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»Im Abseits« von Sergi Belbel - Der Beweis, dass die Landesbühnen Sachsen auch »modern« können
In Spanien kriselt es. Die Wirtschaft ist am Boden und auch eine mittelständische Familie muss um ihre Existenz fürchten. Die Tochter bekommt kein Geld für das Auslandsstudium bewilligt, ihre Mutter muss schon bald Angestellte entlassen und zu allem Überdruss ist auch noch der Großvater mit Organschäden auf eine teure Mietwohnung und einen Altenpfleger angewiesen. »Bist du bereit überhaupt auf irgendetwas zu verzichten?«, fragt Ehemann Pol als er einmal allen Luxus aufzählt, der sich mit der Zeit angehäuft hat. Ana ist schockiert, wie schnell ihre Familie »Im Abseits« zu stehen droht und immer wieder hört man sie alle in kollektivem Leid schreien: »Krise!«
Die Landesbühnen nähern sich Sergi Belbels hochaktuellem Drama auf modernste Weise und wissen damit zu überraschen, wie auch gnadenlos zu verwirren. Die Bühne wird minimalistisch durch fünf weiße, vom Bühnenrand zur Decke emporschießende Streifen markiert, auf denen das in Rottönen gekleidete Schauspielensemble wie auf Catwalks stolziert. Zu Beginn irritiert ihr Benehmen. Die Dialoge werden direkt ins Publikum gesprochen und Blick- oder Körperkontakt sind eine Rarität. Die sich aufbauende Distanz wird noch spürbarer, wenn Belbels Stück einen Einblick in die Abgründe der Psyche seiner grotesk skizzierten Charaktere gewährt: Die Frau hat eine Menge Wut im Bauch und lässt sie in düsteren Träumen auch mal an ihrer eigenen Tochter aus. Doch wann endet die Realität und wo beginnt Fantasie?
In Axel Richters Inszenierung tappt der Zuschauer öfter im Dunkeln. Das mag reizvoll sein doch fällt dadurch eine explizite Charakterisierung schwer. Zumindest Julia Vincze (Ana) und Cordula Hanns (Lisa) sind sich ihrer wenigen Gelegenheiten der Charakterbeschreibung bewusst und überzeugen in emotionalen Ausbrüchen und rasanten, mit Spießertumkritik gespickten Dialogen. Dass ausgerechnet der, mit viel Ruhe von Jost Ingolf Kittel gespielte, kranke und vergessliche Großvater, als einziger Orientierungspunkt in dieser Geschichte herzuhalten scheint, ist ebenfalls bemerkenswert. Verfällt er doch als einziger nicht der Fantasie und fungiert so für den Zuschauer als beklemmend zynische Draufsicht, auf die Orientierungslosigkeit aller jüngeren Generationen.
Vielleicht ist es der Vorlage geschuldet, dass das Stückangebot des Familien-Psychogramm »Im Abseits« ein gewagtes Experiment am Stammhaus Radebeul ist. Der Lohn ist jedenfalls eine Erweiterung der Vielfalt, die zu begrüßen ist, auch wenn diese Inszenierung, das Risiko birgt, durch fehlende Prägnanz als Zuschauer selbst »Im Abseits« zu landen. Martin Krönert

Letzte Vorstellung der Saison im Stammhaus Radebeul am 5.4.2013



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