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Forsythes Zauberberg. Eine provozierende Uraufführung.
»Selon« lautet der Titel der neuen Arbeit. Spekulieren ließe sich über dessen Bedeutung wohl endlos. Letztendlich kann man sich das aber wahrscheinlich sparen. William Forsythe befindet sich als Choreograph mittlerweile jenseits von Gut und Böse. Seine Arbeiten gewinnen zusehends an reflexiver Tiefe. Manch einer möge sagen, das ginge einher mit zunehmender Verkomplizierung. Aber hat Forsythe es seinem Publikum schon jemals leicht gemacht? Für »Selon« gibt es nur ein sehr beschränktes Auditorium, vielleicht hundert Plätze, vielleicht weniger. Geradezu intim wirkt das, so am Rand des dadurch erst recht riesig wirkenden großen Saals des Festspielhauses. Noch vor Ende des Stückes haben anlässlich der Premiere nicht weniger als zehn Leute die Vorstellung verlassen. Bei einer so geringen Zahl von Zuschauern sind das gefühlte fünfzig Prozent.
Was hat Forsythe da angestellt? Der Saal ist nicht abgehängt und strahlt in seinem Weiß; auch der Tanzboden ist in weiß gehalten. Den Raum so zu nutzen ist alles andere als eine neue Idee, aber bisher hat das Weiß wohl in noch keiner Arbeit derart klinisch gewirkt. Im Wortsinn. David Kern und Tilman O´Donnell sitzen inmitten einer Gruppe von Stühlen, auf dem Schoß je ein Netbook, hinter ihnen zwei Spiegel mit beweglichen Flügeln. Zuerst bleibt unklar, worüber sich beide gedämpft unterhalten. Der Name Shakespeare fällt, König Lear, Schiller. Die Fenster sind zu anfangs nicht verdunkelt und lassen das Tageslicht ein. Das hat Forsythe zwar schon bei seiner letzten Version von »Yes, we can´t« effektvoll genutzt, aber hier werden die Fenster nach wenigen Minuten verdunkelt. Die Rollos schieben sich geradezu bedrohlich vor die Fenster und sperren das Tageslicht endgültig aus. Es ist Schließzeit, wir werden nun eingesperrt und ausgeliefert. Inzwischen verläuft der Dialog zwischen David Kern und Tilman O´Donnell weiter. »Nature is correcting itself in the mirror«. Aha. Na klar, man sieht beide durch die unterschiedlichen Winkel der Spiegelflächen nicht nur mehrfach und aus unterschiedlichen Perspektiven. In diesen Spiegeln ist auch ein Teil des Publikums zu sehen, deutlicher, als manchem lieb sein mag. Für die Dauer des Stücks wird durch die Beleuchtung keine Grenze zwischen Publikum und Bühnengeschehen gezogen. Alles ist bis in den letzten Winkel hell ausgeleuchtet.
Im Lauf des Abends stellt sich heraus, dass David Kern und Tilman O´Donnell an einem Songtext arbeiten. Dieser verbrät in typischer Manier ausgesucht albern und unterhaltsam populärkulturelle Banalitäten á la »Schwarzenegger tried to read Heidegger«. Jone San Martin betritt den Tanzboden und bewegt sich wie ferngesteuert, gestört, sich selbst eine Fremde. All ihre Bewegungen wirken, als liefen sie rückwärts ab. Dabei ist sie teilweise durch die Spiegel im vorderen Bereich verdeckt. Typisch Forsythe. Immer mehr Tänzer gesellen sich hinzu, einer merkwürdiger in seinem Verhalten als der nächste. Willkommen um unausweichlichen Irrenhaus. Im Publikum sitzt eine in buntem Kostüm verhüllte Tänzerin und startet mit den Anwesenden auf der Bühne einen Dada-Dialog. Stottern, stakkatoartige Silben, die fast einen Rhythmus aufweisen. Einige der Tänzer adressieren ihre Äußerungen an niemanden, einige sprechen direkt in die Spiegel. Forsythes Lieblingsthema: Kommunikation und die Frage, unter welchen Bedingungen sie funktioniert, oder eben nicht. Oder scheinbar funktioniert, oder scheinbar nicht. Das sind schlussendlich Fragen nach der eigenen Identität. Und wer ist in der Anstalt wirklich verrückt? Der im Spiegel.
Als der Songtext fertig zu sein scheint und die beiden ihre Netbooks wegräumen, wird es sehr still. Aus den Lautsprechern klingen verhalten ein paar Klaviertöne von Thom Willems. Ein paar leise Bewegungen, ohne Ziel, für sich selbst. Zauberbergmentalität. Plötzlich geht das Licht aus. Einfach so. Rico Stehfest

Nächste Vorstellungen: 18.5., 19 Uhr (im Rahmen der 2. Langen Nacht der Theater), 19./20. & 23.-26.5.2013 im Festspielhaus Hellerau.



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