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Nichts ist wirklicher als die Vorstellung von der Wirklichkeit – Im Gespräch mit Tenor Eric Cutler (Foto Dario Acosta) zur Neuinszenierung »Les Contes d'Hoffmann/Hoffmanns Erzählungen« an der Semperoper
Im Gespräch mit Tenor Eric Cutler (Foto Dario Acosta) zur Neuinszenierung »Les Contes d'Hoffmann/Hoffmanns Erzählungen« an der Semperoper
■ Es ist diese »Ver-Rückung der Norm«, die Johannes Erath, der mit Mozarts »Le nozze di Figaro« 2014/15 sein Debüt an der Semperoper gab, bei seiner Inszenierung von »Hoffmanns Erzählungen« von Jacques Offenbach fasziniert. Er fokussiert seine Erzählung auf die Person Hoffmanns, einen Mann, der sich die Realitat nach seinen Vorstellungen gestaltet und und den schmalen Grat zwischen Verrücktheit und Normalität stets auf's neue austarieren muss, oder wie Johannes Erath sagt: »Realität ist das, was wir ertragen, wahrzunehmen«. Mit der Titelrolle wurde der amerikanische Tenor Eric Cutler betraut, der sein Debüt in Dresden gibt. Wie er mit den besonderen Herausforderungen dieser Partie umgeht, erzählt er im Gespräch mit DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher.

Gibt es reelle Bezugspunkte zwischen Ihnen und der Figur Hoffmanns?

Eric Cutler: Ja, sie zeigen sich für mich in der Geschichte zwischen der Figur der Muse und des Bösewichts. Die Figuren sind für mich Sinnbild für das Innenleben eines jeden Künstlers. Wir alle kennen diese Gefühle vor jeder Vorstellung: Einerseits die Leidenschaft für die Arbeit und andererseits die Selbstzweifel: Versagt mir meine Stimme, wie kann ich das schaffen?

Maßgeblich im Leben Hoffmanns sind drei Frauenfiguren. Wie werden diese in der Beziehung zu ihrer Rolle definiert?

Eric Cutler: Wir zeigen anhand der Frauenfiguren die Evolution seines Lebens. Mit Olympia, der Puppe, ist er sehr jung. Er hat hohe, perfektionistische Ansprüche an die Schönheit. Antonia ist vielleicht sein große Liebe, mit ihm auch verbunden durch die Kunst und die Musik. Aber ob er Antonia liebt oder nur das Gefühl des Verliebtseins in sie, das bleibt offen. Sie ist Künstlerin, die auch ein tragisches Schicksal als Künstlerin hat. Dies ist wiederum ein tragisches Spiegelbild seiner selbst. Und dann kommt am Ende Giulette, die Prostituierte, die ihn umgarnt und auch das wieder als Spiegelbild.

Es sind also drei Frauenfiguren, die jede für sich eine gewisse Sehnsucht widerspiegeln?

Eric Cutler: Ja, er projiziert seine Sehnsüchte in die drei Frauen und das muss am Ende tragisch enden. Für mich ist diese Konfrontation mit seiner Seele in der Musearie auch der Mittelpunkt der Oper. Er sieht seine Seele und er kann sich selbst nicht akzeptieren. Und das ist typisch für die französische Oper: Wir haben Leichtigkeit, wir haben Humor, wir haben Tragödie. Hoffmann kommt letztendlich sich selber abhanden, während ihm alles widerfährt. Er verliert sich irgendwann. Am Ende ist er erschöpft und allein, leer. Und damit ist Hoffmann ist auch Teil von uns allen: er hat viele Facetten in seinem Kopf. Wir können uns selbst in ihm sehen.

Das müssen Sie genauer erklären!?

Eric Cutler: Die drei Frauen stellen immer nur eine Facette in seinem Leben dar. Ich brauche heute mit 41 Jahren auch eine andere Art von Liebe als ich mit 21 brauchte. Die Evolution im Liebesleben eines Mann ist auch das, was Offenbach zeigen wollte. Und auch wir leben in narzisstischen, selbstbezogenen Zeiten. Auch wir werden ein Stück uns selbst fremd, denn wir kommunizieren stets über ein technisches Gerät zwischen uns und immer seltener über direkten Kontakt.

Nach der Evolution in Ihrem Liebesleben würde ich sie gerne fragen... Bedarf es für die Rolle auch der Evolution eines Sängerlebens?

Eric Cutler: Ich habe bereits viele Opern auf französisch gesungen, aber so etwas habe ich in meiner bisherigen 17-jährigen Karriere noch nicht gemacht. Diese Partie ist wie Bergklettern oder ein Marathonlauf. Ich muss mit drei verschiedenen Stimmen singen. Es gibt ganz leichte schöne Pianomissimo, dann im dritten Akt muss ich mehr als Heldentenor singen und den Schluss in Belcanto. Da gilt es mit meiner Stimme zu haushalten, ich kann nicht schon alles am Anfang geben. Die Partie ist ewig lang. Du kannst nicht mit Hoffmann anfangen. Man braucht Erfahrung auf der Bühne, als Darsteller und Technik. Es gibt vielleicht zwei Handvoll weltklasse Hoffmanns.
Danke für das Gespräch!

Premiere von »Les Contes d’Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen« in der Inszenierung von Johannes Erath ist am 4. Dezember in der Semperoper; weitere Aufführungen: 7., 10., 16., 19., 23. Dezember, 2., 7. Januar. Mehr zum Stück und zur Inszenierung: www.semperoper.de/de/spielplan/stuecke/stid/hoffmanns-erzaehlungen/60814.html

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