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»Gehen Sie weiter!« Lignas »Walking in the City« am Societätstheater
Die Ausrüstung für den Stadtrundgang sind Smartphone und Kopfhörer, durch die man Aufforderungen erhält: »Bleiben Sie stehen. Betrachten Sie das Gehwegpflaster. Laufen Sie rückwärts mit geschlossenen Augen.«
Mit geschlossenen Augen durch die Stadt? Die Füße ertasten die Fugen zwischen den Pflastersteinen. Die Schuhsohle könnte weniger fest sein für diesen Zweck. Man muss dem Impuls widerstehen, die Augen zu öffnen – doch dann ist da eine Hausmauer, und das Gesicht nur Zentimeter weit davon entfernt.

Die Performance »Walking In The City« von Ligna bietet verschiedene Betrachtungsebenen. Zum einen ist da die Perspektive der unbeteiligten Bürger auf der Straße. Sie sehen einen Flashmob, eine Ansammlung von Leuten, die alle irgendwie dasselbe machen. Zum anderen die Innenperspektive der Teilnehmer. Aus den Kopfhörern ertönt Musik, und es kommen Anweisungen, was zu tun ist. Stehenbleiben. Eine bestimmte Anzahl von Schritten gehen. Rückwärts laufen. Mit geschlossenen Augen laufen. Unbeteiligte Passanten imitieren.
Man läuft bekannte Straßen entlang. Die Stimmen aus den Kopfhörern entkoppeln einen langsam von der bekannten Szenerie: durch suggestive Erzählungen und Zitate aus der Geschichte Dresdens und der Philosophie- und Literaturgeschichte, durch die Schilderungen nie gesehener Orte, durch Handlungsanweisungen und Assoziationen.
Warum muss man beim Laufen immerzu denken? Genügt nicht die Bewegung? Man beginnt, seine Bewegungen zu verfolgen, seine Haltung. Wohin mit den Händen beim Laufen? Wie weit oben ist der Kopf? Der Rücken gestreckt, der Gang gemessen? Oder doch schnell? Man beginnt den Rundgang in der Gruppe, und man beschließt ihn in der Gruppe. Rückwärtsgehend finden sich die Rückwärtsgehenden wieder. Zum Schluss eine letzte Aufforderung, etwas völlig Unmögliches zu tun. Doch alle tun es. Alle?
Den dritten Standpunkt – die Schöpferperspektive – können wir leider nicht einnehmen: Die Künstlergruppe wird selbst zum Zuschauer und kann ihre Kreaturen beobachten. Doch es ist unsicher: beobachten die Schöpfer, oder lassen sie ihren Kreaturen freien Lauf, ohne sich weiter darum zu scheren?

Walking In The City wurde konzipiert von der Künstlergruppe Ligna, deren Arbeiten darauf fokussiert sind, das Publikum als Akteur wirken zu lassen. »In temporären Assoziationen kann es unvorhersehbare, unkontrollierbare Effekte hervorbringen, die die Ordnung eines Raumes herausfordern« (Ligna). Das Stück ist eine Produktion von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste und gehört zu Veranstaltungen im Rahmen des europäischen Netzwerks »Performing Cities«. Hier stehen künstlerische Performances im öffentlichen Raum (die Stadt als Bühne) im Zentrum.
Mehr dazu unter: www.performing-cities.net und ligna.blogspot.com Annett Groh

Nächste Veranstaltungen: 24./25.5.2014



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