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»Sehnsucht Kuba« – ein Toast auf zufällige Begegnungen und ihre ungeahnten Folgen
10. Oktober 2015 – Am Abend der Premiere ist das kleine projekttheater auf der Louisenstraße proppevoll. Im Vorraum schon drängen sich die Gäste lange vor Stückbeginn, und als es kurz nach 8 in den Saal geht, nehmen einige sogar mit den Treppen als Sitzplatz vorlieb. Mit dem Stück »Sehnsucht Kuba« (El juego de la vida) des kubanischen Autors Freddys Núñez Estenoz möchte man aufzeigen, wie verfestigt Vorurteile sind, wie wenig man einander kennt (kennen will) und wie wichtig es ist, im Menschlichen zusammenzufinden. In einer Kooperation der Landesbühnen Sachsen, des Theaters Meridian, des projekttheaters und des Teatro del Viento aus Camagüey, Kuba, entstand so eine Inszenierung über Sehnsucht, Fremdheit und menschliches Miteinander.


Die Situation, die sich auf der Bühne präsentiert, scheint gewöhnlich: 6 Fremde treffen auf einem Flughafen aufeinander, alle mit dem gleichen Ziel: Kuba. Die Reise treten alle aus verschiedenen Gründen an, jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Recht besonders ist dann aber der Fortlauf des Geschehens: Vor der anonymen Kulisse offenbaren sich die Charaktere ihre Reisemotive und wandern dabei sehr weit in ihre persönliche Vergangenheit. Dabei stellen sie sich den (Vor-)Urteilen der anderen, kontern sie, korrigieren sie. Da ist zum Beispiel ein scheuer, nervöser Architekt, der auf Kuba endlich seine Jungfräulichkeit zu verlieren hofft, oder eine Endvierzigerin, die zweimal im Jahr ihren halb so alten (bezahlten?) Geliebten auf der Insel besucht.


Begleitet werden die Schauspieler von Bildern und kurzen Filmen auf einer großen Projektionsfläche, auf der sich kubanische Impressionen mit Charaktersequenzen und Szenenbild abwechseln. Es wird viel getanzt, gesungen und laut diskutiert, angefeindet, verteidigt und offenbart. Dass die Figuren in der leicht klaustrophobisch anmutenden Flughafenwartehalle ins Gespräch kommen, ist nichts Ungewöhnliches. Etwas befremdlich wirkt jedoch die Geschwindigkeit, mit welcher von banalen Gesprächen zwischen Fremden zu intimsten Seelenausschüttungen übergegangen wird. Auch sind die Charaktere zwar durchaus lebendig und vielschichtig, aber während jeweils versucht wird, dem Gegenüber die Vorurteile über das eigene Ich zu nehmen, bleiben die Personenzeichnungen doch sehr im Klischée verhaftet. Aber vielleicht muss das so sein, vielleicht braucht es diese festen Typen um den Zuschauer zum Lachen zu bringen (was gelingt) und andererseits die Prekarität vorgefestigter Urteile aufzuzeigen.


Nicht nur die Diskriminierung auf persönlichen Level findet Erwähnung: In Zwischensequenzen wird im rhythmischen Sprechchor die scheinheilige Unterdrückungsmentalität der privilegierten westlichen Welt kritisiert. Zwar ist diese überaus aktuell und unbestreitbar berechtigt, leider fehlt ihr jedoch ein wenig der Biss, die Schärfe. Dies mag vielleicht auch an der etwas hölzernen deutschen Übersetzung liegen. Nichtsdestotrotz geben die Schauspieler alles, und nach gut anderthalb Stunden haben sich die Figuren seelisch entblößt, emotional ausgetobt, gelacht und geschrien und das alles bevor sie überhaupt einen Fuß ins Flugzeug gesetzt haben. Ein turbulentes, klug inszeniertes Stück, bei dem ab und an leider die Tiefe im Tumult untergeht.



Jenny Seibicke / Fotos: Hagen König

Nächste Vorstellungen am 10./11.10., 20 Uhr im projekttheater; am 13.-15., 21.-22.11., 19.30 Uhr an den Landesbühnen Sachsen



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