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Mit einem großen Fragezeichen im Kopf stehen gelassen – „Eine Spinne wird nicht wütend“ im Generator des tjg. Theater Junge Generation.

„Sie sind eine rote Spinne“ – für eine Rezensentin mit Spinnenphobie nicht gerade die beste Begrüßung. Dafür allerdings sehr passend zu Louise Bourgeois: die Künstlerin, deren Person und Werk Gegenstand der begehbaren Rauminstallation sind. Die gefürchteten Achtbeiner waren ein wiederkehrendes Motiv ihrer Kunst und offenbar ein bedeutender Bestandteil ihrer Gedanken. Die Premiere am 22. September 2018 findet im Rahmen der Kinderbiennale statt. Also nehmen wir uns vor, „Eine Spinne wird nicht wütend“ nicht nur mit dem Blick eines Erwachsenen, sondern auch mit Kinderaugen zu betrachten. Zuerst werden uns Kopfhörer überreicht und ein Sprecher – eine ziemlich gruselige und authentische Spinne, die laut eigener Aussage aus Louises Gedanken entspringt und später als riesiger Bronzeguss in vielen Städten steht – verschafft uns einen akustischen Einblick in die Kindheit von Louise, optisch untermalt von einem kleinen Mädchen mit marineblauem Kleid, weißem Kragen und roten Strümpfen. Das Farbschema der Trikolore, das kontinuierlich beibehalten wird, unterstreicht die französische Herkunft der 2010 verstorbenen Künstlerin. Louises Eltern gehört eine Textilwerkstatt. Ihre Kindheit und Jugend bieten ihr also wortwörtlich eine Menge Stoff.

Das wird deutlich, als wir aufgefordert werden, durch eine Tür zu gehen – blaue Spinnen geradeaus, rote Spinnen nach links. Auf der Hälfte der Strecke kreuzen sich die Wege – wir befinden uns auf einem Rundgang durch Louises Kopf. Faden, Wolle, Garn, Leinen – genähter, gewebter, verknüpfter Stoff. Eine Installation, die zwar etwas stärker in Richtung Bildende Kunst geht und damit das erwachsene Publikum anspricht, in der die Kinder aber auch alles berühren und erkunden dürfen. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Man kann durch Gucklöcher schauen, in verborgene Kammern klettern, sich verstecken, wortwörtlich auf Tuchfühlung gehen und verschiedenste Materialien anfassen. Die Kinder haben sichtlich Spaß.
Den haben sie auch noch, als wir den Raum betreten sollen, der sich in der Mitte befindet, sozusagen im Zentrum von Louises Kopf. Also hinein in den Raum, in dem die Spinne ihr Unwesen treiben soll. Stattdessen trifft man aber auf Louise als junge Frau, schauspielerisch in zweifacher Ausfertigung vertreten. Hier kommt eine Performance hinzu, die erst die berühmten „Cells“ der Künstlerin aufgreift und später auf die Spinnenthematik eingeht. Gewissermaßen also eine Darstellung des Werdegangs von Louise Bourgeois. Dieser Teil kommt einem herkömmlichen Theaterstück am nächsten und nimmt tatsächlich die meiste Zeit in Anspruch – und das merkt man leider beim Zusehen. Auch die Kinder spüren es. Während sie im ersten Teil gebannt dem grandiosen Sprecher gelauscht und nachher aufgeregt den Rundgang unsicher gemacht haben, werden sie jetzt unkonzentriert, laut, unruhig. Ein klares Indiz dafür, dass die Spannung nicht bis zum Ende gehalten werden kann. Zwar gibt es auch hier einige interaktive Elemente, die ihnen Freude bereiten und Begeisterung hervorrufen. Allerdings sind die zeitlichen Abstände zwischen diesen wenigen magischen Momenten, mit denen sich das Stück gegen Ende gerade so über Wasser halten kann, ziemlich groß.

Ich habe den Eindruck, dass die Schauspieler nicht wirklich zeigen, was sie können. Sie arbeiten mit Stoff, spinnen ein Netz, bleiben stumm. Und obwohl wir auch ohne Worte verstehen, was sie darstellen, kommt emotional fast genauso wenig rüber, wie sie sagen. Die beiden wirken eher wie Arbeiter, nicht wie Künstler. Schade, denn „Eine Spinne wird nicht wütend“ fing vor allem dank des sagenhaften Sprechers, der über die Kopfhörer ein wohliges Gänsehautgefühl auslöste, so vielversprechend an und setzte sich im zweiten Teil durch die kreativ-interaktive Ausstellung ebenso vielversprechend fort. Nur entsteht am Ende kein fertiges, stimmiges Bild. So werden die Besucher nicht vom großen Aha abgeholt, sondern leider mit einem großen Fragezeichen im Kopf stehen gelassen. Text: Katja Stenzel/ Fotos: Marco Prill

weitere Vorstellungen im tjg.: 23.9., 16 Uhr, 24.-28.9. jeweils 10 Uhr; 29./30.9., 16 Uhr.



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