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Von toten Kaninchen, lebenden Buchcharakteren und (keinen) Gendertexten – Eindrücke von den 18. deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften
Eine Schlange bis vor die Eingangstür erwartete den Glücklichen, der mit einem Ticket in der Hand am Abend des 29. Oktober in die Schauburg pilgerte. Doch verdutzt schaut man als Mitwisser bei diesem Anblick von zu einem literarischen Abend stürmenden Massen schon lange nicht mehr. Poetry Slam ist schließlich angesagt wie nie zuvor und hat sich von dem kleinen Dichterwettstreit vor ein paar dutzend Leuten in einer verrauchten Kneipe zu einem populären Sport-Event entwickelt, bei dem dieses Jahr in Dresden 120 Poeten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum im Einzel- und 20 Dichtergruppen im Team-Wettbewerb gegeneinander mit selbstgeschriebenen 5-Minuten-Texten antreten. Zeitgleich fanden an diesem Tag Einzelwettbewerbsvorrunden auch noch an drei weiteren Orten statt, aber da auch ein DRESDNER-Autor noch nicht Herrscher von Zeit und Raum geworden ist, mussten die beiden Poetry-Slam-Events in der Schauburg heute genügen – und das taten sie auch.

Die 2. Vorrunde des Slam 2014 in der Schauburg wurde vom offenherzigen und spontanen Moderatoren-Duo Dominique Macri und Felix Römer („eine 10 bedeutet: ich ziehe mich für dich aus, damit du mir deinen Text mit Spucke auf meinen nackten Körper schreiben kannst!“) begleitet. Ein erstes Ausrufezeichen im Wettstreit selbst setzte als dritter Poet der Kasseler Nils Früchtenicht, als dieser mit einer emotionalen Prosa über seine unperfekte Mutter – „Ich machte mir morgens Schulbrote und du dir Sekt mit Magenbitter“ – die wahren Gründe für den Beginn seiner Slammer-Karriere offenbarte, damit bei der siebenköpfigen Jury und dem Publikum ins Schwarze traf und direkt ins Halbfinale einzog. Auch Sim Panse aus Aachen stimmte gleich danach mit einem wortverspielten Text über „Vorstellungen“ etwas ernstere Töne an, wurde dafür aber nicht von der Jury belohnt. Anders dagegen die Schweizerin Hazel Brugger, die ihren Spaß an trockener Morbidität auch diesmal nicht verloren hatte und herrlich skurril von Kaninchen Hoppels Todestag bei versammelter Familie erzählte. Das Publikum johlte und konnte auch die Jury von den Textqualitäten Bruggers überzeugen.

Doch der schon sicher geglaubte Einzug wurde ihr schließlich von den beiden letzten Poeten verwehrt, die von der Jury mit Traumnoten von 8,6 bis 9,8 bedacht wurden. Zuerst gab Erzähltalent Sven Kemmler eine Diskussion zwischen seinen Lieblingsbuchcharakteren Yasumoto und Käpt'n Ahab über die Boshaftigkeit von Moby Dick und Sauron zum Besten, während die von Fontanes Geschwurbel gelangweilte Effi Briest endlich mal „One Night in Bangkok“ was erleben durfte. Und dann stach auch noch einmal Christoph Krause mit einem energiegeladenen Wortschwall heraus, in dem er gekonnt ironisch die Sucht nach Weltverbesserung aufs Korn nahm und für sich zum Einkaufen um die Ecke einen zweiten Jeep forderte, „damit ich die Hörnchen holen kann, die ich im ersten Jeep vergessen habe!“.

Der Slam-Abend war noch lange nicht vorbei und so leiteten Lars Ruppel und Sebastian23 gut gelaunt aber doch für Slam-Moderatoren sehr zurückhaltend das 1. Team-Halbfinale mit ihrem vor Genitalmetaphern strotzenden Opferlamm-Text „Viva la Penetration“ ein. Nachdem dann der erste arg zotige Wettstreittext über das Wiedersalonfähigmachen der Flatulenz (Team KeMgv aus Mühlenbeck) eine schon recht hohe Punktzahl erreichen konnte, trieben die Wortakrobaten „Interrobang“ das Text-Niveau in dieser ersten Hälfte des Halbfinales vorerst auf die Spitze. In einem großen Bogen evolutionierte sich das Duo von brüllenden Affen in immer weiter gebildete Menschen, die jedoch langsam erkennen mussten, dass Dummsein gar nicht so unvorteilhaft ist.
Auch ihre Konkurrenten „Brave New World“ wussten mit einem Text über Pressezensur und Korruption zu überzeugen. Der war jedoch fast identisch mit ihrem letzten (deutlich charismatischer vorgetragenen) Beitrag in Dresden im August zum Politik-Slam „Jein“ und man musste sich gegen die herausragende zweite Hälfte geschlagen geben, als die Jury die Neun als erste Ziffer vor dem Komma schon fast gar nicht mehr zu ändern brauchte.

Besonders herauszuheben sei dabei das Duell zwischen dem einzigen Frauenteam dieses Halbfinales „MfG“ und dem einzigen Trio des Abends, den jungen Herren „Allen Earnstyzz“, da man sich hier jeweils (wahrscheinlich ohne sich abzusprechen) auf Gender-Texte über das eigene Geschlecht fixierte. Während „MfG“ lautstark ihr Leid klagten, keine männlichen Groupies zu bekommen („Bei uns ist Altersheim gleich Fangemeinde!“) und auch ihre weiblichen Reize ins Spiel brachten, hielt das slammende Männergespann mit Beatbox- und Rap-Einlagen dagegen und ließ das Publikum wissen, wie ein Mann zu sein habe – kleines Highlight: „Dann fahren wir nach Barcelona und kaufen Karotten – damit wir auch mal spanische Wurzeln haben.“ Am Ende konnten sich beide, zusammen mit „Interrobang“ und dem Team „Slamdog Millionaire“ für das Finale am Samstag im ausverkauften Schauspielhaus qualifizieren.


Alles in Allem war es ein toller zweiter „Slam 2014“-Wettbewerbstag, der die Vorfreude auf das Aufeinandertreffen der diesjährigen Poeten-Cremé-de-la-Cremé in den kommenden Runden noch einmal ordentlich gesteigert haben dürfte. Martin Krönert/ Fotos: Marvin Ruppert

Der Slam 2014 findet noch bis 1. November in verschiedenen Orten Dresdens statt. Das Programm findet sich unter www.slam2014.de



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