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Barock à la Dresden – Händels »Orlando« in der Semperoper
Barockoper in der »Barockstadt« Dresden, das sollte zueinander passen, meint man. Doch so überschaubar die bauliche barocke Präsenz in Dresden tatsächlich ist, so selten wird man Barockopern in hiesigen Spielplänen finden. Umso erfreulicher ist es da, dass die Semperoper nun Georg Friedrich Händels »Orlando« in einer Neuproduktion, und unter der Regie von Andreas Kriegenburg, auf die Bühne gebracht hat.
Allzu viel allegorisches Spektakel um den alten Widerspruch von Leidenschaft und Pflicht wollte der Regisseur dem Dresdner Publikum dann aber doch nicht zumuten, immerhin, so Kriegenburg, ist unsere Rezeptionshaltung heute vor allem psychologisch gestimmt, so dass Allegorien, widerstreitende Prinzipien, das Schicksal und die Bahn der Gestirne, wie man sie so schön in Händels Opern vorgeführt bekommt, kaum noch als trächtige Sujets erscheinen.
Übersetzung ist also notwendig, und so platziert Kriegenburg die Geschichte um den unglücklich liebenden Orlando, der sich als großer Held besser um seine Karriere und seinen Ruhm als um unnütze Liebeleien sorgen sollte, kurzerhand in einen surreal verfremdeten großbürgerlichen Salon, etwa so, als sei »ein Ufo mitten im Wald gelandet«. Dieser Transfer ist natürlich legitim, freilich aber teuer erkauft: Zieht man den Figuren einmal alle Repräsentanz und Sinnbildhaftigkeit ab, so dass sie als durchpsychologisierte, etwas dünnhäutige und recht gewöhnliche Privatpersonen auftreten, die ständig über ihre Gefühle sinnieren, dann wird aus der Opera seria Händels mit ihrem zugegeben etwas angestrengten Beziehungsgeflecht leicht eine beiläufige Soap Opera. Die Spannung, die aus dem Widerstreit der Prinzipien entsteht, die die Figuren bestimmen, bleibt von Kriegenburg solchermaßen vollkommen ungenutzt. Die ganze Szenerie will nicht recht in Gang kommen. Eine schöne Idee ist es freilich, die Bewegungslosigkeit der langen Da-capo-Arien durch Tanzchoreographien aufzubrechen, und den Stimmungsgehalt der Musik durch ein Ensemle von fünf Paaren, die gewissermaßen das Umfeld der Figuren bilden, in bewegten Tanz zu übersetzen, wobei allzu plakative Eindeutigkeiten erfreulicherweise vermieden werden.
Das Bühnenbild von Harald Thor sieht optisch wirklich zauberhaft aus und hat eine Ausstrahlung, die in Erinnerung bleibt. Funktional stellt es sich jedoch bald als eine recht sperrige Hürde heraus, zumal die barocken Bühneneffekte und die Handlung treibenden Ortswechsel, Flucht, Verfolgung, das tosende Meer, der Eingang zum Hades usw. von der immerselben Guckkastenbühne nicht bewältigt werden können. Gibt es Rettung bei der Musik? Leider kaum. Die Staatskapelle, obwohl sie sich gern als das älteste noch bestehende Orchester Europas darstellt, ist doch alles andere als ein Spezialistenensemble für Barockmusik. So bleibt die Artikulation weitestgehend unidiomatisch, die musikalischen Gesten und Figuren oft verwaschen und wenig prägnant, und viele klangliche Reize, die in der historischen Aufführungspraxis längst Standard sind, muss der Freund der Barockmusik sich leider hinzudenken. Die Entscheidung, die Figuren größtenteils mit Ensemlemitgliedern, und den Orlando als Hosenrolle und nicht mit einem Countertenor zu besetzen, muss ebenfalls bedauert werden.
Wie sehr diese Oper, bei der nicht nur eine Handlung, sondern eben auch die Musik und die Stimme in Szene gesetzt werden, von internationalen Stars lebt, mag man sich darin veranschaulichen, dass Händel seinerzeit, nachdem ihm sein Star-Kastrat für die Titelrolle abgeworben worden war, diese Oper kurzerhand abgesetzt hat! Im Ganzen bleibt der Eindruck, dass der Semperoper mit dieser Produktion kein Aushängeschild in Sachen Barockoper gelungen ist, was in gewisser Weise wiederum gar nicht so schlecht zur »Barockstadt« Dresden passen möchte. Aron Koban/ Fotos: Matthias Creutziger

weitere Aufführungen: 17./24.2. & 3.3.2013



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