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DRESDNER Interviews / O-ton!
Vermessung der Gesellschaft – Tilmann Köhler nimmt »Maß für Maß« am Schauspielhaus
Tilmann Köhler nimmt »Maß für Maß« am Schauspielhaus
■ Ach, wie schön ist's sonst, wenn man bei Shakespeare nachschlägt: Da gibt es Irrungen und Wirrungen, Liebesleid, des Herrschers Lust und Last oder seltsame Deals, bei denen ein Pfund Fleisch aus dem Leib geschnitten werden muss – wahlweise als Komödie oder Tragödie auf die Bühne gebracht. Nun also »Maß für Maß«, eine »dunkle Komödie«, verwirrend und widersprüchlich. Vor dem Hintergrund der Stadt Vienna und des Herzogs Vincento, der dem moralischen Verfall seiner Stadt Einhalt gebieten will, wird ein umfassendes Sittengemälde einer Gesellschaft gezeichnet, in dem moralische, juristische und religiöse Themen verhandelt und gewogen werden und doch alle »Maß«-nahmen fragwürdig bleiben. Die Groteske, die die Ferne der Herrschenden vom Volk aufzeigt und den Beweis antritt, dass vor dem Gesetz eben nicht alle gleich sind, wenn Politik, Geld und Sex eine gewinnbringende Verbindung eingegangen sind. Es siegen nicht die Guten, Edlen, Aufrechten, sondern jene, die moralische Tugenden glaubhaft erscheinen lassen können. Eine Steilvorlage für die Beschreibung der derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse – dies wäre bei einem solch reflektierten und tiefschürfenden Regisseur wie Tilmann Köhler zu kurz gesprungen. DRESDNER-Autor Aron Koban sprach mit dem Hausregisseur des Staatsschauspiels, der zuletzt mit einem exquisiten »Der Kaufmann von Venedig« in Dresden reüssierte.

»Maß für Maß« gilt als eines der sogenannten »Problemstücke« Shakespeares. Was ist das »Problem« bei dem Stück?

Tilmann Köhler: Die »Problemstücke« liegen zwischen den Genres, bei denen kann man nicht klar sagen: Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Auch in »Maß für Maß« hat Shakespeare im Ausdruck von jeder Farbe etwas hineingezogen. Einige Kommentatoren meinen, dieses Stück sei beinahe ein Kompendium aller Stücke, die Shakespeare geschrieben hat, weil er von jedem etwas hineingenommen hat.

Was bedeutet das für Ihren Zugriff?

Tilmann Köhler: Für jeden Strang muss man eine Erzählweise finden, der es gelingt, die verschiedenen Farben in ihrer Eigenständigkeit aufblitzen zu lassen. Zugleich müssen diese ungleichen Dinge zusammengeführt werden. Was mich interessiert, ist Shakespeares Grundbeschreibung von Gesellschaft. Shakespeare hat oft gesellschaftliche Extreme gewählt und diese dann zusammengeführt. Das Besondere an dieser Vielteiligkeit ist, dass das Stück gerade dadurch etwas von Gesellschaft erzählen kann, das über die Zeit hinausreicht. Grundsätzlichen stehen wir immer noch vor denselben Fragen, auch wenn wir inzwischen Smartphones haben.

Ist es bei solchen rhetorisch brillanten Stücken nicht schwierig, die verbale Aktion in eine Bühnenaktion, eine bewegliche Szenerie zu übersetzen?

Tilmann Köhler: Shakespeares Figuren können ihre Gedanken ausagieren, es gibt immer auch ein großes Handlungsmoment. Die Kernszenen bei »Maß für Maß« müssen natürlich gedanklich unheimlich scharf sein, aber dazu gehört trotzdem ein spielerischer Umgang miteinander. Das ist eine Frage der Probenarbeit: Wie schafft man ein möglichst treffendes Bild dafür, was innerhalb der Szene gerade zwischen den Figuren verhandelt wird, ein gelungenes Übertragungsmoment, das auch einen aktuellen Bezug herstellt?

Nonnen, Herzöge, Scharfrichter… ist das für Sie mehr als eine angestaubte Staffage?

Tilmann Köhler: Das ist überhaupt keine Staffage. Shakespeares Figuren kommen aus Räumen, die in unserer Gesellschaft nicht offenkundig vor einem liegen, aber nichtsdestotrotz existieren. Und sie sind so paradigmatisch, dass man an ihnen ganz essenzielle Dinge sehen und zeigen kann.

Was für Räume sind das?

Tilmann Köhler: Es sind eigentlich vier: Die politische Welt, das Halbweltmilieu, das Kloster und das Gefängnis. Diese vier Sonderpositionen der Gesellschaft können in ihrer Gesamtheit dann auch etwas über den Raum dazwischen aussagen. Bei Shakespeare treten die Figuren aus ihren Räumen heraus und müssen sich mit den Regeln des anderen Raumes auseinandersetzen.

Diese gesellschaftlichen Parallelräume Kloster, Gefängnis sind von starken Reglementierungen geprägt…?

Tilmann Köhler: Shakespeare hat immer solche Parallelwelten gesucht. Der Unterschied zwischen Kloster und Gefängnis liegt in der Freiheit bzw. Unfreiheit der Entscheidung, sich aus der Gesellschaft herauszunehmen und sich in eine ungefähr gleich große Zelle zu begeben. 500 Meter von unserer Probebühne befindet sich die JVA. Wir sind dort hingegangen, um das besser zu verstehen: Was heißt es heute, ein Gefangener zu sein. Aber auch das Kloster ist ein gesellschaftlicher Ort, der heute noch existiert. Wir sind in ein Claresiner-Kloster nach Bautzen gefahren und konnten mit den Frauen dort über ihren Lebensentwurf sprechen. Dabei wird die Frage interessant, aus welcher Perspektive man die Regeln des anderen betrachtet. Inwieweit ist so ein Kloster nicht auch ein Raum der Freiheit?

Es gibt schließlich den Statthalter, der eingesetzt wurde, um Ordnung zu schaffen. Bietet das Stück einen Königsweg an?

Tilmann Köhler: Spannendender finde ich die Figur des Herzogs, der vor seinem eigenen Volk flüchtet und den neuen Statthalter, einen scharfen Hund und moralischen Saubermann, einsetzt, damit dieser die bestehenden Gesetze buchstäblich und mit aller Härte anwendet. Nachdem der Statthalter dann mit eisernem Besen gekehrt hat, kann der Herzog am Ende sogar als der »große Retter« zurückkehren. Da stellt sich die Frage, die uns auch heute brennend betrifft: Inwieweit wird da auf dem Rücken der Schwächsten innerhalb einer Gesellschaft etwas ausagiert oder ausgelebt? Und wo liegen die eigentlichen Ursachen dafür?

Wo ein System aus den Fugen gerät, werden paradoxerweise die grundsätzlichen Fragen der Gesellschaft, das System, nicht in Frage gestellt…?

Tilmann Köhler: Das Grundmotiv des ganzen Stücks ist die Frage nach Regeln und wie diese angewendet werden: Regeln, die sich eine Gesellschaft setzt, die man sich selbst setzt, moralische Regeln. Damit sind wir ganz nah an den aktuellen gesellschaftlichen Fragen, gerade auch in Dresden.
Vielen Dank für das Gespräch!

Premiere ist am 11. September, die öffentliche Probe findet am 9. September statt; weitere Termine: 15. und 30. September (mit englischen Übertiteln) und 3. und 11. Oktober; mehr zum Stück und zur Inszenierung: www.staatsschauspiel-dresden.de/home/mass_fuer_mass/

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