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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Wer wollen wir gewesen sein?« – Heiki Ikkola zur Bedeutung des Theaters im politischen Diskurs
Heiki Ikkola zur Bedeutung des Theaters im politischen Diskurs
■ Die Performance-Company Freaks und Fremde feiert im Mai ihr zehnjähriges Jubiläum. Wir haben das zum Anlass genommen, den künstlerischen Leiter Heiki Ikkola zu Anspruch und der Bedeutung des politischen Diskurses in der eigenen Arbeit zu befragen. Im Gespräch mit DRESDNER-Autor Rico Stehfest zitiert er den Soziologen Harald Welzer und erzählt von dem System als einem trägen, fetten Elefanten.

Eure Ausdrucksmittel sind nicht direkt politisch. Eure Themen nehmen aber immer Bezug auf aktuelle Entwicklungen, wie in der Arbeit »Zugvögel«, in der unter anderen Schicksale iranischer und afrikanischer Flüchtlinge thematisiert wurden. Wie politisch ist eure Arbeit?

Heiki Ikkola: Ich weiß gar nicht, wie geschärft meine eigene politische Haltung ist. Ich verstehe mich eher als Fragenden und Suchenden. Und wenn Kunst politisch wird, entsteht auch immer die Frage, wie weit sie sich noch selbst entspricht oder instrumentalisiert wird. Politische Gedanken spielen für uns insofern eine Rolle, als dass wir Welt verhandeln. Damit ergeben sich immer Fragestellungen, die ins Politische gehen. Die Fluchtgeschichten hatten wir aber schon zu sammeln begonnen, als Syrien noch nicht ein so großes Thema war. Im Lauf der Produktion kam das dann immer mehr in die Medien, und wir haben uns schon gefragt: »Wie aktuell müssen wir jetzt sein; können wir der Sache noch gerecht werden?«

Die Politik drängt sich also in die Kunst?

Heiki Ikkola: In der Kunst lässt sich eben einfach verhandeln, wo es in unserem Rechtsstaat Grenzen gibt. Diese Frage findet man aktuell ja auch im NSU-Prozess. Und eben auch in der Pegida-Debatte. Da sieht man, dass sich die Gesellschaft momentan extrem umformt. Demokratie und Rechtsstaat, wie sie mal gedacht waren, fangen plötzlich an zu kippeln. Sich damit im Theater zu beschäftigen, ist hochinteressant. Denn hier kann man Szenarien entwickeln und Modelle bauen, in denen man die Dinge ins Extreme steigert. Da kann man die Frage der Beteiligung beleuchten. Demokratie bedeutet ja auch immer, selbst etwas zu tun. Demokratie muss von jedem einzeln gepflegt werden. Da verändert sich gerade einiges in unserer Gesellschaft.

Siehst Du diese Veränderung als nachhaltig?

Heiki Ikkola: Aktuell gerät schon etwas ins Wanken. Aber das System, in dem wir uns befinden, kann extrem viel schlucken. Subversives oder auch gegen das System Gerichtetes wird dabei einfach zu einem Bestandteil des Ganzen gemacht. Sowas konnte die DDR nicht. Politisch wird momentan aber auch vieles einfach absolviert. Was Pegida auf der Straße gebrüllt hat, wird ja nun zum Teil der Realpolitik, wie die Forderung nach einer Verdopplung der Abschiebungen von Flüchtlingen durch unseren Kanzleramtsminister, der Vorstoß, die Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländer zu erklären und Flüchtlinge nach Afghanistan abzuschieben. Der Buchtitel »Empört euch!« von Stéphane Hessel ist bereits Teil des Systems und ein Marktfaktor geworden. Das ist zum einen erschreckend, gleichzeitig zeigt sich da ein System, das sich so leicht nicht kippen lässt. Wir haben es hier mit einem trägen, fetten Elefanten zu tun. Den schmeißt so schnell nix um.

Das klingt eher unschön, oder?

Heiki Ikkola: Diese Trägheit hat auch etwas Stabilisierendes. Gleichzeitig bremst es aber natürlich auch viel aus. Neben der Bürokratie steht da ja noch das andere große Monster, das Finanz- und Wirtschaftssystem. Dessen Globalisierung schreibt einer Regierung viele Dinge vor. Da sehe ich mich wiederum auch ohnmächtig. Da kann einem der Begriff »Teilnehmer der Demokratie« im schlimmsten Fall ziemlich sinnlos vorkommen. Deshalb kümmern wir uns gern um Subkulturen und Nischen, in denen man seine eigene Welt formulieren und leben kann.

Das bringt das aktuell oft im Mund geführte »Gefühl der Ohnmacht« aufs Tapet. Warum reagieren manche in dieser gefühlten Ohnmacht mit der Forderung »Ausländer raus!«, andere aber nicht?

Heiki Ikkola: Das Fremde kann von dem, der ihm selten begegnet, naturgemäß auch als Bedrohung wahrgenommen werden, denn so eine Begegnung stellt ja mitunter Altgewohntes oder Liebgewonnenes radikal infrage. Das Fremde als Chance wahrzunehmen, dafür bedarf es positiver Erfahrungen, auch der Lust auf Anderes und auf den Perspektivwechsel. Das ist auch eine Frage der Prägung. Das steckt ja auch in unserem Credo: »Freaks und Fremde«: Die Bschäftigung mit dem Fremden ist Bedrohung und Chance. Mich interessiert auch, ob und wie überhaupt noch formuliert wird, was wir für eine Gesellschaft wollen. Wird diese Frage überhaupt noch in der Schule gestellt? Der Soziologe Harald Welzer hat das ja sehr schön formuliert. Lasst uns im Futur II fragen: »Wer wollen wir gewesen sein?«. Diese Fragestellung fehlt mir extrem in den aktuellen politischen Diskursen, Debatten und Entscheidungen. Wir scheinen zu sehr dem zu folgen, was gerade jetzt aus pragmatischen Gründen angegangen werden muss. Irgendwie muss immer schnell reagiert werden. Scheinbar findet dieser Tage alles plötzlich statt. Vielleicht fehlen uns die Foren für eine solche Diskussion und dafür, uns zuzuhören, Argumente auszutauschen.

Wie sieht dann in diesem Zusammenhang die Funktion des Theaters aus?

Heiki Ikkola: Ich bin ein großer Freund des Diskurses. Aber der eigene Anspruch ist da immer zu hoch. Wenn man überlegt, wie wenige Zuschauer in eine Vorstellung reinpassen, welche Kreise kann das denn ziehen, was wir da machen? Die Gedanken, die wir auf der Bühne verhandeln, die werden aber weitergegeben. Das Theater ist für einen Diskurs also absolut geeignet. Aber eben nicht für Eintags-Antworten, sondern für die Frage: Und was wollt ihr mal machen? Anstacheln zum Weiterdenken, sozusagen.
Vielen Dank für das Gespräch!

10 Jahre Cie. Freaks und Fremde am 20. und 21. Mai mit »Songs For Bulgakow« im Societaetstheater. Mehr zur Company unter http://freaksundfremde.blogspot.de/

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