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»Ich weiß nicht was soll es bedeuten« – Derevos neues Stück »Aerokraft« ist eine Bruchlandung


Ein »rhythmisches Ballett« wurde versprochen, gewidmet Emil Dalcroze, der mit seinen pädagogischen Konzepten zu Rhythmik und Bewegung die Geschichte des Festspielhauses Hellerau maßgeblich prägte. Außerdem sollte es um den technischen Erfindergeist des Menschen gehen. Und die Eroberung des Himmels. Und um das menschliche Versagen in Kriegszeiten. Klingt nach einer ganzen Menge Ideen. Großeinsatz von Videomaterial und sogar des gesprochenen Wortes, auf der Basis von, wie könnte es auch anders sein, Texten von Anton Adassinsky. Neue Wege? So oder so haben Derevo ihre Fangemeinde, die treu und brav zu jedem neuen Stück pilgert. Egal, was kommt. So auch am Samstag, als das Festpielhaus Hellerau wieder ausgesucht gut besucht war. Am Ende der knappen Stunde spürte man allerdings kaum Begeisterung im Publikum.


Acht Tänzer bilden eine Phalanx, die ordentlich ihre rhythmischen Bewegungen liefern, aber Inhalt transportieren sie damit nicht. Immer wieder beliebige Kampf- und Sterbeszenen. Großes Grimassieren, ein paar leere Gesten. Die Videos vermitteln eine technoide Zukunftsstimmung, wie sie irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geherrscht haben mag. Das alles aber ist nur schmückendes Beiwerk für den Hauptdarsteller. Anton Adassinsky macht, was er am besten kann: Er macht, was er will. Als Kriegsversehrter mit Pickelhaube tritt er auf und richtet sich am Bühnenrand in einer Art provisorischem Gewächshaus ein. Was er darin tut, spielt keine Rolle. In unterschiedlichen Kostümen wankt er immer wieder durch das Geschehen, mal Beteiligter, mal Wanderer zwischen den Welten. Seine Paraderolle.


In keiner Szene findet sich eine Aussage, der gesamte Abend bleibt ohne Punkt. Nur ganz zum Schluss kommt es zu einem vertrauten, wenn auch nicht unbedingt angenehmen Derevo-Moment. Mal wieder weiß niemand im Publikum, ob die Vorstellung denn nun vorbei sei. Erstes verhaltenes Klatschen, die Tänzer verbeugen sich zwar, aber ihre Körpersprache bleibt steif. Sie verschwinden hinter der Bühne. Nichts. Ein einzelner Zuschauer versucht vehement, das Ende herbei zu klatschen. Dann doch wieder Verbeugungen. So vergehen die Minuten, bis das Publikum dann überzeugt ist, jetzt sei es wirklich geschafft. An dieser Stelle kommt natürlich erst recht der große Auftritt Adassinskys, der sich unausweichlich im Applaus suhlen muss, in seinem Applaus. Immer wieder. Und noch mal. Und das Publikum bedient gern seine Eitelkeit. Immer wieder.


Es scheint dringend notwendig, dass sich künstlerische Eigenheiten, Handschriften und Ausdrucksmittel weiterentwickeln. Experimentell waren Derevo schon immer unterwegs, keine Frage. Allerdings scheint es ein wenig, als wäre die künstlerische Philosophie im eigenen Mythos stecken geblieben. Vielleicht kann man dieses Stück als Versuch eines neuen Schrittes gelten lassen. Ein Schritt nach vorn war es aber definitiv nicht.


Nächste Vorstellung: Festspielhaus Hellerau, 21. Dezember, 21 Uhr.

Rico Stehfest / Foto: Igor Anosov




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