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»Uff!« ist kein Schlachtruf – Die bühne verzettelt sich mit »Winnetou«
Wenn wir im Deutschen eine Geschichte erzählen, spinnen andere Sprachen Fäden: Im Englischen verwendet man gern die Floskel »to spin a yarn« um zum Ausdruck zu bringen, dass man sich zu längeren Ausführungen anschickt. Das DDR-Kinderfernsehen konnte »Geschichten erzählen, die noch keiner weiß«. Als wir noch Bärenfell trugen und in Höhlen lebten war das Fabulieren großartig. Heute wird ja nur noch geschwätzt. Oder? Der unerträglichste von allen Schwindlern, also Geschichtenerzählern, war Karl May. Max Goldt würde mit ihm ganz sicher keine Friedenspfeife rauchen. Genau deshalb hat sich die bühne jetzt den Großwesir des Abenteuers zur Brust genommen, um ihn in seine Einzelteile zu zerlegen. Und das tut sie so, wie Karl May erzählt: langweilig.
Die diskursive Metaebene haben wir schon alle mit Löffeln gefressen. Da überrascht es niemanden, dass sich die Erzählungsbegeisterten nicht ums Lagerfeuer versammeln, sondern der aus dem Schnürboden herunter gelassene Rest einer Stehlampe müde flackernd für Atmosphäre herhalten muss. Trotzdem reimt sich noch immer Abenteuer auf Lagerfeuer. Hurra! Auf in den nicht mehr existierenden Wilden Westen! Der Start gelingt ja immer am besten mit einer völlig belanglosen Anekdote, die einfach nur keimfrei und ohne jeglichen Höhepunkt sein muss. Gell, so schafft man Spannung. Tja, dahin sind die Tage der Helden, dahin sind die Helden selbst schon längst. Neues gibt es also nicht mehr unter Manitus Schuh. Deshalb lesen die Darsteller ihren Text vom Blatt ab. Monoton. Künstlich. »This scene may be dramatized« stünde drunter, gäbe es Untertitel. So kann man natürlich keinen einzigen Satz mehr ernst nehmen.
Ist Karl May tatsächlich so sinnfrei? Diese Inszenierung nimmt sich dabei ernst, wenn sie sich über den Erzähler der Erzähler lustig macht. Das Problem ist auch keineswegs ein geringes: Wie positioniert man sich gegenüber einem Autor, der sich jenseits von Gut und Böse befindet? Indem sich Cordula plötzlich in einer Kissenschlacht (Grau gegen Rosa) in Bad Segeberg wiederfindet? Das ist eine Möglichkeit.
Diese Inszenierung ist nicht dumm. Sie stellt heraus, dass man ja bei einer richtig guten Erzählung immer weiß, was als nächstes passiert. Nur sollte man dem etwas entgegen setzen, wenn schon deutlich ist, dass man sich langweilen könnte. Diese Geschichte aber ist eine bräsige. Man blättert und blättert und stellt fest, dass immer noch mehr Seiten kommen. Und auf denen steht nichts, was man nicht schon nach 20 Minuten wusste. Zwei Stunden sind da einfach zuviel des Märchens. Rico Stehfest/Foto: Phillip Heinz

Nächste Vorstellungen: 5./6./10. & 11.7.2014 die bühne der TU



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