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Von der Poesie des Busfahrens – Jim Jarmusch im Interview zu »Paterson«
Jim Jarmusch im Interview zu »Paterson«
■ »Paterson« erzählt die Geschichte eines Busfahrers, der genauso heißt wie der Ort, in dem er lebt. Die Kleinstadt in New Jersey und ihre eigentümlichen Bewohner sind die Inspiration für seine Gedichte, die er Tag für Tag in der Mittagspause auf der Parkbank verfasst. Die Welt seiner Frau Laura dagegen ist im ständigen Wandel. DRESDNER-Autor Martin Schwickert hat sich mit Kultregisseur Jim Jarmusch über sein neuestes Werk, das durch maximalen Minimalismus zu einem buchstäblichen Gedicht von einem Film wird, unterhalten.

Wie kam es dazu, dass Sie einen Busfahrer zum poetischen Helden Ihres Filmes gemacht haben?

Jim Jarmusch: Die Hauptfigur sollte ein Working-Class-Poet sein. Ich habe überlegt, wie man Bilder, Information und die Gespräche der Menschen an diesem Poeten vorbei driften lassen kann, während er seiner täglichen Arbeit nachgeht. Eine Arbeit in einer Fabrik an der Maschine kam dafür nicht infrage. Taxifahrer wäre eine Möglichkeit gewesen, aber da steigen immer nur ein oder zwei Menschen ein und der Raum ist sehr beengt. Mein Protagonist sollte während seiner Arbeit die Welt in sich aufnehmen und da schien mir der Beruf des Busfahrers einfach ideal.

Worin besteht die Poesie des Busfahrens?

Jim Jarmusch: Hinter dem Steuer eines Busses gleitet man immer ein wenig erhöht über der Straße. Man kann die Menschen beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Das ist eine ganz andere Perspektive auf das Leben als aus einem Auto heraus. Im Bus gehen die Menschen rein und raus. Die Leute draußen ziehen an einem vorbei. Es liegt eine besondere Schönheit in dieser Sicht auf die Welt.

»Paterson« ist auch ein Film über das Verhältnis zwischen Kreativität und Routine. Wie viel Routine brauchen Sie, um kreativ zu sein?

Jim Jarmusch: Ich versuche Routine zu vermeiden. Ich bin am kreativsten, wenn ich keinen Plan habe. Wenn ich morgens aufwache und nichts vorhabe, bekomme ich immer am meisten hin. Aber innerhalb dieser Freiheit versuche ich gewisse Routinen einzuhalten, die mir helfen, mich zu regenerieren. Ich mache an fünf Tagen in der Woche für jeweils 45 Minuten Tai-Chi und eine Stunde Musik. Aber darüber hinaus habe ich keine festgelegte Routine.

Paterson, der Held ihres Filmes, scheint seine Kraft gerade aus der Routine seines Alltages zu ziehen...?

Jim Jarmusch: Für ihn ist seine berufliche Routine ideal. Er muss nicht darüber nachdenken, wo er hingeht, welche Termine er hat oder was er anzieht. Er steht immer um die gleiche Zeit auf und auch der Bus hat immer dieselbe Route. Für ihn ist diese Routine befreiend, weil sie ihm erlaubt ohne Ablenkung die Welt in sich aufzunehmen.

Seine Frau Katie hingegen ist eher extrovertiert. Sind die beiden als Ying-und-Yang-Paar angelegt?

Jim Jarmusch: Auf jeden Fall. Im Gegensatz zu Paterson hat Laura immer neue Projekte im Kopf, sie ist voller Energie. Laura geht aus sich heraus, während Paterson in sich geht.

Die Routine des Alltäglichen wird oft als Feind der Liebe angesehen. Hier scheint sie die Beziehung eher zu festigen... ?

Jim Jarmusch: Routine muss nicht zwingend einer erfüllten Liebe entgegenstehen. Die Liebe zwischen zwei Menschen wird getragen und beschützt von der Fähigkeit, sich gegenseitig zu akzeptieren anstatt zu versuchen, den anderen nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Die Beiden lieben einander, so wie sie sind. Sie ergänzen sich und akzeptieren einander über alle Gegensätze hinweg.

Laura dekoriert ihr Haus im Verlauf des Filmes fast komplett mit Schwarz-Weiß-Mustern. Sie hatten ja als Filmemacher selbst eine ausgedehnte Schwarz-Weiß-Phase. Nehmen Sie sich hier auch ein wenig selbst auf den Arm?

Jim Jarmusch: Nicht bewusst. Ich dachte einfach es wäre cool, wenn Laura diesen Schwarz-Weiß-Fimmel hat. Aber es hat auch einem anderen Grund: Wenn man neugeborenen Babys ein Schwarz-Weiß-Mobile über das Bett hängt, hilft es ihnen die eigenen Sehfähigkeit zu entwickeln. Immer wenn jemand aus meinem Freundeskreis ein Baby bekommt, schenke ich ihnen so ein Mobile und die Kinder lieben sie.

»Paterson« kommt ohne große Dramatisierungen aus. Ist das ein Bekenntnis zur narrativen Entschleunigung?

Jim Jarmusch: Mich ermüden Filme, in denen alles ein Problem darstellt. Es ist wichtig, dass auch Filme gemacht werden, in denen es nicht um große Dramen geht, sondern die Poesie des Alltäglichen im Mittelpunkt steht.

Ihr Film zeigt auch, wie Inspiration funktioniert, wie ein Eindruck aufgenommen und in Poesie verwandelt wird. Wie lassen Sie sich als Filmemacher inspirieren?

Jim Jarmusch: Meine Inspirationen kommen von überall her: aus dem Alltag, kleinen Dingen, die mich bewegen, die ich gehört, gelesen oder gesehen habe. Ich habe immer ein Notizbuch bei mir, in dem ich diese Dinge sammle, ohne zu wissen, was ich damit einmal machen werde. Es geht erst einmal darum, zu rezipieren. Die Dinge sagen mir dann später, was ich mit ihnen anstellen soll. Ich vertraue ihnen mehr als mir.

Leben wir heute in einer Zeit, der der Sinn für Poesie abhanden gekommen ist?

Jim Jarmusch: Wir leben in einer Zeit der Gehirnwäsche und in einer Welt, die von Konzernen kontrolliert wird. Das wird letztendlich zur Zerstörung unseres Planeten führen und keiner scheint sich darum zu kümmern. Die Menschen leben in einem Zustand dauernder Verleugnung, wollen nicht wahrhaben, wie heikel unsere Lage ist, und flüchten sich in den Konsum. Das finde ich sehr verstörend. Ich bin sehr enttäuscht von den Menschen. Nicht von allen natürlich. Ich versuche den Moment zu genießen, aber ich sorge mich sehr um die Zukunft.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Paterson« (ab 17. November im Pk Ost, im Thalia Kino und in der Schauburg); USA 2016, Regie: Jim Jarmusch, mit Adam Driver, Golshifteh Farahani u.a. Mehr zum Film: www.imdb.com/title/tt5247022/

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