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Männerseminar mit Teufel: Die Bürgerbühne zeigt »Ich armer Tor« im Kleinen Haus
Frauenquoten und weibliche Emanzipation haben vergessen gemacht, dass auch Männer zum Problemfall werden können. Das lehrt die moderne Soziologie. Die großen Jungs, die die Führung über ihr eigenes Leben verlieren, hat man irgendwie vergessen. Männer müssen ihren eigenen Wandel selbst definieren. Im Leben, wie bei der öffentlichen Probe gestern Abend im Theater, geht es um marginalisierte Männlichkeit, um Macht und materiellen Besitz, um Glaube, Liebe, Hoffnung. Im Grunde stellen sich Frauen und Männer doch die gleichen Fragen: Was hat die Zeit mit meinem Körper gemacht? Hätte ich mehr Sport treiben sollen? Wie wirke ich auf das andere Geschlecht? Was tut meiner Seele gut? Die Frage nach dem »Was habe ich erreicht und was will ich noch erreichen?« wird aber nicht zuletzt zur Frage »Was ist ein Mann und was ist Männlichkeit«. Hier liegt der Unterschied. Wie viel nicht-männlich-sein, darf man sich erlauben? Dürfen Männer zweifeln? Ja, sie zweifeln und suchen nach Antworten in der Auslebung typisch männlicher Praktiken und in menschlicher Schwäche.
Die junge Regisseurin Miriam Tscholl, die ihre sieben Mannen gut im Griff hat, inszeniert die männliche Midlife-Crises ohne klassischen Geschlechterkampf und Rollengebärden – das ist erfrischend. Die Männer-Schicksale bleiben im Zentrum, daran kann auch das wunderbar schnippische Gretchen – Entschuldigung, die schöne Helena – nichts ändern.
Dabei schafft es das Stück über den männlichen Tellerrand zu schauen und Fragen zu fokussieren, die symptomatisch sind für die gesamte Gesellschaft. Haben wir es geschafft, etwas aus unserem Leben zu machen und was hinterlassen wir der nächsten Generation? Schuld ist nicht immer nur das System, sondern persönliche Eitelkeit, Machtstreben, Bequemlichkeit. Und da ist ja noch dieser »Faust«, diese Menscheitsparabel. Die Geschichte dieses angesehenen Forschers, der, wie unsere sieben Herren, nun ach, durchaus mit heißem Bemühen studiert hat: Philosophie, Juristerei, Wirtschaftsinformatik; dessen selbstkritische Lebensbilanz aber nicht gerade positiv ausfällt. Unzufriedenheit und das Gefühl, nicht wirklich gelebt zu haben, treiben ihn um, bis er schließlich durch den Pakt mit Mephisto, wieder zum jungen Mann geworden, in einen neuen Schaffensprozess treten und Margarete erobern will. Eine bessere Parallele zu den Dresdner Männern in der Midlife-Crisis scheint es nicht zu geben.
»Ich armer Tor« ist ein herrlicher charmanter Wirrwarr aus männlichen Phantasien und Blödelei. Gestandene Kerle werden weich und treiben mal das Kind, mal das Tier im Manne zum Äußersten, ohne ganz zu vergessen, dass sie die Hengste sind, die sich nur nehmen müssen, was sie wollen. Die besten Jahre sollen vorbei sein? Das Gefühl hatte man am Ende des Stückes, in dem die Darsteller immer mehr aufblühten und sich in die Herzen ihrer Zuschauer spielten, nicht. Es ist ein Stück für Männer und ein sehr persönliches Stück, in dem die sieben Herren buchstäblich ihre eigene Biografie auf die Bühne bringen. AS

nächste Vorstellungen: 9.11. (Premiere); 13./19.11., jew. 20 Uhr; 9.12., 19 Uhr; 17./28.12.2012, jew. 20 Uhr.



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