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DRESDNER Interviews / O-ton!
Kein Sommermärchen – Sportfreunde Stiller im Interview
Sportfreunde Stiller im Interview
■ Im Oktober erscheint das neue Album »Sturm und Stille«. Flo Weber, der Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, hat also einiges zu erzählen. So liegt die Neuigkeit des nachfolgenden Interviews nicht nur in der Tatsache, dass die Band Anfang August in der Jungen Garde spielen wird. Vielmehr gibt der Mann im Interview mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl Einblick in den Entstehungsprozess der neuen Platte, erklärt augenzwinkernd den Zusammenhang zwischen grauen Haaren, ästhetischer Wucht sowie männlicher Härte und macht in puncto Gesellschaft klar, dass sich die Zeiten sicher nicht durch Hetze und Unterdrückung, sondern nur durch einen gesamteuropäischen Integrationsansatz hin zum Besseren wenden können.

Ihr feiert in diesem Jahr euer 20-jähriges Bandjubiläum. Was war der schönste, schlimmste und skurrilste Moment, der euch da widerfahren ist?

Flo Weber: In 20 Jahren blickt man auf Momente zurück, die einen vor Freude zerreißen, vor Wut kochen, vor Peinlichkeit schwitzen lassen, aber die einem stets vor Augen führen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, was wir erleben dürfen. Die Momente des Überschwangs sind deutlich in der Überzahl. Wenn man dann noch erlebt, dass unsere Musik für einzelne Menschen mehr bedeutet als nur Unterhaltung, dann fühlt man, dass man keinen Holzweg eingeschlagen hat.
Die schönsten Momente sind die Menschenmassen, die eine positive Welle bei den Konzerten zurückschmettern. Die schlimmsten, wenn bei Live-Interviews Darmluft entweicht. Die skurrilsten, wenn einem Pelé erklärt, wie eine Digitalkamera funktioniert.

Hat man als Band nach zwei Dekaden noch den Anspruch die Jugend zu erreichen, oder schaut man genüsslich zu, wie die eigenen Fans langsam meliert werden?

Flo Weber: Wir melieren selbst, zumindest wäre ich froh, wenn noch was zum melieren auf dem Kopf wäre. Aber: freudig stellen wir natürlich fest, dass unser mitwachsendes Publikum eine neue Generation zu den Konzerten mitbringt. Und immer wieder sehen wir auch studentische Trainingsjackenträger, wie wir es waren, oder junge, hübsche Mädchen, welche zwar wegen den Trainingsjackenträgern da sind, aber dann doch von unserer ästhetischen Wucht und männlichen Härte elektrisiert werden.

Was bedeutet der Begriff »Indie« für euch da noch?

Flo Weber: Wie deute ich das Wort »da« in der Frage? In Bezug auf was? Auf die Jugend, auf die Melierten? Wir kommen aus der Indie-Musik. Uns gefällt Indie-Musik. Was ist Indie-Musik überhaupt? Ich könnte Bands nennen, die mit Indie-Musik mehr Geld verdient haben, als sogenannte Popmusiker, die »kommerzielle« Musik machen. Indie bedeutet für uns in erster Linie die Abkürzung von Indianer Jones.

Wie lange habt ihr daran gearbeitet, wie kurz war die vorgelagerte Pause und welcher Titel hat es nicht auf die Platte geschafft?

Flo Weber: Wir haben im Februar 2015 auf einer Skihütte bei Schladming begonnen. Da fielen die ersten Töne, welche es auch gleich auf die Platte geschafft haben. In 5 Etappen haben wir dann in der Toskana und in Hamburg das Album entstehen lassen. Ein Vorgang, den wir so in der Form noch nicht hatten. Wir hatten dabei großen Spaß mit unserem Produzentenduo Hans und Wurst, waren sehr detailverliebt und würden sagen, es wird unser bestes Album – so wie die vorhergehenden halt auch.

Gerüchten zufolge sollen einige Songs mitunter sehr tanzbar ausfallen. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Flo Weber: Ich würde gerne die Gerüchte hören, weil: sie sind sehr wahr. Zwischen Pogo und Disco-Schwof, zwischen rhythmischem Schwelgen und Headbangen, das Album ist tanzbar – jawoll!

Welchen Anspruch hattet ihr beim Schreiben und Aufnehmen an die neuen Songs und wo war es am schwersten, diesem gerecht zu werden?

Flo Weber: Nach 20 Jahren ist es sehr schwer, sich nicht zu wiederholen. So haben wir erstmal musikalisch Neuheiten gesucht und versucht umzusetzen. Textlich werden wir immer eine Band bleiben, die den positiven Ansatz des Lebens beschreibt oder zumindest die dunklen Momente zu wandeln versucht. Dabei sind nun Lieder entstanden, die in der Rhythmik etwas sportfreundlich Neues haben. Natürlich ist der gewohnte Sportfreunde-Drive immer noch vorhanden. Es gelten aber auch ganz ruhige Momente, bei denen nur die gezupfte Gitarre ertönt.

Ihr habt als Band immer Stellung bezogen und den Mund aufgemacht. Im letzten Herbst habt ihr bei der Veranstaltung »Wir. Stimmen für geflüchtete Menschen« in München gespielt. Was denkt ihr, wenn ihr heute die Nachrichten seht?

Flo Weber: Wir werden weiterhin versuchen, ungemütliche Themen zu verbalisieren und Menschen zu sensibilisieren. Mit Aktionen, mit Liedern. Dass man das Weltgeschehen auf Knopfdruck nicht verändern kann, ist klar. Aber wir können immerhin versuchen, dass wir Bewegungen beeinflussen, die auf die Gesellschaft überschwappen. Menschlichkeit fördern und fordern. Nur das wäre ein Ansatz, um das Grauen zu bannen. Aber: Wir können nur den Mikrokosmos beeinflussen. Wenn dieser sich zum Positiven wendet, wird der Makrokosmos folgen. Natürlich ist es gerade ein Horrorzustand und politische Dynamiken stehen über gesunden menschlichen Handlungsweisen. Allerdings bringen Hetze und gewalttätige Unterdrückung von Minderheiten die Spirale nach unten nur noch stärker zum rotieren. Die Flüchtlingspolitik als Beispiel ist eine massive Herausforderung. Sie wird aber definitiv nicht durch die flache Polemik einer neuen, populistischen Partei gelöst, die sich verbal immer wieder selbst die krummen Beine stellt. Und durch Gewalt schon gleich dreimal nicht. Das zeigt die Vergangenheit. Soviel Menschverstand sollten wir überall auf der Welt aufbringen. Nach unserem Empfinden liegt der Konsens im offenen Diskurs. Im Zuhören und Entwickeln von Ansätzen, die fern jeglicher hetzerischen Unterdrückung liegen, sondern im gesamteuropäischen Integrationsansatz.

In euren Interviews zur Platte und den anstehenden Auftritten wollt ihr explizit nicht über Fußball sprechen. Bedingt dies die Angst, auf eine »Sommer-Märchen-Hymnen«-Band reduziert zu werden?

Flo Weber: Davon sind wir meilenweit entfernt. Es ist nur so: Wir würden gerne über die neue Musik sprechen und unser geballtes Fußballwissen kann man ja in alten Interviewantworten sehr leicht nachlesen. Wir freuen uns auf die Junge Garde sehr, vor allem zusammen mit unseren irischen Freunden von Ash, mit denen wir schon ein, zwei Bierchen leerten. Hinzu kommt noch Wellness – Da wird’s uns gut gehen, juhu!
Vielen Dank für das Interview!

Sportfreunde Stiller sind am 6. August mit Ash und Wellness als Support in der Freilichtbühne Junge Garde zu erleben; mehr zur Band: www.sportfreunde-stiller.de/

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