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DRESDNER Interviews / O-ton!
Die Idee der Wahrheit – Im Interview mit Margot Robbie – Haupdarstellerin und Produzentin des Sportdramas »I, Tonya«
Im Interview mit Margot Robbie – Haupdarstellerin und Produzentin des Sportdramas »I, Tonya«
■ Wie eine Bombe schlug in den 90ern der Eiskunstlaufskandal um die begnadete US-Athletin Tonya Harding ein, als man sie beschuldigte, ihre Konkurrentin durch ein Auftragsattentat sportunfähig gemacht zu haben. Craig Gillespie hat sich dem brisanten Stoff in Form einer höchst unterhaltsamen Mockumentary angenähert, in der »Harley Quinn«-Mimin Margot Robbie die »Eishexe« Harding verkörpert. DRESDNER-Autor Martin Schwickert traf Margot Robbie, um mit ihr über den spannenden Entwicklungsprozess und nicht zuletzt die aktuelle Lage in Hollywood zu sprechen.

Frau Robbie, worin liegt für Sie die Faszination der Geschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding aus heutiger Sicht?

Margot Robbie: Je tiefer wir uns in die Materie eingegraben haben, umso deutlicher wurde, dass viele Themen heute noch eine oftmals traurige Aktualität haben: Das amerikanische Klassensystem, von dem sich Tonya Harding im Film zu befreien versucht, existiert heute mit einer noch größeren Kluft zwischen arm und reich. Wie sehr Menschen sich in diesem System entrechtet fühlen, hat man bei den letzten Wahlen gesehen. Darüber hinaus war Tonya Harding Opfer ehelicher Gewalt und wie viele Frauen solchen Übergriffen ausgesetzt sind, wird gerade durch die #metoo-Debatte sichtbar.

Die Ereignisse in Tonya Hardings Leben und besonders das Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan werden sehr widersprüchlich nacherzählt. Wie würden Sie das Wahrheitskonzept des Filmes beschreiben?

Margot Robbie: Es war sehr interessant zu sehen, wie sehr sich Tonyas und ihres Mannes Jeffs Erzählungen in den Interviews, die wir geführt haben, derart widersprechen. Er sagt, er habe sie nie geschlagen. Sie sagt, er habe sie fast jeden Tag geschlagen. Der Film spielt mit der Idee der Wahrheit. Wenn es um das Attentat auf Nancy Kerrigan geht, fragen die Leute immer wieder: »Was ist nun wirklich geschehen?« Aber die Realität und die Wahrnehmung der Beteiligten haben schon lange nichts mehr miteinander zu tun. Ab einem bestimmten Punkt war es für uns als Filmemacher nicht mehr wichtig, was wirklich passiert ist, weil man es nie mit Gewissheit herausfinden wird. Viel interessanter war es darzustellen, was die Einzelnen dachten, was geschehen sei.

Um das Publikum selbst seinen Weg durch das Dickicht der Narrative finden zu lassen?

Margot Robbie: Kino macht mir vor allem Spaß, wenn ich das, was ich auf der Leinwand sehe, selbst entschlüsseln muss. Und vielleicht komme ich zu vollkommen anderen Schlüssen, als die Person, die neben mir sitzt. Und genau das ist Kunst: Wenn ich ein Gemälde anschaue und von ihm begeistert bin, während meine beste Freundin es ganz schrecklich findet.

Ist der Film auch ein Kommentar zum Mythos des amerikanischen Traums?

Margot Robbie: Auf jeden Fall. Tonya ist ein Underdog und sie bahnt sich den Weg gegen alle Widerstände nach oben. Sie war ganz nahe dran am amerikanischen Traum und hat dann alles verloren.

Haben Sie Tonya Harding persönlich getroffen?

Margot Robbie: Ja, aber erst, nachdem ich die Videointerviews lange studiert hatte und genau wusste, wie ich sie spielen wollte. Wenn man eine Person aus dem echten Leben spielt, sollte man das so wahrhaftig und fair wie möglich tun. Ich habe ihr gesagt, dass ich eine Figur spiele und diese Figur sich bei der Arbeit am Set im Zusammenspiel mit anderen Figuren entwickeln wird. Sie hat vollkommen verstanden, dass dies weder eine Dokumentation noch ein klassisches Biopic ist. Mittlerweile hat sie den Film gesehen und sagt, dass es ihr geholfen hat mit diesem Kapitel ihres Lebens abzuschließen.

Sie haben den Film selbst mitproduziert. Glauben Sie, dass sich die Machtstrukturen in Hollywood nun im Zuge der Weinstein-Affäre endlich ändern?

Margot Robbie: Auf jeden Fall. Aber Hollywood hat auch schon davor angefangen sich zu verändern. Neben dem Prozess hin zur Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen hat man schon vor ein paar Jahren gemerkt, dass Frauen mehr Kinotickets kaufen als Männer und das weibliche Publikum vielleicht auch mal eine Protagonistin auf der Leinwand sehen möchte. Umso wichtiger ist es, dass Regisseurinnen in Zukunft nicht nur kleine Independent-Dramen drehen, sondern auch für Filme mit größeren Budgets die Verantwortung übernehmen.
Vielen Dank für das Gespräch!

»I, Tonya« (ab 22. März im Pk Ost, KiF und Thalia), USA 2017, Regie: Craig Gillespie, mit: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney u.a. Zum Trailer: http://youtu.be/AKHve0E6zDg

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