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Ausprechen, was sich viele nicht zu sagen trauen – Im Gespräch mit dem Autor Laurence McKeown zum Theaterfestival »Szene:Nordirland«
Im Gespräch mit dem Autor Laurence McKeown zum Theaterfestival »Szene:Nordirland«
■ Nordirland hat trotz seiner bis in die 2000er andauernden Konflikte einen immensen Abwechslungsreichtum in allen Kulturbereichen hervorgebracht, die nicht zuletzt von ihrer Bodenständigkeit und einer tiefen Verwurzelung mit der irischen Geschichte leben. DRESDNER-Autor Martin Krönert sprach mit Laurence McKeown, Teilnehmer des Hungerstreiks von 1981, über seinen Lebenswandel vom Gefängnisinsassen zum Autor, seine Beiträge beim »Szene:Nordirland«-Theaterfestival im Societaetstheater und die besondere nordirische Kultur.

Mr. McKeown, Sie haben zwei Theaterstücke über den Nordirlandkonflikt und ein Filmdrehbuch über den Hungerstreik geschrieben. Verarbeiten Sie damit ihre Vergangenheit?

Laurence McKeown: Ich denke, was mich zum Schreiben brachte, war nicht, was ich in den 16 Jahren Gefängnis erlebt habe, sondern dass ich die Zeit kreativ nutzten konnte. Ich habe bis zu meiner Freilassung unter anderem eine Gefängniszeitschrift gegründet und Kurzgeschichten geschrieben. Dass ich vorher in die Proteste involviert war, die 1981 zu einem 217 Tage andauernden Hungerstreik führten, war etwas, dass man uns aufgezwungen hat. Ich wurde ich zu einer Zeit eingesperrt, als man in Nordirland ohne einen Grund als mögliches IRA-Mitglied festgenommen werden konnte.

Welchen Einfluss hatten die Proteste, an denen Sie teilgenommen haben, auf die Bevölkerung in Nordirland?

Laurence McKeown: Dass jemand grundlos eingesperrt wird, ist natürlich immer ein Problem in einer sogenannten Demokratie, aber als ich ins Gefängnis kam, hatten die Briten ihre Internierungspolitik geändert, uns die Sonderrechte entzogen und damit offiziell kriminalisiert. Die Hungerstreiks, als erster nicht-physischer Protest, waren ein Durchbruch für uns, denn sie schwächten das System von Innen. Der Hungerstreik von 1981 führte auch zu einem Meinungswechsel in der Bevölkerung. Man sprach plötzlich über die unterdrückten Katholiken, viele Republikaner fühlten sich berufen, in die Politik zu gehen, um ihre Leute zu repräsentieren. Der Einfluss war sehr groß auf vielen Ebenen und regte auch einen Friedensprozess an.

Ihr Film »H3« beschreibt die Gefängniszeit und die Proteste sehr genau und schonungslos. Warum war das nötig?

Laurence McKeown: Die Geschichte basiert auf einer Reihe von Texten, die ich mit meinem Gefängniskameraden Brian Campbell bis zu seinem frühen Tod schrieb. Wir wollten im Film erstmalig unsere Perspektive der Ereignisse erzählen. Er zeigt nicht nur die körperlichen Folgen des Hungerstreiks, sondern auch, wie wir die viele Zeit mit Gesprächen verbrachten. Wir haben versucht, die Erfahrung »H-Block« so authentisch wie möglich wiederzugeben. Aber nicht nur der Schreibprozess war extrem schwierig für mich als Drehbuchlaien, sondern auch »H3« überhaupt finanziert zu bekommen. Als wir ihn dann endlich nach sieben Jahren Entwicklungszeit innerhalb von fünf Wochen produzieren konnten und gutes Feedback erhielten, machte uns kurz nach der Veröffentlichung der 11. September 2001 eine internationale Vermarktung unmöglich.

Sowohl »Green and Blue« als auch »Those you pass on the street« sorgen regelmäßig für heftige Diskussionen nach der Vorstellung. Ist das von Ihnen beabsichtigt und vielleicht sogar ein generelles Merkmal der irischen Kulturszene?

Laurence McKeown: Ich habe Nordirlands Kulturszene stets als sehr lebhaft und streitlustig empfunden. Es gibt viele kleine Theatergruppen, wie das Kabosh Theatre, für das ich die beiden Stücke geschrieben habe, die für das Publikum wichtige Themen wie den Nordirlandkonflikt oder die Armut ansprechen. Im Theaterbereich mögen wir Nordiren die Anonymität und identifizieren uns häufig mit den Figuren. Die Künstler sprechen dann auch mal aus, was viele denken, aber sich nicht zu sagen trauen. Die Diskussionen nach »Those you pass on the street« sind fest eingeplant und oft auch viel länger als das Stück selbst, das wie »Green and Blue« auf einer Aufzeichnung aus dem Polizeiarchiv beruht. Beide Werke haben schon vielen Zuschauern geholfen, die Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen. Ich finde, das ist ein wichtiger Schritt in unserem Land um irgendwann mit unseren gesellschaftlichen Problemen umgehen zu können.
Vielen Dank für das Gespräch!

Das Theaterfestival »Szene:Nordirland« findet vom 8. bis 18. Juni im Societaetstheater statt. Laurence McKeowns Beiträge sind am 9. Juni (»Green and Blue«), 10. Juni (Interview mit Laurence McKeown und anschließend Film »H3«) und 12. Juni (»Those you pass on the street«) zu sehen. Weitere Infos und das komplette Festivalprogramm gibt es unter www.societaetstheater.de

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