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Lyrischer Mittelfinger – Jan Delay im Interview
Jan Delay im Interview
■ Mutig, mutig. Als hiesiger Chef-Styler in Sachen Funk, Soul und Tanzknöchel den Spagat hin zum Rock zu wagen, bedarf den sprichwörtlichen und in besagtem Genre nicht ganz unwichtigen, dicken Eiern. Ob der Meister die hat? Ist Boulevard. Die neuen Songs haben sie auf jeden Fall. Mehr noch. Auf »Hammer und Michel« beweist Jan Delay, dass man auch anno 2014 noch gute, tanzbare Gitarrenmusik mit anspruchsvollen Texten verbinden kann, ohne ständig den mahnenden Zeigefinger herausholen zu müssen. Das er ohnehin den Mittelfinger vorzieht, wie er sich gegen den Vorwurf der Ironie wehrt und zu welcher Gelegenheit sein Freund Udo Lindenberg das neue Album hört, verriet er DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl im Zuge einer Direktschalte an die Waterkant (Copyright Foto: Paul Ripke).

Ist der konsequente Genre-Wechsel geplantes Mittel, um in keine musikalische Schublade gesteckt zu werden, oder machst du was dir gefällt, ohne jegliches Kalkül?

Jan Delay: Das hat auf jeden Fall kein Kalkül. Höchstens, dass ich zu faul bin, um in dem Bereich, in dem ich schon mal etwas gemacht habe, etwas Neues auszuprobieren. Das kann spannend sein. Alles entledigt sich ja ständig seiner Aufgeregtheit. Es gibt für mich nichts, was länger als ein, oder zwei Platten hält. Irgendwann wird es langweilig – sowohl für mich als Fan von anderen Sachen, als auch für mich als Künstler für meine Sachen. Dem greife ich vor. Dabei sage ich nicht, ich muss jetzt unbedingt etwas anderes machen. Ich habe da eher einen Flash auf die Mucke, dich ich gerade intensiv höre und bekomme Bock, das auch mal mit meiner Band und auf meine Art und Weise auszuprobieren.

Du singst »Ich hab Liebe für die Menschen, zumindest für die meisten«. Gegenfrage: Wen hasst Jan Delay?

Jan Delay: Die Menschen, die keinerlei Liebe für andere Menschen haben.

Im Song »Dicke Kinder« kritisierst du die falsche Ernährung ganzer Bevölkerungsschichten. Muss Gesellschaftskritik tanzbar sein, um gehört zu werden?

Jan Delay: Jein. Das war ja auch immer das Problem bei den letzten beiden Platten. Es ist schwer mit Tanzmusik kritische Texte rüberzubringen, weil es dabei schnell passieren kann, dass die instrumentale Leichtfüßigkeit verloren geht. Das ist das dankbare bei Gitarrenrock-Musik, da sie ja geradezu dazu einlädt, etwas herauszuschreien. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich das so gerne gemacht habe. So konnte ich mal wieder den lyrischen Mittelfinger herausholen. Ich denke dass es bei jeglicher Art von Kritik grundsätzlich hilft, wenn sie unterhaltend verpackt und cool dargeboten ist. Nicht wie ein dröger Erdkundelehrer, der seine Schüler auffordert, keine Plastiktüten mehr zu kaufen und auf Jutebeutel umzusteigen. Würde er es interessanter und cooler verpacken, dann würden ihm die Kids auch eher recht geben und anfangen Plastiktüten ebenfalls scheiße zu finden. Bei mir hat es ein guter Lehrer sogar geschafft, dass ich plötzlich was von Mathematik gehalten habe, obwohl ich das Fach gehasst habe und keinerlei Talent dafür hatte. Ein guter Lehrer kann auch so ein Fach spannend gestalten und genauso ist es mit der Kritik.

Stilistisch scheint es so, als ob du mit deinem neuen Album Bands wie Die Sterne, Tocotronic & Co. links liegen gelassen hast, um gleich bei Udo Lindenberg und Nina Hagen zu landen?

Jan Delay: Ja, aber bei Hagen mit Spliff. Der frühen Hagen mit ihrer ersten Platte. Das ist immer noch eine der besten deutschsprachigen Platten, vor allem, wenn man bedenkt, wie unglaublich international sie klingt und aus welchem Jahr sie ist.

Was reizt dich am klassischen Deutschrock?

Jan Delay: Nicht das, was der allgemeine Mensch unter Deutschrock versteht – so etwas wie Westernhagen, Maffay und die späten Achtziger von Udo. Das ist alles überhaupt nicht meins. Mein Ding sind die Siebziger, wie eben das erste Nina Hagen Album und alle Alben von Udo aus den Siebzigern. Für mich ist das alles andere als Deutschrock, denn auch wenn es deutsch gesungen ist, klingt es sehr international, weil es einfach krass grooved und es geile Musiker mit tollen Melodien sind. Das ist kein Deutschrock, sondern die Musik, die ich liebe, bei der mein Herz aufgeht. Sie ist voller Wärme und das reizt mich daran. Da wir die neue Platte selber produziert haben und in unserem eigenen Studio aufnehmen konnten, haben wir uns als Fans wie auch als Produzenten mit diesem warmen, klassischen Rocksound aus den Siebzigern beschäftigt. Sachen wie Led Zeppelin sind es, bei denen unser Herz aufgeht und die wir als Vierzehnjährige wahrscheinlich auch gesampelt hätten oder haben. Wir hätten nie Metallica gesampelt, weil wir das für einen scheiß Sound hielten und es somit nicht unser Ding war, aber eine Led Zeppelin Nummer kannst du auch gut in ein HipHop-Stück mit einbauen. Das ist die Musik, die mich flasht und die du jetzt auch viel auf meinem neuen Album findest.

Was hat dein Freund Udo Lindenberg zur neuen Platte gesagt?

Jan Delay: Der hat gefeiert und hört sie jetzt immer beim Joggen.

Klischeehaft gibt es zwei Musikarten, in denen die Fans eher konservativ sind, was ihre Musik angeht. Das ist der Schlager und?

Jan Delay: ...der Rock.

In all seinen Facetten?

Jan Delay: Das habe ich ja jetzt bestens zu spüren bekommen.

Hattest du keine Angst vor dem Shitstorm, der dir hätte blühen können?

Jan Delay: Hätte ich Angst gehabt, hätte ich es nicht gemacht. Wenn man Angst hat, verpasst man sehr viele schöne Dinge im Leben. Daher denke ich darüber gar nicht erst nicht nach.

Wie reagierst du, wenn dir jemand speziell auch in puncto Musik Ironie unterstellt?

Jan Delay: Das ist schade. Es ist das Letzte, was ich will, dass man bei der Musik Ironie empfindet. Ein gutes Beispiel ist das Stück »Scorpions-Ballade«. Natürlich grinst man bei dem Text und dem Titel, trotzdem mag ich die Musik sehr gerne – die ist nicht lustig gemeint. Ich bin alt genug zu verstehen und zu sagen, dass das geile Musik ist. Ich habe auch bei den Fotos und Interviews immer versucht Ironie zu vermeiden. Sachen wie Langhaar-Perücken, oder Spandex-Hosen gibt es auf gar keinen Fall. Es soll nicht rüberkommen wie The Darkness. Denn auch wenn ich lustige Texte habe, heißt es nicht, dass ich mich über Musik, oder Genres lustig machen will.

Du widmest das Album unter anderem »Abbey Road und Hafenstrasse«. Ein Brückenschlag zwischen Style, Musik und Anarchie?

Jan Delay: Ja zum Beispiel. Zwei gegensätzliche, aber für etwas stehende Begriffe, die sich auch noch reimen. So wie Iggy und Ziggy, oder Slash und The Clash. Als Orte empfand ich Abbey Road und Hafenstrasse als gute Gegensätze, die für etwas stehen, dass ich beides mag.

Wurdest du schon mal als Champagner-Sozialist bezeichnet?

Jan Delay: Ich fände es geil, wenn mir jemand Champagner-Sozialist hinterherschreien würde. Da würde ich feiern. Ein guter Titel. Höre ich gerade zum ersten Mal, mag ich aber gern. Keine Ahnung. Das ist ja auch der Widerspruch in meiner Vita. Seit ich das erste Mal vor irgendeinem Abschiebeknast, oder in der Roten Flora gerappt und dabei Nikes getragen habe. Ich wurde vom HipHop sozialisiert und der besteht eben nicht nur aus Public Enemy, sondern auch Jay-Z. Ich vertrete beide Seiten und will das auch tun dürfen. Ich finde, man darf ein gutes Herz haben und trotzdem Geld verdienen.

Du bist dieses Jahr Vater einer Tochter geworden. Macht einen das radikaler, oder sanfter?

Jan Delay: Eher sanfter. Bis auf dass man gezwungenermaßen früher ins Bett geht, habe ich das aber noch nicht so gemerkt. Wenn sie im Raum ist, bin ich aber so was von sanft, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Wäre es für dich Albtraum oder Ehre, wenn dein Song »St.Pauli« die nächsten zehn Jahre als Hymne auf den Kiez gesungen werden würde?

Jan Delay: Auf jeden Fall eine Ehre. Sonst würde ich so einen Song ja gar nicht erst machen. Für mich wäre es ein Albtraum, wenn mir so etwas passiert, wie es den Toten Hosen passiert ist und die CDU nach einem Wahlgewinn plötzlich dazu rausläuft. Wenn aber ganz St.Pauli meinen Song singt, dann freut mich das.

Findet sich auf dem Album ganz bewusst die Sehnsucht nach einer Zeit wieder, in der klar war, wofür man steht und vor allem wofür man nicht steht?

Jan Delay: Ja, so ein bisschen schon. Das ist die Kehrseite der Medaille. Positiv an der heutigen Zeit ist ja, dass es in der Musik keine Genres mehr gibt und die Kids mit allem aufwachsen. Die Schattenseite ist, dass alle Grenzen, Ideale und Haltungen verschwimmen und wir bald alle in einer Art riesigen, großen Koalition leben.
Besten Dank für das Gespräch!

DRESDNER Kulturmagazin präsentiert: Jan Delay & Disko No. 1 am 24. September, 20 Uhr live im Eventwerk; mehr zum Künstler: www.jan-delay.de/home/

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