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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Ich möchte, dass es jetzt schön ist« – Max Raabe im Interview (Foto: Gregor Hohenberg)
Max Raabe im Interview (Foto: Gregor Hohenberg)
■ Max Raabes Gesang ist Balsam für die Seele. Sagen seine Fans. Seit 30 Jahren betört der 1962 in Lünen geborene Bariton sein Publikum ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen im Hinblick auf seine Performance. Das neue Album »Der perfekte Moment ... wird heut verpennt« hat der Wahlberliner gemeinsam erarbeitet mit dem Kreativteam von Rosenstolz, Annette Humpe und Achim Hagemann, der die Musik für die Hape-Kerkeling-Filme schrieb. Dieser moderne Pop-Sound mischt sich mit Klanghölzern, Steeldrums und dem altbekannten Palast Orchester. Olaf Neumann sprach für DRESDNER Kulturmagazin mit Max Raabe alias Matthias Otto über den Sinn des Lebens, das Glück und den Tod.

Ihr letztes Studioalbum liegt vier Jahre zurück. Lassen Sie sich immer so viel Zeit?

Max Raabe: Wir haben wirklich sehr lange an dem Album gearbeitet, weil dieser Haufen so schwer zusammenzutreiben ist. Wir sind da nicht verbissen hinterher gejagt, sondern haben uns dann getroffen, wann es gepasst hat. Und dann war die Arbeit jeweils entspannt.

Das Album heißt ja »Der perfekte Moment ... wird heut verpennt«. Konnten Sie bei dieser Produktion perfekte Momente erleben?

Max Raabe: Eine Menge! Man sitzt etwa zusammen und freut sich über die Ideen, die man hat und keiner kann sagen, woher die eigentlich kommen. Oder man trifft sich morgens und grübelt bis Mittag vor sich hin. Plötzlich fällt ein Satz und alle schreien »Hurra«. Der Rest sprudelt dann ganz von selbst hervor.

Sind Sie schnell mit sich zufrieden?

Max Raabe: Nein. Annette Humpe ist da ganz arg und wahnsinnig präzise. Das ist das Schöne an der Zusammenarbeit mit anderen. Ich habe auch schon Stücke allein geschrieben über markante Themen wie Rinderwahn, Klonen oder »Kein Schwein ruft mich an«. Würde mir jemand sagen, ich solle ein Stück übers Fahrradfahren schreiben, ginge meine innere Schranke sofort runter. Aber wenn mir jemand anbietet, im Team solch ein Stück zu machen, bin ich viel mehr bei der Sache und denke sofort über Reime nach. Ich hocke einfach nicht gern allein überm Notizblock.

Nach welchen Regeln funktioniert die Zusammenarbeit mit Annette Humpe?

Max Raabe: Wir suchen immer zuerst nach einem Thema. Welche Schlagzeile bringt uns auf die Idee für eine Geschichte? Wie kann man einem Menschen auf originelle Weise sagen: Wollen wir uns Treue schwören? Dieser Satz würde bei uns so niemals durchgehen. Wenn wir schließlich die ideale Formulierung haben, fangen wir an, Geschichten zu schreiben. Und die Melodie gesellt sich durch den Rhythmus der Worte ganz von selbst dazu.

Wo suchen Sie nach den Worten?

Max Raabe: Natürlich wird man permanent inspiriert, aber dass ich jetzt eine Idee übernähme, ist mir noch nicht passiert. Als »Kein Schwein ruft mich an« fertig war, dachte ich, es gäbe diesen Satz schon irgendwo. Mindestens drei Jahre lang hatte ich Sorge, dass irgendjemand um die Ecke kommt und mir Ideenklau vorwirft. Weil Text und Melodie des Liedes so klangen, als hätte es sie schon immer geben müssen.

Brauchen Sie Ihre gewohnte Berliner Umgebung, um schreiben zu können?

Max Raabe: Nein, ich könnte auch woanders schreiben. Aber wenn die Idylle zu groß ist, ist man abgelenkt. In der normalen Rumpeligkeit von Berlin treffe ich mich mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer im Studio, während der geniale dritte Mann Daniel Faust nebenan schon irgendwelche musikalischen Gerüste an der Gitarre oder am Computer vorbereitet. Dann singe ich etwas ein, was ich mir schon am selben Abend zuhause anhören kann. Und mit Annette sitze ich immer am Küchentisch mit einem Schreibblock und suche nach Zeilen.

Machen Sie Musik, um andere Menschen glücklich zu machen?

Max Raabe: Ich will sie in den Bann ziehen und unterhalten. Die Leute, die in unsere Konzerte kommen, sollen spätestens nach der zweiten Nummer vergessen haben, dass ihr Auto im Parkverbot steht. Ich möchte sie ganz aus der Realität reißen. Mit dem Hauptrepertoire der 20er und 30er Jahre ist das sowieso immer so gewesen. Es ist ziemlich unpolitisch, hat aber diese Kraft. Bei den Stücken von heute ist es eigentlich auch so. Ich möchte Geschichten erzählen, denen man bis zum Schluss zuhören will. Mal ernsthaft, mal mit ironischen Brüchen.

Die momentane Weltenlage gibt eigentlich keinen Anlass zu Fröhlichkeit. Färbt diese Stimmung auf Ihre Musik ab?

Max Raabe: In meiner Platte schwingt eine leichte Melancholie mit. Sie klingt sehr sommerlich, aber man merkt, dass es auf August zugeht. Ganz klar politisch sind diese Lieder nie. Das würde man bei Lady Gaga auch nicht hören. Ich habe aber gelesen, dass Eminem Herrn Trump etwas vor den Koffer gehauen hat.

Sie waren im Frühjahr 2017 wieder in den USA. Welche Stimmung haben Sie dort vorgefunden?

Max Raabe: Wir sind nicht in den Gegenden, in denen Trump den großen Erfolg hatte. Bei unserem Publikum ist das nicht so zu merken.

Hat das Lied »Heut bring ich mich um« etwas mit der Weltenlage zu tun?

Max Raabe: Ich finde, es ist eines der lustigsten Stücke auf der ganzen Scheibe! Ein selbstmitleidiges, ironisches Lied über Männerschnupfen. Das Gefühl kennt jeder, selbst Kinder sagen manchmal: »Wenn ich mal tot bin, dann seht ihr, dass ich euch fehle! Dann schaue ich euch von oben zu, wenn ihr weint.« Am Ende des Lieds sage ich ganz klar, dass es nur ein Gedankenspiel ist. Ich gebe zu, eine sehr spezielle Form von Humor.

Gibt erst die Arbeit Ihrem Leben einen Sinn?

Max Raabe: Wenn ich dann erstmal tot bin, hoffe ich, ein paar Antworten darauf zu kriegen. Ich glaube, der Sinn ist, dass man ein gutes Leben führt und mit anderen gut umgeht. Diese Grundhaltung sollte eigentlich hinter dem ganzen System stecken.

Machen Sie sich zu Lebzeiten Gedanken darüber, was Sie als Künstler einmal der Nachwelt hinterlassen werden?

Max Raabe: Was nützt mir der Nachruhm? Ich möchte, dass es jetzt schön ist! Ich stehe auf der Bühne und singe. Die ganzen digitalen Tonträger werden sich in Luft auflösen. Unsere Vinylplatten werden vielleicht ein bisschen länger bleiben. Aber wer hört sie sich dann noch an? Vor ein paar Jahren habe ich mir einen privaten Computer angeschafft, um die Arbeit mit dem Büro zu erleichtern. Was es allein bei YouTube an Tonaufnahmen und Konzertmitschnitten gibt! Wenn man auf die Straße geht und die Leute nach den Künstlern fragt, kennt sie kein Mensch mehr. Da mache ich mir überhaupt keine Illusionen.
Vielen Dank für das Gespräch!

Max Raabe & Palast Orchester, am 17. und 18. Februar live im Kulturpalast. Mehr zum Künstler: www.palast-orchester.de

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