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DRESDNER Interviews / O-ton!
Ich schaute, von wem der meiste Krach ausging – Bruce Dickinson im Interview
Bruce Dickinson im Interview
■ Als Sänger von Iron Maiden schrieb er Musikgeschichte. Mit »What Does This Button Do?« ist nun Bruce Dickinsons Autobiographie erschienen. Für DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl ein willkommener Anlass, sich mit dem sympathischen Urgestein in einer Berliner Hotelsuite zu treffen, um über die Idee der perfekten Rockband, Urin im Abendessen und den Sieg gegen den Krebs zu sprechen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die schlimmen Zustände und Misshandlungen die Ihnen im Internat teils selbst widerfahren sind. Es kommt der Moment, in welchem Sie in das Abendessen des Rektors urinieren. Haben diese Umstände rebellisch gemacht?

Bruce Dickinson: Ich kann viel tolerieren, was dumme Verhaltensweisen anderer Menschen angeht, aber bei Ungerechtigkeit, Intoleranz und Mobbing geht das einfach nicht. Das klingt im Hinblick auf meinen Metal-Hintergrund vielleicht seltsam, aber ich kann es nicht ausstehen, wenn Menschen zu anderen Menschen unhöflich sind.

Auf der gleichen Schule bekamen Sie einen Zettel zur Einschätzung der Gesangsqualitäten. Darauf stand: »Kein Sänger«! --?

Bruce Dickinson: Das war gut so. Ansonsten hätte ich mich jeden Sonntag zurechtmachen müssen, um vor den versammelten Pädophilen zu singen.

Ihre Eltern waren viel unterwegs, hatten eine Hundeshow, bevor sie später ein Hotel eröffneten?

Bruce Dickinson: Die ersten zwei, oder drei Jahre nach meiner Geburt waren meine Eltern Teil eines wirklich bizarren, europäischen Kabarett-Zirkels. Meine Mutter hat mir viel davon erzählt. Da gab es zum Beispiel eine Frau, die ein frühes Opfer diverser Schönheitsoperationen war. Sie konnte ihre Augen nicht mehr schließen. Das sah wohl ziemlich erschreckend aus. Als Kind hat mich diese Vorstellung verstört. Es gibt auch Bilder von meinem Vater, wie er einen Reifen hält, durch den gerade ein Pudel springt.

Zuerst Kabarett, dann ein Hotel – klingt als hätten Sie die Veranlagung von Show und Business geerbt?

Bruce Dickinson: Schon immer habe ich die Bühne geliebt, genauso wie die Schauspielerei und das Schreiben. Bis ich meine ersten Rockbands live sah, hatte ich gar nicht groß an Musik gedacht. Während meiner Zeit auf dem Internat sah ich dann die ersten Bands und war sofort fasziniert. Das war besser als die Schauspielerei. Es findet auf der Bühne statt, ist aber viel ursprünglicher und direkter. Ich war halbwüchsig und hatte von Frauen nur eine vage Vorstellung. Mir war sofort klar, dass ich auch so etwas machen möchte. Ich schaute also, von wem auf der Bühne der meiste Krach ausging. Das war das Schlagzeug – also wollte ich Schlagzeuger werden.

Wie entwickelte sich von dem Moment an Ihre Vorstellung, wie eine Rockband zu sein hat?

Bruce Dickinson: Aufgrund von Bands wie Deep Purple, Jethro Tull, Black Sabbath oder Led Zeppelin hatte ich seltsame Fantasien, wie Bands auf der Bühne aussehen. Es gab ja keine Videos. Man hat die Musik entweder gehört, oder die Band live gesehen. Während des Hörens musste ich mir also vorstellen, wie ein Konzert aussieht. Meine Fantasie basierte auf meiner Vorstellung, was sie tun müssten, um mich die Musik auch fühlen zu lassen. In der Realität taten sie natürlich so gut wie nichts, sondern standen meistens nur herum. Ich hatte Deep Purple gesehen und die standen einfach nur da. Ich dachte mir: What the fuck. In meiner Fantasie war das mindeste eine Art Verhalten, wie es Keith Moon, oder auch Pete Townshend an den Tag legten. So musste eine Band in meinen Augen sein. Ein Energiebündel von einem Sänger und ein Schlagzeuger, der alles kaputt schlägt – dazu noch Gitarren.

Wie wollten Sie sein?

Bruce Dickinson: Schon auch wie Deep Purple – aber eben mit mehr Energie. Das war der Gedanke, den ich von da an verfolgte und als Sänger weiterentwickelte. Später kombinierte ich das noch mit einer rudimentären Theatererfahrung. Ich liebe das Theater, hatte nie eine richtige Ausbildung, meinem Instinkt folgend aber das ein oder andere geschrieben. Für Maiden Shows hole ich mir noch heute gerne Inspiration im Theater - das Set, die Effekte und die kleinen Kniffe der Schauspieler haben mich schon immer fasziniert. Meistens kann ich es ganz gut auf das, was wir auf der Bühne machen umlegen.

Als Sie zu Iron Maiden gekommen sind, war »The Number of the Beast« schon im Entstehungsprozess. Sie meinten damals zur Band, dass mit Ihnen einiges anders laufen wird. Das hat Schneid!?

Bruce Dickinson: Entweder Schneid, oder ich war einfach nur verrückt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie den Kampf gegen den Rachenkrebs sehr detailliert. Bei der Lesung im Berliner Admiralspalast meinten Sie, ihr ganzes Leben sei wie die Geschichte eines kleinen Jungen, dem alle Wünsche in Erfüllung gehen. Als die Diagnose kam – wie groß war die Angst, dass könnte das Ende dieser Geschichte sein?

Bruce Dickinson: Das ist schon eine seltsame Situation. Wenn man die Diagnose bekommt ist klar, dass man nicht stirbt. Nicht heute, nicht morgen, nicht nächste Woche und nicht im nächsten Monat. Wenn ich wirklich sterben sollte, dann stehen vorher noch viele Behandlungen an. Ich werde also für eine lange Zeit noch nicht sterben, vielleicht aber am Ende der Geschichte. Es ist also real, aber nicht ständig präsent. Ich dachte darüber nach, wie ich mich jetzt fühlen sollte und entschied mich fürs Weitermachen. Ab da habe ich den Krebs als ein Problem gesehen, dass es zu lösen gilt. Ziel war es, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen und die bestmögliche Hilfe zu finden.
Vielen Dank für das Gespräch!

Bruce Dickinson, What Does This Button Do? Die Autobiografie, Wilhelm Heyne Verlag München 2017, 22 Euro.

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