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Ernst Křeneks Märchenoper »Das geheime Königreich« in der Semper 2
Was macht ein König ohne Königreich? Er wird entweder zur tragischen oder – wie man´s nimmt – zur komischen Figur. Ernst Křenek spielt diese Situation in seinem 1927 entstandenen Einakter, wohl nicht ganz ohne Bezug auf den letzten 1918 abgedankten Habsburger-Kaiser, auf ungemein unterhaltsame Weise durch: Im Lande rumort die Revolution, die Untertanen wollen nicht mehr unten sein, der König, deprimiert und im Selbstmitleid versunken, betrauert sein gescheitertes Königtum und gibt die Krone einstweilen an den Narren weiter. Die Königin, ein hysterisches Luxusweibchen, will durchaus einen Mann mit Schneid und findet ihn – im eingekerkerten Rebellenführer. Dieser hat, von der Königin befreit, freilich nichts anderes vor, als mit einer aufgebrachten Menge den Palast zu stürmen und in Kleinholz zu verwandeln. Und erst im Nachhinein, in der Einöde, fällt es dem einsam herumirrenden König ein, was ihm für sein Königtum gefehlt hat: die Schätzung des scheinbar Geringen, der Kreatur, des Tiers, wodurch die machtgestützte Hierarchie, die »Ordnung der Dinge« aufgehoben wäre.
Nun, ob es mit diesem politischen Fingerzeig schon getan ist, kann hier nicht weiter erörtert werden. Was Křenek aus dieser tragikomischen Fabel allerdings an bühnenwirksamer burlesker Komik herausholt, ist wirklich großartig! Als »Nachgeborener« bedient er sich einer ganzen Reihe von Theaterkonventionen und Figurenschemata. So erscheint die Königin mit ihren exaltierten Koloraturen als eine mit Augenzwinkern ins Karikaturistische gezogene Reminiszenz an Mozarts Königin der Nacht, und natürlich fehlen auch die drei Damen nicht, die den Narren übertölpeln. Musikalisch hat Křenek virtuos und mit leichter Hand einen überaus komprimierten spritzigen Einakter zusammengebraut, in dem es vor formidablen Einfällen und gelungener musikalischer Charakterisierung nur so zischt! Alles ohne Schlacken, immer nah an den Figuren und der dramatischen Handlung. Dabei gerät bei aller Dichte zuweilen auch ein gewisser Wiener Lyrismus und eine süffisante Morbidität in die Musik, die auch den Liebhaber komplexerer Aromen begeistern dürfte.
Im Vergleich dazu kommt die Inszenierung von Manfred Weiß recht unspektakulär daher, und die kleine Bühne – und das kleine Budget – sind ihr wohl anzumerken. Optisch orientiert an der Bildwelt etwa von Otto Dix, gelingt es ihr jedoch, die Atmosphäre des Stücks einzufangen und die Figuren sinnfällig zu bewegen. Sehr schön ist der Moment, wenn zur zartesten lyrischen Musik der Königsthron vom aufgebrachten Mob demoliert wird. Das Sängerensemble überzeugt durchweg darstellerisch wie musikalisch, wobei besonders Alexander Hajek als Narr und Hans-Joachim Ketelsen als wunderbar desorientierter König im Gedächtnis bleiben.
Schade nur, dass das keineswegs abendfüllende Werkchen nach einer guten dreiviertel Stunde rasanter Tour de force zu einem schnellen und etwas unverhofften Ende kommt. Gern hätte man von solch überquellender Musik noch mehr gehört, zumal eine Koppelung mit anderen Einaktern Křeneks, etwa »Der Diktator«, sehr naheliegend gewesen wäre. Jedoch kann man sich über eine solch erfrischende Repertoire-Erweiterung nur freuen und es bleibt zu wünschen, dass sie in Dresden auch einmal den Weg auf die große Bühne schafft. Aron Koban

weitere Termine: 23./25./26.10., 1./2./6./8.11.2012



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