Logo DRESDNER

Anzeige

DRESDNER Interviews / O-ton!
»Kommunismus ist eigentlich ein Programm zum systematischen Abbau von Macht« – Ein Gespräch zur Renaissance des Marxismus mit dem Marx-Kenner und Philosophen Christoph Henning (Foto: Christine Schickert)
Ein Gespräch zur Renaissance des Marxismus mit dem Marx-Kenner und Philosophen Christoph Henning (Foto: Christine Schickert)
■ Nach der Wende und dem Zusammenbruch des Ostblocks sprach man nicht von Kapitalismus – der moderne westliche Mensch lebte in der besten aller möglichen Welten: der Marktwirtschaft. Doch seit der Wirtschafts- und Finanzkrise werden die Theorien von einem möglichen Ende des Kapitalismus wieder stärker diskutiert – und zwar nicht nur in abgeschotteten Sozialistenkreisen. DRESDNER-Autorin Annett Groh war im Gespräch mit dem Philosophen und Marx-Kenner Christoph Henning.

Erleben wir gerade eine Renaissance des Marxismus, oder beschränkt sich das auf das Feuilleton?

Christoph Henning: Die Theorien von Karl Marx erleben regelmäßig eine Renaissance. Solange wir in kapitalistischen Strukturen leben, wird es immer ein Bewusstsein dafür geben, dass der Marxismus eben diese kritisiert hat. Allerdings gibt es derzeit eine gesteigerte Wahrnehmung durch das Feuilleton, bedingt durch die Marx-Jubiläen und die Finanzkrise.

Finden die Theorien von Marx auch in den Wirtschaftswissenschaften Beachtung?

Christoph Henning: Solange es noch den Systemgegensatz Ost-West gab, hat man sich auch an westdeutschen Universitäten mit Marx auseinandergesetzt. Jetzt gibt es nur noch wenige Wirtschaftswissenschaftler, die sich damit befassen. In den universitären Curricula finden sich kaum noch alternative Ansätze, sondern beinahe nur noch die »reine Lehre« des Neokapitalismus, eines Kapitalismus fast ohne öffentlichen Sektor.

Marx sagt, dass die Krisen zum Kapitalismus dazugehören. Wodurch werden sie hervorgerufen?

Christoph Henning: Man muss unterscheiden zwischen funktionalen Krisen und gesellschaftlichen Krisen, die aus dem ökonomischen System erwachsen. Die funktionalen Krisen (Produktionsengpässe, Disproportionalitätskrisen sowie Krisen durch das Fallen der Profitrate) sind »normal«. Aus ihnen können jedoch gesellschaftliche Krisen erwachsen, in denen der soziale Zusammenhalt erodiert. Das führt zu sozialer Ungleichheit, zu ökologischen Krisen und – auf der subjektiven Ebene – zu Sinnkrisen: zu Entfremdung und Burnout.

Ist die Krise der Gesellschaft damit die Vorstufe zur Revolution?

Christoph Henning: Das wäre einfach zu schön, aber nein! Soziale Erosion ist noch keine Revolution, sondern heißt zunächst nur, dass die Leute unzufrieden sind. Das kann auch revolutionär ausgehen, aber dazu braucht es das entsprechende Bewusstsein. Solange nur Unzufriedenheit ohne Kenntnis über die Ursachen dafür herrscht, kann das schnell zu Nationalismus oder Rassismus führen.

Ist das Proletariat heute eher »rechts«?

Christoph Henning: Es gibt kein Naturgesetz, dass die Arbeiter immer links sein müssen. Der Marxismus sieht hier die Intellektuellen in der Pflicht, das nötige Klassenbewusstsein überhaupt zu schaffen. In den letzten Jahrzehnten ist das nicht mehr geschehen. Die linken Intellektuellen beschäftigten sich mit Themen wie den Menschenrechten, Zivilgesellschaft, Pluralismus. Die jetzige Situation ist das Ergebnis davon, dass man lange Zeit politische Themen vermieden hat. Übrigens sind die Menschen natürlich geneigt, denjenigen Glauben zu schenken, die ihren Interessen Schutz verschaffen: höhere Löhne, sichere Renten usw. Das war bei Bismarck so, und das war auch so, als sich die Sozialdemokraten für die Arbeiter einsetzten. Wenn die Sozialdemokratie Hartz IV einführt, dann verliert sie diese Loyalität natürlich.

Der historische Materialismus sieht die letzten Ursachen für die Veränderungen in der Welt nicht in den Ideen, sondern in den Veränderungen der Produktionsweisen. Hängt nicht beides untrennbar zusammen?

Christoph Henning: Hinter Erfindungen stecken natürlich immer Ideen, doch diese Ideen entstehen in bestimmten Zusammenhängen. Sie können sehr lange da sein, werden aber erst dann umgesetzt, wenn es bestimmte technische Träger gibt. Von allein können sie nicht alles umwerfen. Ein Beispiel: Im Silicon Valley sitzen die Erben der Hippiebewegung mit ihren Ideen vom freien Leben und von flachen Hierarchien. Aber erst in dem Moment, wo sich durch die passende Technologie diese Ideen auch wirtschaftlich umsetzen ließen, konnten die Ideen auch ökonomische Konsequenzen haben.

Zu den wichtigsten Unternehmen zählen Internet-Konzerne wie Facebook und Google, deren Geschäftsmodell auf Daten beruht. Gerade Facebook zieht seinen Profit aus der Kommunikation der User, nicht aus der Arbeitskraft!?

Christoph Henning: Solange mit solchen Geschäftsmodellen Profit gemacht wird, solange herrschen dort auch kapitalistische Mechanismen. Firmen wie Facebook enteignen ihre Nutzer gewissermaßen und bereichern sich auf ihrem Rücken. Andererseits gibt es gerade im Netz auch ein großes Widerstandspotential. Projekte wie Wikipedia funktionieren auf der Grundlage alter sozialistischer Ideen: gemeinsam wird an etwas gearbeitet, ohne dass der Einzelne auch nur seinen eigenen Ruhm damit mehren könnte – denn die Autoren werden nicht genannt. Außerdem soll es nichts kosten.

Das Ziel (die Utopie) war bei Marx die »klassenlose Gesellschaft«, die demokratische Kontrolle über das Gemeinwesen ausübt. Woher nimmt er sein »gutes Menschenbild«?

Christoph Henning: Es kommt ihm weniger darauf an, wie gut oder schlecht ein Mensch ist, sondern wieviel Macht er hat. Probleme entstehen immer dort, wo sich Machtballungen finden. Denn diese führen zur Unterdrückung und Ausbeutung anderer Menschen. Insofern ist Kommunismus eigentlich ein Programm zum systematischen Abbau von Macht. Der blinde Fleck ist natürlich der Weg dahin: die Enteignung der Kapitalisten, die Erziehung der Arbeiterklasse, die Diktatur des Proletariats. Wen auch immer man hier nennen will: Stalin, Ulbricht, Mao – alle haben die dort zentralisierte Macht genutzt und – im Namen des Marxismus – wiederum Unheil gestiftet. Auch hier war das Problem die Machtballung und damit die Möglichkeit, sich über die Demokratie hinwegzusetzen. Denn die Konzentration von Macht zieht alle möglichen Menschen an, nicht nur begeisterte Demokraten. Vielleicht hat Marx die Organisationsprinzipien der Gegenwart nicht stark genug analysiert. Es müsste überlegt werden, wie auf demokratische Weise kommunistische oder sozialistische Infrastrukturen geschaffen werden könnten.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Buchtipp von Christoph Henning: Terry Eagleton: Warum Marx recht hat, Berlin: Ullstein 2012, 286 Seiten. Zur Person: PD Dr. Christoph Henning, geb. 1972; Studium der Philosophie, Soziologie und Musikwissenschaft in Dresden und Berlin, Promotion 2003 zum Thema »Philosophie nach Marx«; seit 2014 Privatdozent für Philosophie an der Universität St. Gallen und Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg Erfurt.

« zurück