»Eine fremde Welt, direkt vor meiner Haustür«

Felix Räuber im Gespräch zu seinem Langzeitprojekt »Wie klingt Heimat?«

Drei Jahre lang war der Musiker Felix Räuber in seinem Heimatland Sachsen unterwegs, um Antworten zu finden auf die Frage: »Wie klingt Heimat?« Neben einer zehnteiligen Doku ist auch ein einzigartiges Live-Konzept aus dem Projekt gewachsen, das als »Sinfonie der Kulturen« mit 42 Künstlern auf der Bühne am 7. Juni im Kulturpalast uraufgeführt wurde. Dies hat DRESDNER-Autorin Kaddi Cutz zum Anlass genommen, um mit Felix über das Projekt und seine weiteren Pläne zu sprechen.

Du pendelst zwischen Dresden und Berlin – was ist Heimat für dich?

Felix: Meine Ur-Heimat habe ich durch das Pendeln ja nie ganz verlassen. Gleichzeitig kann ich sagen, dass Berlin für mich auch nie ganz neue Heimat sein wird. Das liegt zum einen daran, dass ich meine Wurzeln in Dresden habe, meine Familie hier lebt und ich selbst auch über zwei Jahrzehnte hier gelebt habe.

Heimat ist kein Begriff, der etwas ausschließt, sondern einer, der ganz viel einschließt. Für mich selber gibt es eine ganz klare, einfache Antwort: In dem Moment, wo ich 1997 mit der Gründung von Polarkreis18 meine erste Bassgitarre bekommen habe, war meine Heimat die Musik. Das Schreiben von Songs hat mir immer ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens gegeben, ein Gefühl, das ich auch mit Heimat assoziiere. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Hundertprozentig und allumfassend beantworten kann ich die Frage aber noch nicht, obgleich die Produktion für mich eine Art Heimreise ist, die mich der Antwort etwas näher bringt.

Wie klingt Heimat? Felix Räuber im Tagebau (Foto: Siegfried Michael Wagner)

Was hat dich an der Produktion oder in ihrem Entstehungsprozess besonders berührt?

Felix: Es ist vor allem eine musikalische Begegnung völlig unterschiedlicher Kulturen und Menschen. Ich durchreise zehn Kulturkreise meines Heimatlandes Sachsen und treffe dort Menschen und ihre Kulturen, lerne Eigenheiten und Traditionen kennen, mit denen ich vorher noch nie etwas zu tun hatte. Eine fremde Welt direkt vor meiner Haustür. Was mich da so sehr berührt hat und auch aktuell noch berührt – denn wir sind ja noch mitten in der Produktion – ist, dass ich vielleicht entgegen meiner eigenen Vorurteile, die ich natürlich auch hatte, gar keine Verschlossenheit erlebt habe. Vor allem die Musik war immer ein Türöffner, um Menschen mit ganz eigenen Werten offen gegenüberzutreten. Das ist das, was mich am meisten beeindruckt hat. Zum Beispiel in der Ferienwohnung des Kantors der sorbischen Ostersänger und -reiter Daniel Wessela, dort habe ich drei Tage und zwei Nächte mit der Familie in einem Mehrgenerationenhaus verbracht und wurde da unglaublich herzlich aufgenommen. Das war was ganz ganz Tolles.

Wie hast du selbst die Uraufführung am 7. Juni im Kulturpalast erlebt?

Felix: Das war eine musikalische Zusammenkunft auf der einen Seite und zum anderen das große Finale unserer zehnteiligen Doku-Serie »Wie klingt Heimat?«. Hier begegnen sich alle Protagonisten aus allen Episoden zum allerersten Mal. Es war schön zu erleben, wie auch da eine Verbindung entsteht und im Umkehrschluss zu sehen, dass Musik wirklich in der Lage ist, verschiedene Kulturen zu verbinden und über Kulturen hinweg zu kommunizieren. Das habe ich zum einen auf der Bühne gemerkt, wo vom professionellen Muster bis zum Laien sich alle gut miteinander verstanden haben und mit Leidenschaft und Hingabe dabei waren. Zum anderen konnte ich das auch hinterher in Gesprächen mit dem Publikum erleben; aus allen Kulturkreisen überall in Sachsen sind Leute angereist, die auch den Abend zu einem Gemeinschaftsmoment haben werden lassen. Das war ein Publikum, das es so in seiner Vielseitigkeit und Zusammensetzung im Kulturpalast wohl noch nie gegeben hat.

Der Heimatbegriff wird von vermeintlichen Patrioten etwas anders interpretiert, als es im Zusammenspiel der Kulturen in deinem Projekt auf der Bühne geschieht. Wie stehst du dazu?

Felix: Es ist ja kein Geheimnis, dass der Heimatbegriff eine Bombe ist. Genau deswegen haben wir uns dem auch angenommen, um ihn kreativ zu entschärfen, ihn mit Diversität, Offenheit und Vielseitigkeit aufzuladen und ihn auch nicht den anderen zu überlassen. Ihn künstlerisch, musikalisch zu füllen und als vielseitiges Panorama abzubilden.

Was steht die nächste Zeit an?

Felix: Erstmal geht es jetzt darum, die restlichen Teile fertig zu drehen, das wird sich noch ein bisschen ziehen, die Serie soll ja 2023 rauskommen. Wir wollen das Live-Format auf Tour bringen und um noch mehr Künstler erweitern. Dazu gehe ich parallel als Solokünstler auf Tour. Am 29. Oktober bin ich im Beatpol, da ist das Mondëna Quartet aus Leipzig dabei, das auch bei der Sinfonie der Kulturen aufgetreten ist. Ansonsten bin ich auf vielen Baustellen musikalisch aktiv, mache viel Filmmusik. Zuletzt habe ich für zwei große amerikanische Serien den Soundtrack beigesteuert, zum einen für die Netflix-Produktion »How to get away with a murderer« und die miterfolgreichste amerikanische Serie aller Zeiten, »Grey’s Anatomy«. Das war‘s erst mal für den Moment – ich glaub, das ist auch genug (lacht).

Vielen Dank!

Mehr zum Projekt und zum Künstler unter heimatlieder.net bzw. felixraeuber.com