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Von der Unmöglichkeit der Vermittlung: Die Forsythe Company zeigt noch einmal »Sider«
Nach seiner Uraufführung im Festspielhaus Hellerau 2011 ist »Sider« jetzt noch einmal dort zu erleben. Wie immer hat William Forsythe seine Arbeit weiter entwickelt. Die Art und Weise, in der er das getan hat, erscheint seit einiger Zeit stets ähnlich: Bereits seine neue Version von »Yes we can't« fiel stiller aus, ruhiger, introspektiver, reduzierter. So auch in »Sider«. Selbst das wuchtige Dröhnen der Klänge von Thom Willems ist abgeschliffen, Aggressivität und Bedrohlichkeit gemildert.

Noch immer bildet »Hamlet« den Kern des Stücks, doch man meint mittlerweile, darüber fast einen melancholischen Ton wahrnehmen zu können. David Kern betritt die Bühne und brabbelt in gewohnter Manier einen Text, durch den Shakespeare vielleicht noch etwas hindurch schimmert. Die Aufschrift seiner großformatigen Pappe spricht Bände: »in disarray«: Der Staat Dänemark ist durcheinander geraten, Hamlet selbst ist es ebenso. Bei Forsythe aber vor allem der Shakespearesche Text. Und, ja, die Erzählhaltung. Natürlich ist das die gewohnte, kritische Grundhaltung Forsythes gegenüber den Grenzen künstlerischer Ausdrucksmittel. Da, wo bei »Hamlet« am Ende der Konflikt gelöst ist, steht hier David Kern noch immer mit seiner Pappe da. Noch immer ungeordnet. Ein bisschen armer Tor, ein wenig hilflos. Das einzige, was klar bestimmbar ist, zeigen zwei Projektionen an der Rückwand des Saales: »they were«, »and they weren't«. Wie soll man erzählen? Womit? Das Licht flackert, wird gedimmt, wird ganz abgeschaltet. Bewusste Strukturlosigkeit.

Forsythe nutzt viele Ensembleszenen und weniger Details. Dadurch lässt er praktisch keine konkreten Beziehungen zwischen einzelnen Tänzern entstehen. Dramaturgische Figurenkonstellationen sind folglich genau das, was es hier nicht gibt. Wenn Fabrice Mazliah inne hält, um sich den Schnürsenkel neu zu binden oder mit Frances Chiaverini entspannt ein Schwätzchen hält, ist diese Form der Illusionsbrechung natürlich alles andere als neu, in einer solchen Arbeit aber besonders wirksam.
Die zentrale Frage nach Sein oder Nichtsein scheint mit einer weiteren Pappe vorweg genommen: »is and isn't«. Punkt. Später erscheint der Monolog kurz auf, zerlegt in kalte mathematische Funktionen: »The question is: one B or two B?« Das erscheint aber weniger komisch als in der Urfassung. Eher mechanisch. Die Tänzer bauen aus ihren Pappen ein Haus, ganz nah an der vorderen Zuschauerreihe und verschwinden darin. Trotzdem erscheint es unbewohnt. Dann ein wirres Tableau und dessen Auflösung. Alles wirkt unbestimmt, nicht greifbar. Nichts lässt sich mit Verlässlichkeit vermitteln. Hamlet scheint verloren. Dennoch versucht das Stück ein verzweifeltes Fortschreiben seiner Geschichte. »Yes we can't«. Rico Stehfest/ Foto: Dominik Mentzos

Nächste Vorstellungen: 16.2., 15 Uhr, 19. & 20.2., 20 Uhr Festspielhaus Hellerau



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