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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Migration ist keine Naturkatastrophe« – Im Hygiene-Museum entsteht »Das neue Deutschland«
Im Hygiene-Museum entsteht »Das neue Deutschland«
■ Die Ausstellung »Das neue Deutschland. Von Migration und Vielfalt« begrüßt die Besucher mit einer fantastischen Stadtsilhouette, zusammengesetzt aus den architektonischen Wahrzeichen der Metropolen unserer Welt – dem urbanen Raum, in dem die Folgen der Zuwanderung am deutlichsten zu Tage treten. Das Baumaterial dieser Traumstadt sind hölzerne Transportkisten, reale Zeugnisse globaler Mobilität und internationalem Handel. Die in der schwärmerischen Skyline symbolisierte Hoffnung auf ein besseres Leben, das einer der Hauptbeweggründe für Migrationsbewegungen ist, tritt hier in direkten Kontakt mit den harten, ökonomischen Realitäten, mit denen sich Auswanderer am Ziel ihrer Reise konfrontiert sehen. Diese doppelte Metapher steht exemplarisch für den vielschichtigen Ansatz, mit der sich die Sonderausstellung des Hygiene-Museums ihrem Gegenstand nähert. DRESDNER-Autor Eric Vogel sprach mit Ausstellungsleiterin Gisela Staupe und Pressesprecher Christoph Wingender über die ungewöhnliche Präsentationsform und die Rollen von Museen als gesellschaftlichen Instanzen.

Die Exponate der Ausstellung sind in eine Stadtlandschaft integriert, die komplett aus Holzkisten erbaut wurde. Was verbirgt sich hinter diesem Konzept?

Christoph Wingender: Wir waren auf der Suche nach einer Form, die einerseits keine traurige Gastarbeiter-Ästhetik zelebriert, sich andererseits aber auch nicht einer übertrieben fröhlichen Multi-Kulti-Atmosphäre erschöpft, also einer Form, die gängige Klischees umgeht. In Kooperation mit dem »raumlabor-berlin« haben wir schließlich diese ästhetisch ansprechende und überraschende Form entwickelt.
Gisela Staupe: Wir wollen durch die künstlerische Gestaltung der Ausstellung als Stadtlandschaft versuchen, die komplexen und schwierigen Zusammenhänge so aufzubereiten, dass die Neugier der Besucher geweckt wird. Das findet auch Ausdruck in dem Titel »Das neue Deutschland.« Oftmals werden Ausstellungen zum Thema Migration aus der Sicht der Migranten im Gegensatz zur Mehrheitsgesellschaft erzählt. Wir versuchen, diese Trennung auszuheben und damit zu zeigen, dass wir alle Teil dieser neuen Gesellschaft sind. Dadurch möchten wir bewusst machen, dass die Gesellschaft sich verändert durch die Menschen, die zu uns kommen und zeigen, dass diese Veränderungen sehr spannende Vorgänge sind, wenn man ihnen mit Offenheit begegnet.

Versteht sich das Hygiene-Museum hier als eine aktive Institution, die sich in den gesellschaftlichen Diskurs einmischt?

Christoph Wingender: Die Frage zielt auch auf die Möglichkeiten und Grenzen des Mediums Museum. Neben der eigentlichen Ausstellung präsentieren wir auch eine Publikation, Veranstaltungen und ein Bildungsprogramm. Diese unterschiedlichen Aspekte spiegeln unser Selbstverständnis wider und sind gleichzeitig die Komponenten, die ein Museum stark machen als Kulturinstitution.
Gisela Staupe: Man darf den Einfluss von Museen nicht überschätzen, aber natürlich möchten wir einen Diskurs anstoßen. Wir wollen zeigen, dass das Thema Migration auch auf einer entdramatisierten Ebene diskutiert werden kann und nicht nur als Problemfeld gesehen werden muss. Probleme wie Rassismus und Ausgrenzung klammern wir dabei nicht aus; auch sie sind Teil der Ausstellung. Letztlich ist unser Ziel, das Thema in seiner ganzen Komplexität in die Öffentlichkeit zu tragen.

Welche Art von Diskussion möchten sie mit dieser Ausstellung anregen?

Gisela Staupe: Wir alle wissen, dass wir nicht darum herumkommen werden, uns mit dem Thema globale Migration zu beschäftigen und dass Deutschland ohne Zuwanderung in Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Gleichzeitig ist es ein menschliches Thema, was uns alle betrifft. Aufgrund aktueller Ereignisse wie zum Beispiel Lampedusa und der aktuellen Asyldebatte wird klar, dass dieses gesellschaftlich relevante Thema umfassender als bisher diskutiert werden muss.
Christoph Wingender: Hier vor Ort hat uns auch der Gedanke geleitet, dass Migration in den neuen Bundesländern noch weniger prominent ist als anderswo in Deutschland. Wir gehen aber davon aus, dass die Bedeutung der Zuwanderung auch hier stetig steigen wird. Die Ausstellung ist auch der Versuch, die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu stärken. Wir wollen zeigen, dass Migration nicht wie eine Naturkatastrophe über eine Gesellschaft hereinbricht, sondern wie andere neue Prozesse Vor- und Nachteile hat und dass es durchaus Möglichkeiten gibt, friedlich, solidarisch und neugierig damit umzugehen.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Das neue Deutschland. Von Migration und Vielfalt.«, 8. März bis 12. Oktober im Deutschen Hygiene-Musuem. Weitere Infos unter www.dhmd.de

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