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Klaviervirtuose im Rockclub – Lubomyr Melnyk am 19. März 2016 im Beatpol.
Ein Mann. Ein Flügel. Vier Stücke. Mehr braucht es nicht für einen Konzertabend wie in Trance. Lubomyr Melnyk, 67-jähriger Shootingstar unter den zeitgenössischen Pianisten, ist erstmalig an der Elbe zu Gast – und das im Beatpol! Mit seinen langen Haaren und dem Rauschebart passt er rein optisch in jenen Club, in dem sonst die rockig-poppigen Töne dominieren. Musikalisch ist er in dem Ambiente jedoch ein Exot. Seine Kompositionen wurzeln in spätromantischer Musik, Minimal Music und Jazz. Er selbst spricht von »Continuous Music«.

Ganze vier Stücke präsentiert der Meister der Tasten in Dresden, zwei davon auf zwei Pianos. Beide werden von ihm selbst gespielt, wobei die eine Spur bereits am Nachmittag aufgenommen wurde und nun eingespielt wird. Mister Melnyk ist an dieser Stelle wenig amüsiert – zum einen da zunächst das falsche Stück erklingt, zum anderen angesichts des miserablen Sounds seiner Monitorbox. Prompt kommt die Frage an das Publikum: »Ist der Klang bei euch wenigstens in Ordnung?« Die Antwort: ein zustimmendes Grummeln. Kommunikation mit seinen Zuhörern ist dem ukrainisch-kanadischen Künstler wichtig. Vor jeder seiner Kompositionen wendet er sich stehend in einem gut zu verstehenden Englisch an sein Publikum. Etwa, um ihm zu erzählen, dass man Klaviermusik eigentlich nicht aufnehmen kann, sondern live hören muss. Ungeachtet dessen gibt es nach dem Konzert Tonträger zu erstehen. Da die Tour kurz vor ihrem Ende steht, ist ein Großteil davon bereits ausverkauft. Melnyk kann jedoch nicht nur auf dem Klavier improvisieren und so hat er kurzerhand selbst ein paar CDs kopiert für die Dresdner. Und die sind derart zahlreich in den Beatpol gekommen, dass sich der Veranstalter über ein ausverkauftes Haus freuen darf.

Melnyks Spiel zu lauschen, hat etwas Berauschendes, ja Spirituelles. Dazu passt die Geschichte, die er zu seinem letzten Stück »Windmills« erzählt: Eine 400 Jahre alte Windmühle dreht sich und dreht sich und dreht sich … bis sie eines Tages von einem starken Sturm zerstört wird. Ihre Seele steigt gen Himmel und ist zunächst traurig. Irgendwann realisiert sie jedoch, dass sie in ihren 400 Jahren unglaublich viel erleben durfte: einen sich täglich verändernden Himmel, die Sonne, den Regen, Tiere. Sehr viel Schönheit eben. Ganz so wie wir Menschen, nur dass wir diese Dinge zu selten oder gar nicht wahrnehmen in unseren alltäglichen Hamsterrädern. »Wenn ihr nachher nach Hause geht, schaut euch an, wie viel Schönheit in allem steckt.« Nach einer Dreiviertelstunde – so lang dauerte die Windmühlen-Geschichte – war es soweit. Und tatsächlich: Irgendwie sah die Dresdner Nacht schöner aus. Stefan Bast/ Fotos: André Hennig




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