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DRESDNER Interviews / O-ton!
Das Produkt ist die Kunst – kritisiert uns! – Ein Gespräch mit Jens Besser über »Magic City«, Kommerzialisierung und Kunstkritik
Ein Gespräch mit Jens Besser über »Magic City«, Kommerzialisierung und Kunstkritik
■ Die Eröffnung der Street-Art-Ausstellung »Magic City« im vergangenen Oktober war ein großes Event und zog auch Leute an, die auf den gängigen Kunstevents und Vernissagen sonst nicht zu sehen sind. Die Macher von Magic City haben hinsichtlich der Werbung für ihr Projekt in die Vollen gegriffen und kürzlich auch den Ausstellungszeitraum bis Anfang März verlängert, bevor sie weiterziehen nach München. Für uns war das ein Anlass, einen der beteiligten Künstler um ein Zwischenresümee zu bitten. DRESDNER-Autorin Annett Groh sprach mit Jens Besser.

Du organisierst selbst Urban Art Projekte. Was sagst Du zu dem Konzept von Magic City?

Jens Besser: Ich fand es anfangs schon schräg, dass jemand einen Haufen Kohle in die Hand nimmt, um dieses Projekt hochzuziehen, das auch nach hinten losgehen kann. Denn es ist schwierig, von den Besuchern Geld zu verlangen, weil Urban Art ihren eigentlichen Platz im städtischen Raum hat. Zudem kann man sie auch auf Blogs oder Instagram finden. Es ist sauschwer, daraus ein Projekt zu machen, das sich trägt – zumal die größten Namen wie Banksy oder Swoon für solche Konzepte schon gar nicht mehr zu haben sind, weil sie Einzelshows machen können.

Und wie fällt Dein Resümee aus Künstlerperspektive aus?

Jens Besser: Für uns Künstler war alles perfekt organisiert. Alle Zusagen wurden eingehalten – das ist nicht überall so. Honorar, Material, Verpflegung – alles super. Vielleicht hätte sich das PR-Team etwas besser auf die Video-Interviews vorbereiten können. Also darauf, dass sie es mit Künstlern zu tun haben, die nicht von sich aus den PR-Sprech draufhaben, sondern denen man die Dinge aus der Nase ziehen muss.

Wie siehst du die Resonanz auf Magic City?

Jens Besser: Die Ausstellung wurde definitiv wahrgenommen. Ich weiß von vielen Besuchern, die extra dafür aus Tschechien oder Berlin hergekommen sind. Dagegen war die Reaktion unter den Dresdnern bisher eher verhalten.

Die Reaktion der Presse auf Magic City scheint nicht zu existieren. Wenn man sucht, dann findet man nur die PR-Meldungen und ein paar Blogeinträge ... ?

Jens Besser: Die ganze Urban-Art-Szene geht ja generell eher in die Bloggerrichtung. Kunstkritik findet dort eher nicht statt, und das finde ich schade, denn genau das bräuchte Magic City, um pro und contra zu erfahren. Es wäre schön, wenn sich ein paar Kunstkritiker mal dazu herablassen würden, sich die Ausstellung auch anzusehen! Ich will nicht nur die in der Ausstellung haben, die Urban Art eh gut finden. Ich will ehrliche Meinungen – vom Verriss bis zum Hurra! Aber die Kunstkritiker schreiben nur über Urban Art, wenn sie in Museen oder Galerien zu sehen ist. Zu Magic City scheinen alle eine Vormeinung zu haben, publizieren nichts dazu, sagen aber auch nicht, was sie daran stört. Warum zerlegen sie nicht die Ausstellung? Das wäre gut!

Ein Kritikpunkt an dem Konzept von Magic City ist der Vorwurf, hier würde Urban Art kommerzialisiert!?

Jens Besser: Der Sellout-Vorwurf ist ja immer der Klassiker bei jungen Kunstformen. Das war beim Punk dasselbe. Mittlerweile zahlt jeder bei einem Punk-Konzert Eintritt, da diskutiert niemand mehr herum. Was viele der Kritiker nicht begreifen, ist, dass diese Ausstellung kein Produkt bewirbt, wie etwa Converse, Nike oder Adidas, die alle schon solche Aktionen gemacht haben. Das Produkt hier ist die Kunst selbst. Und Magic City ist für die Dresdner Szene ein Glücksfall. Denn auch wenn Urban Art tatsächlich etwas kommerzialisiert wird, haben die Veranstalter doch sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet und gewisse Leute durchaus beeindruckt. Im Kulturamt zum Beispiel wird Urban Art ja noch immer als etwas Lächerliches wahrgenommen, und die Skepsis war auch bei diesem Projekt groß: »Gehen denn da wirklich Leute hin?« Es gibt mittlerweile einige HfbK-Absolventen, die in der Urban Art tätig sind und Förderung verdient hätten. Da hat Magic City hoffentlich den Blick der Leute etwas geschärft.

Gibt es bei dem Ausstellungskonzept etwas, das du anders gemacht hättest?

Jens Besser: Ich selber hätte das niemals so gemacht, meine Projekte sehen komplett anders aus. Wenn ich ein Ausstellungsprojekt kuratiere, dann nehme ich spezifische Einzelfelder heraus. Magic City ist ja eher ein Gesamtüberblick. Das Team hat mit Carlo McCormick einen guten Kurator herangeholt. Vielleicht hatten sie an manchen Stellen sogar zuviel Input (grinst). Aber die Ausstellung ist wirklich anspruchsvoll gemacht. Ich will da jetzt keine weitere inhaltliche Kritik üben.

Wirklich nicht?

Jens Besser: Das einzige Manko ist, dass der Diskurs über die Illegalität gescheut wird. Es sind schon Künstler dabei, die Interventionen im öffentlichen Raum machen, Biancoshock zum Beispiel, oder Asbestos mit seinen Stickern und Postern. Aber der Punkt wird nicht wirklich thematisiert. Mir persönlich gefällt nicht, dass das Begleitprogramm so sehr in die sozialpädagogische Richtung gezogen wird. Das ist ein Etikett, das schon seit Ewigkeiten an Urban Art klebt: in Jugendclubs machen Jugendliche begleitetes Krikelkrakel. In der Ausstellung ist das übrigens nicht so, aber das Rahmenprogramm geht in diese Richtung.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Magic City, noch bis 5. März in der Zeitenströmung; mehr Infos & Rahmenprogramm: www.magiccity.de Arbeiten von Jens Besser sind in der Magic City, der Ausstellung »Un)Geduldiges Papier« in der Motorenhalle (bis 19. März) sowie in der Schau »architekturgebundene Freiheit« im Haus der Architekten vom 12. Januar bis 24. Februar zu sehen; Mehr zum Künstler: http://jensbesser.blogspot.com bzw. www.jensbesser.de

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