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Die kanadische Companie Dave St-Pierre gastiert mit einem »End-Stück« in Hellerau
So abgeschmackt das Motiv des Engels ist, die mit weißen Flügeln ausgestatteten nackten Tänzer sind ätherische, liebevolle Wesen par excellence. Da wird herumgewuselt und geschäftig geschwatzt, Ringelspiele sind amüsanter als aufräumen zu müssen. Am Ende wird allerdings ein Zuschauer anmerken: »So grausam kann Liebe sein.« Engel? Grausam?
Der kanadische Choreograph zeigt hier den letzten Teil seiner Trilogie des Menschen. Die ersten beiden Teile wurden bereits 2011 in Hellerau mit Begeisterung aufgenommen. Auch diese Arbeit ist schlichtweg grandios und bildet einen weiteren der ohnehin nicht wenigen Höhepunkte für Hellerau in diesem Jahr. Der Titel »Foudres« (Zorn) lässt bereits erahnen, dass die kleinen, feinen Engelchen so fein nicht sind. Sie stehen auf Tischen und brüllen »This is how you fall in love!« und lassen sich krachend fallen. Zornig, eben. Cupido ist müde. Cupido hat die Schnauze voll. Schließlich ist er auch nur ein Mensch. Also wirft er seine Pfeile per Hand. Hat ja eh alles keinen Zweck. Also bildet man eine Selbsthilfegruppe. Saukomisch. Aber praktisch gleichzeitig wird das Publikum hinunter gerissen in eine Tragik, die stärker kaum sein kann. Da werden immer wieder die Pirouetten aus der Waagerechten probiert, die Louise Lecavalier so berühmt gemacht haben. Aber jeder Versuch misslingt. Immer wieder. Und immer wieder. Unerträglich. Dazu verrenken sich die Tänzer zu Körperbildern, die an die Arbeiten von Keith Haring erinnern. Nur poppt da gar nichts mehr. Endstation. Und genau dann, wenn man meint, emotional ganz unten angekommen zu sein, bricht ohne Vorwarnung der für den Kanadier so typische brachiale Humor ein. Die Einbindung eines männlichen Zuschauers zum Zweck der Kopulation mit einer Gummipuppe mag auf den ersten Blick billig und an der Grenze des so hoch gehaltenen »guten Geschmacks« erscheinen, ist aber eben um so charakteristischer für die Arbeiten der Companie und bildet einen funktionierenden Kontrast zu den tragischen Elementen.
Dave St-Pierre muten dem Publikum wieder eine ganze Menge zu. Dabei bleibt alles frei von Effekthascherei. Eine simple Lichtgasse, ein paar Tische und der menschliche Körper als Text in Reinform. Und die Verzahnung von Tragik und Humor ist berückend. Wer meint, man könne nicht gleichzeitig weinen und lachen, wird hier eines besseren belehrt. Und zum Abschied singt die schmelzige Stimme von Ella Fitzgerald »Everytime we say goodbye, I die a little«. Man sollte sich auf einen kathartischen Abend einrichten. S.R.

Nächste Vorstellung: 9.2.2013, 20 Uhr Festspielhaus Hellerau. Louise Lecavalier gastiert am 15./16.2.2013 ebenfalls im Festspielhaus.



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