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»Die beste Zeit meines Lebens« – Charles Bradley im Interview
Charles Bradley im Interview
■ Seine Geschichte ist absolut einmalig. Charles Bradley lebte auf der Straße, schlug sich als Koch und Gelegenheitsarbeiter durchs Dasein und fand – Aussehen und vor allem die Stimme passen ja auch perfekt – als James-Brown-Imitator ein bescheidenes Auskommen. Eines Abends entdeckt ihn der Chef des renommierten Indie-Soul-Labels »Daptone« und nimmt den damals 62-Jährigen unter Vertrag. Seitdem reist er um die Welt und genießt Respekt, Ruhm und Verehrung. Mit seinem dritten Album »Changes« kommt Charles Bradley (67), der live ein echtes Erlebnis ist, nun auf Tournee. Steffen Rüth unterhielt sich für DRESDNER Kulturmagazin vorab mit ihm in Berlin.

Mr. Bradley, ihre Karriere begann erst sehr spät. Haben Sie immer daran geglaubt, dass die Menschen ihnen eines Tages zuhören würden?

Charles Bradley: Nein. Ich lief jahrzehntelang eher orientierungslos durchs Leben, immer auf der Suche nach meinem großen Traum. Dann öffnete sich mir endlich die Tür, und ich schob mich schnell durch. Was ich jetzt seit fünf Jahren erlebe, das ist die beste Zeit meines Lebens. Ich habe bei den größten Festivals wie Coachella und Glastonbury auftreten dürfen, und ich labe mich an der Liebe, die die Menschen mir jeden Abend auf der Bühne entgegenbringen. Seitdem habe ich mich dem Leben gegenüber völlig neu geöffnet.

Inwiefern?

Charles Bradley: Früher lebte ich in einem Kokon, ich nahm wenig Anteil an der Welt, war zumeist frustriert oder resigniert. Ich sang, seit ich 16 Jahre alt war. Aber ich hatte das Gefühl, nie eine wirkliche Chance im Leben bekommen zu haben.

In ihrer Jugend waren Sie zeitweise obdachlos, später arbeiteten Sie als Koch und traten als James-Brown-Doppelgänger auf. Wer oder was hat ihnen die Kraft gegeben, es immer weiter zu versuchen?

Charles Bradley: Die Worte meiner Großmutter, die mir stets sagte, dass ich meinen Geist und mein Herz offen halten solle für Gott. Und Gott selbst. Mein Glaube hat mich kämpfen lassen. Ich bin immer ein anständiger, ehrlicher Kerl geblieben, und Gott hat mir dabei geholfen. Selbst, wenn Polizisten mich brutal verprügelten und ich niemanden sonst im Leben hatte, konnte ich mich bei Gott anlehnen. Er verstand mich.

»All der Schmerz, den ich durchlitten habe, hat mich stärker gemacht«, sagen Sie im Stück »God Bless America«?

Charles Bradley: Ja, genauso ist es gewesen. Ich war lange Zeit ein wütender Mensch. Ich war ein Teenager zu den Zeiten von Martin Luther King, ich habe das alles noch am eigenen Leibe erlebt, die Rassentrennung, die Ungerechtigkeiten, die polizeiliche Willkür und Brutalität. So lange ist das alles noch gar nicht her.

So viel hat sich scheinbar in 50 Jahren auch gar nicht verändert. Im Video zu ihrem Song »Change For The World« zeigen Sie hässliche Szenen voller Polizeigewalt?

Charles Bradley: Amerika ist doch eigentlich eine zivilisierte Nation. Das Land ist ein Schmelztiegel mit sehr vielen Nationalitäten und Weltanschauungen. Aber nicht nur ich habe die Sorge, dass wir die Entwicklung gerade zurückdrehen, dass Ressentiments und Vorurteile wieder auf dem Vormarsch sind. Ein Scheusal wie Donald Trump hetzt die Menschen gegeneinander auf, gerade auch jene, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das ist schlimm. Die Menschen müssten sozialer, weise und durchdachter miteinander umgehen, stattdessen gehen sie aufeinander los.

Was war das für ein Gefühl, mit 62 entdeckt zu werden?

Charles Bradley: Ein herrliches Gefühl (lacht). Ich war immer noch James Brown. 18 Dollar die Stunde habe ich in Nachtclubs in New York damit verdient, James zu sein. Ihn nachzumachen, war leicht für mich, ich hatte 58 seiner Lieder drauf. Aber ehrlich, immer nur der Imitator zu sein war nichts, was man unbedingt bis an sein Lebensende weitermachen will.

Was für Menschen kommen zu ihren Konzerten?

Charles Bradley: Ich hätte gedacht, die meisten würden 50 Jahre und älter sein. Aber es kommen unheimlich viele Kids, Teenager. Ich dachte anfangs »Wow, was suchen die denn bei mir?« Heute weiß ich: Die Kids suchen dasselbe, was wir alle suchen. Nämlich Liebe, Ehrlichkeit, Werte und echte Musik. Gerade die junge Generation, der permanent eingetrichtert wird, dass es nur um Geld und Oberflächlichkeit geht, findet bei mir Spiritualität und menschliche Wärme.
Vielen Dank für das Gespräch!

Charles Bradley spielt am 13. Juli live im Beatpol; mehr zum Künstler: www.thecharlesbradley.com

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