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»Unglaublich wirkungsvolle Kontraste« – Interview mit der Dirigentin Julia Jones zur Neuinszenierung von Mozarts »Idomeneo« an der Semperoper
Interview mit der Dirigentin Julia Jones zur Neuinszenierung von Mozarts »Idomeneo« an der Semperoper
■ Hat die Semperoper in der vorigen Spielzeit mit »La Clemenza di Tito« schon einen neu zu entdeckenden Opera-Seria-Mozart auf die Bühne gebracht, so legt sie mit »Idomeneo« jetzt noch eins nach. Mozart selbst bezeichnete den »Idomeneo« gern als seine beste Oper, und nach langer Zeit ist das Werk nun endlich wieder in Dresden auf der Bühne zu erleben. DRESDNER-Autor Aron Koban sprach mit Julia Jones, der Dirigentin der Neuproduktion und ausgewiesener Mozart-Kennerin, über das Stück.

Sie haben den »Idomeneo« schon 2006 in Hamburg dirigiert. Ist die Neuproduktion in Dresden für Sie jetzt wieder etwas Neues? Hat sich in Ihrer Auffassung etwas geändert?

Ich hofe schon. Ich mache jetzt zum vierten Mal eine Neuproduktion von »Idomeneo«. Natürlich muss man seine Aufassung von einem Stück immer neu bedenken. Vieles an der Produktion hängt aber auch von der Inszenierung und den Sängern ab. Die Musiknummern müssen eingerichtet werden, man muss entscheiden, was gekürzt wird, zum Beispiel ob man die große Idomeneo-Arie vor dem Schlusschor spielt oder am Schluss das gesamte Ballett. Solche Entscheidungen werden gemeinsam mit dem Regisseur getroffen.

Und spielen Sie nun das Ballett?

Nicht das ganze, das wäre zu lang, aber am Schluss gibt es durchgehend Tänze und Bewegungs-Chöre.

Wie verträgt sich für Sie der romantische Klang der Staatskapelle mit der barocken Opulenz und der gestischen Artikulation, die so eine MozartOper benötigt? Wird Mozart da nicht in Watte gepackt?

Zur barocken und klassischen Musik habe ich eher eine englische Auffassung: Durchsichtigkeit, Transparenz und Kraft spielen eine große Rolle, und natürlich ist auch die Phrasierung und Artikulation sehr wichtig, z.B. spielen wir meistens ohne Vibrato, aber nicht durchgehend. Ich erwarte von der Dresdner Staatskapelle nicht, dass sie jetzt wie ein Barockorchester spielen. Aber sie können ausgezeichnet klassisches Repertoire spielen. Dann hängt es vom Dirigenten ab, wie das umgesetzt wird. In Dresden war der »Idomeneo« längst überfällig. Die letzte szenische Auführung der Oper fand 1955 statt. Dabei halte ich den »Idomeneo« für eine der größten Opern, die je geschrieben wurden.

Was kann solch eine heroische Festoper aus dem höischen Zeitalter uns heute noch sagen?

»Idomeneo« ist zwar eine große Hofoper, mit allem, was dazu gehört, aber Mozart geht es immer auch um das emotionale Leben und die menschlichen Beziehungen der verschiedenen Figuren. So gibt es eine sehr starke Vater-Sohn-Beziehung zwischen Idomeneo und seinem Sohn Idamante. Der Zuhörer wird durch sehr viele berührende Momente an dem Abend geführt. Da ist zuerst die Freude Idomeneos darüber, dass er nicht ertrunken ist, doch dann muss er den ersten Menschen umbringen, den er sieht. Das ist unglücklicherweise sein Sohn. Und Elektra, Idamantes Geliebte, ist verbittert, weil sie ihn an eine andere Prinzessin verliert. Das ist doch alles ziemlich schwierig, oder?

Warum ist dann der »Idomeneo« in der Rezeption so vernachlässigt worden?

Möglicherweise hat das mit der barocken Dramaturgie der Handlung zu tun. Mozart hat beim »Idomeneo« zum letzten Mal die Form der großen französischen Barockoper aufgenommen, mit Massenszenen, riesigen Chören, mit allen optischen Möglichkeiten, die die Bühne bietet: Himmel und Hölle, Schlangen, Neptun und dieses Seemonster. Ich kann nicht genau sagen, warum man »Idomeneo« nicht öfter spielt. Vielleicht wäre ein anderer Titel nötig, »Das Seemonster«, oder so.

Was fasziniert Sie gerade am »Idomeneo«?

Der Idomeneo hat eine solch reichhaltige Palette von ganz verschiedene Farben und es werden unglaublich wirkungsvolle Kontraste erzeugt: sinfonische Musik, große Szenen und noch nie hat Mozart in einer Oper so wunderbare Chöre geschrieben. Das klingt teilweise schon fast wie ein Oratorium. Da kann man emotional so viel erleben. Und dann gibt es da noch das berühmte »Mannheimer Crescendo«: Es war damals etwas ganz Neues, das ganze Orchester über viele Takte langsam zu steigern, von ganz ganz leise bis ganz laut. Am Schluss der sogenannten Ballettmusik spielen wir ein großes Crescendo über eine Minute. Eine Minute D-Dur-Crescendo!
Vielen Dank für das Gespräch!

»Idomeneo« hat am 29. November Premiere in der Semperoper; weitere Auführungen am 2., 6., 10., 13., 17. Dezember

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