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»Hier kann man nicht leben!« – Gastspiel des Schauspielhauses Zürich mit Molières »Menschenfeind«
Dass Lüge, Verstellung und Unwahrhaftigkeit der unabdingbare Kitt einer Gesellschaft sind, ist nicht erst seit neuerem bekannt. In seinem Stück vom »Menschenfeind« spielt Molière bereits alle Register dieser leidigen Wahrheit durch. Und so wird denn dort von – fast – allen Figuren nach Kräften geheuchelt und gelogen, feiern Katzbuckel und Liebedienerei fröhliche Urständ. Immerhin gilt es – 350 Jahre vor Facebook –, sich möglichst vieler »Freunde« zu versichern, denn »wer einem nicht nützen kann, kann einem immer noch schaden«. Da hat es der gute Alceste mit seinem moralischen Anspruch, dass man stets das sagen solle, was man auch denkt, recht schwer mit seinen »Freunden« und gilt längst als griesgrämiger Misanthrop. Ein Entkommen aus der gesellschaftlichen Lügenwelt scheint es nur mit der Geliebten in einer Splendid Isolation zu geben. Wenn es aber um die Liebe einer Dame geht, so möchte noch jeder gleisnerische Gesellschaftsmensch die Wahrheit wissen...
Das hundertste Spielzeitjubiläum hat sich das Staatsschauspiel Dresden mit mehreren Gastspielen garniert und dem Dresdner Publikum so die schöne Gelegenheit verschafft, hier zu sehen, wie Theater anderswo gespielt wird. Mit dem kleinen Risiko, dass die hiesigen Produktionen ins künstlerische Hintertreffen geraten könnten. Denn wo man sonst im Staatsschauspiel eher Geschäftigkeit, grelle Bühneneffekte und eine gewisse angestrengte Kraftmeierei zu sehen bekommt, da zeichnet sich die Produktion von Molières »Menschenfeind« des Schauspielhauses Zürich in der Regie von Barbara Frey durch ein wohltuend unaufgeregtes Understatement aus. Die Inszenierung vertraut auf den starken Text des Stücks und entwickelt mit einer ausgezeichneten Darstellerriege – allen voran Michael Maertens als »Menschenfeind« – die Konflikte mit viel Sprachsinn und dezenter Situationskomik konsequent dramatisch aus den Figuren selbst heraus. Obwohl diese Figuren in artifiziell bis drollig gereimten Versen einsprechen, haben sie doch so viel Kraft, frappierend heutig zu erscheinen. Immer wieder fällt die Ökonomie der Darstellung auf, bei der mit geringstem inszenatorischem Aufwand eine größtmögliche Wirkung erzielt wird. Nur die eher atmosphärische Musik eines dazugesetzten Pianospielers konterkariert den ansonsten überaus dramatischen Zugriff der Inszenierung und führt eine überflüssige erzählerische Totale ein. Für das Dresdner Publikum dürfte die enthusiastisch aufgenommene Gastspiel-Aufführung ein kleiner Saisonhöhepunkt sein, und der künstlerischen Leitung des Staatsschauspiels möchte man gern zurufen: Mehr davon! Aron Koban

Nächste Vorstellung: 9.6.2013 im Schauspielhaus



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