar wenige Konzerte gehen sowie die hochsubventionierte Kultur erleben, oder wollen wir die ganze Vielfalt der kleinen bis großen Veranstalter, ob subventioniert oder nicht subventioniert, erhalten? Da sehe ich eigentlich nur eine Chance, wenn man endlich die Leistung der freien Kreativ- und Kulturwirtschaft anerkennt und dort ähnlich wie bei freien Schulen oder Privatkrankenhäusern eine adäquate prozentuale Förderung zukommen lässt, ihnen alle Freiheiten lässt und sie nicht politisch zu beeinflussen sucht. Das wird ein langer Kampf werden, so wie das bei den Freien Schulen, ob Waldorf oder Montessori, ja auch gewesen ist. Wir brauchen einen Verteilerschlüssel für die Veranstaltungsbranche, damit wir wieder handlungsfähig sind. Denn man kann nicht endlos an der Preisschraube drehen. Dort muss Solidarität und Fairness walten. Entweder gehen wir gestärkt aus der Krise, oder die Vielfalt der Branche wird sterben.

»Für mich die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre«

Thomas Jurisch (Moderator, Veranstalter und Slam-Comedian) – befragt von Karsten Hoffmann

Thomas Jurisch

Wie hat dich die Corona-Krise getroffen?

Ich habe durch den Verlust meiner Shows, Moderationen und anderweitigen Aufträge natürlich Einbußen gehabt. Doch es hielt sich in Grenzen. Der schnelle Weg durch die staatlichen Hilfen, da muss ich gestehen, dass mir das herzlich am Hintern vorbei ging. Es geht um Geld. Mehr nicht. Dass sich die Beschränkungen irgendwann wieder lockern würden, war mir klar. Ergo habe ich die letzten drei Monate mehr als genossen. Niemand, der nervte, keine Ahnung wie es weiter gehen sollte und jeden Tag mit Sport, Kind und Natur verbracht. Die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre.

Was hast du denn unterdessen unternommen? Gab es für dich einen Notfallplan?

Ich hatte und habe keinen Notfallplan. Warum auch? Wir leben in Deutschland. Dieses Land steht für seine Menschen ein. Wenn du in Not kommst, dann hilft dir der Staat finanziell in vielen Belangen. Dafür muss man zwar oft die Hosen runter lassen, aber dann läuft es ohne Probleme. Ich habe die Zeit entspannt meine zukünftigen Shows und Projekte umzusetzen und zu schauen, was sich ergibt.

Hattest du unter Corona-Bedingungen schon Auftritte? Wenn ja, wie reagierte das Publikum darauf?

Seit Juni können wir wieder zaghafte Schritte mit bis zu 240 Zuschauern machen. Das lässt hoffen und auch entspannt in die Zukunft sehen. Ab Juli 950 Gäste bei den Filmnächten und viele diverse kleine andere Shows füllen den Terminplaner und zeigen, dass man auch mit kleinen Sachen Geld verdienen kann und vor allem, wer sich um seine Gäste und Künstler kümmert. Das derzeitige Gejammer an allen Ecken nervt mich wirklich an, denn statt kleine kontinuierliche Brötchen zu backen, wollen alle nur große Shows, um abzusahnen. Das war und ist nie meine Philosophie gewesen.

Welchen Wunsch hättest Du an die Politik?

Ehrlich? Keinen! Auch wenn die Bundesregierung in vielen Punkten vielleicht überreagiert hat, hätte ich nicht in ihrer Haut stecken wollen. Sie haben zwar einige Branchen an den Rand des Ruins gebracht, aber lieber so, als Tausende von Toten. Und es hätte jeden von uns treffen können. Meinem Sohn zu erzählen, dass der Papa sterben wird, weil er unter die Risikopatienten fiel oder gar mein Kind verlieren, des Leichtsinnes wegen, ist für mich undenkbar. Wir haben alle die Chance auf Grundversorgung. Das hilft für kommende Monate und einem zaghaften Neubeginn. Ich liebe derzeit diese Situation. Endlich mal wieder alles auf Null fahren und sich dessen bewusst werden, was man wirklich will.

»«Eine Gefahr für die Veranstaltungswirtschaft ist, dass uns schlichtweg das Fachpersonal abhanden kommt«

Clubbetreiber Sebastian Gottschall (Strasse E, Reithalle, Bunker) – befragt von Karsten Hoffmann

Sebastian Gottschall

Wie sieht die aktuelle Situation in der Strasse E aus?

Trüb, da wir derzeit keinerlei Veranstaltungen durchführen können und seit März einen totalen Umsatzverlust erleiden.

Gibt es einen Notfallplan und alternative Konzepte? Welche Unternehmungen hast du bisher angestellt?

Es gibt keinen Notfallplan, insofern weiterhin alles untersagt bleibt und man uns keinerlei Spielraum für Alternativen einräumt. Unsere regelmäßigen Konzert- und DJ-Livestreams können uns leider auf Dauer nicht retten.

Gab es denn schon kleinere Gigs unter den aktuellen Auflagen und wie könnte eine sinnvolle Lösung fürVeranstaltungen aussehen?

Nein, da jegliche Form innerhalb geschlossener Räume, egal ob Diskothek oder Konzert untersagt sind, und Begrenzungen auf 50 Personen mit Abstandsregeln wirtschaftlicher Unsinn sind, weil das eben auch mehr Geld kostet, als letztlich die Türen geschlossen zu lassen. Die einzig wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme wäre die zumindest teilweise Aufhebung der Maßnahmen, da diese aufgrund der aktuellen sachsenweiten Entwicklung der Infektionszahlen nicht mehr angemessen sind. Das bedeutet Konzerte und auch Diskothekenbetrieb bis zur Besucherzahl X ohne weitere Einschränkungen wie Abstands- oder Maskenpflicht. Es macht keinen Sinn, Sachsen zur keimfreien Zone zu erklären. Dies ist nicht Sinn und Zweck der Schutzmaßnahmen. Als Alternative kann nur eine umfangreiche finanzielle Hilfe in Frage kommen, die nicht Rückzahlungspflichtig ist. Die versprochenen Juni-Maßnahmen der Regierung sind ja vom Umfang her, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit. Die meisten Unternehmen in meinem Umfeld würden mit diesen neuen Maßnahmen keine 3 Monate, sondern eher nur einen Monat durchhalten. Die Miet- und Unterhaltskosten in der Veranstaltungswirtschaft sind nicht zu unterschätzen. Leider begrenzt die Regierung die Hilfsmaßnahmen weiterhin anhand der Anzahl der Mitarbeiter, was aber finanziell im Veranstaltungsgewerbe weniger Einfluss auf die Gesamtkosten hat. Ein weiteres Problem wird sein, das auf lange Sicht der Veranstaltungswirtschaft Ton-, Licht- und sonstige Mitarbeiter wegbrechen werden, ebenso wie selbstständiges Gastro-Personal. Da Soloselbständige keinerlei Existenzhilfen bekommen und auf Harz 4 angewiesen sind, wovon sie ihren Lebensstandard nicht finanzieren können, werden sich viele dieser Freischaffenden beruflich umorientieren. Mir sind diesbezüglich bereits Fälle bekannt. Dies stellt ebenfalls eine Gefahr für die Veranstaltungswirtschaft dar, da uns schlichtweg das Fachpersonal abhanden kommt.

Was wäre dein Wunsch an die Politik?

Die Scheuklappentaktik gegenüber der Veranstaltungswirtschaft und den Soloselbständigen abnehmen und sich auf kompetente Weise mit den realen Problemen auseinanderzusetzen. Pauschalisierte Hilfen ohne Betrachtung der wirklichen Notwendigkeit finanzieller Hilfen wird das Überleben der Veranstaltungswirtschaft nicht sichern. 2,3 Millionen Selbstständige und deren privaten Unterhalt komplett zu ignorieren, stößt bei mir auf komplettes Unverständnis. Dies als Wunsch zu formulieren, wäre nicht angemessen. Direkte Hilfen sollten hier eine Selbstverständlichkeit sein.