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Isolationshaft für Zwei – go plastic company lädt mit »Motel Vibes« zu beschaulicher Einsamkeit


23. September 2018 – Um es gleich klar zu machen: Die Vibes aus dem Titel sind nur im zackigen Soundtrack der Produktion von Cindy Hammer (Choreografie, Performance) und Susan Schubert (Dramaturgie) im Festspielhaus Hellerau zu spüren. Zwischen den beiden Gestalten, die da in besagtem Motel hocken (Cindy Hammer und Rudi Goblen) ist der Ofen aus, wahrscheinlich schon länger. Von Vibes keine Spur. In scheinbar lang erprobter Zweisamkeit zelebrieren sie ihre Einsamkeit gemeinsam, und das auch noch inmitten einer Ausstattung, die mit ihren langen, von der Decke hängenden bedruckten Fahnen ein bisschen das Flair eines Möbelhauses ausstrahlt. Welcome to Tristesse!


Und von der Decke tropft der Regen. Was wäre ein Motel ohne undichte Zimmerdecke? Nicht mal halb so nostalgisch-romantisch. Der Zuschauer ist zwischen all dem Getropfe ein stärkerer Voyeur als ohnehin. Das Publikum schaut von der Empore der Seitenbühne Ost nach unten, wo zu anfangs dieser ungewohnten Perspektive auch durch die Bewegungsabläufe Rechnung getragen wird, wenn beide Performer am Boden liegend agieren.


In kurzen Dialogen wird deutlich, dass es eine unentwirrbare Verstrickung dieser beiden Individuen gibt, deren Beziehung zueinander sich nicht klar deuten lässt. Diese psychischen Verwicklungen finden, wie soll es auch anders sein, ihren Ausdruck in physischen Auseinandersetzungen. Es ist schwierig, zu beantworten, ob man dafür den Begriff »Kampf« verwenden kann oder sollte. Cindy Hammer verwendet in ihrer Bewegungssprache zusehends kantigere, mechanisch wirkende Ansätze, die immer mehr ins Maschinenhafte tendieren. Hier, in der Atmosphäre der Einsamkeit eines Motels, wirkt alles desto entmenschlichter. Das bedeutet auch, dass das Tropfen von der Decke dann eben doch nicht für nostalgische Romantik reicht. Ganz im Gegenteil, denn irgendwann fallen ganze Eisbrocken von der Decke.


Darüber aber, was genau, bei all dieser Kälte, in den beiden Köpfen denn nun vor sich geht, kann man als Zuschauer nur spekulieren. Es sei denn, man hört genau hin, denn dann hört man Marlene Dietrich, wie sie singt: »Wenn ich mir was wünschen dürfte / Möcht ich etwas glücklich sein / Denn wenn ich gar zu glücklich wär' / Hätt' ich Heimweh nach dem Traurigsein«. Noch Fragen?


Ganz so traurig ist die Sache aber gar nicht. Es gibt nämlich noch ein kreatives Bonbon oben drauf: Jeder Besucher bekommt am Einlass eine Postkarte in die Hand gedrückt. Die zeigt auf ihrer Vorderseite Motel-Motive, wie sie in der Ausstattung auftauchen. Dieses »Paradies Inn« weist, sinnigerweise, die Anschrift des Festspielhauses auf. Auf der Rückseite sind eine URL und ein Code verzeichnet. Damit kann man sich den schmissigen Soundtrack zur Produktion runterladen. Keine schlechte Idee.

Rico Stehfest / Fotos: E. Gross

Nächste Vorstellung: 23. September 2018, Festspielhaus Hellerau, 20 Uhr.



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