DRESDNER Interview
Die transformatorische Kraft der Kunst – Die Ostrale auf dem Weg vom jährlichen Kunstexzess zur ganzjährigen Institution

Warum sollten die Dresdner die diesjährige Ostrale besuchen?
Martin Müller: Weil die Ostrale ein sinnliches Gesamtkunstwerk ist, das aus vielen sehr unterschiedlichen Teilen, Aspekten und Atmosphären besteht, die spannend und faszinierend sind. Dies kann man entdecken, man kann sich damit auseinander setzen, sich inspirieren lassen oder einfach nur genießen.

Gibt es diesmal einen programmatischen Schwerpunkt oder ist wieder alles »querbeet«?
Martin Müller: »Querbeet« klingt mir arg negativ. Die Ostrale wurde seinerzeit ins Leben gerufen, weil sie von einer transformatorischen Kraft der Kunst ausgeht, die gerade auch außerhalb der traditionellen musealen Strukturen sichtbar und erlebbar wird als eine Qualität, die viel mehr mit dem »richtigen Leben« zu tun hat als wir immer noch gemeinhin denken. Und aus diesem Grunde ist das Festival von Anfang an als ein offenes, inhaltlich möglichst wenig reglementiertes oder überinterpretiertes Projekt auf den Weg gebracht worden. Wir werden die Ostrale deshalb auch zukünftig nicht in irgendein programmatisches Skelett zwängen, erst recht in kein theoriebefrachtetes. Es ist die Kunst – in der Kommunikation mit dem Ort und seiner Geschichte – die sich selbst jedes Jahr neu erfindet.

Dresden hat zwar immer noch kein Museum der zeitgenössischen Kunst, aber offenbar genügend hochkarätige touristische Aushängeschilder. Wie positioniert sich die Stadt zum »Schmuddelkind« Ostrale?
Martin Müller: Die Stadt Dresden betrachtet die Ostrale mitnichten als Schmuddelkind, sondern mittlerweile als Baustein der städtischen Kulturpolitik, der die zeitgenössische Kunst auch in einem überregional wahrnehmbaren Maßstab vertreten kann. Aus diesem Grunde erhält die Ostrale inzwischen auch eine institutionelle Förderung durch die Stadt. Insofern ist sie auch in der Wahrnehmung durch die Stadt ihren Kinderschuhen entwachsen und kann ihre eigenständige Position innerhalb der Kunst- und Museumslandschaft Dresdens einnehmen.

In welche Richtung soll sich die Ostrale in den nächsten Jahren entwickeln?
Martin Müller: Die Ostrale besitzt das Potential, sich zu einem der wichtigsten und spannendsten Kunstfestivals in Deutschland und Europa zu entwickeln. Deshalb ist es zunächst primäre Aufgabe, das Festival selbst zu konsolidieren. Andererseits setzen wir Entwicklungsmodule wie ein Kulturpädagogisches Kompetenzzentrum oder das Hochschulprojekt »IAM International Art Moves« bereits um. Bei Letzterem sind inzwischen mehr als 20 Universitäten und Akademien aus aller Welt beteiligt und es ist bereits soweit entwickelt, dass wir schon mit der Umsetzung begonnen haben. Wenn es vollständig realisiert ist, werden wir eines Tages ganzjährig Artists in Residence, Ausstellungen und Projekte von Kunstakademien aus aller Welt in der Ostrale haben und die besten Arbeiten werden dann Bestandteil des Festivals sein. Dies alles setzt aber voraus, dass die Gebäude Stück für Stück so instand gesetzt und ausgestattet werden, etwa mit Heizungen, dass dies technisch überhaupt möglich ist. Wir sind also erst ganz am Anfang eines langen Weges.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ostrale'010, 27. August bis 19. September im Ostragehege; mehr unter: www.ostrale.de
Vom subkulturellen Spielplatz zu professionellen Strukturen: Die Ostrale hat in den letzten Jahren regelmäßig tausende Besucher angelockt, aber die Organisatoren auch an physische und existentielle Grenzen gebracht. Das soll in Zukunft in geregelteren Bahnen verlaufen, trotzdem will die Ostrale weiter wachsen. André Hennig und Aron Syrbe haben für DRESDNER bei Martin Müller, gemeinsam mit Andrea Hilger Leiter der Ostrale, nachgefragt, was in diesem Jahr und darüber hinaus vom Kunst-Event im Ostragehege zu erwarten ist.