Logo DRESDNER

Anzeige



Filmische Augenöffner – Das 27. Filmfest Dresden thematisiert mit dem „Panorama National: AusWegLos“ eine brandaktuelle Politikdebatte
Wer den offiziellen Trailer zum noch bis Sonntag stattfindenden Dresdner Kurzfilmfestival mit den Goldenen Reitern gesehen hat, der ahnte schon, dass das Filmfest längst nicht mehr nur inhaltlich genügsame oder auch mal undeutbar experimentelle audiovisuelle Kunst präsentieren, sondern durch die derzeitigen politischen Ereignisse in Deutschland und Europa auch das ungemütliche, streitbare, harte Pflaster der Einwanderungspolitik auf die Leinwand projizieren möchte. Als wichtigster Programmpunkt fungiert dabei wohl der Kurzfilmblock „Panorama National“ mit dem speziell gesetzten Titel „AusWegLos“. Der kommt zwar etwas bedeutungsschwanger daher, bietet inhaltlich jedoch klare Aussagen zur brandaktuellen Debatte. Ein Augenöffner quasi, wie mit Flüchtlingen in Deutschland derzeit umgegangen wird, wie Immigranten darunter zu leiden haben und in Konsequenz darauf reagieren. In sechs Kurzfilmen stellen deutsche Filmschaffende Schicksale und Momente aus dem Alltag von Einwanderern dar oder geben dem Zuschauer auf kreativem Weg die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung über fremde Kulturen zu bilden. Die etwas mehr als einstündige Auswahl reicht vom Animationsfilm, über kurze Spielfilme und Dokumentationen bis zur Filmmontage.

Eingängig startet das Programm mit Johannes Dunckers „Short Trip“, in dem ein Türkei-Tourist in die zu dem Zeitpunkt stattfindenden Proteste und regelmäßigen gewalttätigen Krawalle zwischen Demonstranten und der Polizei gerät. Die kurz geschnittenen, aussagekräftigen Doku-Szenen werden von einem treibenden Voice-Over begleitet, dass die Motive und Erlebnisse des Touristen wiedergibt. Als perfekter Kontrast folgt eine Dokumentation von Maria Kindling und Malte Fröhlich, die einen Mann afrikanischer Abstammung beim Nichtstun in Vockerode bei Wittenberg zeigt. Doch nicht er verrät einem die Gründe dafür, sondern sein Bekannter, der auf kulturtypische und einprägsame Art seine durch die deutsche Bürokratie erzwungene Lage besingt. Auch Laleh Barzegars „Der Tag wird kommen“ geht das Thema Integrationsprobleme durch Bürokratiehürden als Spielfilm an. Die Handlung um die Iranerin Farrokh dreht sich dabei um ihre verzweifelte Suche nach einer Wohnung. Doch als sie durch einen witzigen Einfall endlich den ersehnten Stempel für eine rein rechtlich nicht für den Staat tragbare Wohnung aufgedrückt bekommt, steht schon das nächste, schier unüberwindbare Problem für sie an.
Es liegt vor allem an der herausragenden Erzählweise und dem cleverem Humor, dass auch die dritte Version zu dem Thema „sich von Amtswegen nicht integrieren dürfen“ als Dramödie überzeugt. Und zwar so sehr, dass man die scheinbar als Serie konzipierte Geschichte um den politischen iranischen Flüchtling Omid, einen studierten Chirurg ohne gültigem Führungszeugnis der aus der Not heraus seine Asylsuchenden Nachbarn mit unkonventionellen Methoden behandelt, wegen seinem schier unglaublichem Erzählpotenzial gern im deutschen Fernsehen oder als Webserie fortgesetzt sehen würde.
Doch das Highlight des Abends aus filmtechnischer und erzählerischer Sicht ist der Spielfilm nach einer wahren Begebenheit „Geschützter Raum“ von Zora Rux. In einem Flüchtlingscamp entspinnt sich nach einen schwer interpretierbaren Vorfall zwischen einer Deutschen und einem Senegalesen ein perfider Diskurs von brisantesten politischen Ausmaßen. Auf außergewöhnliche Weise zieht Rux jeden in einer mehrere Minuten langen Plansequenz in ihren Bann, wenn die Kamera in schwindelerregender Rotation eine Plenarsitzung der Flüchtlinge und Aktivisten zum weiteren Vorgehen festhält. Das Aufeinanderprallen verschiedener Werte und Meinungen verfehlte auch im Weltbild der Zuschauer seine Wirkung nicht und stieß in der anschließenden Diskussion eine interessante Debatte an über die entstandene, auch im wahren Fall nicht geklärte moralische Frage: „Was tun, wenn ein illegaler Einwanderer im Flüchtlingscamp in Vergewaltigungsverdacht gerät?“ Martin Krönert

Weitere Vorstellungen des Programms „AusWegLos“: 18.4. 20:30 & 19.4.2015, 22:30 im Thalia Kino. Mehr unter: www.filmfest-dresden.de



« zurück